Villa Davidson am Eichhornstaden in Saarbrücken (Foto: SR)

Die Saarbrücker „Villa Davidson“

Das Geburtshaus des Rundfunks an der Saar

Von Axel Böcker*, Axel Buchholz (Text) und Stefan Weszkalnys*  

Schon immer hatten die Rundfunksender im Saarland historisch interessante Domizile: jetzt der Saarländische Rundfunk das „Schloss Halberg“, davor Radio Saarbrücken das ehemalige evangelische Gemeindehaus „Wartburg“ und zu allererst der Reichssender Saarbrücken u. a. die „Villa Davidson“. Diese großbürgerliche Villa am Saarbrücker Saarufer war anfangs mit der saarländischen Kinogeschichte eng verbunden. „Geburtshaus“ des Radios im Saarland wurde sie erst 1935. Ein Luftangriff machte im Krieg dem Sendebetrieb von dort ein abruptes Ende.

Von Axel Böcker*, Axel Buchholz (Text) und Stefan Weszkalnys*

Die „Villa Davidson“ gab es erst wenige Monate, als am 29. Oktober 1923 in Berlin das deutsche Radio seine ersten noch recht quäkenden Töne in den Äther schickte. Ans Radiomachen im damals von Deutschland abgetrennten Saargebiet war aber noch lange nicht zu denken. Die Regierungskommission des Völkerbunds gestattete nur das Radiohören.

Der Kinematograph und die Lichtspielhäuser dagegen hatten ihre Erfolgsgeschichte auch an der Saar längst begonnen. In Saarbrücken war damit der Name der Brüder Davidson eng verbunden. Der jüngere, John Davidson, wohnte ab 1923 in der neugebauten „Villa Davidson“ mit der damaligen Adresse „Am Eichhornstaden 11“ (benannt nach einem deutschen General im Ersten Weltkrieg). Laut Internetportal der Synagogengemeinde Saar (als deren Mitglieder Paul und John Davidson aufgeführt werden) war die Straße gegenüber der Staden-Parkanlage eins der bevorzugten Wohngebiete des „arrivierte(n) deutsch-jüdische(n) Saarbrücker Bürgertum(s)“.

Wie in vielen anderen deutschen Städten auch, war allerdings der ältere Bruder Paul Davidson (*1867, † 1927) zuerst im Saarbrücker Kinogeschäft. Er eröffnete 1911 die Union-Theater-Lichtspiele im damaligen Kaufhaus Weil & Söhne in der Bahnhofstraße (heute P&C).

Sein erstes „Union-Theater“ hatte der frühere Textilkaufmann 1906 in Mannheim in Betrieb genommen. Von da an folgte quer durch Deutschland ein Kino nach dem anderen. Bereits 1913 besaß seine Firma in Deutschland, Belgien und Ungarn insgesamt 56. Zudem war er in den Filmverleih und die Filmproduktion eingestiegen.

Als Paul Davidson 1915 seine Kinokette verkaufte, um fortan ganz als Filmproduzent zu arbeiten, übernahm sein jüngerer Bruder John Davidson(1873 – 1937) das Saarbrücker Union-Theater. Drei Jahre später baute er den Neufangschen Konzertsaal zu den „Kammerlichtspielen“ (damals Dudweiler Str. 4) um. Das Großkino hatte 750 Plätze.

John Davidson war überzeugt davon, dass die bis dahin üblichen Kleinkinos dem Ansturm der Filmfreunde zukünftig nicht mehr gewachsen sein würden. Deshalb ließ er nach Ende des Mietvertrages bei Weil & Söhne und der Schließung des ersten ein zweites Union-Theater bauen, das am 5. Oktober 1922 festlich eröffnet wurde. Der ursprünglich dafür vorgesehene Termin am 20. September konnte nicht eingehalten werden, weil Stuck von der Decke fiel.

Den Eröffnungsfilm das „Das Weib des Pharaos" hatte sein Bruder Paul mit dem späteren Hollywood-Regisseur Ernst Lubitsch produziert. Die Originalfassung des Stummfilms ist verschollen. Sie konnte aber aus noch vorhandenem Originalmaterial rekonstruiert werden. Die Originalmusik von Eduard Künneke spielte für die Rekonstruktion des Films 2005 das Rundfunk-Sinfonie Orchester Saarbrücken des Saarländischen Rundfunks ein.  

