Schloss Halberg 1950 (Foto: SR)

Schloss Halberg: im Krieg, beim Umbau und als Botschafterresidenz

SR-Zeitzeugen erinnern sich

 

Von Axel Buchholz

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs war der Halberg noch ein „Rundfunkberg“ geworden. Die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG) hatte Schloss und Berg am 28. Juli 1939 für 538.000 Reichsmark vom Landkreis Saarbrücken gekauft. Beides war zuvor Eigentum der Industriellen-Familie Stumm gewesen. Nun sollte dort der Reichssender Saarbrücken endlich ein eigenes Funkhaus bekommen. Das war auch nötig, denn der Sender arbeitete an inzwischen an vier Standorten in Saarbrücken.

Als erstes Sendergebäude war 1935 die „Villa Davidson“ am damaligen Eichhornstaden Nr.11 (heute: Staden) gemietet worden. 1939 hatte die RRG sie gekauft. Dann kam das beschlagnahmte Haus der Arbeiterwohlfahrt in der Hohenzollernstraße 45 mit einem großeren Studio hinzu. Gemietet wurden außerdem noch der Brausaal der Gastwirtschaft „Zum Stiefel“ am St. Johanner Markt (vor allem für Orchesteraufnahmen) sowie Räume im ehemaligen Bankhaus G. F. Grohe-Henrich & Co. in der Wilhelm-Heinrich-Straße 33 – 35 für Intendanz, Redaktionen und Verwaltung.

Mehr zum „Geburtshaus des Rundfunks an der Saar“ und zu den Studios im Haus der Arbeiterwohlfahrt:

Nach zuvor gescheiterten Bauplanungen auf dem Wackenberg und dem Kaninchenberg wurde schließlich mit dem Halberg ein geeignetes Gelände erworben. Trotzdem wurde aus dem Funkhaus-Bau dort nichts. Der Kriegsbeginn Anfang September machte diese Pläne zunichte. Ins Schloss Halberg zogen statt der Rundfunkleute jetzt vor allem Soldaten ein. Nur einige Verwaltungsmitarbeiter des Reichssenders Saarbrücken hatten dort vorübergehend ihre Büros, nachdem ihre vorherigen zerbombt worden waren.

An den Halberg als „Militärberg“ konnte sich der spätere SR-Chefredakteur und Hörfunkdirektor Otto Klinkhammer (*13. 4. 1928; †1. 4. 2020) noch gut erinnern. Als 16-Jähriger wurde er als Luftwaffenhelfer auf den Halberg gebracht: „Da war dort auch eine Auffangstation für aus Frankreich rückgeführte deutsche Soldaten. Wir, ungefähr 20 bis 30 Leute, waren in Baracken untergebracht, die wohl auf der Fläche des jetzigen großen Parkplatzes standen.“ Der Saarbrücker Lokalhistoriker Stefan Weszkalnys vermutet allerdings einen anderen Standort: „Eine sorgfältige Betrachtung der Luftaufnahme des Halbergs von 1945 im Buch „Saarbrücken – Entdeckungen von oben“ (2014, S.199) lässt keine Baracken auf dem heutigen Parkplatzgelände erkennen, wohl aber östlich des ehemaligen „Pferdestalls“ und Wasserturmes eine große Freifläche, die am Nord- und Südrand von je einer langen Barackenreihe gesäumt sein kann.“ Demzufolge hätten die Baracken also dort gestanden, wo nach dem Krieg der französische Militärgouverneur Gilbert Grandval seinen Reitplatz anlegen ließ und heute das SR-Hörfunkgebäude steht. Auf dem Titelbild von Schloss Halberg ist oben links auch noch eine Freifläche zu sehen.

Otto Klinkhammer (Foto: R. Oettinger)
Zeitzeuge Otto Klinkhammer war später SR-Chefredakteur und Programmdirektor Hörfunk. dem Halberg.

