Willi Gasper: der erste SR-Büroleiter in Bonn.  (Foto: SR)

Über den „Saar-Vogel“ und die Anfänge des Bonner SR-Studios

 

Als Bonn 1949 „provisorische Hauptstadt“ der Bundesrepublik Deutschland wurde, begannen die Rundfunksender, ihre Arbeit dort zu organisieren. Nicht so „Radio Saarbrücken“. Paris ging wohl vor. Dort arbeiteten für den Vorgänger-Sender des SR zeitweise drei Korrespondenten. Das Saarland war damals ein französisch dominierter teilautonomer Staat mit wirtschaftlicher Anbindung an Frankreich. Erst ab 1951 hatte „Radio Saarbrücken“ einen Korrespondenten in Bonn. Franz Jansen, selbst lange SR-Korrespondent in Bonn und Berlin, hat Interessantes über die Anfänge des Bonner Studios des Senders an der Saar herausgefunden.


Von Franz Jansen; Mitarbeit: Axel Buchholz

Sie lesen sich recht abenteuerlich, die Anfänge der Bonn-Berichterstattung. Aus der „provisorischen Bundeshauptstadt“ arbeiteten ab 1951 Korrespondenten für „Radio Saarbrücken“: zuerst Carl Grampp (anfänglich unter dem Pseudonym Andreas Büchel), später Rolf Vogel.

Die Berichterstattung von Carl Grampp hat Heribert Schwan in seiner Doktorarbeit („Der Rundfunk als Instrument der Politik im Saarland 1945 – 1955“) analysiert. Was er herausfand, hat mit seriösem Journalismus, gemessen an den heutigen Kriterien, nichts zu tun – eher mit politischer Propaganda für die Saar-Regierung. Und das offenbar seit Anbeginn der Tätigkeit von Carl Grampp. Der wurde laut Schwan nämlich über einen „Vertrauensmann“ der Regierung für den Sender verpflichtet – und anfänglich auch bezahlt. Diesem habe Grampp in den ersten Monaten seine Manuskripte aus Bonn geschickt. Von dem seien sie dann der Saar-Regierung zur Zensur vorgelegt worden. Erst danach habe „Radio Saarbrücken“ die Grampp-Texte bekommen. Zensor sei der Leiter der Präsidialkanzlei Franz Schlehofer persönlich gewesen, der „Kürzungen, Ergänzungen und Satzumstellungen usw. sowie ab und zu auch Entschärfungen“ vorgenommen habe.  

Grampp schrieb aus Bonn auch für Zeitungen, u. a. die Ansbacher Zeitung und den Aachener Boten. Dabei kommentierte er Schwans Analyse zufolge für Zeitungen in der Bundesrepublik völlig anders als für „Radio Saarbrücken“: Für die Zeitungen schrieb er aus „deutscher Sicht“, für „Radio Saarbrücken“ vertrat er die Politik der Saar-Regierung. Deshalb kündigten offenbar die Zeitungen seine Mitarbeit auf. Grampps Versuch, so berichtet Schwan, 1954 in die politische Redaktion von Radio Saarbrücken aufgenommen zu werden, wurde abgelehnt. Bei der Volksbefragung am 23. Oktober 1955 bereiteten die Saarländer der Saarpolitik der Regierung Hoffmann und einer europäischen Lösung für die Saarfrage dann eine deutliche Niederlage. Es erscheint politisch folgerichtig, dass danach, Ende des Jahres 1955, auch Radio Saarbrücken die Mitarbeit von Carl Grampp beendete. Das hatte zwei Arbeitsgerichtsprozesse zur Folge, die Grampp verlor.

