Das Lustschlösschen auf dem Halberg mit seinem Weingarten (Foto: Stadtarchiv Saarbrücken)

Der Saarbrücker Halberg als fürstlicher Weinberg

 

In feudalen Zeiten tranken ihn Fürsten und Grafen. Heute mundete er ehrenamtlichen Helfern, denen der „Arbeitskreis SR-Geschichte“ für ihren besonderen Einsatz ein kleines Dankeschön sagen möchte: der „Halberg-Wein“. Einen wichtigen Unterschied allerdings gibt es.

Früher wuchs der „Halberg-Wein“ tatsächlich auf dem Halberg, dem jetzigen Sitz des Saarländischen Rundfunks. Heute reift er an den saarländischen Hängen der Obermosel. Auf dem Halberg allerdings bekommt er sein Etikett mit der Grundrisskarte von 1764, auf der die frühere Weinanbaufläche zu erkennen ist. Ihrer Geschichte ist der SR-Bibliothekar und Vorsitzende des „Arbeitskreises SR-Geschichte“ Roland Schmitt nachgegangen – ein ausgewiesener Kenner nicht nur der Geschichte des Weinanbaus an der Saar. 

Von Roland Schmitt

Der im Osten Saarbrückens gelegene Halberg gilt spätestens seit den 1960er Jahren als Synonym für den Saarländischen Rundfunk: „Ich kenn' änner, der schafft uff'm Halberg“, also beim SR, ist bis heute eine gängige Redewendung. In früheren Zeiten verband man den Halberg mit dem Stahlmagnaten Carl-Ferdinand Stumm (ab 1888 durfte er sich Freiherr von Stumm-Halberg nennen), der diesen Hügel erworben hatte, um dort 1877 – 80 ein repräsentatives Schloss zu erbauen.

Fast in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass auf dem Plateau einst auch ein „maison de plaisance“ stand – eine Sommerresidenz der Grafen von Nassau-Saarbrücken. Graf Ludwig Crato (1663 – 1713) hatte das Lustschlösschen bauen lassen. Nach gerade mal 80 Jahren verschwand es wieder, als es französische Revolutionstruppen im November 1793 niederbrannten und es fortan als Steinbruch genutzt wurde.

Verschwunden ist auch der Weinberg, den Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718-1768) an einem abfallenden Gelände des Schlossgartens ab 1762 hatte anlegen lassen: ausgerechnet an einem Südwesthang, wo unterhalb im Tälchen des Scheidter Bachs sechs Jahre zuvor von ihm das Schmelz- und Hammerwerk „Halberger Werck“ installiert worden war.

Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (Foto: Saarlandmuseum)
Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken

Der vielseitig engagierte und interessierte Fürst, der sich insbesondere für lokal und regional eher untypische Pflanzen aller Art (Bäume Sträucher etc.) begeisterte, ließ auf mehr oder weniger geeigneten Flächen Kastanien, Nussbäume und eben auch Weinreben setzen – so am Reppersberg und am Nußberg. Diese Grundstücke gehörten zum gräflichen „Rodenhof“, den sein Vorfahre Philipp II. (1509 – 1554) zwecks Versorgung der nahegelegen Burg hatte anlegen lassen. Im Jahre 1763 verkaufte Wilhelm Heinrich das komplette Hofgut nebst Nutzflächen an die Stadt Saarbrücken. Diese teilte den Besitz auf und veräußerte große Teile an die Bürgerschaft, darunter auch die Weingärten.

Gleichwohl ließ Wilhelm Heinrich nicht locker; er wollte „seinen“ Weinberg haben. Es war in jener Zeit offenbar schick, Weingärten anzulegen. Und es gehörte wohl dazu, auszuprobieren, ob aus den gelesenen Reben und dem erzeugten Most halbwegs trinkbarer Wein zu vinifizieren war. An sich bestand keine Notwendigkeit für eine Selbstversorgung. Der Grafen- bzw. spätere Saarbrücker Fürstenhof bezog feine Weine vorwiegend aus dem Metzer Land, dem Elsass und aus der Pfalz, wie Kellereirechnungen belegen. Es ist auch anzunehmen, dass aus dem Weinort Jugenheim bei Mainz, einer nassau-saarbrückischen Exklave, Wein bezogen wurde.

Die lokale Gastronomie importierte zudem Weine aus dem „Gau“, Synonym für den Rheingau. Heimische „ordinäre“ Weine waren offenkundig nicht gut genug für die verwöhnten Gaumen am Hofe und in den Saarstädten.

