Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)

Die Kirche mit dem Haus auf dem Turm

Heckenransbach oder...

Stephanie Prochnow   25.07.2022 | 06:00 Uhr

Stellen Sie sich vor, sie könnten eine Zeitreise machen. Purzelten durch mehrere Jahrhunderte hindurch mitten ins 13. Jahrhundert. Wahrscheinlich landeten Sie dann erst mal im Matsch, weil Straßen damals noch nicht befestigt waren und es gerade ziemlich geregnet hat.

Sie sind in Ransbach gelandet, einem kleinen Weiler ein paar Kilometer von Saargemünd entfernt. Um Sie herum sind eine Reihe von hölzernen Hütten, wahrscheinlich lehmbefestigt. Manche Häuser sind aus Stein gebaut. Vor mehreren scharren ein paar Hühner im Gras.

Plötzlich ertönt eine Glocke

Es riecht nach Vieh, nach Mist und nach Holz, das gerade gehackt worden ist. Sie haben Durst. „Gibt es hier, äh, einen Brunnen“, fragen Sie sich. Als Sie sich suchend umdrehen, sehen Sie eine steinerne befestigte Anlage. In der Mitte: ein Kirchlein. Plötzlich ertönt die Glocke. Sie verstehen schnell: Das ist kein Angelus, keine normale Zeit, zu der eine Glocke zu ertönen hat!

Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)

Alle rennen aus den Häusern, rufen nach den Kindern, drängen zur Kirche hin. Sie werden mitgerissen zum Turm. Einen engen Holzstieg geht es hoch, und oben öffnet sich ein Raum. Es ist kaum Platz für alle, aber das ganze Dorf scheint hier untergekommen zu sein. Sie sind an einer der Schießscharten gelandet, können den ganzen Ort übersehen.

Erste Schüsse aus der Ferne

Neben Ihnen zieht einer an einem dicken Seil hölzerne Kübel mit Wasser hoch. Ein paar Leute sind noch unten. Sie bringen weitere Kübel herbei. Es gibt einen Brunnen, erkennen Sie, und der ist gar nicht weit weg. Bis auf die Kübelträger ist kein Mensch mehr zu sehen. Auch das Vieh scheint verschwunden. Da ertönen aus der Ferne erste Schüsse …

Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)

Ungefähr so wird es im 13. Jahrhundert gewesen sein, als die Abtei Wadgassen, zu der der Ort gehörte, beschloss, einen Rückzugsort bei etwaigen Angriffen zu bauen. Das Kirchlein stand damals schon seit mehr als 400 Jahren! Es gehörte einst zur Abtei Hornbach, wo es 796 zum ersten Mal erwähnt wird. Zur ursprünglichen Kapelle wurde ein Rundturm gebaut, und auf diesen Rundturm dieser ungewöhnliche viereckige Bau, einem Wohnhaus nicht unähnlich, ein ungewöhnliches, aber sicheres Fluchthaus für die Dorfbevölkerung.

Eine der ältesten Madonnenfiguren

In der Kapelle selbst stand damals bereits eine handgeschnitzte Madonna mit dem Jesuskind auf dem Arm. Ob sie jedes Mal mit in den Zufluchtsort genommen wurde, weiß man nicht, aber sie überdauerte alle Kriege und Jahrhunderte bis heute. Sie gehört zu den ältesten Madonnenfiguren Lothringens.

Heckenransbach Oder:  (Foto: Lisa Huth)

An Pfingstmontag bekommt sie einen blauen Samtmantel umgehängt. Gleich neben der Holzstatue ist sie auch noch einmal im blauen Mantel auf dem Kirchenfenster zu sehen. Traditionell kommen die Menschen von weither, auch damals im 13. Jahrhundert, um an Pfingstmontag vor der Kirche das Hochamt zu feiern. Die Glocke, die Sie bei Ihrer Zeitreise gehört haben und die die Gläubigen zum Gebet und zur Messe ruft, gilt als die älteste gegossene in Lothringen.

Die heilige Anna mit einem Buch

Kein Wunder, dass der ursprüngliche Teil der Kirche sowie die Glocke samt Turm und darauf das Fluchthaus unter Denkmalschutz stehen. Zumal es noch ein weiteres Kleinod in der Kirche zu bewundern gibt: die heilige Anna mit einem Buch in der Hand, das sie der kleinen Maria entgegen hält. Die heilige Anna ist die Großmutter Jesu. Sie bringt dessen späterer Mutter Maria das Lesen bei.

Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)

Das Kirchlein ist heute ein bisschen größer als vor tausend Jahren. Ein Chor wurde hinzugefügt, die Sakristei wird von einem gotischen Kreuzbogen überwölbt. Alles ist sehr eng und steht auf einem natürlichen kleinen Hügel. Heute umgeben von schmucken Bauern- und Einfamilienhäusern, so wie überall in Lothringen.

Man muss einfach selbst hinfahren

Der Ort selbst hat eine Menge Namensänderungen durchgemacht: Ramespach, Ransbach wie Sie es bei ihrem Ausflug ins 13. Jahrhundert kennen gelernt haben, Heckenrausback in der Revolution, dann Heckenranschbach und heute eben Heckenransbach. Es ist heute keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern gehört zu Ernestviller.

Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)

Viel Literatur finden Sie nicht über die Kirche und schon gar nicht über den uralten Brunnen. Um sich die besondere Geschichte um die Nase wehen zu lassen, müssen Sie einfach selbst hinfahren.

Heckenransbach Oder: (Foto: Lisa Huth)


Auf einen Blick


Kontakt
Mairie - Rathaus
64, rue du Bourg
F-57510 Ernestviller
Tel.: (0033 3) 87 09 40 60
E-Mail: ernestviller.mairie@gmail.com

Öffnungszeiten
Nach Rücksprache mit der Mairie.

Preise
Der Eintritt ist frei


Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja