Schneideraum 1966 (Foto: SR)

SR-Kinderfunk: Kichern in Live-Sendungen streng verboten

 

Ich war „Naseweis“ – jedenfalls wurde ich, Gisela Zick (damals Kühn), so genannt beim Kinderfunk von Radio Saarbrücken und später beim Saarländischen Rundfunk. Warum ich diesen Radio-Namen bekam? Nun, vielleicht hing das ja auch damit zusammen, wie ich überhaupt ein Funk-Kind wurde. Denn mein „Bewerbungslied“ war zwar mächtig „in“ anfangs der 50er Jahre und überdies korrekt vorgetragen – aber wirklich alles andere als passend.

Es muss 1953 gewesen sein. Helga Jakobi, die Tochter des „Märchenonkels“ von „Radio Saarbrücken“, und ich gingen in dieselbe Klasse der „Volksschule“, wie sie damals hieß. Als Kind konnte ich ziemlich schön singen. Deshalb fragte mich Helga, ob ich nicht Lust hätte, im Radio in der neuen Gruppe der „Funkkinder“ mitzumachen. Ich hatte und wurde bald in die „Wartburg“ bestellt, damals das Rundfunkgebäude in Saarbrücken. Dort sollte ich in einem Studio ein Lied singen. Also sang ich: „Blaue Nacht, oh blaue Nacht am Hafen“. Man sah sich etwas betreten an: Ich war gerade mal acht Jahre alt. Und sang vom Seemann, der seine Hafen-Liebe zärtlich in die Arme nahm. Es war ein Schlager von Lale Andersen. Aber ein Kinderlied konnte ich nicht.

Christa Frischkorn (Foto: C. Heimrich-Frischkorn)
„Tante Christa“ (Heimrich-Frischkorn): betreute den

Wer zu den Begutachtenden gehörte, das weiß ich nicht mehr. Aber „Tante Christa“ war wohl dabei, denn sie suchte 1953 neue Funk-Kinder für ihre erste Sendung am Neujahrstag 1954. Alle jedenfalls waren wohlwollend und gaben mir eine zweite Chance. Mir wurde aufgetragen, zwei Kinderlieder zu lernen und dann nochmal wiederzukommen. Das machte ich dann und war danach einer von Tante Christas „Funkhasen“. Es war aufregend. Wir probten oft. Und Christa eröffnete uns dabei musische Bereiche, die ich sonst nie kennen gelernt hätte: Flöte spielen, Ballett tanzen, Theater spielen. Unter ihrer Anleitung probierten wir alles aus, wurden gefördert. Bald war „der Funk“ mein zweites Zuhause.
Das Funkhaus benutzten wir als Abenteuerspielplatz. So schlichen Mit-Funk-Kind Michael Faust, der sich später beim SR und anderswo einen guten Namen als Kameramann machte, und ich durch den dunklen Sendesaal, spielten Verstecken. Ich erinnere mich, wie wir im Funkhaus Wartburg die Krönung von Elisabeth II. im Fernsehen anschauten. Das war sensationell, denn damals hatte kaum jemand einen Fernseher zu Hause. Die Krönung am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey war die erste, die im Fernsehen übertragen wurde.

Gisela Zick als Funkkind 1954 (Foto: Gisela Zick)
Gisela Zick (Kühn) 1954 als Funk-Kind im Hof des Funkhauses Wartburg.

 (Foto: SR)
Erst Gemeindesaal, dann Sendesaal: Der große Saal im Funkhaus Wartburg. (Foto: SR)

An die Sendungen selbst habe ich nicht so viele Erinnerungen, außer, dass wir bei Live-Sendungen viel Quatsch gemacht haben und natürlich nicht kichern durften. An die öffentlichen Auftritte erinnere ich mich dagegen gut. Zu Weihnachten wurde ja immer Theater gespielt, mir hat das großen Spaß gemacht und meist viel Applaus eingebracht. Lange Zeit wollte ich auch Schauspielerin werden. Der Applaus kann einem schon den Kopf verdrehen. Jahrelang traten wir bei Weihnachtsfeiern der Saarbergwerke auf. Wir sangen, sagten Gedichte auf und bekamen dafür Weihnachtstüten gefüllt mit den schönsten Leckereien. Welcher Luxus in dieser Zeit!

Eine Zeitlang hat der später berühmte saarländische Opernsänger Siegmund Nimsgern mit uns Theater gespielt. Ich war schon ein Teenager, damals so 14 oder 15 Jahre alt. Er war vier Jahre älter. Und natürlich schwärmte ich für ihn. Während der Proben durfte ich mit ihm zusammen im Duett singen: „Bei Männern, welche Liebe fühlen …“, Zauberflöte, unvergesslich.

Auf dem Bild unten vom Weihnachts-Theaterstück von 1957 ist Siegmund Nimsgern hinten links zu sehen. Außerdem in der vorderen Reihe v. l. n. r.: außen Annerose Decker, die beiden folgenden unbekannt (die drei Sternchen im Tutu), dann Karin Franke und Jutta Eckler (die beiden größten Mädchen), danach Claudia Hermann und unbekannt. Hintere Reihe: Siegmund Nimsgern als Mond, Christa Heimrich-Frischkorn als Teufel, Gisela Zick (als Kasper) und Christl Brand.

„Das Märchen vom verlorenen König“ mit Siegmund Nimsgern (obere Reihe, l.), Weihnachten 1957 (Foto: G. Zick privat/SR)

Und früh schon sprach ich in Hörspielen und im Schulfunk kleine Rollen: als Kind zwischen Schauspielern, die so anders redeten und lebten, als ich es von zu Hause kannte. Die Welt öffnete sich – ich hörte zu und saugte alles auf. Dann gab es noch die Sendung: „Für unsere kranken Hörerkinder“. Die machten einige von uns zusammen mit dem Märchenonkel.

Auch einen frühen Ausflug ins Fernsehen zu „Tele Saar“ (dem ersten Fernsehen an der Saar, von 1953 bis 1958 ausgestrahlt) habe ich in Erinnerung. Dort wurden die Fernsehspiele live gesendet – also ohne vorherige Aufzeichnung und Schnitte, alles in einem „Rutsch“. Über andere Möglichkeiten verfügte der kleine Privatsender noch nicht. Wir Funk-Kinder durften mit den Schauspielern in den Kulissen herumstehen. Ich erinnere mich an eine Situation, in der eine Kulissentür klemmte und damit ein Auftritt verhindert wurde. Man kann sich vorstellen, was für Schimpfkaskaden da hinter den Kulissen losgingen, bis eine Improvisation gefunden wurde, alles live.
Oder: Es gab eine tolle Ansagerin bei „Telesaar“: Hedy Ballier. Sie wurde später eine der ersten Lottofeen beim HR in Frankfurt. Zu uns Kindern war sie besonders nett. Es gab zu der Zeit bunte Abende als öffentliche Veranstaltungen im Saarbrücker „Johannishof“. Hedy Ballier nahm uns immer schon nachmittags mit in die Proben, wo wir den aktuellen Schlagerstars begegneten.

Märchenonkel Werner Jacobi mit Funkkindern (Foto: Gisela Zick)
„Märchenonkel“ Werner Jakobi machte auch die Sendung „Für unsere kranken Hörerkinder“, hier im Hof des Funkhauses Wartburg mit den Funk-Kindern v. l.: Christl Brand, Karin Franke, Gisela Zick (Kühn) und r. unbekannt (ca. 1954).

Am Abend selbst wurden wir als „Heinzelmännchen“ verkleidet ins Publikum geschickt, um „Bohnerwachsdosen“ zu verteilen. Wir gingen durch den Mittelgang im Publikum und warfen die Dosen in die Reihen. Mir passierte es einmal, dass ich die Dose jemandem an den Kopf warf. Die Dose ging auf, der Getroffene war darüber äußerst erbost. Er drohte mir Prügel an, wollte mich verfolgen – die Dosen waren nämlich ziemlich groß, so wie Gebäckdosen ungefähr. Mein „Treffer“ war also schmerzhaft. Alles andere jedenfalls als die beabsichtigte Bohnerwachs-Werbung! Ich konnte mich nur durch schnelle Flucht retten. Bis heute habe ich das nicht vergessen.

Tja, was habe ich mit meinem Honorar gemacht? Ich durfte das Geld behalten. Da kam schon einiges zusammen. Wie viel, weiß ich nicht mehr. Aber ich konnte mir viele Wünsche erfüllen, zum Beispiel mir Kleider nähen lassen bei unserer Familien-Schneiderin (das machte man damals so), ich konnte mir Schallplatten leisten und Bücher, und ich hatte immer Geld, um in der neu eröffneten Eisdiele „Venezia“ an der Wilhelm-Heinrich-Brücke in Saarbrücken Eis essen zu gehen.

Auch beim Übergang ins Gymnasium half uns Christa. Sie übte mit uns, damit wir die Aufnahmeprüfung bestanden und war dann stolz auf uns. So blieb das viele Jahre. Lehrer und Mitschüler standen der Arbeit beim Funk positiv gegenüber. Es bürgerte sich ein, dass man mich früher entließ, wenn ich sagte: „Ich muss heute früher gehen, ich habe Funk.“ Ich gebe zu, dass ich das auch manchmal ausgenutzt habe.

Erst mit 16 Jahren hörte ich mit dem Kinderfunk auf. Christa war immer an meiner Seite, wenn ich sie brauchte, eher unmerklich. Mehr kann man sich als junger Mensch nicht wünschen. Ich verdanke dem Kinderfunk alles! Ich fand ein Gegengewicht zu meinem Elternhaus, das mir den Mut gab, meinen eigenen Weg zu gehen.

(Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Mitarbeit: Sven Müller, Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt, Bilder/Recherche))

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