Architekt des modernen Stahlbeton-Gebäudes mit einem großen Kuppeldach war der Saarbrücker Rudolf Seifert, der im etablierten Baubüro von Karl Brugger arbeitete. Das neue UT hatte 1500 Plätze, wie die Zeitschrift „Der Kinematograph“ berichtete. Es lag an der Dudweiler Str./Ecke heutige Berliner Promenade, wo es noch immer ein UT-Kino gibt.

John Davidsons geschäftliche Kino-Karriere nahm allerdings ein jähes Ende. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die deutsche Finanzkrise von 1931wirkten sich auch im Saargebiet aus. Umsätze und Gewinne brachen ein. Es kam zu hoher Arbeitslosigkeit. Das war sicher auch für den Besitzer von Kinos und angeschlossenen Restaurants John Davidson eine schlechte Zeit. Er musste Konkurs anmelden. Sein Besitz wurde Ende 1932 versteigert.

Das „Union-Theater“ ersteigerte die weltberühmte Berliner Filmproduktionsfirma UFA, bei der Bruder Paul bis 1927 einer der beiden Generaldirektoren gewesen war. Es ist anzunehmen, dass John Davidson auch nach dem Tod seines Bruders dorthin noch gute Kontakte hatte.

Aktennotiz zur Versteigerung (Foto: SR)
Aktennotiz des Bauamts der Stadt Saarbrücken über die Versteigerung der Villa Davidson.

Die „Villa Davidson“ ging für 350.000 Francs an den Kaufmann Heinrich Kiefer. John Davidson und Heinrich Kiefer dürften sich als Geschäftsleute in der Unterhaltungsbranche gut gekannt haben.

Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zur Versteigerung der „Villa Davidson“, dem „Geburtshaus des Radios“ in Saarbrücken. Das Gespräch mit Ernst-Günther „Ted“ Iven (einem Enkel von Heinrich Kiefer) führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010.
Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zur Versteigerung der „Villa Davidson“, dem „Geburtshaus des Radios“ in Saarbrücken. Das Gespräch mit Ernst-Günther „Ted“ Iven (einem Enkel von Heinrich Kiefer) führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010.
Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zur Versteigerung der „Villa Davidson“, dem „Geburtshaus des Radios“ in Saarbrücken. Das Gespräch mit Ernst-Günther „Ted“ Iven (einem Enkel von Heinrich Kiefer) führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010.

Heinrich Kiefer gehörte unter anderem das sehr erfolgreiche Saarbrücker „Konzert-Café Kiefer“ mit 1000 Plätzen. Es lag in der Nähe des Saarbrücker Hauptbahnhofs zwischen Viktoria- und Reichsstraße. Berühmte Orchester spielten dort und machten das „Kiefer“ zu einem der führenden deutschen Konzert-Cafés. Heinrich Kiefer wohnte privat im St. Ingberter „Schloss Elsterstein“ und nie selbst in der Villa Davidson.

Café Kiefer Bahnhofsstraße, Saarbrücken (Foto: Postkarte)
Innenansicht Café Kiefer (Foto: Fotosammlung St. Weszkalnys)
Café Kiefer in der Bahnhofsstraße in Saarbrücken: Außen- und Innenansicht.

Bis November 1933 lebte John Davidson noch dort. Dann bezog er eine Wohnung in der heutigen Pasteurpromenade (Nr. 8). Nach einem kurzen Intermezzo in Großblittersdorf zog er mit seiner Frau in die heutige Ferdinand-Dietzsch-Straße (Nr. 9). Er verstarb 1937 im Krankenhaus Rastpfuhl. Seine Frau lebte noch bis zu ihrem Tod im Jahre 1950 in derselben Wohnung in Saarbrücken-Malstatt.

Die Davidson-Brüder stammten ursprünglich aus Lötzen in Masuren/Ostpreußen (heute das polnische Giżycko), wie Dr. Rupert Schreiber vom Saarländischen Landesdenkmalamt für diesen Text recherchiert hat.

John Davidson hatte zwei Söhne. Besonders spannend ist die Spur von Sohn Hans. Er folgte seinem Onkel Paul in die Filmbranche und war dort als Produktions-Manager und „Assistent-Director“ tätig. 1933 kehrte Hans Davidson nach Saarbrücken zurück und emigrierte 1934 nach England. Von dort wurde er nach Kriegsbeginn 1939 als „prisoner of war“ nach Australien verbracht, wo er ab 1945 beim Aufbau der dortigen Filmbranche tätig war. Mit Hans‘ Sohn Robert Davidson, einem bildenden Künstler, konnte ein erster Kontakt hergestellt werden. Die dortige mündliche Familien-Überlieferung ergänzt die hiesigen Akten sehr gut.

