Saarstahl-Logo (Foto: SR Fernsehen)

Köhler wird Vorstandsvorsitzender in Stahlindustrie

Karin Mayer   20.11.2020 | 12:35 Uhr

Das Kuratorium der Montan Stiftung trennt sich von dem bisherigen Vorstandsvorsitzenden der saarländischen Stahlindustrie, Tim Hartmann. Stattdessen wird Karl-Ulrich Köhler an die Spitze von Dillinger und Saarstahl berufen. Das hat die Stiftung am Freitag mitgeteilt.

Nach etwas mehr als zwei Jahren trennt sich das Kuratorium der Stahlstiftung mit Tim Hartmann von einem Mann, der den Neuanfang für Dillinger und Saarstahl bringen sollte. Als Vorstandsvorsitzender von beiden Unternehmen und der Stahlholding Saar bekam Hartmann mehr Macht als jeder andere vor ihm. Er sollte die Unternehmen neu aufstellen und in die Zukunft führen. Nun trennt man sich einvernehmlich, wie das Unternehmen mitteilt. Tatsächlich soll es hinter den Kulissen heftig geknirscht haben.

Video [aktueller bericht, 20.11.2020, Länge: 3:06 Min.]
Überraschender Führungswechsel in der saarländischen Stahlindustrie

Schwierige Aufgabe

Die Erwartungen an den übermächtigen Vorstandsvorsitzenden Hartmann waren groß. Er sollte die Unternehmen modernisieren und fit machen für den internationalen Wettbewerb, der seit Jahren von Handelskrieg und Billigimporten und steigenden CO2-Preisen geprägt ist. Die Montan-Stiftung Saar hatte es Tim Hartmann trotzdem zugetraut, den Neuanfang zu schaffen - in einer Branche, die der Mann aus dem Energiesektor eben nicht wie seine Westentasche kennt.  

Video [aktueller bericht, 20.11.2020, Länge: 3:11 Min.]
Wolfgang Wirtz-Nentwig zum Führungswechsel in saarländischer Stahlindustrie

Hohe Erwartungen

Warum das so war, hat viel mit seiner Vergangenheit im Saarland zu tun. Als VSE-Vorstand hat Tim Hartmann nicht nur Eindruck gemacht. Er hat auch viele Freunde gewonnen. Keiner wurde so herzlich und fulminant verabschiedet wie Hartmann. Er wechselte zum Chemnitzer Energieversorger EnviaM, bevor er 2018 ins Saarland zurückkam. Möglich gemacht hat er das mit seiner Arbeit bei der VSE.

Zum Führungswechsel in der Stahlindustrie
Audio [SR 3, Studiogespräch: Simin Sadeghi/Karin Mayer, 20.11.2020, Länge: 03:18 Min.]
Zum Führungswechsel in der Stahlindustrie

Schon damals hatte er Verbindungen zur Stahlindustrie geknüpft und beispielsweise das VSE-Kraftwerk Ensdorf an Saarstahl verpachtet. Der Grund: Eigenstromerzeugung wurde zu diesen Zeitpunkt begünstigt, das Kraftwerk konnte so einige Jahre länger am Netz bleiben und der Stahlhersteller konnte Abgaben sparen. Im Jahr 2018 holte ihn das Unternehmen als Nachfolger von Fred Metzgken ins Saarland, der nach dem Weggang von Karl-Heinz Blessing nur widerwillig an die Spitze von Saarstahl und Dillinger gerückt war.

Harte Schnitte und Proteste

Bereits nach wenigen Monaten verkündete Hartmann schwere Einschnitte. Sein Strategieprozess für die Unternehmen lautete: Jobabbau und Outsourcing. 1500 Arbeitsplätze wurden sozialverträglich abgebaut. Vor allem über Altersteilzeit werden auf diese Weise viele Beschäftigte das Unternehmen nach und nach verlassen.

