Ein massgeblicher Architekt, der keiner war: Jean Prouvé. (Foto: Ville de Nancy)

Raumschiff Enterprise trifft japanische Baukultur

„Maison Prouvé“ in Nancy

Barbara Grech   22.06.2019 | 17:06 Uhr

Ein bisschen japanisch, ein bisschen Bauhaus - das ist der Stil, in dem der berühmte französische Designer und Architekt Jean Prouvé sein Wohnhaus in Nancy erbaut hat. Aus der finanziellen Not geboren, baute der junge Familienvater ein Holzhaus im Modul-Stil in den Hang von Nancy. Heute ist es eine architektonische Ikone, die besichtigt werden kann.



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Tour de Kultur 2019: „Maison Prouvé“ in Nancy
Audio [SR 3, Barbara Grech, 01.08.2019, Länge: 03:10 Min.]
Tour de Kultur 2019: „Maison Prouvé“ in Nancy

Das "Maison Prouvé" ist nach seinem Erbauer benannt, Jean Prouvé. Er hat das Nachkriegs-Design, die Architektur dieser Epoche in Frankreich entscheidend geprägt und das, obwohl er, streng genommen, gar kein Architekt war.

Verfechter der modularen Bauweise

Jean Prouvé, Sohn des berühmten Jugendstil-Künstlers Victor Prouvé, kam 1901 in Paris zur Welt. Er wuchs in Paris und Nancy auf und ließ sich als Kunstschmied ausbilden. Diese Ausbildung hat sein Werk geprägt, denn Jean Prouvé liebte Materialien wie Aluminium und Stahl, und er war ein Verfechter der modularen Leichtbauweise. Gezwungenermaßen.

Als Jean Prouvé seine Karriere als Möbel-Designer und Architekt nach dem Zweiten Weltkrieg begann, war Frankreich, ausgezehrt durch den Krieg, pleite. Die Menschen arm und oft obdachlos. Es musste Wohnraum her, schnell! Es mussten Möbel her, bezahlbar und günstig! Das war die Stunde des Gestalters Jean Prouvé. Generationen von französischen Schülern drückten die von ihm entworfene Schulbank.

Designer für Möbel - und dann für Häuser

Ein massgeblicher Architekt, der keiner war: Jean Prouvé. (Foto: Ville de Nancy)
Angefangen hatte Jean Prouvé mit dem Entwerfen von Möbeln.

Zwei Holzstühle, die mittels einer Stange direkt am Tisch montiert waren. Seine Möbel, zweckmäßig und schlicht, waren lange als armes Nachkriegs-Design verschrien. Heute sind sie Klassiker. In der Tradition des Bauhauses entworfen und mit einer Portion französischer Eleganz der 1950er Jahre versehen.

Im Übrigen ist auch das Wohnhaus im ehemaligen Weinberg von Nancy aus der Not geboren. Anfang der 1950er Jahre drängte ihn der Mehrheitseigentümer seiner Werkstatt in Maxéville, Aluminium Française, aus seiner Firma heraus. Prouvé stand über Nacht ohne Wohnhaus und Atelier da. Die finanzielle Situation der Familie war angespannt.

In Rekordzeit fertig gestellt

Prouvé erstand das schwierige Baugelände am Hügel für wenig Geld und besann sich seiner eigenen architektonischen Entwürfe. Es entstanden aneinander gereihte Holzpavillons, in die er Metallwände, die Bullaugenfenster haben, integrierte.

Ein massgeblicher Architekt, der keiner war: Jean Prouvé. (Foto: Ville de Nancy)
Wirkt wie ein Gartenhäuschen, ist aber ein veritable Anlage.

Der Hauptpavillon, in dem ein großes, luftiges Wohnzimmer eingerichtet ist, öffnet sich mit einer großen Fensterfront in Richtung Garten. Heute normal. Damals revolutionär. In einer Rekordbauzeit von gerade einmal dreieinhalb Monaten wurde das neue Zuhause der Familie Prouvé fertig gestellt.

Natur mitten im Raum

Der Gestalter hat sich aber nicht nur von seinen Bauhaus-Kollegen inspirieren lassen, sondern auch von der japanischen Architektur. Der Salon, also das Wohnzimmer, ist ein großer, transparenter Raum. Die Wände sind gleichzeitig Bücherregal und Bibliothek. Mitten im Raum: ein Baum, der im Innenraum wächst und so die Brücke schlägt zum verträumt-grünen Gartenareal.