Klinkhammer gehörte zum dritten Schülerjahrgang der Luftwaffenhelfer (LH). Als erste wurden ab Anfang 1943 nur Ober- und Mittelschüler aus den Jahrgängen ab 1926 per „Heranziehungsbescheid“ dienstverpflichtet. Sie mussten mindestens 15 Jahre alt sein. Parallel zur militärischen Ausbildung an den Flakgeschützen (Flak: Abkürzung für Flugabwehrkanonen) und für Hilfsarbeiten bekamen sie in der ersten Zeit noch Schulunterricht durch ihre bisherigen Lehrer. Anstelle der normalen Abiturprüfungen erhielten sie in der Regel ein „Notabitur“. Anfangs waren nur die Jungs betroffen, später teilweise auch die Mädchen als Flakhelferinnen.

Reifevermerk (Foto: SR/Uwe Fürst)
Den Luftwaffenhelfern wurde statt des Abiturs ein „Reifevermerk“ bescheinigt. 

Bei der Luftwaffe wurden die Schüler und Schülerrinnen zur Abwehr feindlicher Luftangriffe eingesetzt. Sie kämpften in den Flakbatterien Seite an Seite mit voll ausgebildeten regulären Soldaten. Dort sollten sie die vielen Luftwaffensoldaten ersetzen, die im September 1942 per „Führerbefehl“ von der Luftwaffe zum Kampfeinsatz beim Heer oder der Marine abgeordnet worden waren. Deshalb wurde die Funktionsbezeichnung „LH“ an ihren Uniformen spöttisch von „Luftwaffenhelfer“ zu „Letzte Hoffnung“ umgedeutet. Viel mehr als Hoffnung blieb diesen Schülersoldaten bald aber auch selbst nicht mehr. Aus anfänglich häufiger Begeisterung für den Dienst für „Führer, Volk und Vaterland“ war schnell blutiger Ernst geworden.

Allein am 11. Mai 1944, einem sonnigen Frühlingstag, starben in Saarbrücken bei einem amerikanischen Bomberangriff am helllichten Tag 16 Luftwaffenhelfer im Alter von 15 bis 17 Jahren. Bomben auf ihre Flakstellung rissen sie abrupt aus ihren jungen Leben. Lokalhistoriker Stefan Weszkalnys bewahrt in seinem Archiv eine amerikanische Luftaufnahme vom 29. 10. 1944 von der Flakstellung auf der Bellevue. Das Bild wurde bei einem Kontrollflug gemacht, der die „Erfolge“ des späteren Doppelangriffs vom 5. 10. 1944 auf Saarbrücken dokumentieren sollte.

Heute erinnert ein Gedenkstein an den Tod der 16 Luftwaffenhelfer. Insgesamt waren nach diesem ersten Großangriff auf Saarbrücken mehr als 200 Tote zu beklagen.

Gedenkstein für die 16 am 11. Mai 1944 ums Leben gekommenen  Saarbrücker Luftwaffenhelfer. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Flakhelfer Otto Klinkhammer hatte Glück. Er kam erst im September 1944 mit den Resten seiner Luftwaffeneinheit vom Einsatz in Lothringen für einige Tage auf den Halberg. Seinen ersten Einsatz dort hatte er in Moyeuvre-Grande (damals Mövern) jedenfalls schon Ende Februar 1943. Da war er noch 15. Dann folgten 1944 Amnéville (damals Stahlheim) und schließlich Gandrange (damals Gandringen). Die Ortsnamen mit Zeitangaben hatte er sorgfältig notiert – unter den Gedichten, die der Schülersoldat damals schrieb. Auf dem Saarbrücker Halberg seien außer ihnen, erzählte er dem Verfasser, noch zahlreiche andere in den Baracken gewesen. Ins Areal des Schlosses selbst sei er als kleiner Luftwaffenhelfer aber nicht hineingekommen. „Da war eine militärische Dienststelle, wohl eine Kommandantur.“

