Auf der Fluchtroute der Zwangsrekrutierten (Foto: SR)

Sentier des Passeurs

Tour de Kultur 2021: Auf der Fluchtroute der Zwangsrekrutierten nach Belgien wandern

David Differdange   19.07.2021 | 06:00 Uhr

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Am 10. Mai 1940 überfiel Deutschland Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Luxemburg wurde zunächst unter Militärverwaltung, später unter Zivilverwaltung gestellt. Die Leitung übernahm der Gauleiter Gustav Simon aus dem angrenzenden Gau Moselland. Simon trieb die „Germanisierung“ des Landes voran: 1942 wurde Luxemburg dem Deutschen Reich offiziell einverleibt. Junge Luxemburger wurden in der Folge zwangsrekrutiert und mehrheitlich an die Ostfront geschickt. Wer sich weigerte, musste die Umsiedlung der Familie in die ehemaligen deutschen Ostgebiete fürchten.

Widerstand durch Flucht

Historische Aufnahme von jungen Männern vor ihrer Flucht vor der Zwangsrekrutierung (Foto: SR)
Naturpark Our

In Luxemburg regte sich Widerstand, an mehreren Orten versteckten sich junge Männer vor der Zwangsrekrutierung und organisierten Fluchtwege nach Frankreich oder Belgien. In Ulflingen (Troisvierges auf Französisch) an der belgischen Grenze, entstand eines dieser Fluchtnetze. Der Wanderweg Sentier des Passeurs führt durch ein Waldgebiet über die Grenze und erzählt die Geschichte der lokalen Fluchtoperationen.

Zwei Routen entlang des Fluchtnetzes

Die App der Region Eislek mit Texten und  Videos von Zeitzeugen (Foto: SR)
SR/David Differdange

Die Route folgt in großen Teilen dem Fluchtnetz, das nach 1942 genutzt wurde. Es gibt zwei ausgeschilderte Runden, die eine zwölf, die andere neun Kilometer lang. Auf beiden stehen mehrere neue Infotafeln mit Hintergrundinfos. In der App der Region Eislek gibt es zusätzliche Texte und Videos von Zeitzeugen zu entdecken. Wer die App installiert und Bluetooth eingeschaltet hat, bekommt an den Stationen eine Benachrichtigung und wird darüber zur passenden Seite in der App geleitet.

Der Start der Tour

Ausgangspunkt der Wanderwege ist Ulflingen. Von dort geht es zunächst durch den Ort und weiter über hügelige, meist asphaltierte Feldwege in Richtung Wald.

Alte Scheune in Ulflingen, wo die Fluchthelfer warteten (Foto: SR)
SR/David Differdange

In Ulflingen steht, etwas abseits des Weges, auch noch eine alte Scheune, in der die Fluchthelfer die Flüchtlinge aus den umliegenden Verstecken auf den Grenzübertritt vorbereiteten. Unter den Flüchtenden befanden sich einige alliierte Piloten, die über diesen Weg zurück hinter die Frontlinie gelangten. Die Fluchthelfer stammten aus umliegenden Dörfern wie Sassel oder Biwisch. Sie kannten den Wald im Grenzgebiet sowie die Gewohnheiten und Dienstzeiten der patrouillierenden deutschen Soldaten genau.

Aloyse Kremer - der Kopf der Fluchtoperationen

Aloyse Kremer, der Hauptdrahtzieher der Fluchtoperationen (Foto: SR)
Naturpark Our

Hauptdrahtzieher der Fluchtoperationen war Aloyse Kremer aus dem Dorf Biwisch. Seine tragische Geschichte wird auf dem Sentier des Passeurs besonders beleuchtet: Der damals 21-Jährige wurde im Herbst 1944 in Belgien festgenommen, von der Gestapo in der Villa Pauli in Luxemburg Stadt gefoltert und 1945 in Torgau hingerichtet. In den Monaten zuvor hatte er erfolgreich drei größere Operationen mit insgesamt über 50 Flüchtlingen organisiert. Sein Tod bedeutete das Ende der Fluchtroute durch den Biwischer Wald.

Ein kleiner Bach mit großer Bedeutung

Ein Bach, der die natürliche Grenze zu Belgien markiert (Foto: SR)
SR/David Differdange

Der Wald war der entscheidende, gefährlichste Abschnitt der Route, das spürt man auf der Wanderung. Der Pfad schlängelt sich zum Teil durch dicht bewachsene Teilstücke und ist außer bei Schneefall gut begehbar. Mehrmals kreuzt er größere Waldwege, auf denen im Krieg die deutschen Soldaten patrouillierten. Nach einem kurzen Stück bergab erreicht man einen Bach, der die natürliche Grenze zu Belgien markiert, auch dort steht eine Infotafel. Außerdem ist an der Stelle eine große Schieferplatte als Brücke installiert worden. Von dort geht es zunächst auf belgischem Boden über Wald- und Feldwege zurück in Richtung der luxemburgischen Dörfer.

Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg über 10.000 Luxemburger von den Deutschen zwangsrekrutiert. Etwa ein Drittel tauchte unter oder desertierte von der Front. Wie viele, ausgestattet mit falschen Papieren, von Ulflingen aus ins benachbarte Belgien gelangten, ist nicht genau bekannt. Dokumentiert ist jedoch, dass einige luxemburgische Flüchtlinge sich den Alliierten anschlossen und an der Befreiung Luxemburgs im September 1944 beteiligt waren.


Auf einen Blick


Kontakt: Guides Touristiques des Ardennes
Luxembourgeoises
1A, rue du Vieux Marché
L-9419 Vianden
Tel.: (00352) 84 93 25 27
E-Mail: tours@visit-eislek.lu
www.visitluxembourg.com

Anfahrt
Von Saarbrücken fahren Sie über die A620/A8 in Richtung Luxemburg. In Luxemburg fahren Sie auf der Autobahn (A13) bis zum Kreuz Bettemburg, dort biegen Sie in Richtung Luxemburg/Brüssel ab. Anschließend folgen Sie der Beschilderung in Richtung Ettelbrück/Echternach. Über die E421 fahren Sie bis Clerf und folgen dort der Beschilderung bis Troisvierges (Ulflingen). Der Wanderweg beginnt am Bahnhof, auch geführte Wanderungen starten dort. Dort gibt es einige Parkplätze.

Infos:
Start und Ziel: Bahnhof Troisvierges (Ulflingen), Rue de la Gare, L-9906 Troisvierges
Länge: 12 Kilometer mit einer Variante von 9 Kilometer
Geführte Besichtigung: 3 Stunden
App: www.visit-eislek.lu (Die Anwendung steht gratis für Android und iOS im Play- bzw. App-Store zur Verfügung)


Die Tour de Kultur 2021


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