Eine Zeitreise durch die Weingüter an Mosel, Saar und Ruwer (Foto: Dieth+Schröder Visuelle Kommunikation)

Die Flaschenpost

Tour de Kultur 2021: Eine Zeitreise durch die Weingüter an Mosel, Saar und Ruwer

Sven Rech   19.07.2021 | 06:00 Uhr

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Weinlese am Weinberg (Foto: Dieth+Schröder Visuelle Kommunikation)

Vor genau hundert Jahren hatte es der Himmel gut mit unserer Region gemeint. 1921 schien die Sonne, als würde sie dafür bezahlt, und es regnete so wenig, dass die Mosel den niedrigsten bekannten Wasserstand ihrer Geschichte erreichte. Man konnte sie an vielen Stellen zu Fuß durchwaten.

Trotzdem kam offenbar noch genug Wasser vom Himmel, um die Trauben an den steilen Hängen von Mosel, Saar und Ruwer prall und saftig zu machen. Das Mikroklima in den engen Flusstälern tat das Seine dazu, und so wurde der 1921er ein Jahrhundertjahrgang, von dem die Kenner tatsächlich noch nach hundert Jahren schwärmen.

Das Weingut Maximin Grünhaus

Das Weingut Maximin Grünhaus (Foto: Weinkrake )

Einer dieser Kenner ist Maximin von Schubert. Er führt das Weingut Maximin Grünhaus in Mertesdorf an der Ruwer. Das Gut besteht aus drei steilen Hängen, den sogenannten Lagen namens Abtsberg, Herrenberg und Bruderberg, durch die man sich müde und durstig wandern kann, wenn man will, und einem kleinen Schlösschen mit einem romantisch verwitterten Torbogen am Fuß des Abtsbergs für die, die es mit dem Wandern nicht so haben. Dort kann man den Festsaal mieten, wenn man zum Beispiel Hochzeit feiern, schwierige Geschäftspartner erweichen oder einfach nur mal Weine durchprobieren möchte, mit denen auch die Queen in Windsor Castle den Ihren zuprostet.

Im Keller des Weingutes Maximin Grünhaus (Foto: Weinkrake)

Unter dem Schloss erstreckt sich ein weitläufiger Keller. Einige der Gänge haben schon die Römer in den Fels gegraben. Im dritten Jahrhundert stand an der Stelle des heutigen Schlosses eine Villa Rustica – ein römisches Landhaus – und vieles spricht dafür, dass auch diese frühen Bewohner schon die umliegenden Hänge mit Wein bewirtschaftet haben.

Später haben sich christliche Mönche von der Trierer Abtei St. Maximin des Weingutes angenommen (nur zur höheren Ehre Gottes, versteht sich). Unter Napoleon wurde es säkularisiert und an Bürgerliche verkauft – ein Teil des Herrenbergs gehörte einst den Eltern von Karl Marx. Seit nunmehr sechs Generationen ist das Gut im Besitz der Familie von Schubert, und Maximin, der heutige Gutsherr führt seine Besucher (nach Voranmeldung) gerne durch das Kellerlabyrinth bis ganz nach hinten, zur Schatzkammer.

Hier liegt er, der 1921er, der Jahrhundertjahrgang

Und dort liegt er dann: der 1921er, der Jahrhundertjahrgang. Es gab im 20. Jahrhundert noch einige Jahrhundertjahrgänge, sicher, und auch von denen liegen noch etliche Flaschen in der Grünhäuser Schatzkammer. Aber nie zuvor und niemals wieder hat ein Wein derart Furore gemacht wie die Herrenberg Riesling Trockenbeerenauslese Jahrgang 1921. Bei der Trierer Weinversteigerung im Jahr 1923 kaufte das Waldorf Astoria Hotel in New York ein ganzes Fuder – also rund 1.000 Liter – dieser Köstlichkeit für den sagenhaften Preis von 100.000 Goldmark. Es heißt, der Auktionator habe bei der Versteigerung vor lauter Aufregung sogar seinen Hammer zerschlagen …

Eine Flasche, die vor hundert Jahren verschlossen wurde. In ihr eine Flüssigkeit, die von Menschen hergestellt wurde, die keine Fernseher kannten und kein Internet, die nicht wussten wie Cola schmeckt und die nie geglaubt hätten, dass man dereinst in sechs Stunden nach New York fliegen könnte, wo ihr Wein einen solch hohen Stellenwert genoss. Und sie ahnten nicht, dass sie uns Heutigen eine der flüchtigsten Botschaften per Flaschenpost schicken würden, die es gibt: Geschmack.

„Frisch“ wird er wohl schmecken, meint Maximin von Schubert. Er hat schon ältere Weine aus seiner Schatzkammer getrunken – den 1921er aber noch nicht angerührt. Die feine Säure, die den typischen Rieslinggeschmack ausmacht, sorgt auch dafür, dass die Weine so lange haltbar sind.

Weingut Max Ferdinand Richter

In beinah jedem Winzer-Keller entlang von Mosel, Saar und Ruwer dürfte noch ein 1921er liegen. In Mühlheim an der Mosel bewahrt etwa Dirk Richter vom Weingut Max Ferdinand Richter die Schätze seiner Vorfahren unter vielen Lagen Spinnweben auf. Seit nunmehr zehn Generationen bewirtschaften die Söhne der Familie ihre Weinberge. Einer von ihnen hat mit Napoleon persönlich verhandelt, ein anderer die luxuriösen Luftschiffe des Grafen Zeppelin mit Wein beliefert. Wer die Treppe zum „Contor“ der Richters hochsteigt, könnte glauben, den letzten Zeppelin gerade mal um fünf Minuten verpasst zu haben …

Ein Schluck vom Riesling – und schon schwebt man hinterher. Es glitzert die Mosel, und das da hinten, das ist schon wieder die Saar.