Offenbar mit dem neuen politischen Wind an der Saar wurde anschließend Rolf Vogel Bonner Korrespondent von Radio Saarbrücken. Jedenfalls sind ab 1956 erste Interviews von ihm im SR-Hörfunkarchiv erhalten. Rolf Vogel war im Gegensatz zu Grampp ein Verfechter der Rückgliederung der Saar an Deutschland.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat sich wiederholt, zuletzt in den Jahren 2010 und 2011, mit Rolf Vogel beschäftigt. Dabei ging es um seine Tätigkeit für die Adenauer-Regierung. Vieles bleibt aber vage und ist nicht mehr eindeutig zu belegen. Jedenfalls aber war Rolf Vogel eine höchst interessante und schillernde Person zwischen Politik und Journalismus.

Rolf Vogel (Foto: SR)
Rolf Vogel: Korrespondent und Agent?

Sein Vater, Kurt Vogel, war KPD-Mitglied, seine Mutter Jüdin. Er flüchtete vor den Nazis über die Niederlande und Dänemark nach Schweden und Norwegen. Sie wurde während der Nazi-Zeit nach Theresienstadt deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Kurt Vogel Presseattaché der deutschen Botschaft in Oslo. 
Über Sohn Rolf Vogel und seine Mutter hielt dann während des Krieges in Berlin Hjalmar Schacht schützend seine Hand, wie der frühere SR-Pressechef und Regionalhistoriker Klaus Altmeyer weiß. Er kannte Rolf Vogel persönlich. NSDAP-Mitglied Schacht war lange u. a. als Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsmininster Förderer Hitlers  und der Aufrüstung ehe er wegen Kontakten zu Mitverschwörern des Attentats vom 20. Juli verhaftet wurde. Rolf Vogel studierte zunächst bei Emil Dovifat Zeitungswissenschaft. Später wurde er in ein „Mischlingslager“ in Baden-Württemberg eingewiesen. Dort hatte er Verbindungen zum deutschen Widerstand, u. a. zu Graf von Galen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Rolf Vogel nach Bonn gekommen, arbeitete als Journalist und wurde zu einem der engsten Vertrauten von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Besonders bei den Verhandlungen mit Israel sei er eingebunden gewesen, berichtet Klaus Altmeyer.

Schon in den fünfziger Jahren drehte Vogel Filme über Israel, u. a. mit Axel Springer. Für die Deutsche Zeitung in Köln ließ er sich bei den Nürnberger Prozessen akkreditieren, später auch beim Eichmann-Prozess.

Rolf Vogel im Zug (Foto: SR/Gerd Schöfer)
Beim Adenauer-Besuch 1957 an der Saar dabei: Rolf Vogel rechts hinten neben dem Bundeskanzler (Foto: SR/Gerd Schöfer)

Vogel arbeitete, wie es in Bonn hieß, auf Wunsch von Adenauer für den Bundesnachrichtendienst. Er sollte Adenauers Chef des Kanzleramtes, Staatssekretär Hans Globke (1953-1963), entlasten. Der Jurist Globke stand in der Kritik, vor allem wegen seiner Mitarbeit an der gegen die Juden gerichteten Rassegesetzgebung während der Nazizeit. Vogel hat damals berichtet, dass Globke sich für „Halbjuden“ wie ihn eingesetzt habe und ihn damit teilweise entlastet.
Wohl ab 1956 arbeitete Rolf Vogel (auch) für „Radio Saarbrücken“. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname „der Saar-Vogel“. Wie sein Kontakt zu Radio Saarbrücken entstand, ließ sich nicht herausfinden. Gesendet wurde aus einer Baracke des Bundespresseamtes. Das WDR-Korrespondentenhaus in der Bonner Dahlmannstraße musste erst noch gebaut werden.