Für Reb- und Weinanbau in Saarbrücken und seinem unmittelbaren Umland existieren übrigens mehrere urkundliche Belege aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Zum Beispiel für Eschringen (1291), Fechingen (1318), Bischmisheim (1343) und Bliesransbach (1479). In den bäuerlich geprägten Dörfern gab es bis zum Ende der Feudalherrschaft praktisch überall einen Rebenberg, der für die Herstellung des lokalen Grundweins die Trauben lieferte. Eine Liste des Stiftes St. Arnual von 1569 gibt Auskunft über seine Zehnteinnahmen (= etwa 10%ige Abgabe in Form von Geld oder Naturalien) im nahe gelegenen Bübingen. Demnach führte es als einziges der Stiftsdörfer einen Weinzehnten (8 Ohm: ca. 1280 l) ab.

Eine Art „joint venture“ betrieben das Stift und die Saarbrücker Grafen am Eschberg. Urkunden aus dem 16. Jahrhundert belegen vergleichsweise intensiven Weinbau am gräflichen Eschberger Hofgut. Demnach erbrachten die vinifizierten Trauben “...anno 1536 an Wein, so darauf gewachsen, ertragen nemlich 4 fuder.“ 1) Im gleichen Jahr waren zwei Frauen aus St. Johann verdingt worden, „...des rebholz uff zu lessen vor 7 albus.“ 2) Allerdings wurden die Eschberger Weingärten wohl wenige Jahrzehnte später aufgegeben und in Ackerland umgewandelt. Vermutlich hatte eine sog. „kleine Eiszeit“ mit heftigen Kälteeinbrüchen (u. a. von 1560 bis 1630) dazu beigetragen, dass viele Rebstöcke erfroren.

Arbeiten im Weinberg (Foto: Sprenger Praxis des Weinbaus)
Arbeiten im Weinberg (Auszüge aus einem Handbuch von 1778)

Zurück zu den Ambitionen des Fürsten: Versuchshalber hatte Wilhelm Heinrich schon 1756 im Osten St. Johanns am Kaninchenberg Reben setzen lassen. Nun kam also ein weiteres „Testfeld“ am Halberg hinzu. Zu jener Zeit zierte den waldreichen Halberg bereits eine Sichtschneise vom Lustschlösschen in Richtung Residenzstadt Saarbrücken. Für die Anlage eines Weinbergs musste der Südwesthang mühevoll gerodet werden. Genaue Unterlagen hierzu existieren nicht (mehr). Wilhelm Heinrich beauftragte mit dieser Aktion seinen Hofgärtner Johann Friedrich Christian Köllner.

Johann Friedrich Christian Köllner (Foto: Sammlung K. Lohmeyer)
Johann Friedrich Christian Köllner, Gartendirektor und Hofgärtner.

Der ließ ab 1762 die Fläche auf ca. 80 – 90 Morgen (= ca. 2 Hektar) mit Reben bestocken. Im Original-Bannbuch dokumentierte Geometer Schmidt den fürstlichen Besitz auf dem Halberg in der Aufmessung aus den Jahren 1763/64. Im 3. Abschnitt, der dem Weinberg gewidmet ist, notiert er: „Die Sommerseiten des Halbergs, so Wald gewesen, mehrtheils zu Weinberg und theils zu Ackerland angelegt (119 Morgen). 3) Welche Rebsorte(n) hier zum Einsatz kamen, ist nicht überliefert. Es darf jedoch angenommen werden, dass es sich höchstwahrscheinlich um die weit verbreitete ertragreiche und robuste Kleinbergerrebe (= Elbling) handelte. Erwartungsgemäß konnte nach drei Jahren eine erste Lese erfolgen. Laut Hofgärtner Köllner „… machte man 14 Fuder guden Wein.“ 4)   (1 Ottweiler Fuder = ca. 720 Liter) Es ist anzunehmen, dass zeitig zuvor eine Weinkelter aufgebaut worden war. Wo sich dieses Kelterhaus genau befand, ist nicht bekannt. Jedenfalls stand es am sog. „Grünen Tor“ des Halberger Hofes, also nahe am Gelände des „Neuen Werks“.

Weißer Elbling (Foto: Atlas der Traubensorten Wien)
Elbling-Rebe 

Die Erträge blieben in der Folge sowohl quantitativ als auch qualitativ hinter den Erwartungen zurück, weshalb der Weinbau und die Vinifizierung des Mostes laut Köllner bald wieder aufgegeben wurden („wegen fehl jähren“). Das sandige „terroir“ war nebenbei alles andere als geeignet für ordentlichen Rebanbau.

Allerdings dienten die Rebstöcke offenkundig weiter auch als Staffage für szenische Aufführungen, vor allem in der „outdoor“-Zeit. Nach dem Tod des Fürsten 1768 nahm sich dessen Sohn Ludwig (1745-1794) des Halbergs an, ließ insbesondere das Schlösschen instand setzen. Unter der Regie von Hofgärtner Köllner wurden die Parkanlagen ab 1771 zu einem englischen Landschaftsgarten erweitert. Im Folgejahr wurde die im Weinberg befindliche „Heidenkapelle" (= damals noch nicht als Mithrasheiligtum erkannt) ausgeräumt und mit der Zeit „verschönert".