Grabstein John Davidson (Foto: Sammlung A. Boecker)
Der Grabstein von John Davidson auf dem Jüdischen Friedhof in Saarbrücken.

Es wäre interessant zu wissen, ob es für den Konkurs John Davidsons 1932 außer den zu vermutenden Auswirkungen der Weltwirtschafts- und der Finanzkrise noch andere Gründe gab. Im „Deutschen Reich“ kamen 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Sie hatten sich die Judenverfolgung auf ihre Hakenkreuz-Fahnen geschrieben. Das ließ auch für die Juden im abgetrennten Saargebiet nichts Gutes ahnen. Denn für 1935 war nach 15 Jahren das Ende des Völkerbundmandats vereinbart. Die Saarländer sollten dann die Möglichkeit bekommen, darüber abzustimmen, ob sie wieder „Heim ins Reich“ wollten. Dafür setzte sich vehement das Parteienbündnis „Deutsche Front“ ein, das von den Nationalsozialisten dominiert und von Hitlerdeutschland unterstützt wurde.

Könnte dies alles nun im Saargebiet lange Schatten vorausgeworfen haben? Sind die Geschäfte des Juden John Davidson möglicherweise schon vor 1932 schikaniert worden? Für einen solchen Verdacht sind allerdings keine Anhaltspunkte bekannt.

Die nationalsozialistische Hetze gegen Juden ist zwar auch an der Saar seit 1928 belegt. Sie hatte aber vor 1933 auf die Bevölkerung nur eine geringe Wirkung. Im Internetportal der Synagogengemeinde Saar heißt es: „Bereits im Mai 1933 – unter dem Eindruck des Boykotts jüdischer Geschäfte im Deutschen Reich am 1. April – verließen die ersten saarländischen jüdischen Familien ihre Heimat.“ Was sie zu diesem Schritt veranlasste, war also ab 1933 die Fernwirkung der Ereignisse im Reich. Am 30. Januar war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden und hatte sofort damit begonnen, eine nationalsozialistische Diktatur zu etablieren.

John Davidson musste aber schon fast ein Jahr vorher Konkurs anmelden. Außerdem blieb das Saargebiet auch nach 1933 trotz des zunehmenden Einflusses der Nationalsozialisten von Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung im Wesentlichen vorerst verschont. Dafür sorgte sein Sonderstatus unter dem Dach des Völkerbunds. Bis zur Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935 kamen deshalb auch noch NS-Verfolgte und Hitler-Gegner aus Hitler-Deutschland an die Saar, weil sie sich dort sicher(er) glaubten.

Schlomo Rülf (Foto: Dov Lazar)
Der Rabbiner Dr. Schlomo Rülf

Erst nach der Rückkehr des Saargebiets ins Reich am 1. März 1935 galten die NS-Gesetze und -Erlasse auch an der Saar. Mit einer wichtigen Einschränkung: Kurz vor der Volksabstimmung war zwischen dem Genfer Völkerbund und der deutschen Regierung noch das „Römischen Abkommen“ ausgehandelt worden. Internationale jüdische Organisationen hatten sich dafür eingesetzt. Der damalige Saarbrücker Rabbiner Dr. Schlomo Rülf wirkte dabei wesentlich mit (zusammen mit Dr. Hugo Steinthal und anderen Juden aus dem Saargebiet). Eine Fernseh-Dokumentation über sein Leben ist in der SR-Mediathek abzurufen.
Im Abkommen wurde Anschlussgegnern garantiert, dass sie nach der Volksabstimmung noch bis zum 29. Februar 1936 unbehindert ausreisen und ihr bewegliches Vermögen mitnehmen konnten. Auch viele saarländische Juden machten davon Gebrauch. Abgesehen davon allerdings war das Saargebiet nach dem 1. März 1935 wieder „heim im Reich“ – mit allen Konsequenzen auch für die Juden.

Für den Rundfunk bedeutete dies: Bis dahin waren Rundfunkpläne wegen der Rechtslage im vom Völkerbund regierten Saargebiet nicht zu realisieren. Nun aber stand einem eigenen Sender an der Saar nichts mehr entgegen. In der „Villa Davidson“ sollte fortan saarländische Radio-Geschichte geschrieben werden.

