Als die Gotik ins Kaiserreich einzog  (Foto: David Differdange und Elisa Teichmann)

Als die Gotik ins Kaiserreich einzog

Die Kathedrale St. Étienne in Toul

David Differdange   25.07.2022 | 06:00 Uhr

Beinahe überdimensioniert wirkt sie: die große und prachtvolle Kathedrale St. Étienne in Toul. Die 65 Meter hohen Türme überragen die 15.000-Einwohner-Stadt im Département Meurthe et Moselle gut sichtbar aus jeder Himmelsrichtung. Die Kathedrale steht für die bewegte Vergangenheit einer ehemals bedeutsamen, einflussreichen Stadt.

Über die Geschichte Touls und der Kathedrale St. Étienne kann man bei einer Führung mehr erfahren, auch in deutscher Sprache. Sogar der Bürgermeister von Toul, Alde Harmand, bietet Führungen an. Der studierte Kunsthistoriker hat seit seiner Jugend bereits über 90.000 Menschen durch die Kathedrale geführt.

Teil des Heiligen Römischen Reiches

Bis heute fasziniert ihn das prominente Bauwerk in seiner Heimatstadt: „St. Étienne zeugt von der Geschichte der Stadt. Toul war Bistum, und der Bischof war ein wichtiger geistlicher Führer der christlichen Welt. Toul war freie Stadt, wie die Bistümer Metz und Verdun gehörte es zum Heiligen Römischen Reich.“

Als die Gotik ins Kaiserreich einzog  (Foto: David Differdange und Elisa Teichmann)

Die Anfänge von Toul reichen in die gallorömische Zeit zurück. Nach dem Tod von Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Großen, zerfiel das Fränkische Reich 843 in drei Teile. Toul lag im Mittelreich Lotharingien. Das ging schon bald in Ostfrankenreich auf – aus dem sich später das Heilige Römische Reich entwickelte. Im 10. Jahrhundert ließ Bischof Gerhard von Toul eine romanische Kathedrale in Toul errichten.

Beispiel der Flammengotik

Im 13. Jahrhundert trat die Gotik von Paris aus ihren Siegeszug in Richtung Osten an. Der Baustil veränderte die Architektur. Toul spielt dabei eine besondere Rolle: Auf den Grundmauern der alten romanischen Kathedrale wurde bereits ab 1221 die gotische Kathedrale St. Étienne errichtet.

Als die Gotik ins Kaiserreich einzog  (Foto: David Differdange und Elisa Teichmann)

Besonders markant ist heute die eindrucksvolle Westfassade, die erst später entstand. Sie gilt als ein herausragendes Beispiel der Flamboyant, der Flammengotik. Wer davor steht, hat den Eindruck, dass die Umrandungen von Fenstern, Balustraden und Bögen wie Flammen in die Höhe schlagen.

Toul baute schneller als Metz

St. Étienne gilt als eine der ersten gotischen Kathedralen auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches, verrät Alde Harmand: „Der Bau der Metzer Kathedrale hatte zwar ein Jahr früher begonnen, doch die Arbeiten verzögerten sich enorm. In Toul ging es viel schneller voran. So war es in Wirklichkeit die Kathedrale von Toul, mit der die Gotik ins Kaiserreich einzog.“

Als die Gotik ins Kaiserreich einzog  (Foto: David Differdange und Elisa Teichmann)

Kunsthistoriker gehen davon aus, dass St. Étienne in Toul zahlreichen bekannten Bauten, etwa in Trier, Worms und Regensburg, als Vorbild gedient haben könnte. Der fehlende Chorgang, die auffällig großen Fenster rund um den Chorraum, sowie zwei Türme auf Höhe der Apsis, werden auch als „Schule von Toul“ bezeichnet.

Zeugin der großen Vergangenheit Touls

Fertiggestellt wurde St. Étienne erst 1496 – die zahlreichen Konflikte zwischen den Herzogtümern Burgund und Lothringen verzögerten den Bau. Auch der angrenzende hervorragend erhaltene Kreuzgang ist eine Besonderheit. Er ist einer der größten seiner Art in Frankreich und zeugt ebenfalls von der großen Vergangenheit des Bistums Toul. Als Gast fühlt es sich an, als sei man Hunderte Jahre in die Vergangenheit gereist.

Als die Gotik ins Kaiserreich einzog  (Foto: David Differdange und Elisa Teichmann)

Der Abstieg des einst einflussreichen Bistums Toul begann 1552 mit der Eroberung der Stadt durch den französischen König Heinrich II. Mit dem Westfälischen Frieden, knapp einhundert Jahre später, fiel Toul offiziell an Frankreich. Doch das war erst der Anfang, sagt Alde Harmand.

In der Revolution viel zerstört

„1717 ist das alles entscheidende Jahr in der Geschichte von Toul. Die Diözese wurde dreigeteilt: in St. Dié in den Vogesen, Nancy und Toul, das einen Teil des heutigen Départements Meuse behielt. Nancy stellte Toul fortan mehr und mehr in den Schatten. Während der Französischen Revolution wurde im Jahr 1790 das Bistum Toul vollständig aufgelöst. Die Stadt verlor endgültig ihren Bischofssitz – nach 15 Jahrhunderten Kirchengeschichte“, erklärt der Bürgermeister.

Auch die Kathedrale St. Étienne machte harte Zeiten durch, das fällt bei einem Besuch der Kirche schnell ins Auge: Während der Französischen Revolution wurden Hunderte Statuen an der Kathedrale zerstört, teils enthauptet, viele Sockel sind komplett leer. Im Zweiten Weltkrieg setzten deutsche Bomben das Dach in Brand.

Außergewöhnlich schöne Kathedrale

Bis heute – und wie an vielen Kathedralen – gibt es auch in Toul ständig etwas zu renovieren. Das ändert jedoch nichts daran, dass man im kleinen Toul stolz auf die wirklich außergewöhnlich schöne Kathedrale ist.

Ein Besuch lohnt sich vor allem in den Sommermonaten, dann werden auch Führungen auf dem Kirchturm angeboten. Von dort hat man nicht nur eine grandiose Aussicht auf die Umgebung, sondern kommt auch einigen detailverliebten, grotesken Wasserspeiern ganz nah.


Auf einen Blick


Kontakt
Kathedrale St. Étienne
Place Charles de Gaulle
F-54200 Toul
Tel.: (0033 3) 83 64 90 60
E-Mail: contact@mairie-toul.fr
www.toul.fr/?stadt-der-geschichte&lang=de
www.toul.fr/cathedrale800ans/

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 8.30 – 12.00 Uhr und 14.00 – 17.00 Uhr
Samstag und Sonntag geschlossen.

Preise
Der Eintritt ist frei.


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