Erbprinz Heinrich (Foto: Fotosammlung Ernst Klitscher)
Erbprinz Heinrich als fünfjähriges Kind (in Uniform)

Im Mai 1773 verließ Fürstin Wilhelmine das Saarbrücker Residenzschloss und ihren für seine Mätressenwirtschaft bekannten Gatten. Den damals fünfjährigen Erbprinzen Heinrich (1768 – 1797) nahm sie mit ins Lustschlösschen auf dem Halberg. Der verlebte hier, wie er später bekennt, seine schönsten Jahre. Er müsste eigentlich den recht jungen, wenn auch nicht mehr sonderlich gehegten Weinberg wahrgenommen haben.

Derweil war der Halberg mit seinen Bauten den Bedürfnissen der neuen fürstlichen Bewohner und deren Dienerschaft angepasst worden. Das vor allem landwirtschaftlich genutzte Hofgut am Fuße des Halbergs wurde nach den Vorgaben des Generalbaudirektors Friedrich Joachim Stengel umgebaut, das Kelterhaus am „Grünen Tor“ aufgelöst und zu einem Ochsen- und Kuhstall (!) umfunktioniert. Nach dem frühen Tod von Fürstin Wilhelmine 1780 scheint Fürst Ludwig sein Schlösschen wieder aufgesucht zu haben.

Ein prominenter Besucher, Freiherr Adolph von Knigge, hielt in einem seiner Reisebriefe (auf den 6. Mai 1792 datiert) seine Eindrücke fest: „Auf dem Hall-Berge, einer etwas beträchtlichen Anhöhe, ungefähr drey Viertel-Stunden weit von der Stadt entlegen, steht das Lustschloß Mon plaisir …“ Und er kommentiert auch trocken, was er vom fürstlichen Weinberg hält: „Die eine Seite des Hügels ist mit Weinstöcken bepflanzt, mehr um im Herbste dem Hofe ein angenehmes Fest zu geben, das eine Weinlese vorstellt, wie in der ernstlichen Absicht, hier trinkbaren Wein zu ziehn." 5)

Adolph Freiherr von Knigge (Foto: Focke Museum Bremen)
Adolph Freiherr von Knigge

Weiter heißt es: „Das Schloß ist klein, aber artig eingerichtet. Der menschenfreundliche Fürst hat über ein Camin im Speisesaale eine Inschrift setzen lassen, wovon ich nur die letzte, einladende Zeile behalten habe: Je veux, que mon plaisir soit le plaisir des autres." Knigges Schilderungen des Halbergs und des als „Monplaisir" fortan bekannten Schlösschens lassen allerdings vermuten, dass er wohl schon früher (etwa zwischen 1783 – 87) vor Ort gewesen sein muss.

Im Herbst 1793 erfassten die Wirren der Französischen Revolution auch die Saarbrücker Lande. Fürst Ludwig und seine Familie waren bereits geflohen, Erbprinz Heinrich kämpfte als Oberst der preußischen Kavallerie vergeblich gegen die Invasoren, floh 1794 – nach dem Tod seines Vaters nunmehr ein „Fürst ohne Land“ – nach Jugenheim. Das kleine Weindorf (im heutigen Rheinhessen) war praktisch das letzte verbliebene Besitztum. Der Weinberg am Halberg war längst sich selbst überlassen. Die letzten verwilderten Reben sollen in den harten Wintern 1814/15 bzw. 1816/17 erfroren sein.

Etikett Halbergwein (Foto: SR)
Etikett des Halbergweins

Vom Weinberg haben sich keine Spuren mehr erhalten – die Natur hat sich die Rebflächen seit langem wieder „zurückgeholt“.

Immerhin erinnert der Arbeitskreis SR-Geschichte mit dem Etikett des „Halberg-Weins“ seit 2009 wieder ein wenig an diesen Teil der Geschichte des heutigen SR-Sitzes.

Anmerkungen:

1) Der historische Eschberg/Historischer Arbeitskreis Eschberg, Saarbrücken 1993. S. 80.

2) Ebd.

3) zit. nach Helmut Ballas, Der Halberg, zu allen Zeiten bemerkenswert. In: Der Stadtverband, 1-2/1989. S. 9.

4) Friedrich Köllner, Etwas zum Zeitvertreib an Winter Abenten des Jahres 1800. S. 269. (Stadtbibliothek Saarbrücken, Landeskundl. Abt., H 39)

5) Adolph Knigge, Ausgewählte Werke in zehn Bänden. Bd. 4: Reisen, Literatur. Hannover 1992. S. 19. (aus: Dritter Brief, … auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben, 1806)

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Text, Fotos).

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