Klinkhammers Einheit gehörte zur „Flakgruppe Saarbrücken“ (Flakregiment 169) – ebenso wie die 16 ums Leben gekommenen Saarbrücker Luftwaffenhelfer mit ihrer Flak-Abteilung 4/631als „schwere Flak“. Die Kommandantur im Schloss Halberg, an die sich Klinkhammer erinnerte, war die seiner Flakgruppe. Sie hatte mit dem dazugehörigen Stab auf Schloss Halberg ihre Dienststelle. Die Flakgruppe unterstand zu dieser Zeit der 21. Flakdivision mit Gefechtsstand in Darmstadt. Dieser Großkampfverband war für die Luftabwehr außer im Rhein-Main-Gebiet unter anderem auch im damaligen „Gau Westmark“ zuständig, zu dem auch die annektierten Teile Lothringens gehörten. So erklären sich Klinkhammers Einsatz in Lothringen, sein kurzer Aufenthalt auf dem Saarbrücker Halberg und seine darauf folgende Verwendung: „Von dort wurden wir dann neu verteilt auf Standorte in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.“

Otto Klinkhammer als Flakhelfer (Foto: SR/A. Buchholz)
Der Kleinste: Otto Klinkhammer als „K2“ (zweiter Richtkanonier) mit Kameraden vor einer häufig eingesetzten „Acht Achter“ – einer Flak mit 88mm Rohrdurchmesser.

 

Klinkhammer wurde nach Mannheim beordert. Erneut hatte er Glück gehabt. Dort am Rhein war er im Einsatz, als Saarbrücken am 5. Oktober 1944 Ziel eines nächtlichen Doppelangriffs wurde. Nach offiziellen Zahlen kamen dabei 361 Menschen ums Leben, 45.000 wurden obdachlos.

Über 500 britische Bomber verwandelten weite Teile von Saarbrückens Innenstadt in eine Trümmerlandschaft. Es war der schlimmste von über 100 Luftangriffen auf den Nazi-Gau Westmark und seine Hauptstadt, die als ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt für Truppen- und Materialtransporte sowie als Industriestandort von großer militärischer Bedeutung war.

Von seiner Zeit als Luftwaffenhelfer erzählte Otto Klinkhammer nur wenig – und wenn, dann alles andere als begeistert. Einem der mörderischen Bombardements auf Mannheim war er nur mit abermals Glück entgangen. Er hatte kurz frei, um Bekannte seiner Eltern zu besuchen. Als er zu seiner Flakbatterie zurückkam, waren die meisten seiner Kameraden tot. Ein Volltreffer hatte ihnen keine Chance gelassen. Denn gerade dann, wenn viele andere wenigstens versuchen konnten, in Bunkern Schutz zu finden, mussten die Flaksoldaten und ihre jugendlichen Helfer fast ungeschützt „die Stellung halten“. Und auch Klinkhamer, meist als Richtkanonier (K 1) für das Ausrichten des Geschützes zuständig, tat es. 

Weihnachtsgedicht Klinkhammer (Foto: SR/A. Buchholz)
Weihnachtsgedicht von Otto Klinkhammer.

Persönliches Kriegsende war für Klinkhammer der 13. April 1945 – sein Geburtstag. Da lag er als Verwundeter in einem Coburger Lazarett. Die Amerikaner hatten die Stadt zwei Tage zuvor besetzt. Ein amerikanischer Sanitätsoffizier schickte ihn von dort ins saarländische Hilbringen nach Hause. „Kinder sind dort besser aufgehoben“, sagte er zur Begründung. Da war Klinkhammer auf den Tag genau 17 Jahre alt. Dass ihm damit, im Gegensatz zu vielen seiner Generation, ein Kriegsgefangenenlager erspart blieb, führte er im Nachhinein auf seine „im Schlafanzug niedlichen 155 cm“ zurück.

 

Alwin Brück (Foto: R. Oettinger )
Zeitzeuge Alwin Brück arbeitete als 14-jähriger Umbauhelfer und mit knapp 30 als SR-Fernsehmoderator auf dem Halberg.

