Marschbereit: Hans-Jürgen Puarkarthofer vor dem Start zu seiner Europawanderung. (Foto: Reiner Oettinger)

„Wandern für Europa“ – eine Aktion der Europawelle Saar (1)

 

Große Radio-Aktionen wurden zu einem der Markenzeichen der Europawelle Saar. Eine der größten und längsten war „Wandern für Europa“. Eine der erfolgreichsten war es zugleich. Auch beim Medienecho in ganz Westeuropa. Für Hans-Jürgen Purkarthofer wurde „Wandern für Europa“ ein journalistischer Härtetest. Im Januar 1979 machte er sich in Rom auf den Weg. Zu Fuß durch die neun Länder der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG). Im Juni kam er in Brüssel an. Pünktlich zur ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament. Auch vierzig Jahre danach ist die Aktion unvergessen.

Von Hans-Jürgen Purkarthofer

Wissen Sie, wie viele Muskeln es in den Beinen gibt? Und Sehnen? Ich wusste es im Januar 1979 nach zwei Wochen und 300 km auf der Via Aurelia zwischen Fregene und Livorno an der italienischen Mittelmeer-Küste. Meine Geh- und sonstigen Muskeln hatten sich an die regelmäßige Belastung gewöhnt. Ich wusste nun auch: Tagesetappen von 25 bis 30 km – das wird kein Pappenstiel. Aber wenn nun nichts Dramatisches mehr passieren würde, könnte ich dennoch nach 3 700 weiteren Kilometern das Ziel Brüssel erreichen – pünktlich im Juni zur ersten direkten Wahl des Europäischen Parlaments.

Alles begann 1977 nach einem Abendmagazin auf SR 1 Europawelle Saar. Zwischen 21.00 und 23.00 Uhr hatte ich als Assistent von Moderator Axel Buchholz vor der Studioscheibe Interviewpartner vermittelt. Anschließend gingen wir beide noch ein Gläschen trinken. Dabei erzählte ich ihm von Fußwanderungen als Student an der englischen Westküste zwischen Wales und Schottland. Und darüber kamen wir zum Fachsimpeln über die Frage: „Wann müsste man losgehen, um Europa vom Nordkap bis Sizilien zu durchwandern – oder umgekehrt – um die jeweils günstigsten klimatischen Bedingungen entlang der Strecke zu haben. In der Folgezeit pflegten wir das Thema weiter – eher spielerisch über den Flur, nach dem Motto „na, wann geht’s los – und wo?“

Im dritten Quartal 1978 wurde die „Schnapsidee“ zur „seriösen Aktion“. Da verabschiedeten Unter- und Oberhaus in London das britische Wahlgesetz für die erste Direktwahl zum Europaparlament. Bei Axel Buchholz, damals Abteilungsleiter/1. Redakteur Magazine und Aktueller Dienst, klickte da was. Wenig später konfrontierte er erst mich („Das wär’ doch was für Dich“) und dann die Hierarchie mit seiner Idee „Wandern für Europa“. Den damaligen Hauptabteilungsleiter Politik Otto Klinkhammer konnte er schnell überzeugen. Weiter oben in der Hierarchie hakte es allerdings. Grünes Licht für die Planung gab es erst, nachdem sich Intendant Prof. Hubert Rhode in einer Direktorensitzung eher beiläufig positiv über das Projekt geäußert hatte. Es wird die Europawelle schmücken, war er überzeugt, Einwohner der neun Mitgliedsländer zu ihren Einstellungen gegenüber dem Europaparlament befragen zu lassen. Und zwar von einem Europawellen-Reporter, der gezielt gerade die berühmten „einfachen Leute auf der Straße“ anspricht bei einer Wanderung durch die EU-Länder. Das waren immerhin neun. Dänemark, Großbritannien und Irland waren 1973 zu den sechs Gründungsländern hinzugekommen.

Das Europaparlament (EP) gab es zwar schon, die Abgeordneten wurden aber bis dahin aus den nationalen Parlamenten entsendet. Jetzt sollten sie von den europäischen Bürgern direkt gewählt werden, und das Parlament, demokratische legitimiert, sollte ein stärkeres Gewicht bekommen. Die Ausgangsvoraussetzungen waren denkbar ernüchternd: Nur 51 Prozent der befragten Wähler wollten sich an dieser Wahl beteiligen.