In der Anfangszeit gab es Beiträge aus Bonn im Programm von Radio Saarbrücken und später beim SR nicht täglich. Ausgestrahlt wurden sie hauptsächlich in der werktäglichen Politik-Sendung „Stimme des Tages“. Es gab sie ab Anfang Oktober 1949, eingeführt laut Heribert Schwan vom damaligen Chefredakteur Harald Böckmann. Das wird auch durch eine Programmankündigung in der „HörZu!“ aus dem Jahr 1949 bestätigt, die auf der Website „Saar-Nostalgie“ zu finden ist. Im ersten Hörfunkprogramm (ab 1964 „Europawelle Saar“) wurde die „Stimme des Tages“ bis 1976 (letzte Sendung: Freitag, 2. April, 18.35 –19.00 Uhr) ausgestrahlt. Auch im zweiten Programm „Studiowelle Saar“, in dem sie bis dahin zeitversetzt ebenfalls gesendet wurde, war damit ihr Ende gekommen. Insgesamt lief die „Stimme“ also ein gutes Vierteljahrhundert lang.

Programmankündigung (Ausschnitt) aus der "HörZu!" von einem Sonntag (!) im November 1949 (Quelle: Website "Saar-Nostalgie"/Zum Vergrößern bitte anklicken)

Von den Interviews, die Rolf Vogel für die „Stimme des Tages“ lieferte, sind im SR-Hörfunkarchiv zum Beispiel ein Gespräch mit dem damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein zur Saar-Frage und ein weiteres mit Adenauers Regierungssprecher Felix von Eckardt zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik erhalten. Für die Länge der Interviews gab es offensichtlich keine Vorgabe. Von dreieinhalb bis zu 15 Minuten war alles möglich. Interviews mit Politikern liefen regelmäßig auch in der wöchentlichen Sendung „Das Interview“.

SR-Fundstücke: Rolf Vogel interviewt Walter Hallstein
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SR-Fundstücke: Rolf Vogel interviewt Walter Hallstein
Ausschnitt aus einem Interview, das Rolf Vogel mit dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein zum Verlauf der Saarverhandlungen führte. Sendetermin: 19.7.1956. (Quelle: SR-Archiv) Auf dem Foto: Walter Hallstein (2. v.l.) neben Bundeskanzler Konrad Adenauer (1957). (Foto: dpa)

Zusätzlich zur „Stimme des Tages“ gab es später die Sendung „Echo der Woche“, für die die Korrespondenten arbeiteten. Sie lieferten anfänglich nur Texte, gelesen wurden sie von Berufssprechern. Besonders Beiträge aus dem Ausland waren in der Regel für bestimmte Wochentage fest vereinbart – unabhängig vom aktuellen politischen Geschehen. Die Bonner Korrespondenten überspielten später neben Kommentaren, Berichten und Interviews auch Ausschnitte aus Bundestagsreden. Beiträge mit O-Tönen gab es zu dieser Zeit noch nicht.
Rolf Vogel wurde 1959 stellvertretender Leiter des Büros der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in Bonn. Die Umstände seines Ausscheidens beim SR waren nicht mehr herauszufinden. Nach der Erinnerung von Klaus Altmeyer, damals SR-Pressechef, war Vogel beim Sender und saarländischen Politikern „in Ungnade“ gefallen. Der ehemalige SR-Chefredakteur und Programmdirektor Otto Klinkhammer vermutet die Ursache dafür in Vogels Bonner Aktivitäten, die SR-Intendant Franz Mai als ehemaliger Adenauer-Referent gekannt haben dürfte. Mit seiner Haltung in der Saarfrage habe sein Ausscheiden beim SR aber nichts zu tun gehabt. Vogel habe engagiert die Rückgliederung der Saar an Deutschland vertreten. Möglicherweise passte Vogel auch ganz einfach politisch nicht mehr ins Parteitableau.

