Politik für eine Million (Foto: SR)

Wie stellen sich Schön und Limbacher strategisch auf?

Nelly Thelen   23.02.2022 | 06:30 Uhr

„Politik für eine Million“ begleitet die Erfahrene und den Einsteiger durch ihren Bundestagsalltag. In den vergangenen Monaten haben Nadine Schön und Esra Limbacher sich positioniert: Wirtschaft und Recht, Digitales, Bildung und Forschung - in diesen Themen wollen sie sich besonders einbringen, auch um an ihren Wahlkampfversprechen zu arbeiten.

Nadine Schön sitzt schon seit über zwölf Jahren im Bundestag, ist also eine erfahrene Politikerin. Sie kennt sich aus im Berliner Politikbetrieb – auch mit Höhen und Tiefen einer Politik-Karriere. Ihr Wiedereinzug in den Bundestag war eigentlich schon passé, erst durch den Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier konnte sie dort weitermachen. 

Ende des vergangenen Jahres kämpfte sie dann im Team des ehemaligen Kanzleramtsministers Helge Braun um den CDU-Parteivorsitz. Die Chancen waren gering, eine Niederlage war so gut wie sicher.

Freifahrkarte nach Berlin
Video [SR.de, Nelly Thelen, 21.02.2022, Länge: 21:09 Min.]
Freifahrkarte nach Berlin

Im Dezember entschieden sich die Mitglieder der CDU dann für Friedrich Merz und sein Team. Schön sagt heute, es sei ihr klar gewesen, dass es keine großen Erfolgsaussichten gab, aber es sei eine Überzeugungstat gewesen. 

Schön: „Ich habe meinen Platz in der Fraktion“

Was bleibt von dieser Aktion? Schön hat sich ins Gespräch gebracht. Das ein oder andere CDU-Mitglied hat sie vielleicht dadurch erst kennengelernt. Geschadet hat es ihr jedenfalls nicht: Schön ist erneut zu einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union gewählt worden.

Sie sagt: „Ich habe meinen Platz in der Fraktion, ich habe meine Themen und kann, glaube ich, meinen Beitrag dazu leisten, dass wir uns inhaltlich neu aufstellen. In der Partei ist der Prozess befriedet, wir stehen da jetzt zusammen.“ 

Limbacher: „Bei jeder Nachricht spüre ich diese Verantwortung“

Mit großer Mehrheit stimmt der SPD-Bundesparteitag Anfang Dezember für den Koalitionsvertrag mit Grünen und FDP.  Am nächsten Tag stellt der neu gewählte saarländische Bundestagsabgeordnete Limbacher den Vertrag digital im Saarland vor.

Es ist ihm wichtig Gesprächsangebote für Wählerinnen und Wähler zu schaffen. Doch an der digitalen Veranstaltung nehmen vor allem SPD-Landesministerinnen und -minister, sowie Bürgermeister und andere SPD-Politiker teil. 

In den vergangenen Wochen haben sich viele Menschen an Limbacher als Bundestagsabgeordneten mit ihren Anliegen und Wünschen gewandt. Zum Beispiel mit der Forderung, die Förderung für Hybridfahrzeuge nicht zu streichen oder auslaufen zu lassen. Denn an dieser Technologie verdienten auch saarländische Unternehmen.

Jobs in Industrie und Automobilbranche erhalten

„Wenn man jetzt die Förderung dort streichen würde, würde das eine Gefährdung für die Arbeitsplätze bedeuten“, erklärt Limbacher seine Befürchtungen. „Das ist auch gar kein Lobbyismus, sondern es sind wirklich zukunftsfähige Motoren, die da gebaut werden. Und das nehme ich immer mit. Und bei jeder Nachricht spüre ich diese Verantwortung.“

Es ist eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen, sich dafür einzusetzen, dass auch die Jobs in der Industrie, der Automobilbranche im Saarland erhalten bleiben. 

Digitales, Bildung und Forschung

Mittwochs sind Ausschusssitzungen im Bundestag. Nadine Schön sitzt wieder im Digitalausschuss und in dieser Legislaturperiode das erste Mal auch im Ausschuss für Bildung und Forschung. Das ist eine strategische Entscheidung von ihr, jetzt in Oppositionszeiten. Denn das sei ein Thema, bei dem man auch aus der Opposition heraus viel machen könne, sagt sie.

„Eine Grundgesetzänderung etwa für die digitale Bildung ist nicht möglich, wenn nicht zwei Drittel des Bundestages und zwei Drittel des Bundesrates zustimmen. Also da haben wir viele Möglichkeiten, auch als Opposition und für das Saarland ist das Thema Forschung einfach wahnsinnig wichtig.“ Dafür hat sie den Sitz im Familienausschuss abgegeben. 

Abgeordnete Schön gut vernetzt

Die Union muss sich in ihrer Oppositionsrolle neu aufstellen. In den letzten Jahren war sie damit beschäftigt Mehrheiten für Gesetzesvorhaben zu organisieren. In der neuen Rolle geht es vor allem um Kontrolle der Regierung und damit auch um Blockade, ist man mit einem Vorhaben nicht zufrieden.