Ein halbes Jahr nach Kriegsende lernte der spätere Zeitungsjournalist, SR-Fernsehmoderator und SPD-Politiker Alwin Brück (*23. 9. 1931; † 14. 2. 2020) den Halberg kennen. Wie er erzählte, war er mit seiner Familie im Mai 1945 aus der Evakuierung in Rheinhessen (Undenheim) zurück ins Saarland gekommen. Da waren erst einmal die Amerikaner die Besatzungsmacht an der Saar. Sie hatten mit der Besetzung des Landes am 20. März das faktische Kriegsende erkämpft. Am 10. Juli übergaben sie den Franzosen die Saar als deren Besatzungszone. Französischer  Militärgouverneur wurde am 30. August 1945 Gilbert Grandval. Bereits ab September/Oktober 1945 ließ er das vom Krieg schwer lädierte Schloss Halberg als seine Residenz wieder aufbauen und dabei nach seinen Plänen rigoros umgestalten.

Er habe „keinen Beruf und ein leeres Portemonnaie“ gehabt, schilderte Brück seine damalige Lage. „Da kam mir eine Tätigkeit bei der Baufirma ‘Hochtief‘ als Bürogehilfe bei den Arbeiten an Schloss Halberg gerade recht. Außer mit etwas Geld wurde ich auch noch mit Zusatzverpflegung entlohnt – was fast wichtiger war.“ Seine Arbeit führte den 14-jährigen Brück ab September/Oktober 1945 dann regelmäßig auf den Halberg: vom Wohnort Holz bis Riegelsberg zu Fuß, von dort per Straßenbahn mit der Linie 10 bis Saarbrücken und weiter (wohl) mit der „1“ zur Haltestelle Halberg. Und von dort zu Fuß auf den Berg zur Baustelle Schloss Halberg.

Mehr zum Schloss-Umbau:

An das Schloss selber hatte Brück kaum Erinnerungen. Zwar sei er auch drin gewesen, sein Arbeitsplatz war allerdings das Baubüro in einem der Räume des Torbogens. Dort habe auch ein deutscher Kriegsgefangener der Franzosen gearbeitet. Eine ganze Reihe anderer Kriegsgefangener war direkt beim Bau beschäftigt. „Sie kamen aus einem Lager, das wohl in Brebach war.“

Worin der Schlossumbau im Einzelnen bestand, hatte Brück nicht mitbekommen. Zu seinen Aufgaben gehörte es, abends die Tagesberichte der Poliere zusammenzustellen. Dabei sei ihm damals aber aufgefallen: „Da gab es jede Menge ,Tagelohn-Stunden‘, die für Abweichungen vom ursprünglichen Bauplan berechnet wurden“. Das alles müsse „wohl sehr teuer geworden sein“. Im Gedächtnis sei ihm geblieben, dass es einmal geheißen habe: „Das hat Frau Grandval nicht gefallen. Das muss geändert werden.“ Es sei wohl um eine bereits verschalte Treppe gegangen.

Brück setzte dann 1946 seine unterbrochene Schulausbildung fort, engagierte sich bei der sozialistischen Jugend „Die Falken“ und wurde 1947 Volontär bei der Saar-Volksstimme, der sozialistischen Tageszeitung des Saargebiets. 

Rund zehn Jahre sollte es dauern, bis Brück, inzwischen Landesvorsitzender der Falken und Redakteur der Saarbrücker Allgemeinen Zeitung (Tageszeitung der SPD an der Saar), den Halberg wiedersah – als Mitglied des ersten Rundfunkrates des Saarländischen Rundfunks. Dorthin hatte ihn der Landesjugendrat entsandt. Brück wählte den ersten SR-Intendanten Dr. Franz Mai mit und war Mitglied der Satzungskommission.

Auch als ein paar Jahre später auf dem Halberg im sogenannten „Pferdestall-Studio“ das SR-Fernsehen begann, war Alwin Brück dabei. Karl-Heinz Reintgen (*3. 11. 1915; † 17. 9. 1990), der spätere Chefredakteur Hörfunk und Fernsehen sowie stellvertretende Intendant, hatte ihn gefragt, ob er nicht die „Abendschau“ (die aktuelle Regionalsendung und Vorgängerin des heutigen „aktuellen berichts“) moderieren wolle: „Das muss so 1961/62 gewesen sein.“ Brück wollte - und fand schnell Gefallen an der Arbeit beim Fernsehen.

