Inklusion in der Schule: Kinder helfen sich gegenseitig (Foto: SR)

"Durch Inklusion ist nicht alles machbar"

K. Stoppert   08.09.2014 | 12:55 Uhr

Alle Kinder können ab diesem Schuljahr im Saarland eine reguläre Grundschule besuchen. Auch Kinder mit einer Behinderung - egal ob sie etwa schlecht sehen, nicht sprechen können oder eine geistige Behinderung haben. So steht es im neuem Schulgesetz. SR-online hat mit einer Schulleiterin über inklusiven Schulalltag und dessen Probleme gesprochen.

Das neue Schulgesetz soll es behinderten Kindern und Jugendlichen ermöglichen, gleichberechtigt, barriere- und diskriminierungsfrei eine reguläre Schule zu besuchen. Im nächsten Schuljahr startet der inklusive Unterricht an allen Grundschulen, weitere Schulformen folgen in den kommenden Jahren. Die Vorsitzende des Saarländischen Lehrerverbands (SLLV), Lisa Brausch, sagte SR-online, dass die Lehrer noch recht verunsichert sein, was ab dem nächsten Schuljahr auf sie zukomme.

Auch Inge Röckelein, Rektorin der Gemeinschaftsschule/Erweiterte Realschule Lebach und Landesvositzende des Verbands Deutscher Realschullehrer (VDR), ist der Inklusion gegenüber skeptisch. Sie unterrichtet seit 37 Jahren. Röckelein hat bereits inklusiven Unterricht geleitet und kennt diesen auch als Schulleiterin. Wir haben mit ihr über die Herausforderung für Lehrer gesprochen.


SR-online: Wie war das bei Ihnen, als die ersten Anfragen kamen, Kinder anzunehmen, die auch einen Förderschulbedarf hätten?

Da muss man etwas korrigieren. Inklusion gab es schon immer, lange bevor es überhaupt diesen Begriff gab. Ich habe während meiner eigenen Schulzeit auch eine behinderte Mitschülerin gehabt und habe es in all den Jahren, in denen ich als Lehrerin und Schulleiterin tätig war, immer wieder mit behinderten Kindern zu tun gehabt. Es ist nicht so, dass jetzt mit einem Paukenschlag zum ersten Mal behinderte Kinder in eine reguläre Schule kommen.

SR-online: Was bedeutet Inklusion für den Schulalltag?

Es stellt einen vor die Situation, dass man den behinderten und den nicht-behinderten Kindern gleichermaßen gerecht werden will. Außerdem muss sich der Lehrer oder die Lehrerin je nach Behinderung neu auf ein Kind einstellen. Es gibt Fälle, in denen das vielleicht nicht gelingt und in denen ein Kind an einer entsprechenden Förderschule besser aufgehoben wäre.

SR-online: Welche Erfahrungen haben Sie mit behinderten Schülern bisher gemacht?

Ich habe positive und weniger positive Erfahrungen gemacht. Ich hatte vor vielen Jahren eine Schülerin mit spastischer Lähmung in einer Klasse. Im fünften und sechsten Schuljahr waren die Mitschüler unglaublich hilfsbereit und zuvorkommend, aber ab der siebten Klasse hat sich das gedreht. Woran das liegt, konnte ich nie herausfinden. Es gibt aber auch behinderte Kinder, die sind völlig integriert.

SR-online: Wie gehen die Lehrer praktisch vor - wird der Unterricht einfach durchgezogen oder muss der Lehrer immer auf behinderte oder nicht-behinderte Schüler unterschiedlich eingehen?

Bislang war es so, dass ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen Integrationslehrer zur Seite gestellt bekam. Ein Integrationslehrer ist ein Förderschullehrer, der an die Schule des Kindes kommt, allerdings bisher maximal vier Stunden die Woche. Entweder wird das Kind in dieser Zeit getrennt von den anderen unterrichtet oder der Lehrer kommt in den regulären Unterricht und gibt dem Kind Hilfestellungen.

SR-online: Kann das gut umgesetzt werden, dass der Integrationslehrer im Klassenverband Hilfestellungen geben kann?

Es scheitert ganz oft an der Zeit, weil die Förderschullehrer meistens an mehreren Schulen eingesetzt werden und nicht immer dann präsent sind, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.

SR-online: Was passiert denn, wenn behinderte Kinder neue Lernaufgaben wie zum Beispiel Bruchrechnung nicht direkt verstehen oder mehr Zeit brauchen?

Das ist sehr verschieden. Zunächst muss man sich von der Illusion befreien, dass man alle Schüler auf den gleichen Stand bringen kann. Man muss sich zum Beispiel damit zufrieden geben, dass ein geistig behindertes Kind vielleicht nur in einem Zahlenraum bis hundert operieren kann. Dinge wie Bruchrechnung kann es dann vermutlich gar nicht erlernen. Die Vorstellung, durch Inklusion sei alles machbar ist ein Trugschluss.

SR-online: Welche Probleme sehen Sie ab dem neuem Schuljahr auf die Schulen zukommen?

Die Inklusionsdiskussion weckt die Erwartung, dass behinderte Kinder in der regulären Schule besser gefördert werden als auf einer speziellen Förderschule. Aber ein Kind wird in einer Förderschule von einem speziell ausgebildeten Förderschullehrer unterrichtet, der sich mit unterschiedlichen Arten von Behinderungen auskennt. Es gibt sehr viele Behinderungsarten - im Bereich der Sprache, des Hörens, des Lernens, der sozial-emotionalen Entwicklung usw. Jetzt erwartet man von einem Regelschullehrer, der keine Ausbildung im Förderschulbereich besitzt, dass er sich auf nicht-behinderte und behinderte Kinder gleichermaßen einstellt. Aber das ist fast nicht zu leisten. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe und eine große Herausforderung, die im Einzelfall gelingen kann, aber per se nicht gelingen muss.

SR-online: Was würden Sie Lehrern raten, die jetzt anfangen inklusiven Unterricht zu geben?

Die Lehrer wurden bereits sensibilisiert und arbeiten daran, dass keiner zu kurz kommt. Aber es gibt ein Problem: Die Inklusion für alle Schulen wurde eingeführt, ohne dass vorher ein tragfähiges Konzept erarbeitet wurde. Wir haben jetzt schon zu wenig Förderschullehrer und damit können wir nur wenige Integrationsstunden anbieten. Hier im Saarland werden außerdem gar keine Förderschullehrer ausgebildet. Dass jetzt Inklusionshelfer - zum Teil handelt es sich um Gymnasiallehrer- und lehrerinnen, die aufs Referendariat warten, im Schnellverfahren geschult werden, das kann doch niemals ein vollständiges Studium ersetzen. Immerhin studiert ein Sonderschullehrer acht bis zehn Semester. Zu erwarten, dass ein Regelschullehrer genauso gut Behinderte unterrichten kann, das funktioniert nicht.

SR-online: Ist die Inklusion, Ihrer Meinung nach, damit schon vor ihrem offiziellen Start gescheitert?

Ich habe die Sorge, dass sowohl behinderte als auch nicht-behinderte Kinder zu kurz kommen. Man sollte auch die Toleranz und Empathie nicht-behinderter Kinder nicht überstrapazieren. Nimmt zum Beispiel ein hochgradig verhaltensgestörtes Kind am Unterricht teil, das aggressiv ist und laut dazwischen schreit, dann ist das nicht nur für den Lehrer eine große Belastung, sondern auch für die Schüler.

Artikel mit anderen teilen