Im Mai 1935 wurde der Nationalsozialist Dr. Adolf Raskin mit dem Aufbau des Reichssenders Saarbrücken beauftragt. Er hatte sich mit der erfolgreichen Leitung der prodeutschen Abstimmungspropaganda im Reichsrundfunk Verdienste erworben. Heinrich Kiefer vermietete seine Stadenvilla an die Reichsrundfunkgesellschaft. Am 25. Juli 1935 zogen die ersten Mitarbeiter des zukünftigen „Reichssenders Saarbrücken“ dort ein. Er war – wie alle anderen Sender zu der Zeit auch – nur eine unselbständige „Filiale“ des zentralisierten Reichsrundfunks. Zwei Monate später (am 29. September) sendete der „Reichssender Saarbrücken“ aus der Villa Davidson erstmals ein „vollständiges Programm“ (wie es in einem RRG-Brief heißt). Am 4. Dezember 1935 wurde Dr. Adolf Raskin offiziell zum ersten Intendanten ernannt.

Mathias Iven (Foto: RCS)
Dr. Mathias „Max“ Iven: Toto-Direktor an der Saar und engagierter Freund und Förderer des Rudersports.

Die Antwort auf die Frage, warum der Reichssender nun gerade in die „Villa Davidson“ einzog, liegt auf der Hand: Den Kontakt dürfte Dr. Mathias „Max“ Iven hergestellt haben, der Schwiegersohn des Eigentümers Heinrich Kiefer. Iven führte die Geschäfte der Kiefer K.G. (Café Kiefer), betrieb sein eigenes „Reisebüro Dr. Iven“ und war zusätzlich auch in der „Deutschen Front“ sehr rührig. Dies war das nazi-dominierte Bündnis des bürgerlichen Lagers, das vor der Saarabstimmung 1935 für die Rückkehr des Saargebietes ins Deutsche Reich kämpfte. Sohn Ernst-Günther „Ted“ Iven bescheinigt im SR-Zeitzeugengespräch** seinem Vater Max großes Organisationstalent, das er seiner Einstellung entsprechend weitestgehend ehrenamtlich für das Saarland als seiner zweiten Heimat eingesetzt habe. Im Café Kiefer habe er „räumlich und auch von der Kommunikation her die Möglichkeit (gehabt), viele Leute um sich zu scharen“ und auch einzuladen.
Iven sei einer der „verdienstvollen Organisatoren“ der „Deutschen Front“ gewesen, lobte ihn 1961 in einem Nachruf das Mitteilungsblatt der ehemaligen Angehörigen der Propaganda-Kompanien (PK) im Zweiten Weltkrieg, die „Die Wildente“.

Treuekundgebung vor dem Café Kiefer (Foto: LAS/Sammlung Französischer Pressefotos             )
Treue-Kundgebung vor dem Café Kiefer, der Einsatzzentrale der Deutschen Front bei der Saarabstimmung.  

Iven war insgesamt neun Jahre lang Kriegsfreiwilliger in beiden Weltkriegen. „Eine Geschichte, die für heutige Verhältnisse kaum glaubhaft“ klinge, sagt sein Sohn Ted dazu. „Aber so waren sie halt damals.“ Im Zweiten Weltkrieg habe Max Iven eine Kriegsberichterstatter-Kompanie sowohl durch ganz Frankreich wie von der russischen Grenze bis nach Stalingrad geführt. Bereits mit 41 Jahren sei er Oberleutnant gewesen. Sein Soldaten-Dasein habe er bei Kriegsende als „Major der Großdeutschen Wehrmacht“ und Leiter der Kriegsberichterstatter-Einsatzabteilung in Berlin beendet.

Zum deutschen Rundfunk verfügte Iven über beste Kontakte. Bereits 1930 hatte er zusammen mit dem „Saar-Radio-Club“ eine große „Funkschau Saarbrücken“ im Café Kiefer seines Schwiegervaters organisiert. Höhepunkte der Funkschau waren zwei „Sonder-Konzerte“ mit prominenten Mitwirkenden, die über die Sender Frankfurt/M., Stuttgart, Kassel und Freiburg i. Br. live ausgestrahlt wurden.

Der „Saar-Radio-Club“ (später „Verband Deutscher Rundfunkteilnehmer an der Saar e. V.) war der „Rundfunkarm“ der Deutschen Front.