Mehr zum provisorischen SR-Fernsehstudio:

Wer sein erster Interviewpartner im Fernseh-Studio war, wusste der ehemalige Politik-Redakteur der SPD-Parteizeitung bis ins hohe Alter: der CDU-Politiker und saarländische Justizminister Julius von Lautz. Das Verabreden der Interviews sei auch seine Aufgabe gewesen. „Das habe ich tagsüber in der Zeitungsredaktion so nebenbei gemacht.“

Mit dem Journalismus und dem Fernsehen war es für Brück dann vorbei, als er 1965 in den Bundestag gewählt wurde. Bis 1990 blieb er SPD-Abgeordneter, knapp neun Jahre davon war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Brück war sich aber sicher: „Wenn ich nicht hauptamtlich in die Politik gegangen wäre, ich wäre bestimmt mal beim Fernsehen gelandet.“

Heinrich Kalbfuss (Foto: R. Oettinger)
Zeitzeuge Heinrich Kalbfuss nahm als Student an Empfängen von Gilbert Grandval auf Schloss Halberg teil.

Heinrich Kalbfuss (*15. 1. 1927; † 26. 8. 2017) lernte den Halberg erst kennen, nachdem er grausame Kriegserlebnisse durchgestanden hatte und das Schloss zur Botschafter-Residenz geworden war. Der spätere Abteilungsleiter Schul-, Jugend- und Kinderfunk beim Saarländischen Rundfunk gehörte als Schüler der Horst-Wessel-Oberschule ebenfalls zur Flak-Abteilung 4/63, die am 11. Mai 1944 auf der Saarbrücker Bellevue von Fliegerbomben getroffen wurde. Kalbfuss war allerdings an diesem Tag in Breslau. Wegen seiner Bewerbung als Offiziersanwärter bei der Luftwaffe hatte er für zwei Tage dorthin gemusst. Als er nach Sarbrücken zurückkam, erfuhr er vom Tod seiner 16 Mitschüler – zwölf davon waren wohl auch seine Klassenkameraden gewesen. Das Wort „gefallen“ ließ er später im Leben für ihr Schicksal nicht mehr gelten. In einem „verbrecherischen und sinnlosen Krieg“ seien sie ums Leben gekommen.

Dann in Frankfurt und Berlin eingesetzt, überstand Kalbfuss „grauenvolle Bombenhagel“. Auf dem Dach des Berliner Zoobunkers empfand er als größte Gefahr allerdings nicht die Bomben, sondern einen verheerenden Luftsog. Die brennende Stadt verursachte ihn bei großen Angriffen, wie er dem Verfasser erzählte. Beim Einsatz an der Flak habe er sich deshalb unter Aufbietung der allerletzten Kraft immer irgendwo anklammern müssen, um nicht in die Luft gerissen zu werden – so wie er es bei einem seiner Kameraden habe miterleben müssen.

Und auch in einem kurzen Heimaturlaub vom Flakdienst in Berlin verschonte ihn das Kriegsgeschehen nicht. Am 5. Oktober 1944 erlebte er in Saarbrückenin einem Bunker den „vernichtenden Angriff“ auf die Stadt. Auch das großelterliche Haus war danach nur noch „ein großer Trümmerhaufen“, seine Mutter und Großmutter aber überlebten in einem anderen Bunker ebenfalls.

1944 : Es brannte sogar der Asphalt – Die Bombardierung von Saarbrücken
Ein Beitrag von Sven Rech
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Im Januar 1945 wurde Kalbfuss noch zu den Fallschirmjägern nach Gardelegen (rund 50 km östlich von Wolfsburg) eingezogen. Dort zwar noch mit Waffen ausgerüstet, auf deren Gebrauch aber gar nicht mehr vorbereitet. Trotzdem bekam er bald den Marschbefehl nach Holland, um bei den deutschen Rückzugsgefechten gegen vorrückende amerikanische Luftlandetruppen eingesetzt zu werden. „Von einem tollwütigen Verbrecherstaat“, wie er es rückblickend in seinen Erinnerungen schrieb.
Kalbfuss war gerade 18 Jahre alt, als er am Karfreitag 1945 mit „Todesnähe frühzeitig vertraut“ wurde. Ein amerikanischer Granatsplitter zerschmetterte seine „untere Gesichtshälfte … Nur einige Millimeter bewahrten mich vor dem Tod. Zweieinhalb Jahre konnte ich weder sprechen noch essen.“

Flakhelfer Kalbfuss (Foto: SR/Uwe Fürst)
Heinrich Kalbfuss (oben links) als Flakhelfer mit Saarbrücker Schulkameraden 1943/44.

