Lucky Luke in Paris (Foto: Ehapa Comic / Lucky Comics)

Machotypen und böse Indianer

Frankophone Westerncomics - ein Überblick

Gerd Heger   21.03.2019 | 12:00 Uhr

Lieutenant Blueberry und Lucky Luke – die kennt auch der Nicht-Comic-Fan. Das Westerngenre ist im frankophonen Comic allerdings so verbreitet, dass man vermuten darf, frankophone Autoren (meistens sind es die Jungs) haben ihre Cowboy-und-Indianer-Spiele nie vergessen. Ein kleiner Überblick aus Anlass der Leipziger Buchmesse 2019.

Blueberry reitet  (Foto: Dargaud 1965 by Charlier & Giraud)
Blueberry reitet

Lieutenant Blueberry?! Bouclez votre sac, vous partez dans le Nord…“ Da sitzt er, natürlich in der Arrestzelle, der männlichste und umwerfendste aller französischen Westernhelden. Als Einstieg in seine Welt ist das Abenteuer „Das Eiserne Pferd und die Sioux“ ideal (frz.: „Le Cheval de Fer“/Jean-Michel Charlier/Jean Giraud//Egmont Ehapa//Dargaud). Lucky Luke, von Morris erdacht, mit Goscinny zu Weltruhm gelangt, kann man in „Westwärts“ bei seinen noch zigarettenverliebten Anfängen erleben, oder im neuesten Album die Freiheitsstatue retten helfen sehen – inklusive witzigem Trip ins Paris des 19. Jahrhunderts und Begegnungen mit Victor Hugo oder Gustave Eiffel („Westwärts“ / „Ein Cowboy in Paris“ (Morris/Goscinny/Achdé/Jul//Egmont Ehapa//Dargaud)).

Kantiger Westernheld: Mac Coy (Foto: Avant-Verlag)
Kantiger Westernheld: Mac Coy

So ausgestattet mit Pferd, Sattel, Colt, Brille und viel Testosteron, ist der galoppierende Einstieg in ein blutrünstiges, tragödiengetränktes, rachelüsternes und machogeprägtes Genre vielleicht erträglich. Die Gesamtausgabe von „Mac Coy“ (Avant-Verlag//Dargaud), unglaublich prächtig gezeichnet von Antonio Hernández Palacio, reißt einen in die Zeit der Sezessionskriege, der Grenzstreitigkeiten zwischen den gerade entstehenden USA und Mexiko, wo sich zu dieser Zeit die Franzosen mit den Rebellen schlagen. In Jean-Pierre Gourmelens reißerischen und fast humorlosen Stories hat noch alles seine männergeprägte Ordnung, reaktionär ist für diese Welt kein Ausdruck – eigentlich schon in der Entstehungszeit bis in die 70er Jahre hinein nicht mehr tragbar: Männer sind schmutzig, müssen tun, was sie tun müssen, unter anderem wehrlose Frauen beschützen, Rebellen sind böse und nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Und das war mal die Antwort auf Lucky Luke für echte Jungs. Ein Glück: The Times, they are a-changing.

Seekranker Cowboy: Lucky Luke (Foto: Ehapa Comic / Lucky Comics)
Seekranker Cowboy: Lucky Luke

Die echten Erben von Lucky Luke und Blueberry

Die sind erstaunlich zahlreich. Und zumeist in ihrer Entwicklung nicht viel weitergekommen. Hier eine bestimmt nicht vollständige Liste:

Lonesome“ verfolgt einen brutalen Mörder (Yves Swolfs//Splitter//Dargaud-Lombard), beim „Bouncer“ zieht sich das Waisenkindmotiv durch eine ekelerregende Familiengeschichte (Jodorowsky/Boucq//Schreiber und Leser//Les Humanoides Associés). Auch die Familie von „Sauvage“ wurde zerstört, diesmal spielt seine Rache in der französischen Armee in Mexiko, same time as usual, Westernzeit eben, zumindest ist die Sache nicht komplett humorlos (Yann/Meynet//Salleck Publications//Casterman). „Der Mann, der keine Feuerwaffen mochte“ hat lustige Momente und eine recht spannende Story mit Überraschungen (frz.: „L’homme qui n’aimait pas le Armes à feu“/Lupano/Salomone/Pierri//Splitter//Guy Delcourt).

Die Geschichte im Stil einer Novelle des 19. Jahrhunderts ist der große Trump von „Stern“, eine jüdisch geprägten Bücherwurms, der sich als Leichenbestatter durchschlägt (Frédéric und Julien Maffre//Splitter//Dargaud), und dabei genreuntypisch auf sehr zupackende Frauen trifft. Die holen auch den „Undertaker“ (nochmal Totengräber) aus seiner Tarnung heraus – natürlich war er Revolverheld im früheren Leben. Im Stile alter Westernheftchen sind die "Texas Cowboys" zugange (Salleck Publications), "Ringo" (William Vance//Splitter) und "Cartland" (Harlé/Blanc-Dumont//Spitter) runden das Ganze ab.

Den Übergang zu einer anderen Sichtweise, zumindest was die Indianerfrage angeht, bildet der Waise „Catamount“ (Biasco-Martinez/nach Alberts Bonneau//Splitter//Petit à Petit). Dennoch: Rache! Aber auch: Helfende Siedler! Ein ganz anderes Kaliber (oh sorry) sind da die bildgewaltigen Alben „Geronimo“ (Matz/Jef/Splitter//Rue de Sèvres) und das in Landschaften und Natur schwelgende „Irokesen“, in dem eine historisch fundierte Geschichte aus der Zeit der beginnenden französischen Kolonialisierung von Ostkanada erzählt wird (Patrick Prugne // Splitter // Daniel Maghen). Durch die Weiten Nordamerikas zieht der elegant gezeichnete Ranger „Trent“, dessen melancholische Männlichkeit die sensiblen Buben anspricht (Rodolphe/Léo/Salleck Publications//Dargaud).

