Klaus Hurrelmann (Foto: Imago)

Experte: "Parteien sind zu verkrustet für die Jugend"

Kinderreport des Deutschen Kinderhilfswerks

Das Interview führte Kai Forst   02.02.2017 | 15:03 Uhr

Jeder dritte Deutsche zweifelt an der Demokratiekompetenz unserer Jugend. Das ist die Kernaussage des Kinderreports 2017. "Besorgniserregend" findet das der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks. "Nicht dramatisch", sagt der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann im SR.de-Interview.

Rund ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland traut der heutigen Generation der Kinder und Jugendlichen nicht zu, als Erwachsene Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen. Das ist das Kernergebnis des Kinderreports 2017 des Deutschen Kinderhilfswerks. Bei der Interpretation dieser Zahlen gehen die Meinungen auseinander. Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, nennt das Umfrageergebnis "besorgniserregend". Die Vizepräsidentin des Bundestags, Petra Pau (Linke), wertet das Ergebnis als "Alarmsignal". Der wohl bekannteste deutsche Jugendforscher, Professor Klaus Hurrelmann, sieht dem Report gelassen entgegen.

SR.de: Ein erheblicher Teil der Deutschen hat kein Vertrauen in die Demokratiefähigkeit der Jugend. Mit diesem Leadsatz geht der Kinderreport 2017 heute durch die Presse. Stimmen Sie zu?

Klaus Hurrelmann: Über diese Interpretation der Ergebnisse lässt sich streiten. Denn zwei Drittel haben ja positiv geantwortet. Man kann es zwar nachvollziehen, denn ein Drittel sieht es kritisch, dass die heutige Jugend nicht sehr politisch ist und sich von den Parteien und den demokratischen Strukturen fernhält. Allerdings belegen andere Studien: Das politische Interesse der jungen Leute steigt an. Daher finde ich das Ergebnis des Kinderreports nicht dramatisch.

Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann ist Deutschlands bekanntester Jugendforscher und emeritierter Professor an der Universität Bielefeld. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind die Sozialisations- und Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Kindheit, Jugend und Schule sowie die Gesundheitsforschung mit dem Schwerpunkt Prävention. Hurrelmann gehört seit 2002 dem Leitungsteam der Shell-Jugendstudien und seit 2007 dem der World Vision Kinderstudien an.

SR.de: Unbestritten ist aber, dass sich das Verhältnis von Jugendlichen zu Politik und Demokratie in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat.

Hurrelmann: Ja, das ist so. Und es ist zu beobachten, dass das politische Interesse seit 2006 wieder langsam ansteigt. Es hat noch nicht den Wert erreicht, der um 1990 bei der Wiedervereinigung da war. Aber wir nähern uns. Das drückt sich allerdings nicht in Parteimitgliedschaften und Mitarbeit in Parteien aus. Das muss ein bisschen Sorge machen. Diese Zahlen sind noch sehr, sehr niedrig.

SR.de: Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei diesem Phänomen? Schließlich kann heute jeder seine politische Meinung öffentlichkeitswirksam kundtun, ohne Parteimitglied zu sein?

Hurrelmann: Das trifft den Nagel auf den Kopf. Die jungen Leute fragen sich, warum sie denn zu Versammlungen gehen sollen, um dort stundenlang zu sitzen, beraten und abzustimmen, wenn sie das mit einem modernen Medium per Knopfdruck machen können. Es gibt also Missverständnisse auf beiden Seiten. Die jungen Leute machen sich nicht klar, was Demokratie bedeutet: aushandeln, streiten, abstimmen und dass das ein bisschen Zeit kostet. Und die Parteien sind so verkrustet in ihren bisherigen Strukturen, dass sie es nicht schaffen, moderne Kommunikationsmedien mitaufzunehmen.

Der Report

Für den Kinderreport 2017 des Deutschen Kinderhilfswerkes führte infratest dimap zwei Umfragen unter Kindern und Jugendlichen (zehn bis 17-jährige) sowie Erwachsenen (ab 18-jährige) in Deutschland durch. Befragt wurden insgesamt 1.703 Personen, davon 623 Kinder und Jugendliche sowie 1.080 Erwachsene.

SR.de: Wie können demokratische Überzeugungen gebildet werden? Die Studie macht deutlich, dass die Mehrheit der Befragten mehr Geld für die Jugendarbeit und einen besseren Gesellschaftskundeuntererricht als wichtig erachtet?

Hurrelmann: Ich würde an erste Stelle einen modernisierten Unterricht in den Schulen setzen. Die Kinder und Jugendlichen sollten mehr Chancen erhalten, sich in der Schule auch an anderen Dingen aktiv zu beteiligen. Also Zeiteinteilung, räumliche Gestaltung, Arbeitsweisen. Da ist noch Luft nach oben. Im Elternhaus sieht das anders aus. Da haben die Kinder schon sehr große Mitbestimmungsmöglichkeiten. Das geht auch aus der Studie hervor.

SR.de: Haben Sie den Eindruck, dass Eltern heute mehr mit Ihren Kindern reden und diskutieren – auch über demokratische Themen – als früher?

Hurrelmann: Das ist schwer zu sagen. Mir ist keine vergleichende Studie diesbezüglich bekannt. Aber ich würde meinen, es ist in der Tat mehr. Denn die Kinder sind sehr zufrieden damit, wie die Eltern mit ihnen umgehen. In den Elternhäusern wird heute über alle Alltagsthemen gesprochen und dazu gehören natürlich auch politische Themen. Ich glaube, so dicht und eng war das Verhältnis der Eltern und ihrer Kinder noch nie.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten am 02.02.2017 berichtet.

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