Arzt mit Stethoskop in den Händen (Foto: dpa/Patrick Pleul)

Möglicher Kindesmissbrauch an Uni-Klinik

Janek Böffel   24.06.2019 | 18:16 Uhr

Über Jahre soll ein Assistenzarzt im Universitätsklinikum in Homburg etliche Kinder sexuell missbraucht haben. Die betroffenen Eltern wurden nicht informiert, obwohl das Klinikum schon Anzeige erstattet hatte. Auch frühe Hinweise aus der Belegschaft wurden offenbar unzureichend beachtet.

Missbrauchsvorwürfe an der Uniklinik Homburg
Audio [SR 3, Lambert, Siggi, 24.06.2019, Länge: 03:40 Min.]
Missbrauchsvorwürfe an der Uniklinik Homburg

Im Jahr 2011 kam ein erster Verdacht auf. Der Assistenzarzt war gerade ein Jahr an der Klinik, da erreichte die Leitung ein anonymes Schreiben aus der Belegschaft. Die Vorwürfe: Der damals 30-Jährige verhalte sich bei den Untersuchungen nicht ordnungsgemäß, führe Untersuchungen aus sexuellen Gründen und ohne Notwendigkeit durch und habe pädophile Neigungen. Die Klinikleitung erteilte ihm ein Alleinuntersuchungsverbot. Doch bei der Durchsetzung haperte es offenbar. Die Weisung soll der Mann laut SR-Informationen umgangen haben, indem er möglicherweise Akten manipulierte und Krankenschwestern als anwesend eintrug, obwohl diese im Urlaub waren oder frei hatten.

Anzeige erst im Jahr 2014

Ende 2014 gab es wieder Beschwerden aus der Belegschaft. Die Klinikleitung sprach eine fristlose Kündigung aus und erstattete Anzeige. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte 34 Patientenakten. Eine Anklage wurde nicht erhoben, denn im Juni 2016 starb der Mann im Alter von 36 Jahren. Ein Fremdverschulden oder ein Suizid wurden seitens der Polizei damals ausgeschlossen. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Eltern all die Jahre nicht informiert

Insgesamt soll der Mann rund 300 Kinder behandelt haben. Aber die Eltern der an der Uni mutmaßlich betroffenen Kinder, die meisten zwischen fünf und 15 Jahren, erfuhren all die Jahre nichts. Die Staatsanwaltschaft sah keinen Grund sie zu informieren. Auch die Klinik entschied sich dagegen.

Ihre Begründung: Da sich nicht klar sagen ließ, ob es pädophile Vorfälle und klaren Missbrauch gab, wollte man eine Viktimisierung der Kinder vermeiden. Also verhindern, dass Kinder von ihren Eltern – ob bewusst oder unbewusst - zu Opfern gemacht werden, obwohl sie womöglich keine waren. „Von einer Information über eventuell nicht medizinisch notwendige Untersuchungshandlungen wurde nach sorgfältiger Abwegung auch vor dem Hintergrund abgesehen, den wohl zum größten Teil erfolgreich behandelten Patienten mehr zu schaden, wenn diese von einer normalen Untersuchung ausgehen mussten und diese als ärztliche Handlung und nicht als Übergriff erlebt hatten", sagte Prof. Dr. Wolfgang Reith, Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Saarland, bei einer Pressekonferenz, auf der Klinikleitung, Ministerium, Staatsanwaltschaft und Polizei über die Vorfälle informierten.

Auch Ministerium wusste von nichts

Auch dem zuständigen Wissenschaftsministerium wurde der Fall nach eigenen Angaben nicht aktenkundig. Auch ehemalige Mitarbeiter im Ministerium sollen von nichts gewusst haben.

Anfang 2015 hatten Ermittler bei dem Mann kinderpornografisches Material sichergestellt, bestätigte die Staatsanwaltschaft dem SR. Betroffen seien drei Kinder, deren Eltern damals auch über den Verdacht informiert worden seien. Die Fotos der Kinder seien außerhalb der Klinik aufgenommen worden und hätten keinen Bezug zu den dort von dem Beschuldigten durchgeführten Untersuchungen gehabt. Die Ermittlungen seien auch in diesen drei Fällen nach dem Tod des Beschuldigten 2016 eingestellt worden. Hinweise darauf, dass der Assistenzarzt Teil eines Kinderpornorings oder -netzwerkes gewesen sei, hätten sich bis dahin nicht ergeben.

Eltern wandten sich selbst an das Ministerium

Im April dieses Jahres wandten sich Eltern schließlich selbst an das Ministerium. Dieses holte daraufhin ein Gutachten ein. Dieses Gutachten kam anders als die Klinikleitung zu dem Schluss, dass die Eltern der Kinder, die in den 34 beschlagnahmten Akten auftauchen, informiert werden sollen. Das ist seit vergangener Woche passiert. Mit Unterstützung des Weißen Rings wurde ein Hilfstelefon für Betroffene eingerichtet, das auch psychologische Betreuung und Rechtsberatung vermitteln soll. Unter der Telefonnummer 116 006 bekommen Betroffene, die das Stichwort „Uniklinik Homburg“ nennen, binnen 48 Stunden psychologische Hilfe und Beratung.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten vom 24.06.2019 berichtet.

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