1000 weitere Mitarbeiter sollten zudem ausgelagert werden: In Tochterfirmen ohne Stahltarif, zu Dienstleistern, die teilweise aus Sicht von Betriebsräten und Gewerkschaft zweifelhaften Ruf hatten. Und während Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaft in früheren Jahren noch gemeinsam mit den Vorständen für die Zukunft der Stahlindustrie auf die Straße und nach Brüssel gegangen waren, demonstrierten im September Tausende gegen den Vorstandsvorsitzenden. "Das ist nicht super, sondern hart, Mann“, stand wortspielerisch auf einem Plakat, das durch Völklingen getragen wurde.

Viele Berater

Innerhalb kurzer Zeit entstand der Eindruck, Tim Hartmann sei angetreten, um zu spalten. Die Betriebsräte klagten von Anfang an darüber, dass sie in den Strategieprozess nicht einbezogen worden seien. Stattdessen kamen die Berater ins Unternehmen und es wurden Arbeitskreise gebildet. Die Arbeitnehmervertreter mussten um Informationen betteln. Obwohl sie gleichzeitig versicherten, es müsse etwas geschehen, um die Unternehmen zukunftsfest aufzustellen. Im Jahr 2019 hatten Dillinger und Saarstahl dreistellige Millionenbeträge verloren. Aber Jobabbau allein schaffe keine Zukunftsperspektive, so klagten Arbeitnehmervertreter regelmäßig.

Kuratorium verprellt?

Zu diesen Schwierigkeiten kam offenbar Ärger mit dem Stiftungs-Kuratorium dazu. Mit Hinblick auf die Gründe verweist ein Insider auf den überraschenden Tod von Michael Müller. Er war über viele Jahre die graue Eminenz in beiden Unternehmen: als Vorsitzender der Geschäftsführung der Stahlholding und an der Spitze des Kuratoriums der Montan-Stiftung Saar. Ein mächtiger Mann, den es nicht in die Öffentlichkeit drängte. Im Hintergrund hatte er allerdings viel Einfluss, auch auf die Vorstände.

Nach seinem Tod im Februar 2019 scheint einiges aus den Fugen geraten zu sein. Ein Insider spricht von einem Machtvakuum, in dem Tim Hartmann offenbar auch das Kuratorium der Montan-Stiftung verprellt hat. Das Ergebnis: die Trennung, einvernehmlich, wie es heißt.

Nachfolger wird Karl-Ulrich Köhler

Der Neuanfang soll mit einem ausgewiesenen Stahl-Mann gelingen: Karl-Ulrich Köhler. Er hat Eisenhüttenkunde studiert und war von 2001 bis 2009 Vorstandsvorsitzender der Stahlsparte von Thyssen Krupp. Diesen Posten musste er wegen Fehlern bei der Planung eines neuen Werks in Brasilien und eines Walzwerks in Nordamerika verlassen.

Kosten müssen weiter runter

Die alte und neue Botschaft ist: Die Stahlindustrie muss weiter sparen. Denkbar sind produktbezogene Kooperationen mit anderen Stahlherstellern. Ob es beim geplanten Outsourcing von 1000 Jobs in Tochtergesellschaften oder zu Dienstleistern bleibt, ließ Karl-Ulrich Köhler noch offen. Klar ist: Er kennt die Situation in der Stahlbranche. Als Mitglied des Kuratoriums der Montan-Stiftung und als ehemaliger Vorstand von Thyssen Krupp. Er weiß, dass Billigimporte und strengere Umweltauflagen ein Problem bleiben. Die Veränderungen in der Autobranche sorgen für weiteren Druck. Wer jetzt schwarze Zahlen in der Stahlbranche schreiben will, steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Der will er sich stellen und betont, dass er die Umgangsformen in der Stahlindustrie kenne.

Der Vorsitzende des Kuratoriums, Reinhard Störmer, jedenfalls fordert schnelle Schritte und eine Zukunftsperspektive. Neue Märkte und neue Produkte müssen her. Leitungen für Wasserstoff könnten eine Chance sein, so betont er, als Ausgleich für das fehlende Pipeline-Geschäft. Karl-Ulrich Köhler soll seinen Posten im Januar 2021 antreten.

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