Bei der Europawelle Saar begannen die Planungen. Axel Buchholz hatte dabei das Gespür für die richtigen und notwendigen Maßnahmen: die Aktion im Sender verankern, die nötige Öffentlichkeitsarbeit starten, Medienpartner suchen, das Projekt bei den Institutionen der EG präsentieren.

Es begann die Suche nach Medienpartnern. Bei einigen war es nicht besonders schwer. Der Saarbrücker dpa-Korrespondent Udo Lorenz war schnell begeistert. Auch der Chefredakteur der Pirmasenser Zeitung, Hans-Frieder Baisch sagte zu, hatte doch die PZ schon öfter gemeinsame Aktionen mit dem SR absolviert. Mit der Propagierung im Bund war es schon etwas schwieriger. Es gelang aber, 17 Zeitungen für den Druck einer wöchentlichen Kolumne zu gewinnen. Ich, der „Europawanderer“ sollte sie von der Strecke für die jeweiligen Samstagsausgaben liefern. Dadurch war die Aktion in der Presse, noch bevor im letzten Drittel der Wanderung erst die Etappen durch die Bundesrepublik führten. Und ich hatte eine zusätzliche regelmäßige Aufgabe bekommen: neben der Berichterstattung für das Radio auch das Schreiben für die Zeitungen.   

Im Abendmagazin und Mittagsjournal der Europawelle äußerten sich später auch Politiker, die ins EP gewählt werden wollten. Kein Wunder, dass sie sich gern interviewen ließen.

Schließlich wurden weitere SR-Redaktionen für eine regelmäßige Berichterstattung gewonnen. Das SR-Fernsehen versprach z. B., einige Reporter zu mir auf die Strecke zu schicken.

Purkarthofer mit Emilio Colombo in Luxemburg. Colombo war von 1977 bis 1979 Präsident des Europäischen Parlaments. (Foto: Rémy Franck)
Purkarthofer mit Emilio Colombo in Luxemburg. Colombo war von 1977 bis 1979 Präsident des Europäischen Parlaments.

Besonders ertragreich, war aber eine Dienstfahrt von Axel Buchholz und mir nach Brüssel und Luxemburg. Sowohl die EG-Kommission als auch das Europaparlament versprachen für die Finanzierung der Aktion Zuschüsse. Das machte es dann dem Intendanten Rohde leichter, auch engültig Ja zu der Aktion zu sagen.

Ich bekam erst einmal den Auftrag, einen Plan für die Strecke Rom – Brüssel zu entwickeln. Und zwar durch alle neun Mitgliedsländer. Das machte es nun für mich unumgänglich, das Einvernehmen mit meiner Frau Dietlind zu suchen. Anfänglich biss ich da aber auf Granit.

Ich: „Das ist eine berufliche Chance, wie sie so schnell niemand mehr bekommt.“

Sie: „Du hast Frau und drei Kinder. Willst Du die ein halbes Jahr alleine lassen?“

Routenplanung. (Foto: Dieter Leistner)
Vorbereitung der Wanderung: die Routenplanung zuhause.
Wanderschuhe aus der Pfalz. (Foto: Bruno Rukauer)
Mit den Wanderschuhen von Schang und Pfundstein aus Rodalben.

Ich arbeitete dennoch vorerst weiter am Etappenplan und erzählter ihr ab und zu verhalten von den Planungsfortschritten in der Redaktion. „Ich will das gar nicht wissen“, war anfänglich die Antwort.

Während meine Hoffnung sank, war meine Frau aber längst schon weiter. Ihre spezifisch weibliche Klugheit hatte sie zu der Einstellung gebracht: „Wenn ich das schon nicht verhindern kann, muss ich es zu meiner Sache machen.“ Und das war zunächst ein Organisationsproblem, das sie hauptsächlich mit Hilfe unserer benachbarten erwachsenen Babysitterin löste.

Als meine Frau mir ihr Ja-Wort zur Europawanderung gab, geriet mit nachlassender Anspannung mein Gefühlshaushalt ins Chaos. Erleichterung, Freude, Beschämung, Dankbarkeit … ich versage mir eine detailliertere Beschreibung. Wie sich dann später zeigen sollte, rettete sie mit ihrem Entschluss die Aktion (und mich) davor, schon in den ersten beiden Wochen an Muskelkater und Sehnenschwerzen zu scheitern.

