Ein Screenshot einer mutmaßlichen Betrüger-Website (Foto: SR)

Prozessauftakt wegen Multi-Millionenbetrug

Caroline Uhl / Niklas Resch   28.04.2022 | 10:33 Uhr

Am Landgericht Saarbrücken beginnt am Dienstag einer der größten Betrugsprozesse, die es jemals im Saarland gegeben hat. Den Termin hat das Gericht dem SR bestätigt. In dem Prozess geht es um Online-Betrug - über 1100 Anleger sollen um insgesamt mehr als 40 Millionen Euro geprellt worden sein.

Seit gut dreieinhalb Jahren haben die Ermittler aus Saarbrücken gegen das mutmaßliche Betrügernetzwerk ermittelt, 35 Razzien in mehreren europäischen Ländern durchgeführt und insgesamt 5,1 Terabyte Daten gesichert. Am Dienstag startet nun der Prozess gegen einen ersten Angeklagten.

Es handelt sich dabei um den 29 Jahre alten Azem S.. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Er soll Teil einer Bande sein, die mit gezinkten Onlinetrading-Plattformen Anleger um ihr Erspartes gebracht hat.

Per Telefon zum Einzahlen überredet

Die Masche: Auf den Onlinetrading-Portalen mit Namen „XMarkets.com“, „Zoomtrader“, „Option888“, „TradeInvest90“ und „TradoVest“ boten die Betreiber vermeintlich lukrative Finanzwetten an. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft haben Berater aus osteuropäischen Call-Centern die Anleger überredet, immer mehr Geld an die Portale zu überweisen.

Am Ende war meist alles weg. Das eingezahlte Geld der Anleger soll nur zum Schein in Finanzwetten geflossen sein, tatsächlich aber direkt in die Taschen der mutmaßlichen Betrüger.

Im Urlaub verhaftet

Ein solches Call-Center soll im Kosovo auch der Angeklagte S. gemeinsam mit einem Kompagnon betrieben haben. Sein Verteidiger, der Saarbrücker Rechtsanwalt Walter Teusch, wollte sich auf SR-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Er kritisierte aber, dass sein Mandant schon seit über zweieinhalb Jahren ohne Prozess hinter Gittern sitzt.

Im Sommer 2019 hatten die Saarbrücker Ermittler das Call-Center gemeinsam mit den kosovarischen Behörden ausgehoben. Wenig später wurde S. im Sommerurlaub in Albanien verhaftet. Er saß dort anschließend rund ein Jahr in Auslieferungshaft, seit Sommer 2020 wartet er in Deutschland auf seinen Prozess.

Über 1100 Fälle vor Gericht

Der Schaden, der der Bande, der auch S. angehören soll, zugerechnet wird, ist immens: Allein im Prozess vor dem Landgericht geht es um eine Schadenssumme von rund 42 Millionen Euro, verteilt auf über 1100 Anleger, darunter auch Saarländer. Der höchste Einzelschaden beträgt laut Staatsanwaltschaft 5,5 Millionen Euro, im Schnitt sind es 35.000 Euro pro Betroffenem.

Vor Gericht geht es dabei nur um die Fälle, bei denen die Geschädigten entweder Strafanzeige erstattet haben oder deren Schaden über 5000 Euro lag. Der Schaden, den die Bande insgesamt angerichtet hat, ist also mutmaßlich noch deutlich höher. Die Ermittler gehen nach einer Datenanalyse von erbeuteten 115 Millionen Euro aus. Deshalb handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch um das größte Betrugsverfahren, das die Behörde jemals zur Anklage gebracht hat.

Zwar hatte es vor einigen Jahren einen ebenfalls spektakulären Betrugsprozess vor dem Landgericht gegeben: Im sogenannten CTS-Prozess war es um einen tatsächlich erlittenen Schaden in Höhe von rund 74 Millionen Euro gegangen.

Das Ausmaß des mutmaßlichen Cybertrading-Betrugs, um den es ab Dienstag gehen wird, ist jedoch gemessen am dem der Bande zuzuordnenden Gesamtschaden größer. Auch die Organisationsstruktur der mutmaßlichen Tätergruppierung und der betriebene Aufwand der hiesigen Ermittlungsbehörden sind in hohem Maße außergewöhnlich beziehungsweise noch nie dagewesen.

866 Ordner mit Unterlagen

Die Anklageschrift ist 728 Seiten dick, die gesamten Unterlagen füllen 866 Ordner. Zunächst hat das Gericht für die Hauptverhandlung 28 Termine angesetzt.

Auch der eigentliche Hauptverdächtige, der als möglicher Kopf der Gruppierung galt, war im Rahmen des Ermittlungsverfahrens verhaftet worden. Er saß erst in Wien, später in Saarbrücken in Untersuchungshaft. Er war im Sommer 2020 in der JVA Lerchesflur an einer Medikamentenüberdosis gestorben. Die genauen Umstände seines Todes bleiben unklar.

Das Geschäft mit zwielichtigen Cybertrading-Portalen geht unterdessen unvermindert weiter. Nach wie vor werben windige Anbieter im Internet und in sozialen Medien um arglose Anleger und versprechen hohe Renditen.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 27.4.2022 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja