Ulrich Commerçon (Foto: Imago/Becker & Bredel)

Diskussion um Zustände an Bruchwiesenschule

Kai Forst / Red   16.12.2017 | 15:00 Uhr

Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum von Schülern: An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese herrschen offenbar dramatische Zustände. Das geht aus einem Hilferuf des Kollegiums an die Landesregierung hervor. Im Gespräch mit SR.de sagte Bildungsminister Commerçon erst: Die Zahlen, mit denen ein Teil der Lehrer an die Presse ging, seien falsch. Das Ministerium räumte am Freitag jedoch Fehler ein. Es wird deutlich: Zwischen Bruchwiesenschule und Bildungsministerium bestehen offenbar besondere Konflikte.

86 Prozent der Schüler an der Gemeinschaftsschule Bruchwiesenschule in Saarbrücken seien „nichtdeutscher Herkunft“, heißt es in einem Artikel der Saarbrücker Zeitung. Eine Zahl, der Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) am Donnerstag zunächst deutlich widersprach. „Wir haben uns das ganz genau angeschaut. Es sind 20,5 Prozent mit Migrationshintergrund. Es sind 76 Kinder, womöglich 86 im letzten Jahr. Da sind die Prozente offenbar mit den absoluten Zahlen verwechselt worden. Und 20,5 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund, das ist nicht besonders auffällig.“


Nachtrag vom 16.12.2017: Als Reaktion auf die Aussage des Ministers hat die Saarbrücker Zeitung erneut mit der Schulleiterin der Gemeinschaftsschule, Pia Götten, gesprochen. Sie erklärte, dass sie von den Zahlen des Ministeriums überrascht sei. Die 86 Prozent bezögen sich zwar auf das vergangene Schuljahr, trotzdem gäbe es auch im laufenden Schuljahr einen Migrationsanteil von 75 Prozent. Allerdings zählten dazu alle Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft nicht von Geburt an hatte.

Das Ministerium spricht inzwischen nicht mehr von Kindern mit Migrationshintergrund, sondern von Kindern mit Sprachproblemen. Auf Nachfrage der Saarbrücker Zeitung erklärte das Ministerium am Freitag, dass die Migrationsraten der einzelnen Schulen gar nicht im Bildungsministerium erfasst würden.

Die Zahl 76 bezieht sich dem Bericht zufolge deshalb auf die Schüler "mit Flucht- und Zuwanderungshintergrund", für die die Schule beim Ministerium Sprachförderunterricht beantragt habe. Gegenüber dem SR erklärte das Ministerium ebenfalls am Freitag, dass von den 340 Schülern insgesamt 166 Probleme mit der deutschen Sprache hätten. Eine explizite Aussage darüber, wie viele dieser Kinder einen Migrationshintergrund haben, traf das Ministerium dagegen nicht.

Auch wenn die unterschiedlichen Zahlen für Verwirrung sorgen, ist am Ende entscheidend, wie viele Kinder Sprachförderung brauchen – unabhängig von ihrer Herkunft. Um die Schüler darüber hinaus besser unterstützen zu können, fordert die Schule außerdem mehr Hilfe für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf. Die vorhandenen Ressourcen reichten nicht aus.


Konflikt zwischen Kollegium und Ministerium

Ungeachtet der Zahlen herrschen an der Bruchwiesenschule Saarbrücken offenbar dennoch untragbare Zustände. Starker Alkohol- und Drogenkonsum, Gewaltausbrüche und schwerste Beleidigungen gegenüber den Lehrern. Das geht aus dem Brandbrief hervor, der bereits im Juni an die Landesregierung geschrieben wurde. Und die hatte in der Folge auch reagiert und zusätzliche Lehrer und andere Ressourcen zur Verfügung gestellt.

Doch haben diese Hilfen auch etwas genutzt? Nein, sagen die Lehrer, die mit dem Brief am Mittwoch an die Presse gegangen sind. In den vergangenen sechs Monaten habe sich kaum etwas getan. Im Gegenteil: Die Lage hätte sich zum Teil noch verschärft. Minister Commerçon sieht das anders. „Wir haben ja zu Beginn des Schuljahres ganz massiv Ressourcen in die Schule gesteckt und haben inzwischen ein Betreuungsverhältnis von 9,25 Schülern pro Lehrer. Das ist der Spitzenwert im ganzen Regionalverband.“ Zudem seien zusätzliche Klassen gebildet, die Anzahl der Schüler pro Klasse also reduziert worden.

Laut Commerçon hat das dazu geführt, dass der Schulaufsicht seit Beginn des Schuljahres keine besonderen Vorkommnisse mehr von der Bruchwiese gemeldet worden seien. „Aus unserer Sicht hat sich die Situation entspannt. Aber wir werden das weiter im Blick haben und müssen mit der Schule zusammen weitere Maßnahmen entwickeln.“

Immer mehr verhaltensauffällige Schüler

Andreas Sánchez-Haselberger (GEW)
"Wir sind jetzt am Rande, am Limit"

Dennoch sei es richtig, dass Lehrer immer mehr die Aufgaben von Sozialarbeitern und Schulpsychologen übernehmen müssten. Denn immer mehr Schüler seien verhaltensauffällig. Man müsse nun darüber reden, wie man die Lehrer so entlasten könne, dass sie sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren könnten: das Unterrichten. Und für diese Entlastung brauche man zum Beispiel mehr Schulsozialarbeiter. „Die werden aber nicht vom Bildungsministerium, sondern von anderen Trägern zur Verfügung gestellt. Es wäre hilfreich, wenn wir da weiter aufstocken könnten.“

Bruchwiese nicht die einzige Schule

Nach Ansicht der Bildungs-Gewerkschaft GEW und von Lehrerverbänden ist die Bruchwiesenschule allerdings nicht die einzige Einrichtung, an der es solche Probleme gibt. Das bestätigte Commerçon. „Ja, es gibt auch andere Schreiben von anderen Schulen mit ähnlichen Problemen.“ Allerdings sei die Zusammenarbeit mit diesen Schulen einfacher, weil das Kollegium an einem Strang ziehe.

Gespräch mit SR 2-Reporterin Katrin Aue
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An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese sei das anders. Laut Commerçon herrscht innerhalb dieses Kollegiums eine schwierige Situation. Das habe auch dazu geführt, dass in der Vergangenheit schon ein professioneller Mediator eingeschaltet wurde. „Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man mit diesen Problemen umzugehen hat. Und es gibt einige Lehrer im Kollegium, die grundsätzlich bestimmte Dinge ablehnen. So ein Konflikt innerhalb des Kollegium macht das sehr viel schwerer.“ Für die These, dass nicht alle an einem Strang ziehen, spricht zumindest die Tatsache, dass die Schulleiterin nicht über die Veröffentlichung des Brandbriefes in der Zeitung involviert war. „Wir befinden uns noch in Schockstarre“, sagte Schulleiterin Pia Götten SR.de. "Aber wir sehen es auch als Chance."


Schulen in Not
"Eine Frage der Prioritäten"
Ein Kommentar von SR-Landespolitikredakteur Stephan Deppen

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 14.12.2017 berichtet.  

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