Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © Office de tourisme du Pays de Haguenau)

Zwischen Gotik und Romanik

Die Kirche St. Georg in Haguenau

Barbara Grech   25.07.2022 | 06:00 Uhr

Sie ist alt, stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie hat viel erlebt, davon erzählt der Stil-Mix, den man schon mit bloßem Auge sieht, wenn man auf dem Parkplatz „Vieille Île“ steht. Dort lässt man sein Auto stehen und wandert hinauf, auf eine Art Burghügel. Die Burg gab es tatsächlich mal, und dort wurde vermutlich eine Kapelle erbaut, aus der dann die große imposante St.-Georg-Kirche wurde

Mit der Gründung der Stadt wurde auch die Kirche St. Georg geplant und gebaut. Die gebürtige Hagenauerin Marie-Antoinette Klein führt Gäste durch die Stadt und kann viel erzählen über die stolze elsässische Stadt, deren Wahrzeichen eben auch diese Kirche ist.

Burghügel mitten in der Stadt

Marie-Antoinette Klein weist auch gleich auf eine kaum sichtbare Zeichnung auf der Mauer hin. Auf der Rückseite der Kirche. Es ist ein Graffito aus dem 13. Jahrhundert. Vermutlich hat ein Reiter, der in den Krieg zog, so um Beistand gebeten. Schaut man genau hin, erkennt man einen Reiter mit Helm, der auf einem Pferd sitzt. Die Mauern der Kirche sind voll von solchen Spuren der Geschichte Haguenaus. Wir gehen um die Kirche herum und stehen plötzlich nicht mehr auf dem ehemaligen Burghügel, sondern mitten in der Stadt.

Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © Office de tourisme du Pays de Haguenau)

Bevor wir in die riesige Kirche hineingehen, zeigt Marie-Antoinette Klein Kerben, die in der Kirchenmauer eingeritzt sind. Sie wurden in früheren Zeiten als Maßeinheiten genutzt. Die Stadt Haguenau wurde mit ihren Wäldern rund um die Stadt reich. Der Holzhandel blühte im Mittelalter und mit diesen Kerben wurde der Klafter Holz abgemessen, bevor er den Besitzer wechselte.

Am besten an einem Markttag

Das geschah zumeist an Markttagen. Und auch heute noch sind die Markttage etwas Besonderes in Haguenau. Am besten man kombiniert den Ausflug zur St.-Georg-Kirche mit einem Marktbesuch. Der Wochenmarkt dort findet immer dienstags und freitags in der schönen Markthalle statt.

Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © Denis Merck)

Handel war ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens, davon zeugen die Maßeinheiten in der Kirchenmauer. Und der Glaube spielte eine bedeutende Rolle, ebenso wie der Aberglaube. Zum Beispiel sieht man tiefe Kuhlen im Mauerwerk. Das sind die sogenannten Teufelskrallen. Angeblich habe der Teufel höchstpersönlich versucht in die Kirche einzudringen.

Reliquien und Aberglaube

Als wisse der nicht, wo die Eingangstüre ist, scherzt Marie-Antoinette Klein. Es gibt aber auch die Theorie, dass Gläubige beim Gang in die Kirche, die damals mit Reliquien ausgestattet war, etwas von der Kraft des Glaubens mit nach Hause nehmen wollten und so etwas vom Sandstein an der Kirchenmauer abkratzten. Dieses Sandstein-Pulver wurde dann bei Krankheit oder sonstigen Gebrechen in die Suppe eingerührt. Wohl bekomm’s!

Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © Office de tourisme du Pays de Haguenau)

An der Teufelskralle vorbei geht es in das Innere der Kirche. Was heißt hier: Kirche? Das Kirchenschiff gleicht dem einer großen Kathedrale. Eine Halle mit gotischen Spitzbögen. Doch kostbare Kirchenschätze sucht man vergeblich. Kein Isenheimer Altar oder ähnliches. Die Haguenauer haben ihre Kirche in fast 900 Jahren mehrfach renoviert und umgebaut. Leider auch im 19. Jahrhundert, als viele Kirchen, auch in Deutschland, mit neogotischem Kitsch überzogen wurden.

Prächtig verzierte Kanzel

Das ursprüngliche Kirchenmobiliar wurde verscherbelt, verbrannt oder landete irgendwo auf einem Dachboden. Immerhin: Zwei Altar-Tafelbilder konnten wiedergefunden werden, gefertigt von alten Meistern. Von ihnen stammt auch die Kanzel in der Mitte des Kirchenschiffs. Prächtig verziert von den Steinmetzen des Mittelalters.

Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © TMT Photo)

Natürlich ist dort auch der heilige St. Georg vertreten. Drachentöter und Schutzpatron der Ritter. Womit wir wieder bei der ehemaligen Burg wären. Die Ritter dort standen offensichtlich unter dem Schutz des heiligen St. Georg und so kam die Kirche von Haguenau zu ihrem Namen.

Zeichen deutsch-französischer Kultur

Gleich gegenüber hängt ein riesiges Kreuz, vier Meter hoch. Ebenfalls aus mittelalterlicher Zeit. Geschaffen hat das der deutsche Bildhauer Clemens von Baden. Marie-Antoinette Klein erzählt, dass man das herausgefunden hat, weil ein kleiner Zettel auf der Rückseite des Kreuzes darauf hingewiesen hat. Die Kirche St. Georg weist eben auch darauf hin, wie sehr die Geschichte der Stadt Haguenau verbunden ist mit dem Austausch der deutschen und französischen Kultur. Bis heute.

Zwischen Gotik und Romanik (Foto: © TMT Photo)
Die Kirche St. Georg in Haguenau

Gehen Sie nach dem ausführlichen Kirchenrundgang hinein ins Marktreiben. Einfach nach links, die Straße und Fußgängerzone hinunter. Dort liegen in der Markthalle in friedlicher Eintracht deutsche Fleischwurst neben französischer paté in der Theke des Metzgers. Das Elsass, die Stadt Haguenau ist und bleibt bis heute ein Schmelz-Tiegel deutscher und französischer Kultur. In allen Lebensbereichen. Auch hier wieder das Motto: Wohl bekomm’s!

Auf einen Blick


Kontakt
Fremdenverkehrsamt von Haguenau
1, place Joseph Thierry
F-67500 Haguenau
Tel.: (0033 3) 88 06 59 99
E-Mail: keine E-Mailadresse /
Kontaktformular ausfüllen
www.visithaguenau.alsace
Hier kann man auch für Führungen anfragen.

Öffnungszeiten
Die Kirche ist tagsüber geöffnet.

Preise
Der Eintritt ist frei.
Der Wochenmarkt findet jeweils dienstags und donnerstags statt in der "Halle aux houblons"an der Grande Rue jeweils bis 13.00 Uhr.


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