Männer sind Frauen und Frauen sind Männer (Foto: Schreiber und Leser)
Männer sind Frauen und Frauen sind Männer

Mondo Reverso - verkehrte Welt im Wilden Westen

Man stelle sich vor: Männer sind Frauen und Frauen sind Männer – ein kompletter Tausch in den bekannten sozialen Rollengebäuden. Auf dieser dann doch ein bisschen verstörenden Grundidee basiert „Mondo Reverso“, eine brutale, aber typische Spaghettiwesternstory – nur eben dass die Herren Damen sind und umgekehrt (Le Gouëfflec/Bertail//Schreiber und Leser//Fluide Glacial). Nichts für schwache Nerven – in mehrfacher Beziehung.

Bandes dessinées in Deutschland
Eine Passion wird zum Beruf
Er ist Stammgast bei der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken: Eckart Schott, einer der eifrigsten, wenn es um die Übertragung frankophoner Comics ins Deutsche geht. Exklusiv erzählt er SR.de, wie es dazu kam.

Da ist der witzige und schräg gezeichnete „Gus“ mit seiner sich überall durchwurschtelnden und sehr heutigen Art durchaus witziger und erträglicher. Auch „Lincoln“, in dem die Familiengeschichte der Heiligen Dreieinigkeit plötzlich im Westen spielt (auch Lucifer darf mitmachen; ein großartiger Spaß nicht ohne Tiefgang (Olivier, Jérôme & Anne-Claire Jouvray // Schreiber und Leser // Belg). Funny natürlich die „Blauen Boys“ der Unionsarmee (so lässt sich der Sezessionskrieg besser ertragen) (frz.: Les Tuniques Bleues / Salverius/Lambil/Cauvain etc. //Carlsen/Salleck//Dupuis) – sie stehen beim bereits erwähnen „Sauvage“ auch ein wenig in der Ahnenreihe. Mit dem Schmankerl „Jessie Jane“ (Gesamtausgabe/Salleck Publications) hat der verdiente Comicverleger Eckart Schott sogar noch einen nicht ganz zu Unrecht fast vergessenen Klassiker des Westernfunnys im Angebot.

Blains schräger "Held": Gus (Foto: Blain/Schreiber und Leser)
Blains schräger "Held": Gus

„Jessie Jane“ ist denn auch eins der möglichen und leider im Genre sehr raren Gegengifte gegen die vielen kaputten Machotypen des Westerncomics, bei denen man sich auf die Dauer dann doch fragt, was heute an ihnen noch interessant sein soll. Agnes von Salm-Salm in „Sauvage“ gehört zu den nicht ganz so stereotypen Damen, wie auch einige weibliche Hauptnebenrollen in „Stern“ sowie die englische Hausdame Elisabeth Prairie und Madame Lin im „Undertaker“. Richig weiblich allerdings geht es naturgemäß in der verkehrten Welt von „Mondo Reverso“ zu oder in der Geschichte mit einer komplett weiblichen Hauptrolle, die von der verzweifelten, verhärteten, jungen Rächerin„Angela“ erzählt (Pecqueur/Vatine/Bunte Dimensionen/Guy Delcourt).


Comicspezialist Dirk Fried aus Saarbrücken merkt noch dieses an (danke dafür):


Auch in "Comanche" (Herrmann/Greg/Rouge//Splitter//Lombard) ist die Titelheldin eine starke Frau, die ein Ranch mit lauter harten Kerlen führt, inkl. dem ehemaligen Revolverheld Red Dust, der im Laufe der Serie zur Hauptperson wird. Und doch ist seine Zeit vorrüber, denn die Zivilisation hält im Weste(r)n Einzug und die Cowboys müssen sich anpassen oder aussterben. Ums Sterben geht es auch bei "Durango" (Swolfs/Girod/Iko//Splitter//Soleil), dem zu Papier gewordenen Spaghetti-Western (mit Gastauftritten bekannter Schauspieler) über einen einsamen Gunslinger, der mit vielen Toten den Mythos vom Wilden Westen und den ehrbaren Männern endgültig zu Grabe trägt - wie Sergio Leone in den 1960ern.

Treffen mit Victor Hugo und Gustave Eiffel (Foto: Ehapa Comic / Lucky Comics)
Treffen mit Victor Hugo und Gustave Eiffel

Was man sonst noch über BD erfahren kann

Sie suchen nach bestimmten Comics - oder wollen einfach nur stöbern? Die bisherigen Artikel unserer Seite zu frankophonen Comics in Deutschland finden Sie hier.


Konzept

Die Comicbegeisterung in Frankreich ist mit dem deutschen Comicmarkt nicht zu vergleichen. Aber sie schwappt auch über die Grenze: Gut die Hälfte aller frankophonen Bücher, die für Deutschland übersetzt werden, sind Comics. Von den Klassikern wie Asterix oder Lucky Luke bis zu heutigen Serien wie Largo Winch oder XIII, von Cartoongrößen wie Sempé oder Pénélope Bagieu bis hin zu den Zeichnern und Zeichnerinnen von Charlie Hebdo oder den Graphic Novels eines Guy Delisle.

Hier bietet SR.de exklusiv für Deutschland eine regelmäßige Auswahl aktueller Titel, aber auch Hinweise auf Klassiker und Gesamtausgaben. Kontakt: gheger@sr.de

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