Polizeiauto bricht ins Oppenheimer Kellerlabyrinth ein (Foto: Julia Becker)

Und plötzlich war das Polizeiauto eingebrochen …

… in den Kellerlabyrinthen von Oppenheim

Julia Becker  

Die Stadt Oppenheim bietet neben ihrer berühmten gotischen Katharinenkirche eine ganz besondere Sehenswürdigkeit: seine Kellerlabyrinthe. Teilweise fast 1000 Jahre alt ranken sich viele Geschichten um die verwobenen Gewölbe, die in einem kuriosen Ereignis von einem Polizeiauto ans Tageslicht befördert wurden.



„In den Kellern sind Sie am sichersten Platz von Oppenheim“, erzählt Walter Lang, Gästeführer der Stadt. „Denn die Keller sind teilweise fast tausend Jahre alt, also tausend Jahre erhalten geblieben. Und in den letzten tausend Jahren, wir haben mal nachgerechnet, sind in der Stadt oben die Häuser durch Kriege, Feuer, Erdbeben zerstört worden und mussten mindestens 25 bis 30 Mal neu aufgebaut werden – deshalb: Sicherster Ort!“

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Tour de Kultur: In den Kellerlabyrinthen von Oppenheim
Audio [SR 3, Julia Becker, 07.07.2017, Länge: 03:24 Min.]
Tour de Kultur: In den Kellerlabyrinthen von Oppenheim

Und noch weitere Vorteile hat das Kellerlabyrinth, hier sind es immer zwischen 16 und 18 Grad. „Im Winter ist es angenehm warm und im Sommer kühl“, erklärt Lang. Er trägt nur ein T-Shirt, während ich meine Lederjacke anbehalte. Vielleicht auch wegen des Fröstelns, das mich überläuft, als wir die erste Treppe hinabsteigen. Ein bisschen unheimlich ist es schon unter der Erde. Schutzhelme sind für alle Pflicht. Alle, das sind die rund 20 Teilnehmer einer Besuchergruppe, zusammengesetzt aus ein paar Interessierten der Gegend und einigen Touristen aus Bayern.

Die Führung durch Labyrinth I dauert eine gute Stunde. Oppenheim ist komplett unterkellert. 75 Prozent der weitläufigen Gänge und Räume sind bisher entdeckt. Aber nur ein Bruchteil wird den Touristen gezeigt: „Sonst wären wir tagelang unterwegs“, schmunzelt Lang. Die Oppenheimer Keller haben nämlich eine Gesamtlänge von 30 Kilometern. Als Warenlager und später als Mülldeponie waren die Keller gedacht.

Kellerlabyrinth in Oppenheim (Foto: Julia Becker)

Bis vor ein paar hundert Jahren wurden die Räume als Stauraum für Sperrmüll und alten Kram benutzt, wie eben heute noch so manches Kellerabteil. Doch ursprünglich sollte einfach Lagerraum her – und zwar unter der Stadt, weil sonst nirgendwo Platz war. Als Oppenheim im Jahr 1008 Marktrecht erhielt und zur freien Handelsstadt wurde, ähnlich bedeutsam wie Köln damals, hat das mit den Kellern angefangen, denn es galt auch Zoll- und Stapelrecht – dabei war das eher ein Zwang. Alle Handelswaren mussten verzollt und sollten gestapelt gelagert werden. Nur wo? Unter Tage! Die bereits vorhandenen Kellerräume wurden einfach erweitert, so entstanden bis zu vier Stockwerke übereinander. Es wurde gebuddelt und gebaut, wer zuerst gegraben hatte, dem gehörte der Keller – ganz einfach. Ganz so einfach ist es Jahrhunderte später nicht mehr gewesen: An der Oberfläche der Stadt Oppenheim hatte sich vieles verändert. Die Keller blieben zwar unberührt, passten aber nicht mehr so ganz zu den Grundrissen der Häuser.