Heutzutage schaffen es journalistische Mitarbeiter/innen nicht mehr ohne Volontariat ins Programm. Ich war ein “Quereinsteiger”, der “learning by doing” in journalistische Aufgaben hineinwachsen konnte: Handwerkszeug mit Stagen in der Nachrichtenredaktion erwerben, in Beiträgen dem Publikum erläutern „was ist“, dabei widerstehen, mit eigenen Überzeugungen Inhalte oder Fragen einzufärben oder zu missionieren. Die Aufnahme in die Redaktion „Aktueller Dienst/Magazine“ empfand ich als Bestätigung meines Rollenverständnisses.

Nun stiegen Ahnungen in mir hoch, dass mir im Verlauf der Aktion doch einige Abweichungen von meinem Selbstverständnis abverlangt werden würden. Einige Termine mit Politikern vor dem Start waren in diesem Zusammenhang noch nicht verfänglich. Dass – vermittelt von Sportchef Werner Zimmer – ein Training mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Sportschule Grünberg bei Gießen arrangiert wurde, wo Bundestrainer Jupp Derwall seine Elf auf ein Länderspiel vorbereitete, konnte ich auch akzeptieren. Und auch als die Auswahl meiner Wanderschuhe im Werk „Schang und Pfundstein“ in Rodalben bei Pirmasens zum Pressetermin geriet, blieb ich relativ gelassen. Ein bisschen Werbung muss halt sein, dachte ich da noch.

Purkarthofer mit Hans-Dieter Zoller (Foto: SR )
Hans-Jürgen Purkarthofer mit Hans-Dieter Zoller in Rom.
Papstaudienz (Foto: SR)
Audienz bei Papst Johannes Paul II. in Rom. Purkarthofer links, SR-Romkorrespondent Rolf Gallus rechts von Papst Johannes-Paul II..

Das erste größere Problem ergab sich dann aber mit der Eröffnung unseres Rom-Korrespondenten Rolf Gallus, der Vatikan sei einverstanden, dass ich bei der wöchentlichen Papst-Audienz in der ersten Reihe plaziert werden und mit Johannes-Paul II einige Worte über meine Aktion wechseln würde. Fragen stiegen auf: Als wer oder was mache ich das? Darf man den Papst für eine PR-Aktion „mißbrauchen“? Ich dämpfte meine Bedenken, indem ich beschloss, ein Mikrofon mitzunehmen, um dem Papst vielleicht eine Frage stellen zu können. Die Frage kam von Johannes-Paul II: „Gehen Sie auch nach Osten?“ Auf meine Antwort, der Osten gehöre ja noch nicht zur EG, kam vom polnischen Papst der Rat: „Dort sollten Sie aber auch hingehen, Europa ist doch alles eins.“ Wie prophetisch dieser Ratschlag war, sollte sich indessen erst einige Jahre später zeigen, als der Ostblock zu bröckeln begann.

Zur Eröffnungssendung am 6. Januar – dem Tag der Unterzeichnung der Römischen (Gründungs-)Verträge – im Restaurant „Tre Scalini“ auf der Piazza Navona, war das dann alles Episode. Die nötige Spannung war da, es würde jetzt losgehen und es ging los.

Purkarthofer vor der Engelsburg, Rom (Foto: SR)
Purkarthofer vor der Engelsburg in Rom.

Als ich über die Brücke bei der Engelsburg ging, noch begleitet von zwei Kollegen von Radio Vatikan, freute ich mich auf das erste Etappenziel Fregene. Dort würde ich meine Frau treffen, die sich mit Tochter Inger angekündigt hatte.

Wie sehr mein journalistisches Selbstverständnis in den kommenden Tagen und Wochen aber noch auf die Probe gestellt werden würde, ahnte ich da zum Glück noch nicht. Selbst Auslöser und auch Gegenstand der Berichterstattung zu sein, Schilder zu enthüllen, die eine Stadt als „Gemeinde Europas“ auswiesen, Autogramme geben oder mich mit Politikern auf einer Bühne zu präsentieren – an all das musste ich mich gewöhnen. Es wurde ein Mix: Einerseits konnte ich darüber berichten, was ich erlebte. Andererseits geriet ich zunehmend in die Lage, dadurch indirekt auch zu werben: für Europa, dessen Zusammenschluss mit dem Ziel, neue Kriege zu vermeiden, ich allerdings bedingungslos begrüßte; für meinen Sender, der mir diese Aktion ermöglichte; und für mich selbst natürlich auch. Es war eine frühe Form des personalisierten Journalismus, den man bis dahin kaum kannte und der erst viel später als Kommunikationsform Mode wurde.