Beobachtet man Schön in ihrem Abgeordnetenalltag fällt schnell auf, wie vernetzt sie hier ist: Wartend vor dem Ausschusssaal ist sie direkt von anderen Abgeordneten umringt. Begrüßt Kollegen selbstbewusst mit einem Klopfer auf die Schuler.    

Wirtschaft, Recht und Mittelstand

Der neue Bundestagsabgeordnete Limbacher muss sich erst mal zurechtfinden, innerhalb der neuen SPD-Fraktion seine Stellung herausarbeiten, sich dafür ins Zeug legen, dass er die Themen besetzen kann, mit denen er im Wahlkampf angetreten ist, dabei ist er einer von vielen neuen jungen Abgeordneten. 

Sein Landesverband innerhalb der SPD-Fraktion ist mit drei weiteren Saarländerinnen und Saarländern eher klein. Im Bundestag ist er oft alleine unterwegs. Sein Netzwerk dürfte noch überschaubar sein. 

Doch es gelingt dem Juristen, in den Wirtschaftsausschuss zu kommen, außerdem landet er im Rechtsausschuss und schließlich wird er auch Mittelstandsbeauftragter der Fraktion. „Man muss auf jeden Fall selbstbestimmt betonen, was man wirklich will und was man erreichen will und im besten Fall passt das auch zur Person und man findet Unterstützer, die das genauso sehen“, sagt er.

Terminstress statt Euphorie

Im Moment bei der coronasicheren Arbeitsweise, digitalen Fraktionssitzungen etwa, ist es wohl noch schwieriger für ihn, unter den vielen neuen SPD-Abgeordneten auf sich aufmerksam zu machen. Sein Büro ist weiter eine Übergangslösung: „Das war früher mal das Praktikantenbüro von meinem Fraktionsvorsitzenden. Und so fühlt man sich am Anfang auch, man muss noch viel lernen.“ Er lacht, es stört ihn nicht. 

Ihm helfen Mitarbeiterinnen, die vorher schon für andere Abgeordnete gearbeitet haben, sich auskennen. Von Limbachers anfänglicher Euphorie spürt man gerade wenig, stattdessen Terminstress: „Also wenn man in Berlin ist, ist man einfach nicht mehr Herr seiner Termine. Ich vergleiche das immer mit meiner Schulzeit, da habe ich einen festen Stundenplan gehabt. Im Prinzip ist das hier in Berlin genauso wie in der Schule. Außer, dass es früher beginnt und später endet.“

Schön: „Es wartet hier keiner zuhause“

Um 19.00 Uhr sitzt Schön noch in ihrem Büro, hochkonzentriert vor ihrem Computer. Eine Videokonferenz folgt auf die nächste: „Also das ist jetzt die letzte Sitzung. Nachher habe ich noch ein Interview. Und dann muss ich ein bisschen Büroarbeit machen. Also ich nutze dann schon die Abende hier ganz gern, elf, zwölf Uhr ist es schon öfter mal, aber es wartet ja auch hier keiner zu Hause,“ sagt die zweifache Mutter. 

Auch in vielen anderen Bundestagsbüros brennt noch das Licht, wie bei Limbacher. Er arbeitet sich abends ein, in die Themen der Sitzungen am nächsten Tag. Es ist ihm wichtig, in den komplexen Themen drin zu sein. 

Nach vier Jahren werden sie sich aber daran messen lassen müssen, ob sie ihren Ansprüchen gerecht wurden. Ob Wahlversprechen Wirklichkeit wurden.


Die Serie

Die Serie "Politik für eine Million" ist eine Langzeitbeobachtung - wir begleiten die beiden saarländischen Bundestagsabgeordneten Nadine Schön (38 Jahre alt) und Esra Limbacher (32 Jahre alt) durch die neue Legislaturperiode.

In dieser Legislatur werden sie Gesetze mit verabschieden oder kritisieren. Parteivorsitzende werden gehen und kommen, Ministerinnen und Minister ernannt, die beiden Politiker werden einen neuen Kanzler mit wählen, durch Höhen und Tiefen ihrer Parteien gehen, Kompromisse werden geschlossen - als Abgeordnete werden sie Erwartungen erfüllen oder enttäuschen.

Dabei wird Nelly Thelen sie zwischendurch treffen und begleiten, in Berlin und im Saarland. Was können sie im Bundestag fürs Saarland erreichen, wo wirklich mit gestalten, was erleben sie und wie erleben sie die aktuellen Zeiten, die Politik. Schön und Limbacher machen Politik für eine Million - fürs kleine Saarland sind sie in Berlin. 

Die erste Folge:

Schön und Limbacher fürs Saarland in Berlin
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 07.11.2021, Länge: 13:34 Min.]
Schön und Limbacher fürs Saarland in Berlin
Nadine Schön, CDU, 38 Jahre und Esra Limbacher, SPD, 32 Jahre, vertreten im Bundestag als Abgeordnete aus dem Saarland rund eine Million Menschen. Für Schön ist es ihre vierte Legislaturperiode, für Limbacher die erste. Die beiden Abgeordneten bewegen sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Verantwortung, Amt und Karriere.

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