Marsch Brandenburger Tor, Berlin (Foto: aus „Das Saarbuch“/Friedrich Heiss, 1935)
Tausende Mitglieder des „Verbandes deutscher Rundfunkteilnehmer an der Saar“ beim Marsch durch das Brandenburger Tor in Berlin anlässlich der Funkausstellung 1934 (aufgenommen zwischen dem 17. und 29. August 1934).

Seine sehr guten Rundfunk-Verbindungen waren Dr. Mathias Iven auch im Rahmen der Abstimmungskampagne „Heim ins Reich“/„Deutsche Mutter, heim zu dir“ von außerordentlichem Nutzen.

Hauptplakat der Deutschen Front (1934) von Hans Schweitzer (= Mjölnir). Zum Vergrößern bitte anklicken.

Radio-Sendungen des Reichsrundfunks aus dem und über das Saarland (Saargebiet) spielten eine wesentliche Rolle. Im Café Kiefer trafen sich prominente Rundfunk-Mitarbeiter aus dem Reich – auch vom „Westdeutschen Gemeinschaftsdienst“. Das war „die Saarkampfzentrale des Deutschen Rundfunks“ mit Sitz zuerst beim Reichssender Frankfurt/M. Als eine Organisationseinheit, die dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Josef Goebbels und Gauleiter Josef Bürckel unterstand, steuerte sie sämtliche Propagandasendungen aller Reichssender, die man an der Saar hören konnte (und sollte). Leiter war Dr. Adolf Raskin vom Reichssender Köln, der spätere erste Intendant des Reichssenders Saarbrücken.

Aus Erzählungen seines Vaters Max weiß Ted Iven von den Treffen der Rundfunkmitarbeiter im Café Kiefer. Ein Foto zeige ihn mitten in ihrem Kreis. An die einzelnen Namen erinnert er sich nicht, bestimmt werde aber Raskin dabei sein und wohl auch dessen Stellvertreter Karl Mages. Der fanatische Nationalsozialist Mages war zugleich Schriftleiter (Chefredakteur) der „NSZ Rheinfront“, der nationalsozialistischen Zeitung im Abstimmungskampf. Später wurde er der zweite Intendant des Reichssenders Saarbrücken.

Auf einem anderen Bild, das er deutlich in Erinnerung habe, so Ted Iven, sei sein Vater als Reporter für den Reichsrundfunk zu sehen – versteckt hinter einer Gardine im ersten Stock des Cafés Kiefer gegenüber vom Hotel Excelsior. Was es da zu berichten gab, wisse er nicht, wohl aber, dass damals aus dem Saargebiet noch nicht gesendet werden durfte.

Rundfunkmitarbeiter im Café Kiefer (Foto: NS-Funk 1935)
Rundfunkmitarbeiter-Treffen im Café Kiefer.

Auf Grund dieser engen Zusammenarbeit von Max Iven mit den führenden Mitarbeitern des Reichsrundfunks dürfte die Luxus-Villa des Juden John Davidson zum Geburtshaus des nationalsozialistischen Radios an der Saar geworden sein – des ersten Senders an der Saar.

Verständlich, dass auch „Ted“ Iven, einer der „Erben Iven“, sich nach dem Krieg fragte, ob beim Erwerb der „Villa Davidson“ alles mit rechten Dingen zugegangen war. Das sei es sehr wohl, so „Ted“ Iven im Zeitzeugengespräch mit dem Saarländischen Rundfunk. Freddy Davidson (Friedrich, Fritz, *1907 in Zürich, Pianist in Brüssel und New York, später Gastwirt, † 4. 3. 1966 in Saarbrücken), ein Sohn John Davidsons, habe ihm das nach dem Krieg in Saarbrücken versichert.

Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zu den Umständen des Erwerbs der „Villa Davidson. Das Gespräch führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010 mit Ernst-Günther „Ted“ Iven, einem der „Iven-Erben“.
Video [SR.de, (c) SR, 08.06.2018, Länge: 01:55 Min.]
Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zu den Umständen des Erwerbs der „Villa Davidson. Das Gespräch führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010 mit Ernst-Günther „Ted“ Iven, einem der „Iven-Erben“.
Ausschnitt aus dem Zeitzeugengespräch zu den Umständen des Erwerbs der „Villa Davidson. Das Gespräch führte Axel Buchholz am 15. 12. 2010 mit Ernst-Günther „Ted“ Iven, einem der „Iven-Erben“.