Selbst die dpa lieferte einen Bericht über Purkarthofers Wanderung. Zum Vergrößern bitte klicken.

Die römischen Zeitungen hatten über meinen Start berichtet und ich wurde fast überall erkannt. Auf Leute zugehen, um sie nach ihrer Meinung zu Europa und der ersten Direktwahl zu fragen, war oft unmöglich. Ausgefragt wurde eher ich. Ob ich das bis Brüssel schaffe? Wie viele Schuhsohlen ich wohl brauchen würde? Wenn ich einmal zu Wort kam, war das erste Problem, dass es bis zur Wahl noch ein halbes Jahr dauern würde. Dazu gab es im Januar noch keine gefestigte Meinung. Zur generellen Einstellung zu Europa aber fast allgemeiner Konsens: Mit der Einigung wurden die Kriege überwunden.

Fregene an der Mittelmeerküste empfing mich dunkel. Der Ort schien verlassen. Und wie sich herausstellte, war er es auch. Es war nämlich Winter. Was ich bei der Fertigung des Etappenplans nicht wusste: An der Riviere war – zumindest damals – nur Leben in der warmen Jahreszeit, wenn die Touristen sich drängten. Im Winter waren die Bewohner in ihren Wohnorten im Landesinneren, ca. 10 bis 15 Kilometer von den fast leeren Küstenorten. Nur vereinzelte Hotels blieben aufnahmebereit für Durchreisende oder Handelsvertreter. Mir fiel ein, dass Rolf Gallus ja telefonisch ein Zimmer für mich gebucht hatte. Also musste ich wohl nur ein beleuchtetes Gebäude suchen. Fregene ist nicht sehr groß und das einzelne Licht zeigte sich bald. Ich wurde aufgenommen wie ein Promi. Sogar warmes Wasser (nicht nur lauwarm) lief, eine Seltenheit im Riviera-Winter.

Fregene (Foto: Mr Pany Goff)
Fregene heute.

Blieb die Frage, wo meine Frau blieb. Wir wollten uns in Fregene treffen. Sie hatte die Telefonnummer von Rolf Gallus, um zu erfahren, wo ich stecken würde. Wegen eines Zahlendrehers in der von ihr notierten Vorwahl erreichte sie ihn aber nicht. Stattdessen erreichte sie Fregene. Doch dieser Ort erschien ihr – wie sie in ihrem Tagebuch schrieb – wie ausgestorben. Weder Autos noch Fussgänger begegneten ihr. Sie sah endlich ein Licht, es war die „Villa Fiorita“. Sie schrieb: „Ich schnappte mir Inger und ging mutig hinein, um die Leute zu bitten, mir bei der Suche nach Hans zu helfen. Es empfing mich ein Ehepaar, die Frau sprach erfreulicherweise Englisch. Ich wollte einen letzten Versuch unternehmen, Rolf Gallus zu erreichen. Man zeigte mir das Telefon an der Rezeption, ich ging hin, und dann war plötzlich alles unwichtig. Denn auf der Rezeption lag Hans’ Pass – es kam mir wie ein Wunder vor.”

Meine Frau Dietlind fand mich im Hotelzimmer damit beschäftigt, drei Blasen, die ich mir auf der Strecke von Rom nach Fregene geholt hatte, zu versorgen. Dabei machte ich den schweren Fehler, die zunächst noch vorhandenen Hautfetzen zu beseitigen. Resultat: Die Blasen trockneten nicht ab, sondern begleiteten mich bis Livorno. Dazu kam auf den nächsten Etappen die Einsicht, dass es eine Sache ist, einmal 25 oder 30 Kilometer zu wandern. Und eine andere, dies an mehreren Tagen hintereinander zu tun. Zwar hatte ich nach drei oder vier Etappen jeweils einen Ruhetag eingeplant. Das reichte jedoch in dieser Anfangsphase nicht aus, meine wachsenden Leiden zu dämpfen. Hinzu kam meine Erkenntnis, dass es schwierig war, mit der Heimat Kontakt zu halten. Immerhin wurde von mir verlangt, mich regelmäßig bei der Europawelle des SR zu melden.

