Wo sie mit goldener Tinte schrieben

Tour de Kultur 2021: Das Abteimuseum von Echternach

Stefan Miller   19.07.2021 | 06:00 Uhr

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„O glückseliger Leser! Wasche deine Hände und nimm so das Buch zur Hand, behutsam wende die Blätter, fern von Buchstaben setze die Finger auf! Denn wer nicht schreiben kann, meint, das sei keine Mühe. Ach wie verdrießlich ist das Schreiben! Die Augen macht es müde, die Lenden schwächt es und zugleich bekommt es allen Gliedern schlecht. Drei Finger schreiben, der ganze Körper schmerzt. Deshalb, wie der Seemann sich sehnt, zu seinem angestammten Hafen zu kommen, so auch der Schreiber zur letzten Zeile.“

Bücher, ein kostbarer Schatz

Diese Zeilen stammen von einem anonymen mittelalterlichen Schreiber. Bücher waren damals ein kostbarer Schatz. Es gab kaum Menschen, die lesen und schreiben konnten, deshalb wurden Bücher in geringer „Auflage“ hergestellt, waren meistens Einzelstücke. Das Material war teuer: Pergament. Für die vier Evangelien brauchte man die Häute von mindestens 50 Kälbern. Außerdem wurden viele Bücher sehr wertvoll ausgeschmückt, mit Malereien versehen, die ersten Buchstaben, die Initialen, mit Flechtmustern dekoriert, die Buchdeckel der kostbarsten Schriften wurden sogar mit Edelsteinen verziert, bevor man sie an Kaiser und Adlige verkaufte.

Meisterwerke aus dem Skriptorium

Im Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Eine der Werkstätten dieser mittel­alterlichen Hightechkunst war die Benediktinerabtei in Echternach. Der Mönch Willibrord hatte sie 698 gegründet, nachdem ihm Irmina, eine Trierer Äbtissin, die Hälfte eines rö­mischen Gutshofes geschenkt hatte. Willibrord war aus Irland auf den europäischen Kontinent zur Mission aufgebrochen. In Irland hatte die Buchmalerei schon früh ein hohes künstlerisches und technisches Niveau erreicht. In der Schreibwerkstatt von Echternach, einem sogenannten Skriptorium, sollten nun Meisterwerke der mittelalterlichen Buchkunst entstehen. Vor allem in ottonischer Zeit wurden hier die weltberühmten Bücher in goldener Tinte geschrieben, der Codex aureus Epternaciensis (Echternacher Goldbuch) und der Codex aureus Escorialensis (Goldbuch des Escorial).

Im Keller lebt die Geschichte heute fort

Im Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Die Geschichte hat die Abtei von Echternach verändert. Der heutige Bau ist aus dem 18. Jahrhundert. Ein Gymnasium ist hier untergebracht, von den Skriptorien von einst ist nichts mehr zu sehen. Aber dank der Stahlkrise der 1980er Jahre kann man sich im Keller des Abteigebäudes dennoch ein anschauliches Bild von dieser Zeit machen. Stahlarbeiter, die damals beschäftigungslos waren, wurden in einer Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingesetzt, um den Keller auszubauen und für ein Museum in Stand zu setzen.

Heute werden hier Faksimiles der berühmtesten Werke aus dieser Werkstatt gezeigt. Wie? Nur Faksimiles, also Nachbildungen, Kopien? Ja, es sind nicht die Originale aus Echternach, die hier gezeigt werden, und das ist vielleicht auch gut so. Denn die Originale sind so empfindlich, dass man kaum mehrere Seiten ständig dem Licht des Museums aussetzen könnte. Die Herstellung dieser Faksimiles dauerte länger als die der Originale und deshalb kosten sie auch mehrere Tausend Euro. Sie sind für einen Laien nicht von den Vorbildern zu unterscheiden und geben hier einen faszinierenden Eindruck von der Buchkunst der Echternacher Werkstatt.

Sogar der Kaiser war beeindruckt

Biblische Illustration aus dem Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Schon das Evangelistar Heinrich III besticht mit seinen kunstfertigen Bildern und facettenreichen Farben. Ein Evangelistar ist ein Buch mit Auszügen aus den Evangelien, die für Gottesdienste verwendet wurden. Als der Kaiser die Abtei besuchte, übergab man es ihm sozusagen als Werbegeschenk, um die Leistungsfähigkeit der Schreibwerkstatt vorzuführen. Das Buch machte denn auch so nachhaltigen Eindruck auf den Kaiser, dass er später einen Codex aureus für den Speyerer Dom in Auftrag gab, der heute im Escorial, also dem königlichen Palast in Madrid, verwahrt wird. Dieser Codex ist mit goldener Tinte geschrieben ebenso wie der andere berühmte Codex, der Epternaciensis.

Biblische Illustration aus dem Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Mehr als 50 verschiedenen Farben kommen bei diesen Büchern zum Einsatz, die aufwändig aus Metallen, Mineralien und Pflanzen hergestellt wurden. Und der Buchdeckel des Codex epternaciensis ist darüber hinaus noch mit Edelsteinen, Perlen und kleinen Emaille-Täfelchen gestaltet. In der Mitte zieht ein Relief aus Elfenbein, eine Kreuzigungsszene, die Aufmerksamkeit auf sich. Sie wird eingerahmt von Goldreliefs, die Maria und Petrus sowie Heilige und die Flüsse des Paradieses darstellen.

Warum damals so ein unbeschreiblicher Aufwand für die Gestaltung eines einzigen Buches betrieben wurde, ist heute schwer nachzuvollziehen. Natürlich waren die teuersten Stücke auch repräsentative Geschenke der Reichen und Mächtigen, aber sie hatten vor allem die Funktion, die Heilige Schrift als Wort Gottes zu inszenieren, ihr also eine gewisse Aura zu verleihen, bevor Gottesdienste in der heutigen Form stattfanden.

Hier weht der Atem der Geschichte

Im Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Im Abteimuseum von Echternach kann man sich vom Atem dieser Geschichte anwehen lassen. Neben zahlreichen Schmuckseiten der wertvollen Bücher ist hier auch eine kleine Schreibwerkstatt nachgebaut und die Herstellung der Farben wird erläutert. In einem zweiten Teil des Museums wird die Geschichte des Abteigründers erzählt, des heiligen Willibrord, des Begründers der Echternacher Springprozession, die heute zum immateriellen kulturellen Erbe der UNESCO zählt.

Blick auf Echternach mit dem Abteimuseum  (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Auch sonst ist Echternach mit der Abteikirche, den Resten einer römischen Villa, der pittoresken Altstadt und vielleicht einem Ausflug ins Müllerthal eine Reise wert. Und wenn man seinen Reiseführer im Taschenbuchformat nach den Sehenswürdigkeiten durchstöbert und sich das Buch schon beim zweiten Mal Lesen fast in seine einzelnen Seiten auflöst, denkt man wehmütig daran, wie liebevoll Bücher einmal angefertigt wurden.


Auf einen Blick


Das Abteimuseum von Echternach (Foto: Peuky Barone-Wagener)

Abteimuseum Echternach
11, Parvis de la Basilique
L-6486 Echternach
Tel.: (00352) 72 74 72
E-Mail: info@mullerthal.lu
www.museedelabbaye.lu

Öffnungszeiten
10.00 bis12.00 und 14.00 bis17.00 Uhr,
Juli und Aug. 10.00 bis 17.00 Uhr

Eintritt
Erwachsene: 3,- €
Senioren über 60 Jahre: 1,50 €
Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre haben freien Eintritt
Gruppen (mindestens 10 Personen): 1,50 € pro Person

Es gibt Audioguides in 8 Sprachen

Anfahrt
Am schnellsten geht es meistens über die A1, bei Autobahnkreuz 130 Dreieck Moseltal auf die A602 Richtung Luxemburg/Trier, dann über B51 Richtung Bitburg, über die N11 in Luxemburg nach Echternach. Sehr reizvoll ist auch die Strecke über die A8 und dann die Mosel entlang nach Norden.


Die Tour de Kultur 2021


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