Ein Screenshot einer mutmaßlichen Betrüger-Website (Foto: SR)

Mutmaßlicher Millionen-Betrüger in Saarbrücker U-Haft

Niklas Resch / Caroline Uhl / Jan Lukas Strozyk / Christian Deker   20.12.2019 | 09:34 Uhr

Im wohl größten Onlinebetrugs-Verfahren europaweit sitzt der Hauptverdächtige jetzt in Saarbrücken in U-Haft. Er soll Kopf einer Gruppierung sein, die Anleger mit fingierten Finanzwetten um Millionen geprellt haben soll. Trotz dieses Ermittlungsverfahrens laufen die Geschäfte mit zweifelhaften Anlage-Angeboten im Internet weiter.

Die österreichische Polizei hatte den Hauptverdächtigen bereits im Januar verhaftet – über Monate saß er in Wien hinter Gittern. Mittlerweile ist der Geschäftsmann an die Bundesrepublik ausgeliefert worden, wie die Saarbrücker Staatsanwaltschaft dem SR bestätigte.

Einzahlungen gleich abgezweigt?

Die Saarbrücker Behörde leitet das Ermittlungsverfahren gegen den gebürtigen Sauerländer sowie vier weitere Männer. Einer von ihnen sitzt seit August in Albanien in Untersuchungshaft, auch er soll nach Deutschland ausgeliefert werden. Der Vorwurf gegen die Gruppierung: gewerbsmäßiger Bandenbetrug mit fünf Online-Plattformen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft äußerte sich der Hauptverdächtige bisher nicht zu den Vorwürfen. Sein Anwalt ließ Anfragen des SR bisher unbeantwortet.

Video [aktueller bericht, 20.12.2019, ab Minute 15:26]
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Die Plattformen heißen "Option888", "TradeInvest90", "TradoVest", "ZoomTrader" und "XMarkets" und versprechen Anlegern gute Gewinne mit Online-Finanzwetten. Konkret geht es beispielsweise darum, auf das Steigen oder Fallen von Aktienkursen zu wetten. Doch die Ermittler vermuten, dass die Plattformen gezinkt sind – dass die Hintermänner das Geld der Anleger sofort nach Einzahlung einstreichen und die Anleger dann leer ausgehen.

Allein aus Deutschland hatten sich über 200.000 Interessierte auf den fünf Plattformen registriert. Nach Recherchen von SR und NDR könnte der Schaden in die hunderte Millionen Euro gehen.

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Wann es zur Anklageerhebung gegen den 56-Jährigen kommt, ist laut Staatsanwaltschaft derzeit noch nicht absehbar. Ermittler sind dabei, mehrere Terabyte an Daten auszuwerten, die sie bei insgesamt 35 Razzien in fünf verschiedenen Ländern sichergestellt hatten. Es ist das wohl größte Ermittlungsverfahren dieser Art, das es jemals in Europa gab.

Dabei scheinen die Saarbrücker Ermittlungen wegen der fünf Plattformen nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Die Ermittler gehen von hunderten verschiedenen Trading-Portalen dieser Art aus – die Hintermänner sind meist unbekannt. Vorwiegend über soziale Netzwerke ködern die Plattformen immer noch weitgehend ungehindert Anleger. Seitdem SR und NDR im Juli erstmals über die mutmaßliche Betrugsmasche berichtet hatten, haben sich zahlreiche Betroffene gemeldet – aus ganz Deutschland, aber auch aus anderen Ländern weltweit. Unter ihnen waren Anleger, die bis zu fünfstellige Summen verloren haben.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 20.12.2019 berichtet.


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