Weingut Van Volxem

Weingut Van Volxem (Foto: Dieth+Schröder Visuelle Kommunikation)

Ein großes modernes Gebäude thront auf einem Hügel bei Wiltingen inmitten der Rebstöcke, riesige Fensteröffnungen schauen auf die Steilhänge am anderen Ufer. Van Volxem steht in großen Lettern auf der Fassade. Ein Weingut ohne Fachwerk, ohne knarrende Dielen, ohne römische Keller. Ein Neuanfang.

Der Gründer... war Bierbrauer

Denn Roman Niewodniczanski stammt nicht ab. Jedenfalls nicht von einer Winzerfamilie. Schlimmer noch: die Niewodniczansnkis sind Bierbrauer. Aber gerade dadurch führt „Niwo“, wie ihn alle mittlerweile nennen, die Tradition seines Weingutes fort: Auch der Gründer von Van Volxem war Bierbrauer. Er kam aus Brüssel, kaufte Anfang des 19. Jahrhunderts einige der besten Weinberge an der Saar, und seine Nachkommen erzeugten dort die begehrtesten Gewächse („Creszencen“) der Kaiserzeit. Vom Ritz in Paris bis zum Kempinski in Berlin: Auf keiner Weinkarte von Welt durften der Scharzhofberger oder der Ockfener Geisberg aus dem Hause Van Volxem fehlen. Und stets gehörten sie zum teuersten, was man zu den Austern oder zum Kalbsbraten ordern konnte.

Roman Niewodniczanski vom Weingut Van Volxem  (Foto: Dieth+Schröder Visuelle Kommunikation)

In dem weiten luftigen Neubau von Van Volxem kann man hinausschauen auf die historischen Weinberge und gleichzeitig schmecken, was sie hervorbringen. Die „großen Lagen“ sind heute auch für Normalverdiener bezahlbar. Und die Qualität ist womöglich sogar besser als die, die Kaiser Wilhelm ins Glas bekam.

Aber den Weltruhm, den der Riesling von der Saar einst genoss, den möchte Roman Niewodniczanski gerne wiederherstellen. Darum hat er den Geisberg, der im Lauf des 20. Jahrhunderts leider verwilderte, roden lassen und einen neuen Weinberg auf dem Schieferboden angelegt. In fünfzig, vielleicht hundert Jahren wird dort wieder großer Wein entstehen. Und wenn das Wetter im Jahr 2121 so außergewöhnlich wird wie 1921, dann wird in der Tour de Kultur von 2221 stehen: „Vor genau hundert Jahren hatte es der Himmel gut mit unserer Region gemeint …“


Auf einen Blick


Weingut Maximin Grünhaus

Maximin Grünhaus 1
54318 Mertesdorf
Tel.: (0651) 51 11
E-Mail: info@maximingruenhaus.de
www.maximingruenhaus.de

Öffnungszeiten
nach Terminvereinbarung Mo. - Fr. 8.00 - 17.00 Uhr, Sa. 10.00 - 16.00 Uhr
(von November bis April geschlossen)

Preise
Verkostungsgebühr: 20,- € / Person (6 - 8 Weine, natürlich kein 1921er …)

Anfahrt
Saarbrücken – A1 Richtung Trier Anfahrt Reinsfeld, dann links in Richtung Saarburg und über die Hunsrückhöhenstraße Richtung Trier weiterfahren. Nach etwa 17 Kilometern erreicht man Mertesdorf, das Weingut liegt von dort aus gesehen etwas außerhalb hinter dem Ort an der Landstraße, ist aber gut ausgeschildert („Grünhaus“).


Weingut Max Ferd. Richter

Hauptstraße 37/85
54486 Mühlheim an der Mosel
Tel.: (06534) 93 30 03
E-Mail: weingut@maxferdrichter.com
www.maxferdrichter.com

Öffnungszeiten
Mo. bis Fr. 8.00 - 12.00 Uhr und 14.00 - 17.00 Uhr, Sa. 9.00 - 13.00 Uhr und nach Vereinbarung

Preise
Keine Angabe. Bei Terminvereinbarung bitte erfragen

Anfahrt
Saarbrücken – A1 Richtung Trier/Koblenz, Abfahrt 127 Salmtal, dann links Richtung Bernkastel-Kues. Nach circa 15 Kilometern kommt man automatisch nach Mühlheim an der Mosel.


Weingut Van Volxem

Zum Schlossberg 347
54459 Wiltingen/Saar
Tel.: (06501) 80 229-15
E-Mail: vinothek@vanvolxem.com
www.vanvolxem.com

Öffnungszeiten
Di. bis So. und an Feiertagen von 11.00 - 18.00 Uhr

Preise
Kleine Weinprobe (3 Weine): 5,- €, Kommentierte Weinprobe (bis zu 7 Weine): 13,- €, Geführte Weinprobe (9 Weine): 25,- €

Anfahrt
Saarbrücken – A620/A8 Richtung Luxemburg, Abfahrt 5 Merzig-Schwemlingen, dann auf B51 weiter Richtung Mettlach/Trier. Circa 8 Kilometer hinter Saarburg sieht man auf der linken Seite schon das Van-Volxem-Gebäude. Links über die Brücke, dann halblinks den Berg hinauf (ausgeschildert).


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