Ein Screenshot einer mutmaßlichen Betrüger-Website (Foto: SR)

Hauptverdächtiger starb an Überdosis Medikamenten

Caroline Uhl / Niklas Resch   04.09.2020 | 14:45 Uhr

Der Anfang Juli in der Untersuchungshaft verstorbene Hauptverdächtige im wohl größten Online-Betrugsverfahren europaweit ist an einer Überdosis verschiedener Medikamente gestorben. Das ergab das toxikologische Gutachten.

Der 56-Jährige aus dem Sauerland war tot in seiner Zelle in der JVA Saarbrücken aufgefunden worden. Er galt als Kopf einer Bande, die hunderttausende Anleger um ihr Geld brachte. Insgesamt geht es nach Recherchen SR und NDR um mehrere hundert Millionen Euro.

Vier Arzneien in zu hoher Dosis

Wie das Justizministerium dem SR mitteilte, konnten Mediziner bei dem toxikologischen Gutachten vier verschiedene Medikamente in ungewöhnlich hoher Dosis nachweisen. Zwei der Medikamente waren dem 56-Jährigen demnach ärztlich verordnet und in der JVA Saarbrücken verabreicht worden. Bei den anderen beiden sei dagegen unklar, wie der Häftling an sie gelangt war.

Ein Fremdverschulden schließen die Ermittler in dem Todesfall aus. Unklar bleibt jedoch, ob der 56-Jährige aus dem Sauerland Suizid begangen hat. Die Wirkstoffe wurden laut Justizministerium in „übertherapeutischer, toxischer bzw. einmal hochtoxischer Konzentration festgestellt“. Dies lasse aber keine Rückschlüsse darauf zu, ob der Mann bewusst eine Überdosis eingenommen oder versehentlich zu viele Medikamente geschluckt habe. Ein Abschiedsbrief wurde den Angaben zufolge nicht gefunden.

Medikamenten-Vorrat in der Zelle

Als der Mann in der Vergangenheit psychologisch begutachtet worden sei, habe es ebenfalls keine Anzeichen auf eine Suizidgefahr gegeben. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass der Mann Medikamente gehortet hatte. Wie das Justizministerium mitteilte, wurde in seiner Zelle ein „kleinerer Vorrat“ gefunden. Endgültige Klarheit über die Todesumstände wird es jedoch nicht geben. Laut Justizministerium wird das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil es keine Grundlage für weitere Ermittlungen gebe.

Gezinkte Geldanlage-Plattformen

Bei den Ermittlungen gegen den 56-Jährigen ging es um den Verdacht des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Konkret soll er der Kopf einer Gruppe gewesen sein, die mit gezinkten Geldanlage-Plattformen im Internet bis zu 200.000 Deutsche betrogen haben soll. Nach Recherchen von SR und NDR könnte der Schaden allein in Deutschland in die hunderte Millionen Euro gehen.

Im vergangenen Jahr hatte es insgesamt 35 Razzien in fünf verschiedenen Ländern gegeben. Die Ermittler hatten mehrere Terabyte an Daten sichergestellt und sind seitdem mit deren Auswertung beschäftigt. Bei den Saarbrücker Ermittlungen geht es insgesamt um fünf Onlinetrading-Plattformen „Option888“, „ZoomTrader“, „TradeInvest90“, „TradoVest“ und „XMarkets“. Die Portale versprachen Anlegern gute Gewinne mit Online-Finanzwetten.

Konkret ging es beispielsweise darum, auf das Steigen oder Fallen von Aktienkursen zu wetten. Die Ermittler vermuten jedoch, dass die Plattformen gezinkt waren – dass die Hintermänner das Geld der Anleger sofort nach Einzahlung einstrichen und die Anleger nie eine Chance auf einen Gewinn hatten. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass es insgesamt hunderte Plattformen gibt, die mit dieser oder einer ähnlichen Masche arbeiten.

Nach dem Tod des Hauptverdächtigen hatte die Saarbrücker Staatsanwaltschaft angekündigt, dennoch weiter gegen die Gruppierung zu ermitteln. Zuletzt liefen Verfahren gegen 13 Beschuldigte.

Über dieses Thema wurde auch in den SR-Hörfunknachrichten vom 04.09.2020 berichtet.

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