Nach der „kleinen Wiedervereinigung“ der Saar mit Deutschland am 1. Januar 1957 hatte der „Saarländische Rundfunk“ als gemeinnützige Anstalt des Öffentlichen Rechts mit allen Rechten und Pflichten die Nachfolge des bisherigen Senders angetreten. Er war nach dem Vorbild der bundesdeutschen Rundfunkanstalten organisiert und bald als neues Mitglied in die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) aufgenommen worden. Als „Radio Saarbrücken“ blieb der vorherige Sender des teilautonomen Saarlands im kollektiven Gedächtnis der Saarländer haften. Und dem folgt auch dieser Text. Tatsächlich war „Radio Saarbrücken“ ab 1952 nur der Name des Programms. Der Sender selbst hieß „Saarländische Rundfunk GmbH“. Und auch der Programmname war schon vor der Saar-Abstimmung 1955 in „Saarländischer Rundfunk“ geändert worden.

Das Bonner SR-Büro wurde von nun an nach und nach vergrößert und damit auch „politisch ausgewogen“ besetzt. Seit Anfang 1959 war die SPD als Koalitionspartner von CDU und CVP an der Saar-Regierung beteiligt.

SR-Fundstücke: Interview mit Franz-Josef Röder und Peter Altmeier
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SR-Fundstücke: Interview mit Franz-Josef Röder und Peter Altmeier
Nach dem ersten Arbeitstreffen der Regierungen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland interviewt Willi Gasper die beiden Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder und Peter Altmeier (beide CDU). (Quelle: SR-Archiv, Sendedatum: 23.10.1963)

1959 wurde Willi Gasper – auf Vorschlag der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Demokraten im Saarländischen Landtag“ an den Intendanten Franz Mai – Leiter des SR-Korrespondentenbüros in Bonn. Er blieb es 27 Jahre lang bis 1986. Bereits zwischen 1950 und Ende 1952 war er, damals noch freier Mitarbeiter, als Nachrichtenredakteur für „Radio Saarbrücken“ tätig gewesen. Außerdem arbeitete Willi Gasper bis 1959 noch für den SWF Baden-Baden (Südwestfunk, heute SWR) sowie für die Zeitungen „Die Welt“, „Rheinpfalz“ und zuletzt als Redakteur für die „Saarbrücker Allgemeine Zeitung“, die von der Deutschen Sozialdemokratischen Partei (einem der beiden Vorläufer der SPD an der Saar) herausgegeben wurde. Während des Abstimmungswahlkampfs war Willi Gasper 1954 in die SPD eingetreten.

 (Foto: SR)
Willi Gasper: baute das SR-Büro in Bonn auf. (Foto: SR)

Die ältesten im SR-Hörfunk-Archiv vorhandenen Kommentare aus Bonn stammen von Willi Gasper und beschäftigen sich 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer. Willi Gasper kommentierte am 12. August die „Deutschlandfrage“ und am 14. August die „Willkürmaßnahmen des Sowjetregimes“.

SR-Fundstücke: Willi Gasper-Kommentar vom 14.08.1961
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SR-Fundstücke: Willi Gasper-Kommentar vom 14.08.1961
In der Sendung "Stimme des Tages" berichtet Willi Gasper am 14. August 1961 aus Bonn, einen Tag nach dem Bau der Berliner Mauer. Den von einem Redakteur geschriebenen Rahmentext zu den Beiträgen liest der Sprecher O.K. Müller vor. "Moderierende Redakteure wurden erst später eingeführt. (Quelle: SR-Archiv)

In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung sind mehrere Interviews von Willli Gasper dokumentiert und verschriftet online abrufbar. Das älteste stammt vom 8. Dezember 1959, ausgestrahlt in der Sendung „Stimme des Tages“. Willi Gasper befragte darin den SPD-Bundestagsabgeordneten Helmut Schmidt über militärpolitische Fragen. Auch der SPD-Vorsitzende Willy Brandt wurde mehrfach von Willi Gasper interviewt.

 (Foto: SR)
SR-Korrespondent Hans Bursig kommentierte regelmäßig auch in den SR-Tagesthemen. (Foto: SR)

Ab 1961 regierte die DPS (wie die Saar-FDP damals noch hieß) im Saarland mit – als neuer alleiniger Koalitionspartner der CDU. 1964 wurde Hans Bursig zweiter Korrespondent im Bonner SR-Studio (neben Willi Gasper). Er war FDP-Mitglied und zuvor Chefredakteur der in diesem Jahr eingestellten FDP-Wochenzeitung „Das freie Wort“ gewesen. Während des Abstimmungswahlkampfes vor der Saar-Rückgliederung war Bursig auch für die Zeitung „Deutsche Saar“ der DPS (so hießen die Saar-Liberalen) tätig gewesen, erinnert sich Klaus Altmeyer.
Von 1977 bis 1980 wechselte Bursig für den SR als innenpolitischer Redakteur zu ARD-Aktuell nach Hamburg und prägte die damals neue Sendung „Tagesthemen“ mit, u. a. auch mit seinen politischen Kommentaren. Danach übernahm Hans Bursig beim SR die Leitung der Abteilung Politik. Er kommentierte auch aus Saarbrücken weiterhin regelmäßig im ARD-Fernsehen.

SR-Fundstück: Bursig kommentiert
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SR-Fundstück: Bursig kommentiert
Ausschnitt aus dem Tagesthemen-Kommentar von Hans Bursig zu gestiegenen Bezinpreisen, gesendet am 25.09.1984. (Quelle: SR-Archiv)

Von Bursig sind ebenfalls in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung mehrere SR-Interviews abrufbar. 1986 ging Bursig wieder als SR-Korrespondent nach Bonn und wurde bis zu seinem Tod 1990 Leiter des Büros.

 (Foto: SR)
Hans-Heinz Schneider: erst Pressesprecher dann Bonner SR-Korrespondent (Foto: Schneider privat/SR)

Bereits 1969 war mit dem Politologen Hans-Heinz Schneider (20. 6. 1934 bis 3. 7.2014) ein weiterer Korrespondent in das Bonner Büro gekommen. Er blieb dort bis 1997. Schneider war zuvor persönlicher Referent des Berliner Finanzsenators und später in Bonn Pressereferent im Bundesvertriebenen-Ministerium. Der „Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“ war von 1966 bis 1969 Kai-Uwe von Hassel (CDU). Auch Schneider war CDU-Mitglied. Er engagierte sich über seine Korrespondententätigkeit hinaus im SR auch im Programmmitarbeiter-Ausschuss und arbeitete z. B. sehr engagiert mit bei der Vorbereitung einer „Niederländischen Woche“.

Das Büro der SR-Korrespondenten war seit 1960 im Haus des WDR in der Dahlmannstraße, in unmittelbarer Nähe des Bundestages. Ein Fernseh- und vier Hörfunkstudios gab es dort. Die Technik im WDR-Haus stellte für den SR, für Radio Bremen und für den Hessischen Rundfunk der Bayerische Rundfunk zur Verfügung. In diesem Haus arbeiteten ab 1960 die meisten Radio- und Fernseh-Korrespondenten der ARD – bis 1999, also bis zum Umzug von Bundesregierung und Bundestag nach Berlin.

 (Foto: SR)
Das WDR-Haus in Bonn, in dem auch der SR sein Bonner-Büro hatte. (Foto: WDR/Heinz Karnine)

Alle Korrespondenten berichteten und kommentierten grundsätzlich „nur“ für ihren eigenen Sender. Eine Kooperation wie ab 1999 im Hauptstadtstudio in Berlin gab es nicht. Aber so manche  Korrespondentinnen und Korrespondenten produzierten trotzdem Beiträge für andere Sender – gegen zusätzliches Honorar. Die „Fleißigen“ konnten sich so durchaus ein „kleines Gehalt“ nebenher verdienen.
Es gab zu dieser Zeit noch keine Privatradios und keine öffentlich-rechtlichen Info-Radios. Der Bedarf der Sender an Beiträgen war wesentlich geringer. Es ging alles viel gemütlicher zu als nach dem Umzug der Korrespondenten in die neue Hauptstadt Berlin.