Polizeiauto bricht ein

Polizeiauto bricht ins Oppenheimer Kellerlabyrinth ein (Foto: Julia Becker)

Ein großes Durcheinander, ein Labyrinth entstand, das zunächst einmal lange in Vergessenheit geriet. Bis zum November 1986. Walter Lang erinnert sich: „Eine Anwohnerin hat die Polizei verständigt. Sie höre merkwürdige Geräusche, sie vermute, dass sich Einbrecher an ihrem Haus zu schaffen machten. Die Streife, die zum Haus der Dame fuhr, war aber dann das einzige was einbrach …“ Das Polizeiauto sackte in die Straße ein, daneben tat sich ein vier Meter tiefes Loch auf. Walter Lang weiß noch genau, was damals in der Zeitung stand: „Als die Beamten vor der Hausnummer 4 ankamen, senkte sich die Haube des Fahrzeuges langsam ab, und die beiden Beamten saßen in ihrem Fahrzeug und warteten ab, was passierte …“ Es passierte zum Glück nichts, doch plötzlich war den Oppenheimern klar: da ist was los unter uns! Die Existenz der Keller war bekannt, aber erst als Denkmalschützer davor warnten, dass es zu weiteren Einstürzen kommen könnte, sprach der damalige Bürgermeister von Oppenheim ein Machtwort: „Ich will wissen was unter meinem Stuhl passiert!“ (Hierbei handelt es sich um die hochdeutsche Übersetzung des Zitats. Es ist übermittelt, er habe auf platt geschimpft, er wolle wissen was „unna seim Arsch“ passiert). Und so wurde geforscht, gegraben, gesichert, leer geräumt und neu gebaut.

Kellerlabyrinth in Oppenheim (Foto: Julia Becker)

Bis heute gab es noch einige Zwischenfälle: Kein größeres Unglück, Gott sei Dank, aber immer wieder tauchten neue Keller auf. Zum Beispiel als der Platz vor der Kirche vor vier Jahren neu gemacht wurde. Plötzlich war der Presslufthammer eines Bauarbeiters verschwunden. „Zum Glück hat er losgelassen“, witzelt Walter Lang, „sonst wäre er auch weg gewesen.“ Ein bisher unbekannter Keller wurde entdeckt, er wurde zugemacht, aufgefüllt, weil niemand so einen großen Keller unter dem neuen Vorplatz haben wollte. Ende 2016 dann gab es einen Straßeneinbruch in der Kirchgasse. Jemand hat Risse in der Straße entdeckt. Walter Lang: „Bei der genauen Betrachtung der Risse sagte jemand: ‚Do muss de Schorsch mo gugge‘ (offenbar ein Experte in Sachen Oppenheimer Keller). In dem Moment krachte alles ein. Zwei Häuser wurden extrem beschädigt, rutschten ab und mussten für sehr, sehr viel Geld renoviert werden. Aber auch hier kam zum Glück niemand zu Schaden.“ Vor allem wenn an der Oberfläche gebaut wird, finden die Oppenheimer immer wieder neue Keller. Die werden dann überprüft und „ausgebessert“.

Kellerlabyrinth in Oppenheim (Foto: Julia Becker)

Besonders auf den Touristenrundwegen werden die Gänge, damit sie später sicher durchwandert werden können, mit Spritzbeton stabiler gemacht. Auch, wenn der bereits vorhandene Fels sehr fest ist. „Man will auf Nummer sicher gehen“, erklärt Walter Lang und zeigt auf einen dicken Fels, der über uns circa einen halbe Meter herabhängt. „Dieses Stück ist frei geblieben, damit die Besucher noch etwas vom ursprünglichen Gemäuer der Keller sehen können. Der Stein hat den Spitznamen Scheitelzieher. Da stößt man sich nämlich sehr gerne mal den Kopf.“ Aber wir tragen ja zum Glück die Schutzhelme.

Geschichten wie die des Scheitelziehers gibt es genug rund um das Kellerlabyrinth. Walter Lang führt uns in einen Winkel, der für die Besuchergruppen momentan eigentlich gesperrt ist. Denn er liegt unter der Straße, die vor einigen Monaten eingebrochen war: Vorbei an Stützpfeilern gelangen wir zum Friedhof der Nachttöpfe: „Die Leute haben in den Kellern irgendwann ihren Müll abgelegt. Alte Küchengeräte, kaputte Haushaltsware, Waagen, Möbel, Nachttöpfe …“ Die liegen teilweise immer noch da. Scherben Jahrhunderte alter Nachttöpfe und andere Spuren von damals sind in Vitrinen ausgestellt. Sie stehen am Ende des Rundgangs im letzten Raum, bevor es wieder nach oben geht, neben einigen Stellwänden auf denen man die Geschichte der Keller nachlesen kann. Auch für Weinproben oder kulturelle Veranstaltungen werden die Kellerräume genutzt. An Halloween gibt es „gruselige“ Partys für Kinder und Erwachsene: Dafür ist das düstere Labyrinth natürlich bestens geeignet. „Da ist immer richtig was los hier“, sagt Walter Lang. Seit 2003 werden Führungen durch das Kellerlabyrinth angeboten.