Nach mehr als „zwei Dutzend Operationen“ durch einen Zahnarzt „mit eigentlich noch gar nicht abgeschlossener Zusatzausbildung“ konnte Kalbfuss schließlich wieder kauen und auch so sprechen, dass er zu verstehen war.

Als den „existenzielle(n) Neubeginn“ seines Lebens bezeichnete er im hohen Alter diese Zeit nach dem „Verhängnis“, das ihm widerfahren war und dessen Folgen ihn seine 90 Lebensjahre lang begleitet hätten. Aus dem „ziemlich begeisterten“ Hitlerjungen bei der „Flieger HJ“ und freiwilligen Bewerber bei der Luftwaffe war ein Pazifist geworden, der sich fortan leidenschaftlich für Frieden und Völkerverständigung einsetzte.

Nach Saarbrücken zurück kam Kalbfuss erst wieder als Student. An der Universität des Saarlandes engagierte er sich in der frankreichnahen AGA, der „Allgemeinen Studentengemeinschaft für internationalen Austausch“ (Assiociation Générale d’Amitié Estudiantines“ und arbeitete in der Studentenvertretung als ASTA-Kulturreferent mit. Das brachte ihm die Ehre einiger Einladungen zu Empfängen von Botschafter Gilbert Grandval aus Anlass des französischen Nationalfeiertags auf Schloss Halberg. „Das muss Anfang der fünfziger Jahre gewesen sein“, erzählte er, „wohl zwei- oder dreimal.“

Die beeindruckenden Empfänge des „fürstlich auftretenden“ Gilbert Grandval hätten in den repräsentativen Räumen im Erdgeschoss des Schlosses sowie auf der angrenzenden Terrasse stattgefunden. „Ein gewisser Rollgriff“ blieb Kalbfuss in Erinnerung. Auf diese Weise hätten sich einige der Festgäste „reichlich“ mit Zigarren eingedeckt, die dort für die Raucher in größerer Zahl auslagen. Manch einer habe auch die Gelegenheit genutzt, sich mit einem kleinen Vorrat an Essbarem versorgt.

Kalbfuss hatte schon vor 1950 an seinem ersten Studienort Bonn begonnen, gelegentlich als freier Mitarbeiter für „Radio Saarbrücken“ (den direkten Vorgängersender des SR) Manuskripte zu schreiben. Während des Studiums  an der Universität des Saarlandes wurde er dann auch zum ständigen redaktionellen Mitarbeiter beim Saarbrücker Sender. Am 1. 1. 1952 wurde Kalbfuss als Jugendfunkredakteur fest angestellt. Mit eiserner Disziplin, viel Fleiß und Herzblut entwickelte er sich zu einem der besten Hörfunk- und Fernseh-Journalisten des Saarländischen Rundfunks.

Kalbfuss‘ Jugendtraum, als Schauspieler auf der Bühne zu stehen, hatte seine schwere Kriegsverletzung unmöglich gemacht. In seiner langen Leidenszeit im Lazarett war der Protestant dann zum Katholizismus konvertiert. Aber den damit verbundenen Plan, katholischer Ordensgeistlicher („Domprediger in Köln“) zu werden, hielt er nicht durch. Ein überzeugter katholischer Christ und Kirchgänger blieb er dennoch sein Leben lang. Privat sei er ein Linker, am Mikrofon aber ein Liberaler, sagte Kalbfuss einmal.