Angela Lipp-Krüll. (Foto: SWR/Gitzinger)
Der „heiße Draht“ in die Redaktion: Angela Lipp-Krüll.
Rosel Frisch. (Foto: Reiner Oettinger)
Geduldige Seele in der Redaktion: Sekretärin Rosel Frisch.

Die Heimatredaktion, das war als Anlaufstelle Angelika Lipp-Krüll. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin begann mit dieser Aufgabe ihren Weg aus der SR-Intendanz in den Journalismus. Die spätere Frankreich- und Europaredakteurin beim SWF/SWR übersetzte Pressemeldungen, verschickte Pressematerial europaweit, korrespondierte mit interessierten Journalisten, vereinbarte Treffs und Pressetermine, versorgte mich mit Informationen und half mir per Telefon und Fax (E-Mails gab’s damals auch noch nicht – tatsächlich!) bei allen möglichen Problemen und Problemchen. Teil der Heimatredaktion war auch Alois Morschett (später Personalchef in der Verwaltungsdirektion), der in einer Art Journalismus-Praktikum Texte und Geschichten als Ergänzungsmaterial für meine Berichte recherchierte. Und da war schließlich Rosel Frisch, Redaktionssekretärin, die sich am Telefon geduldig meine Texte anhörte und in ihre Schreibmaschine tippte, um sie an die Zeitungen zu verteilen, die unsere Kolumnen druckten.

Alois Morschett. (Foto: Reiner Oettinger)
Der spätere SR-Personalchef Alois Morschett: Er recherchierte ergänzende Berichte zu Purkarthofers Reportagen.

Mit dem Melden bei der Redaktion war es allerdings für mich nicht getan. Vor allem musste ich täglich abends für die Europawelle telefonisch berichten. Das Problem: Es gab auch noch keine Handys. Tatsächlich! Und an der gesamten Riviera bis Livorno war Selbstwähl-Telefonverkehr nocht nicht möglich. Lediglich in einigen Orten gab es sogenannte „Centralinos“, von denen aus man die Auslandsvermittlung erreichen konnte, die einen dann mit Deutschland verband.

Meine Frau hatte also auf den Etappen mehrere Aufgaben: Meinen Rucksack im Auto mitzunehmen, im nächsten Ort jeweils das „Centralino“ zu suchen, von dem aus ich telefonieren konnte. Und schließlich für den Abend eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, in der ich in einem heißen Bad meine Gliedmaßen pflegen konnte. 

Zu allem „Unglück“ hatte sich für die vierte Etappe ab Civitavecchia ein Kollege der „Welt“ angesagt, Walter Rueb. Er wollte mich auf einer Etappe begleiten. Nach etwa der halben Strecke in Richtung Tarquinia schaute er auf die Uhr. Ihm fiel ein, dass ja in zwei Stunden sein Zug nach Rom abfahren würde, von wo aus er wieder Richtung Heimat fliegen würde. Zu meiner Erleichterung und zum Glück stieß bald danach meine Frau wieder zu uns. Wir besprachen einen Treffpunkt, sie brachte ihn zum Zug, ich setzte meinen Leidensweg fort. Ruebs Artikel in der „Welt“ fiel freundlich aus.

Es dämmerte und ich verließ an der besprochenen Stelle die Via Aurelia. Auf einer Brücke machte ich es mir bequem, soweit es ging. Ein Hund begann zu bellen. Bald darauf noch einer. Als das Gebelle stärker wurde, regte sich in den umliegenden Häusern auch bald Leben. Einige Minuten später war ich von Menschen umgeben, die mich vorsichtig-mißtrauisch beobachteten. Einer kam auf mich zu und wollte meinen Ausweis sehen. Ich zog es vor, ihn nicht aus der Hand zu geben. Mir fiel ein, dass ich in meiner Parka ein ausgeschnittenes Foto des „Il Messaggeiro“ vom Empfang beim Papst dabei hatte. Ich zeigte es. Zwei Minuten spatter kam der erste Anwohner mit einer Flasche Wein und Gläsern wieder. Und als meine Frau beim besprochenen Treffpunkt ankam, um mich abzuholen, war die „Brückenparty“ in vollem Gange. Der Abschied war herzlich. Meine Probleme dauerten an.

Von unten nach oben, von den Fußgelenken bis zu den Lenden-Aduktoren meldete sich jeder Muskel, jede Sehne: Unterschenkel Wade und Schienbein, Kniegelenk, Oberschenkel hinten, Oberschenkel vorne. Wenn die Schmerzen zu groß wurden, setzte ich mich auf eine Leitplanke. Wenn ich dann wieder weitergehen wollte, kam der Ausgangsschmerz in vollem Umfang wieder und ließ erst nach einigen hundert Metern nach. Rasten war auch keine Lösung.

Berichterstattung mit Hilfe des Reisetagebuchs. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Der Kontakt zum SR erfolgte regelmäßig. Dabei konnte ich nicht immer nur über meine körperlichen Probleme reden. Also machte ich das, weswegen ich da war.

Das Foto von der Papst-Audienz veranlasste jeden, mit mir zu reden. So kamen doch die aktuellen Probleme Italiens in die SR-Magazine. Hotelportiers und Ingenieure, Hafenarbeiter und Lehrer – in fast allen sozialen Schichten waren sich Italiener einig, dass in Italien etwas geschehen müsse. Nur was? Politiker in verantwortlichen Positionen waren nicht in der Lage etwas zu ändern. Entweder sie waren in den Mehrheitsverhältnissen gefangen oder sie waren korrupt und zogen ihre Vorteile aus den Verhältnissen. Oder sie schafften es nicht, gegen die total desolate Bürokratie anzuregieren.

Aus dem Untergrund versuchten Rechts- und Linksextremisten, das Land in die Anarchie zu treiben. Fast täglich erzeugten Bomben- und Brandanschläge Angst und Zorn. Hin und her gerissen zwischen ihrem Nationalstolz und einer schon tief sitzenden Staatsverdrossenheit brach sich aber zunehmend die Hoffnung Bahn, die Europäische Gemeinschaft könne etwas ändern: „Ohne die EG wäre alles noch viel schlechter!“

Natürlich aber gab es auch spezielle italienische Probleme. Sprichwörtlich war/ist die fehlende Steuermoral: „Die Kleinen kriegt man immer – finden Sie das gerecht? Die Großen verstecken ihre Millionen und Milliarden Lire im Ausland und drücken sich so ums Steuernzahlen.“

Gut 20 Jahre nachdem die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, wurde Italien nun selbst das Ziel von Gastarbeitern. Illegal aus Afrika und Südamerika Eingewanderte hausten zunehmend in Kellern ohne Fenster, Abstellräumen und Bretterverschlägen, auf Hunderttausende geschätzt. Sie übernahmen Arbeiten, für die sich inzwischen die Italiener zu schade waren, in der Müllbeseitigung und Straßenreinigung, als Tellerwäscher, Tomatenpflücker, Boten, Lastenträger. Alles zu Niedrigstlöhnen, ohne Aufenthalts- und Arbeits-erlaubnis. Und das bei zwei Millionen arbeitslosen Italienern.

Livorno (Foto: WimB)
Livorno heute.

Mir ging es nach und nach besser. Meine Blasen geschlossen, meine Muskeln fast angepasst, erreichte ich Livorno. Mein Gesamteindruck von Italien konnte nicht zwiespältiger ausfallen: einerseits die Staatsverdrossenheit, andererseits die Zuversicht, dass sich in der EG alles zum Besseren wenden könnte. Dabei eine verbreitete Unwissenheit bezüglich der Rolle, die das erstmals direkt zu wählende Europaparlament spielen würde. Das Wissen um Strukturen und Entscheidungsprozesse in der EG hielt nicht Schritt mit den Hoffnungen, die in das vereinte Europa gesetzt wurden.

Für mich gingen in Livorno, der Hafernstadt in der der Toskana, die ersten 300 Wanderkilometer zu Ende. Und meine Zeit im ersten Land der damaligen europäischen Gemeinschaft. Acht weitere und 3700 Kilometer lagen noch vor mir. Stoff genug für mehr als ein weiteres Fundstück.

 

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout); Burkhard Döring (Illustrationen).

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