Riad Sattouf (Foto: Rita Scaglia)

Erfolg mit dem wahren Leben

Max und Moritz international für Riad Sattouf

Gerd Heger   05.06.2018 | 12:30 Uhr

Seit dem kleinen Nick oder Titeuf ist klar: Die Kinderperspektive hilft, die Erwachsenwelt und ihren Wahn schön darzustellen. Neuestes Beispiel: Esther von Riad Sattouf – ausgezeichnet mit dem Max und Moritz International beim Comicfestival in Erlangen 2018.

„Jepp, ich habe drei Geliebte gleichzeitig…“ – etwas ungewöhnlich für eine Elfjährige. Die es wirklich gibt: Das Kind einer befreundeten Familie erzählt Comicautor Riad Sattouf regelmäßig aus ihrem Leben. Und der bringt das, ohne Beschönigung, fast ohne Distanz, aber immer respektvoll komponiert – in „Esthers Tagebücher“ („Les Cahiers d’Esther“) gezeichnet zu uns (derzeit ist er am dritten Band, der 2019 auch in Deutschland erscheinen wird). Sein eigenes Leben hat Sattouf, in Paris geboren, aber bis zum Alter von zwölf Jahren in Lybien und Syrien großgeworden, bereits auf diese Art erzählt, in „Der Araber von morgen“ („L’Arabe de demain“, derzeit ist der 4. Band in Arbeit) – eine Serie, die ihn im Comic berühmt gemacht hat.

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige (Foto: Reprodukt/Allary Éditions & Riad Sattouf 2017)
Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige
Bei meiner Arbeit an DER ARABER VON MORGEN dachte ich viel an meine Kindheit in Syrien zurück. In dieser Phase traf ich die kleine Tochter eines Freundes. Sie war damals neun und ein ziemlich normales Mädchen, das in Paris lebt – ganz anders als ich, der im Nahen Osten aufgewachsen ist. Das hat mich interessiert.

Sattouf kommt aus dem offenbar ziemlich inspirierenden Atelier von Christophe Blain, Mathieu Sapin und Joann Sfar – schon 2003 bekam er den Prix Goscinny. Auch bei Charlie Hebdo arbeitete er mit – sein „Das geheime Leben der jungen Leute“ strotzt von teilweise schreiend komischen Strip-Portraits einer Generation, die selten über das intellektuelle Niveau einer Whatsapp-Nachricht hinaus denkt. Kein Wunder bei seinem Hintergrund, dass Sattouf mit politischen Äußerungen nicht hinter dem Berg hält: So verzichtete er auf die Nominierung für den Comicpreis von Angoulême, weil dort keine Frau auf der Liste stand. Und war einer der ersten Comicautoren, der gegen die Präsidentschaftskandidatur der Rechtsextremen Marine Le Pen anging. Auch ist er ein offener Gegner der Beschneidung von Kindern – etwas, was er in seiner Kindheit miterlebt hat.

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige (Foto: Reprodukt/Allary Éditions & Riad Sattouf 2017)
Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige

Sattoufs Ausflüge ins Filmgenre sind ebenfalls von Erfolg gekrönt, für das Debüt „Les Beaux Gosses“ (nach seinem eigenen Comic) bekam er den französischen Filmpreis César. Seitdem konzipiert, produziert und konzipiert er regelmäßig für Kino und Fernsehen. Doch seine wahre Leidenschaft sind die Comics, die das echte Leben benutzen, um uns immer wieder an das Menschliche und Rettenswerte in uns zu erinnern - und dabei kommen viel Zärtlichkeit, Liebe, Humor und Verletzlichkeit zwischen die Buchdeckel.

„Ich stelle mir immer vor, wenn es ein Atominferno gäbe und Außerirdische auf die verwüstete Erde kämen, dann würden sie meine Comics finden und denken: „Aha, so haben die Menschen damals also gelebt?!“ Das ist mein Ziel, eine Momentaufnahme der Gesellschaft.“

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige (Foto: Reprodukt/Allary Éditions & Riad Sattouf 2017)
Riad Sattouf: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Elfjährige

Riad Sattouf Esthers Tagebücher 1 + 2 (Reprodukt)
Im Original: Les Cahiers d’Esther (Allary Éditions)

Riad Sattouf Der Araber von morgen (Knaus)
Im Original: L’Arabe de demain (Allary Éditions)


Was man sonst noch über BD erfahren kann

Blueberry: Fort Navajo, Comic (Foto: Dargaud 1965 by Charlier & Giraud)
Blueberry: Fort Navajo, Comic

Sie suchen nach bestimmten Comics - oder wollen einfach nur stöbern? Die bisherigen Artikel unserer Seite zu frankophonen Comics in Deutschland finden Sie hier.

Die wichtigsten Comicmessen und -veranstaltungen in der Großregion: BD et Illustration (Haut-Koenigsbourg, 7.-15.7.), Festival International de la Bande dessinée (Contern/Luxemburg, 21./22.Juli, zum 25. Mal).


Konzept

Die Comicbegeisterung in Frankreich ist mit dem deutschen Comicmarkt nicht zu vergleichen. Aber sie schwappt auch über die Grenze: Gut die Hälfte aller frankophonen Bücher, die für Deutschland übersetzt werden, sind Comics. Von den Klassikern wie Asterix oder Lucky Luke bis zu heutigen Serien wie Largo Winch oder XIII, von Cartoongrößen wie Sempé oder Pénélope Bagieu bis hin zu den Zeichnern und Zeichnerinnen von Charlie Hebdo oder den Graphic Novels eines Guy Delisle.

Hier bietet SR.de exklusiv für Deutschland eine regelmäßige Auswahl aktueller Titel, aber auch Hinweise auf Klassiker und Gesamtausgaben. Kontakt: gheger@sr.de

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