Kellerlabyrinth in Oppenheim (Foto: Julia Becker)

Seit 2012 gibt es das Labyrinth II: „Es ist etwas schwieriger zu gehen, als Labyrinth I. Aber auch sehr spannend. Teilweise muss man halt den Kopf einziehen und in gebückter Haltung gehen, weil die Decke nur 1,20 Meter hoch ist.“ Da ist Labyrinth I tatsächlich etwas entspannter zugänglich. Der Rundgang ist einen halben Kilometer lang und hat 160 Stufen. Klingt viel, aber man bleibt oft genug stehen und pausiert, während die Gästeführer eine spannende Geschichte nach der anderen erzählen. Die Wege sind überall recht breit. Wenn man Treppen gehen muss, dienen Handläufe zum Festhalten. Verschnaufen müssen wir nur ab und zu, weil uns vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Insgesamt sind die Oppenheimer Keller übrigens 30 Kilometer lang. Gut 45.000 Menschen kommen jedes Jahr nach Oppenheim und steigen hinab ins Kellerlabyrinth. „Wir haben noch Platz“, sagt Gästeführer Lang, „Es dürfen gerne noch mehr Menschen zu uns kommen.“

Katharinenkirche in Oppenheim (Foto: Julia Becker)

Oppenheim ist eine Reise wert, nicht nur, um in den Untergrund abzutauchen. Wenn man, zugegeben etwas erschöpft und voll mit neuen Eindrücken, wieder an die Oberfläche kommt, kann man sich gleich die nächste faszinierende Sehenswürdigkeit ansehen: Die wunderschöne gotische Katharinenkirche mit dem berühmten Fenster "Die Oppenheimer Rose".

Julia Becker


Kontakt

Oppenheim Tourismus GmbH
Merianstraße 2a
55276 Oppenheim

Tel.: (06133) 49 09-19 oder -14
E-Mail: info@stadt-oppenheim.de
www.stadt-oppenheim.de

Öffnungszeiten

1. April - 31. Oktober:
Mo. - So., 10.00 - 17.00 Uhr,

1. November - 31. März:
Mo. - Fr., 10.00 - 17.00 Uhr,
Sa. und So., 10.00 - 16.00 Uhr

Führungen

Kellerlabyrinth I:
jederzeit zwischen 10.00 und 17.00 Uhr. Um Reservierung wird gebeten! Gruppen ab 10 Personen können zu jeder Uhrzeit (mit Vorbuchung) geführt werden.

Kellerlabyrinth II:
Gruppen ab 12 Personen.
Es werden auch Nachtführungen angeboten.

Eintritt

Erwachsene: 7,50 €,
Kinder von 5 - 16 Jahren: 4,- €,
Kinder unter 5 Jahren: frei,

Gruppen Labyrinth I
(bis 10 Personen): 70,- €,

Gruppen Labyrinth I
(11 - 20 Personen): 130,- €.

Anfahrt

Von Saarbrücken aus über A 6 und A 63, Ausfahrt Wörrstadt, Richtung Oppenheim, Nierstein (B 420), Beschilderung folgen. Um Oppenheim herum gibt es genug Parkplätze, zum Beispiel am Friedhof. Dann einfach Richtung Marktplatz, zur Touristeninformation (Schild „i“) gehen, dort ist der Treffpunkt für die Führungen.

Tipp

In Oppenheim ist nicht nur das Kellerlabyrinth sehenswert, sondern auch die Katharinenkirche. Sie gilt als eine der bedeutendsten gotischen Kirchen am Rhein zwischen Straßburg und Köln.



Über dieses Thema wurde in der Sendung "Region" vom 07.07.2017 auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.

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