Ein Stromzähler  (Foto: SR)

Strom- und Gastarife: Was Verbraucher jetzt tun können?

Gut zu wissen

Yvonne Schleinhege   20.01.2022 | 09:30 Uhr

Es sind derzeit turbulente Zeiten für Strom- und Gaskunden. Lieferstopps und rückwirkende Kündigungen sorgen für Verunsicherung, Ärger und teils drastische Preiserhöhungen. Wie sich betroffene Kunden verhalten sollten und was es beim Abschluss eines neuen Vertrags zu beachten gilt: Wir haben die wichtigsten Tipps zusammengefasst.

Bei Eva Ludwig von der Verbraucherzentrale Saarland ist es aktuell das Hauptthema in der Beratung: die steigenden Energiekosten und die sich daraus ergebenen Probleme mit Anbietern. „Derzeit haben wir sehr viele Anfragen“, sagt die Juristin. „Hauptanliegen ist meist, dass der Verbraucher von einer Liefereinstellung betroffen ist.“

Hintergrund sind Lieferstopps und Insolvenzen von überregionalen Strom- und Gasanbietern. So hatten zuletzt der Billig-Stromanbieter Stromio und auch die Schwesterfirma gas.de die Lieferungen an Kunden eingestellt. Die Verbraucher hätten davon aber meist erst im Nachhinein erfahren, so Eva Ludwig. „Das ist in dieser Form aber nicht zulässig.“

Preiserhöhungen und Schadensersatzansprüche

Strom- und Gastarife: Was Verbraucher jetzt tun können?
Audio [SR 3, Studiogespräch: Christian Job / Yvonne Schleinhege, 20.01.2022, Länge: 06:14 Min.]
Strom- und Gastarife: Was Verbraucher jetzt tun können?

Zudem seien auch viele Preiserhöhungen in der Vergangenheit nicht rechtens gewesen. Das gelte insbesondere für Fälle, bei denen die Verbraucher eine Preisgarantie abgeschlossen hätten.

Eine Konsequenz: Kunden, die auf ihre Preisgarantie bestanden hätten, hätten eine Kündigung erhalten, so die Verbraucherberaterin. „Rechtlich gesehen halten wir diese Kündigungen für ebenfalls unwirksam.“

Ganz praktisch ergeben sich daraus aber Problemen für die Kunden, denn sie können nicht verhindern, dass ihr Anbieter sie nicht mehr beliefert. Oftmals bekämen die Verbraucher auch gar nicht mit, dass die Lieferung von Strom oder Gas eingestellt worden sei, berichtet Eva Ludwig.

Musterbriefe und Hilfe bei den Verbraucherzentralen

Der Verbraucher kann sich natürlich Schadenersatzansprüche vorbehalten. Schließlich hat sich der Anbieter für einen bestimmten Zeitraum zu der Belieferung mit Energie vertraglich verpflichtet. Die Schadenssumme entspricht in so einem Fall den höheren Kosten, die durch eine Belieferung durch einen anderen Anbieter entstanden sind.

Nähere Details zum Vorgehen und Musterbriefe findet man auch auf den Seiten der Verbraucherzentrale Saarland

Wichtig: Wird die Belieferung eingestellt, sollte man auch die bisherige Einzugsermächtigung beim Anbieter widerrufen bzw. den Dauerauftrag bei der Bank kündigen. Zudem ist es ratsam, die Zählerstände zu fotografieren.

Zulauf bei den Grundversorgern

Wenn die Belieferung von Strom und Gas – aus welchem Grunde auch immer – gestoppt wurde, landet man automatisch bei örtlichen Grundversorgern. Häufig sind das die örtlichen Stadtwerke, die eine entsprechende Grund- bzw. Ersatzversorgung anbieten.

Auch die Stadtwerke im Saarland melden derzeit einen deutlichen Zulauf. Bei Energie SaarLorLux in Saarbrücken sind es mehrere hundert Fälle. Deshalb komme es in Teilen auch zu Verzögerungen bei der Bearbeitung, heißt es auf SR-Anfrage. 

Im Strombereich registrierte der Energieversorger Energis allein durch den Lieferstopp von Stromio einen Zuwachs von rund 4500 Kunden. Im Gasbereich seien von Gas.de etwa 1500 Kunden dazu gekommen, teilte das Unternehmen mit.

Bisher galten Grundversorgungstarife als besonders teuer. Dies müsse aktuell aber nicht unbedingt mehr der Fall sein, so die Beobachtung von Verbraucherschützern. Deshalb ist ein besonders genauer Preisvergleich aktuell so wichtig.

Beschwerden über Grundversorgungstarife

Zudem gibt es auch erste Verbraucherbeschwerden über die Ersatz- bzw. Grundversorgung. „Dort haben wir jetzt auch Beschwerden bekommen, dass in der Ersatz- bzw. Grundversorgung zwischen Neukunden und Bestandskunden unterschieden wird“, berichtet Eva Ludwig.

In einem Fall aus dem Saarland soll ein Verbraucher, der aktuell in die Grundversorgung gefallen ist, mehr als das Doppelte bezahlen. „Das halten wir nicht für zulässig“, erklärt Eva Ludwig. Eine finale juristische Klärung steht aber noch aus.

Verbraucher, die in so einen „Grundversorgungs-Neukundentarif“ fallen, können schriftlich Widerspruch einlegen.

Anbieterwechsel in schwierigen Zeiten

Natürlich ist es auch möglich, den Tarif oder auch den Anbieter zu wechseln. Allerdings ist ein Preisvergleich in diesen Zeiten nicht besonders einfach. Deshalb kann es sinnvoll sein, zunächst bei den regionalen Anbietern nach Angeboten zu schauen. Auch eine Grundversorgung muss aktuell nicht übermäßig teuer sein, kann sie aber.

Entscheidend ist auch Sicht der Verbraucherzentralen, dass man aktuell flexibel bleibt. Sie empfehlen daher eine Vertragslaufzeit von maximal zwölf Monaten, maximal einen Monat Verlängerung ebenso wie eine einmonatige Kündigungsfrist.

Neuen Anbieter finden


www.verbraucherzentrale.de: Strom- Gasanbieter finden

Natürlich ist ein Preisvergleich auch über entsprechende Portale im Netz möglich. Hier sollte man allerdings immer mindestens zwei bis drei Portale nutzen. Zudem muss man wissen, dass nicht alle Anbieter auf diesen Portalen zu finden sind. Die Verbraucherzentralen warnen zudem, dass viele Preise in den gängigen Vergleichsportalen momentan nicht aktuell seien.

"Gut zu wissen" - immer donnerstags in der Sendung "Bunte Funkminuten" auf SR 3 Saarlandwelle.

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