Ted Iven wurde 1953 Deutscher Meister im Leichtgewichtseiner und förderte, wie sein Vater zuvor, sehr engagiert den Rudersport an der Saar. Sein sportbegeisterter Vater „Max“ war von 1933 bis Kriegsbeginn (formal bis 1945) Vorsitzender bzw. „Vereinsführer“ des „Ruder-Club Saar 1885 e. V.“ in der Saarbrücker Hindenburgstraße gewesen.

Nach dem Krieg war Max Iven zunächst „unerwünschte Person“ im Saarland. Als er schließlich zurückkehren durfte, machte er schnell Karriere. Er baute für den saarländischen Landesportverband die „Saarland Sport-Toto GmbH“ auf, wurde 1951 (gerade erst 50 Jahre alt) einer der zwei Direktoren und förderte in dieser Eigenschaft den Bau zahlreicher Sportanlagen wie z. B. des Saarbrücker Toto-Bades und des Wassersportlerheims in Dreisbach an der Saarschleife. Das trägt seinen Namen ebenso wie eine Straße in Alt-Saarbrücken neben dem „Totohaus“ nahe der Saar.  

Grohé-Henrich-Bank. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Der Reichssender Saarbrücken wuchs nach 1935 schnell und brauchte zusätzlichen Platz. So nutzte er bald auch den Saal im Gasthaus „Stiefel“ (als Musikstudio), das von den Nazis requirierte ehemalige Haus der Arbeiterwohlfahrt in der Hohenzollernstraße Nr. 45 (als Hörspiel- und Musikstudio) und Räume für Intendanz und Verwaltung in der ehemaligen Grohé-Henrich-Bank am Saarufer bei der Alten Brücke.

In der „Villa Davidson“ verblieb die Technik. 1939 verkaufte Heinrich Kiefer das bis dahin vermietete Haus (ohne je selbst darin gewohnt zu haben) für 100tausend Reichsmark an die Reichsrundfunkgesellschaft. Man fragt sich, warum. Denn im selben ersten Kriegsjahr erwarb die RRG auch den Saarbrücker Halberg für ein geplantes ganz neues Funkhaus des Reichssenders Saarbrücken. Rund 20 Jahre später erst konnte der Saarländische Rundfunk dort tatsächlich mit dem Bau eines Funkhauses beginnen.

Villa Davidson, 1960 (Foto: SR)
Villa Davidson, 1960.

Staden heute (Foto: R. Schmitt)
Wohngebäude, errichtet an der Stelle, wo einst die Villa Davidson stand

Die „Villa Davidson“ machte ein Luftangriff unbenutzbar. Laut Ted Iven war das im Oktober 1944. Schon am 30. August 1942 waren aber auch Häuser am Staden bei einem großen englischen Luftangriff durch Brandbomben getroffen worden. Nach dem Krieg stand die Villa zunächst unter Sequesterverwaltung und wurde weitgehend wieder hergestellt. Das „Staatliche Vermögensamt“ und die Zentrale des Christlichen Gewerkschaftsbundes an der Saar hatten dann dort ihre Büros. Die gerade erst 50 Jahre alte Villa wurde 1973 abgerissen und durch ein vom Architekten J. P. Lüth geplantes Apartmenthaus „modern“ ersetzt.
Nichts zeugt heute mehr davon, dass dort das Radio an der Saar zu senden begann – und nur sehr wenige wird es wohl noch geben, die sich daran erinnern können.

* Axel Böcker (Sachgebietsleiter Baudenkmalpflege im saarländischen Landesdenkmalamt) und Stefan Weszkalnys (Saarbrücker Lokalhistoriker und stellvertretender Präsident des Saarländischen Museumsverbandes) haben zusammen mit Axel Buchholz die Recherchearbeit für diesen Text geleistet.

** Die Zitate und Informationen von Ernst-Günther „Ted“ Iven stammen aus einem Zeitzeugengespräch, das Axel Buchholz am 15. 12. 2010 mit ihm führte.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Bilder/Recherche); Mitarbeit: Sven Müller (SR-Fernseharchiv), Dr. Rupert Schreiber (Saarländisches Landesdenkmalamt) und Marcel Wainstock (ehemaliger Geschäftsführer der Synagogengemeinde Saar).
Herzlichen Dank auch für unbürokratische Hilfe bei der Recherche an Frau Ingeburg Schmidt (Stadtplanungsamt Saarbrücken) und Ruth Bauer (Stadtarchiv Saarbrücken).

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