Auch der Alkohol spielte damals, bei Journalisten wie bei Politikern, eine „nicht unbedeutende Rolle“ – anders als das heute der Fall ist. Manchmal half er auch, Interview-Termine zu bekommen.

 (Foto: SR)
Der SPD-Politiker Egon Bahr: ein wichtiger Mitgestalter der SPD-Ostpolitik und häufiger Interviewpartner der Bonner SR-Korrespondenten. (Foto: dpa)

Es war Mitte der achtziger Jahre. Ich sollte als neuer Korrespondent (der vierte des SR neben Gasper, Bursig und Schneider) ein Interview mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Egon Bahr (Abrüstungsexperte seiner Partei) aufzeichnen. Es ging um die damals in der SPD sehr heiß diskutierten Abrüstungsfragen zwischen Ost und West. Der Pressesprecher weigerte sich aber, mir das Interview zuzusagen. In meiner Not bat ich ihn, doch mal selbst mit Egon Bahr sprechen zu können. Er stellte mich tatsächlich durch. Ich kam aber gar nicht dazu, meine Bitte vorzutragen. Egon Bahr sagte nur: „Habt ihr eine gute Flasche Rotwein da?“ Hatten wir nicht, aber ich versprach: „Daran wird es nicht scheitern, Herr Bahr“. Dann sagte er nur noch: „Ich komme gleich rüber“.

Jetzt war guter Rat teuer, woher so schnell den Wein nehmen. Unsere Assistentin Ria Peters, seit vielen Jahren im Bonner Büro, wusste natürlich Rat. Direkt vor dem Eingang des Bundestages gab es einen Kiosk der gehobenen Kategorie. Ria Peters eilte dorthin. „Herr Rausch“, so hieß der Besitzer, „ich brauche eine Flasche von dem Wein, den der Egon immer trinkt“. Wenige Minuten später stand sie mit der Flasche Rotwein wieder im Büro. Egon Bahr kam, wir tranken die erste Hälfte der Flasche vor dem Interview, besprachen in der Zeit auch das politische Thema und nach dem Interview haben wir den Rest getrunken (ich ein bisschen weniger). Das Interview war im Kasten.

 (Foto: SR)
Das „Bundesbüdche“: ein legendärer Kiosk vor dem Bundestag (Foto: dpa)

Ria Peters übrigens war ein Bonner Urgestein, mit Leib und Seele eine echte Bonnerin aus dem Stadtteil Lengstorf. Beim Rheinischen Karneval mitzumachen, war für sie selbstverständlich. Gearbeitet haben an den Karnevalstagen nur die Kolleginnen und Kollegen, die über den Karneval berichteten, alle anderen feierten. Da gab es für Ria Peters keine Kompromisse.
Als der „Aktuelle Dienst“ einmal morgens an Weiberfastnacht aus dem Saarbrücker Funkhaus anrief und einen ernsten politischen Beitrag von mir haben wollte, wurde die Saarbrücker Kollegin am Telefon von Ria Peters barsch abgefertigt: „Der Jansen ist total betrunken, der kann keinen Beitrag machen, und merken sich mal da in Saarbrücken, hier ist Karneval.“ Tatsächlich hatte ich noch keinen Tropfen getrunken, aber an solchen Tagen führte Ria das Kommando. Mir blieb nichts anderes übrig, als nach diesem Gespräch mit ihr in den Bundestag zu gehen. Da trat die Bonner Prinzengarde auf, und wir zwei machten, wie so viele andere Bonner Kolleginnen und Kollegen, mit beim „Stippefötche-Tanz“ der Garde. 

(Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Mitarbeit: Klaus Altmeyer, Marina Bollig, Thomas Braun, Dieter Brennecke, Alwin Brück, Michael Fürsattel, Beate Heitz, Otto Klinkhammer, Barbara Meisberger, Sven Müller, Eva Röder - Gestaltung/Layout, Roland Schmitt - Bilder/Recherche)

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