Mehr zu Heinrich Kalbfuss und seinen Anfängen bei „Radio Saarbrücken:

Nach Otto Klinkhammers erstem Halberg-Aufenthalt in Kriegszeiten verlief seine zweite Begegnung mit dem Berg, der später sein Arbeitsplatz werden sollte, wesentlich angenehmer. Nun bekam er dort nicht mehr die karge Kost eines Luftwaffenhelfers aus der Gulaschkanone, jetzt wurde er als Gast bei einem Empfang zum französischen Nationalfeiertag im Schloss verwöhnt. Gilbert Grandval 1944 noch Résistance-Kämpfer gegen Deutschland, war jetzt Frankreichs Botschafter im Saarland, in dem die Franzosen das Sagen hatten.

Otto Klinkhammer (Foto: privat)
So ganz entspannt war Otto Klinkhammer wohl auch als Zeitungsjournalist nur selten.

Es muss zum Jahreswechsel 1953 gewesen sein. Da war ich schon Redakteur bei der Saarländischen Volkszeitung“, erzählte Klinkhammer. Die Tageszeitung war das Parteiorgan der Christlichen Volkspartei des Saarlandes, der Partei von Johannes Hoffmann, dem Ministerpräsidenten  (1947 bis 1959) im teilautonomen Saarland.

Eine Erinnerung an den Empfang bei Botschafter Grandval bewahrte Klinkhammer sorgsam auf: eine undatierte Karte Grandvals mit dem Text: „Grüße zu Weihnachten und zum Neuen Jahr“. Sie lag dem Gastgeschenk bei, einem Buch. Unterschrieben hatte sie der Botschafter persönlich: „Gilbert Grandval. Ambassadeur de France“.

Grandval (* 12. 2. 1904; † 29. 11. 1981) war ab 30. August 1945  französischer Militärgouverneur an der Saar. Schloss Halberg erkor er sehr schnell zu seinem Wohnsitz. Diese repräsentative Residenz behielt Grandval auch bei, nachdem er 1948 zum Hohen Kommissar und am 25. Januar 1952 zum französischen Botschafter im Saarland ernannt worden war. Obwohl er nun diesen Titel trug, leitete er aber nur die „Mission Diplomatique Française en Sarre“ – also statt des bisherigen „Hohen Kommissariats“ nun eine „Diplomatische Mission“. Die Saarbrücker Zeitung meldete es am 26. Januar als „Aufmacher“ auf der ersten Seite:

 (Foto: SR)

Im anschließenden Korrespondentenbericht aus Paris stellte die Saarbrücker Zeitung dann heraus, was das für die angestrebte saarländische Autonomie bedeutete.

Korrespondentenbericht in der Saarbrücker Zeitung vom 26. Januar 1952. Zum Lesen bitte anklicken.

Seinen bisherigen Amtssitz zuerst als Militärgouverneur und dann als Hoher Kommissar behielt auch der Botschafter Grandval zunächst bei: das frühere Reichsfinanzamt in der heutigen Saarbrücker Franz-Josef-Röder-Straße. Jetzt (2022) haben dort die saarländischen Ministerien für „Inneres, Bauen und Sport“ sowie für „Soziales und Gesundheit, Frauen und Familie“ ihre Büros.

Kommissariatsgebäude (Foto: Saarländisches Landesarchiv)
Im früheren Reichsfinanzamt hatten nacheinander die französische Militärregierung, das Hohe Kommissariat und die französische Dipomatische Mission an der Saar ihren Sitz.
Der „Pingusson-Bau“ als Neubau für die „Mission Diplomatique Française en Sarre“ am Saarufer. Zur kompletten Ansicht bitte anklicken.

Schon ab 1950 hatte Grandval aber einen neuen Amtssitz für sich planen und bauen lassen. Er sollte so repräsentativ sein, dass er den Ansprüchen einer „Ambassade de France“ genügen würde. Und der französische Architekt Georges-Henri Pingusson verstand seinen Auftrag denn auch gleich als den Bau der französischen Botschaft in Saarbrücken („La construction de l‘Ambassade de France à Sarrebruck“). Die Bezeichnung wurde bald allgemein verwendet. Auch heute noch wird das inzwischen leer stehende Gebäude gelegentlich so genannt. Tatsächlich gab es aber aus staats- und völkerrechtlichen Gründen im nur teilautonomen Saarland nie eine französische Botschaft.