Eigentlich hätte auch die angrenzende Küche in diesen Wohn- und Essraum integriert sein sollen. Aber das war der Ehefrau Jean Prouvés, Mathilde, dann doch zu viel der Offenheit. Sie wollte in der kleinen aber futuristisch anmutenden Küche lieber ihre Ruhe haben. Also wurde eine Wand eingezogen. Wie Kojen reihen sich dann an einem langen, schmalen Gang das damals super­moderne Badezimmer und die Schlafzimmer der Familie aneinander.

Damals schon nachhaltig geplant

Ein massgeblicher Architekt, der keiner war: Jean Prouvé. (Foto: Ville de Nancy)
Integrierter Wohn- und Essbereich.

Wie gesagt: Raumschiff Enterprise trifft auf japanische Architektur. Die Materialien – alle recyclebar. Prouvé war schon nachhaltig, als es dieses Wort wahrscheinlich noch gar nicht gab. Allerdings war das wohl eher der wirtschaftlichen Not geschuldet.

Die Maison Prouvé – ein Haus, das seiner Zeit weit voraus war. So wie sein Erbauer, der allerdings damals schwer kämpfen musste. Weil er eben kein ausgebildeter Architekt war, musste er sich Konstrukteur nennen und wurde offiziell nur als Berater oder Ingenieur bei Bauvorhaben beschäftigt. Dennoch gilt er heute als wichtiger Akteur der französischen Architektur-Geschichte.

Vorbild für Architekten

Die Stararchitekten Renzo Piano, Norman Foster oder Jean Nouvel bezeichnen Prouvé als ihr großes Vorbild. Warum das so ist, davon kann man sich bei einem Rundgang durch die Maison Prouvé überzeugen. Solche Rundgänge sind rar, denn das Haus ist bis heute bewohnt, von einem Architekten und Prouvé-Verehrer. Doch im Sommer hat man die Gelegenheit dazu. Wegen Restaurierungsarbeiten in diesem Jahr allerdings nur samstags.

Le coin favori (Portrait de Victor Prouvé), 1883, Émile Friant, Huile sur bois - H. 54,7 ; L. 45,5 cm (Foto: ©Collection particulière)
Le coin favori (Portrait von Victor Prouvé), 1883, Émile Friant.

Von 2020 an dann auch freitags. Angeboten werden geführte Rundgänge durch das Haus. Festes Schuhwerk ist unabdingbar, weil der Weg zur Villa steil über den Hügel führt. Fast wie bei einer Alm-Besteigung kommt man dann oben atemlos an und wird dann gleich nochmal atemlos, wenn man dieses Gesamtkunstwerk aus Stein, Metall, Holz und Glas durchwandert.

Man würde gerne sofort einziehen, in diese Pavillons, die mit Original-Möbeln aus dieser Epoche ausgestattet sind. Einen Sommer lang den Garten und dieses wunderbare Haus genießen, hoch oben auf den Hügeln der Stadt Nancy.


Auf einen Blick


Kontakt
Maison Jean Prouvé
4 - 6, rue Augustin Hacquard
F-54100 Nancy
Anmeldung unter:
E-Mail: resa.nancymusee@mairie-nancy.fr
Tel.: (0033 3)83 85 30 01

Öffnungszeiten
Öffentliche Führungen ohne Anmeldung, maximal 15 Besucher pro Führung 2019 (wegen Renovierungsarbeiten) nur Sa.: 14.15 Uhr, 15.15 Uhr, 16.15 Uhr.
Gruppen mit Reservierung: Freitagnachmittag.
Ab 2020 finden auch freitags Führungen statt. Infos dann unter www.musee-des-beaux-arts.nancy.fr

Eintritt
Eintrittspreis: 6,- €, ermäßigt 4,- €.

Anfahrt
Auto:
Autobahn über Metz, dann Richtung Nancy fahren. Dann die Ausfahrt 20 nehmen. Richtung Maxéville fahren. Weiter auf Boulevard de Scarpone. Dann rechts abbiegen auf die rue d’Auxonne. Weiter auf die Rue St Bondon. Dann rechts abbiegen auf die Rue de Montreville. Danach links abbiegen auf die Rue Augustin Hacquard. Das Areal befindet sich auf der rechten Seite.
Bus:
In Nancy Linie 2, Haltestelle: Alix Leclerc.

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