Als 1954 der Pingusson-Bau fertiggestellt war, zog also nur die „Mission Diplomatique Française en Sarre“ dorthin um. Die für den Botschafter darin vorgesehenen Privaträume nutzte Grandval mit seiner Familie nicht mehr. Der Halberg blieb bis zum Ende seiner Amtszeit im Saarland seine Residenz. Am 30. Juni 1955 gab die saarländische Regierung Grandval zu Ehren einen Abschiedsempfang. Sein erster Nachfolger Eric de Carbonnel (1955 – 56) führte ebenfalls noch den Titel Botschafter, sein zweiter, Tanguy de Courson de Villeneuve (1957 – 59), war dann lediglich Generalkonsul – so wie die diplomatischen Vertreter Frankreichs an der Saar bis heute. Ihren Amtssitz in der sogenannten französischen Botschaft schloss Frankreich aber am 6. Juli 1959 – am Tag der wirtschaftlichen Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland.

Im Januar 1960 zog dort das saarländische Kultusministerium ein. Die ehemaligen Privaträume des Botschafters in dem Gebäude – die ja ursprünglich Gilbert Grandval für sich hatte planen und ausstatten lassen – wurden ab 1961 zur „Dienstwohnung“ des damaligen saarländischen Kultusministers Dr. Franz-Josef Röder.

Grandval (Foto: SR)
Gilbert Grandval (l.) bei einem Empfang auf Schloss Halberg: Es war immer seine Residenz - nach dem Krieg zuerst als französischer Militärgouverneur, dann als Hoher Kommissar und zuletzt als französischer Botschafter an der Saar.

Schloss Halberg, die erste Botschafterresidenz, war schon 1955 – nachdem Grandval mit seiner Familie ausgezogen war – in eine Art Dornröschenschlaf  verfallen. Nur einige Räume wurden zeitweise vom französischen Zoll genutzt. Hendrik Stegner (geb. 1947), der als Gärtnersohn auf dem Halberg seine Kinderzeit erlebte (und später beim SR Kameramann wurde), entdeckte das Schloss damals schnell als einen „phantastischen riesigen Spielplatz“ für sich und die anderen Halberg-Kinder: „Wir tobten ungestört durch viele Räume des repräsentativen Gebäudes in beiden Etagen. Für uns war es ein Paradies.“

Ab 1. Januar 1957 gehörte das Saarland wieder zu Deutschland und der Halberg ging damit als früheres Reichsvermögen in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland über. Nach langem Bemühen übertrug der Bund dann aber Gelände und Schloss wunschgemäß an das Saarland. Bei den vorangegangenen Verhandlungen hatte das Land damit argumentiert, dass der Saarländische Rundfunk als neue Rundfunkanstalt nicht benachteiligt werden dürfe.

Den anderen bundesdeutschen Sendern war nämlich nach dem Krieg von den Alliierten das Eigentum an den von ihnen genutzten Immobilien direkt übertragen worden – sofern diese vorher Reichsvermögen gewesen waren.
Und diese Voraussetzung traf eben auch auf den Halberg zu, denn die Reichsrundfunkgesellschaft hatte Berg und Schloss ja gekauft. Dennoch reichte das Saarland als neuer Eigentümer der Immobilie beides nun nicht gleich an den Saarländischen Rundfunk weiter. Es nutze das Schloss erst einmal selbst für Landesbehörden und wollte es dann dem SR nur zur Nutzung überlassen. Nach nicht einfachen Verhandlungen ließ die Landesregierung sich aber dann doch 1959 das Schloss mit dem Halberg-Gelände vom Saarländischen Rundfunk abkaufen.

Aber schon bevor der Kaufvertrag endgültig unter Dach und Fach war, konnten 1958 die ersten SR-Techniker bereits in Räume von Schloss Halberg einziehen. Und bereits ab Jahresbeginn 1959 wurde intensiv am Umbau des alten „Pferdestalls“ zum provisorischen SR-Fernsehgebäude gearbeitet.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz; Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Fotos/Recherche); Magdalena Hell, Burkhard Döring (Fotos); Uwe Fürst (Fotos/Recherche); Stefan Weszkalnys (Recherche). 

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