Astrid Kany möchte den Frauen und Kindern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. (Foto: Uwe Jäger)

"Ein gutes Gefühl, hier zu sein und zu helfen"

Uwe Jäger   31.08.2015 | 08:51 Uhr

Mehr als 2000 Menschen leben zurzeit in der Landesaufnahmestelle in Lebach. Darunter auch einige schwangere Frauen. SR-Reporter Uwe Jäger hat eine Hebamme getroffen, die sich ehrenamtlich um die Flüchtlingsfrauen kümmert.

Samstagvormittag. Hebamme Astrid Kany untersucht eine junge schwangere Syrerin und ihre zehn Monate alte Tochter.  Es sei ein Phänomen, das der Körper es schaffe, in der Stresssituation einer Flucht noch einmal schwanger zu werden, sagt sie. Am Vorabend ist die Syrerin mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Landesaufnahmestelle Lebach angekommen. Fast 30 Tage waren sie über die Balkanroute auf der Flucht. Sie haben tagelange Fußmärsche zurückgelegt und viele Nächte im Freien übernachtet. Entsprechend müde und erschöpft sind sie. Ihre Kleider sind schmutzig und staubig. Beide wirken verängstigt. 

„Da braucht jemand etwas zum Kuscheln“, sagt Astrid Kany lächelnd und zaubert hinter ihrem Rücken einen kleinen gelben Teddy mit roter Hose hervor. Die 25-jährige Syrerin und das kleine Mädchen lächeln. „Oh, he is big, thank you, thank you“, sagt die junge Mutter und ihre müden Augen leuchten hell auf. Der Hebamme ist es gelungen, das Eis zu brechen.

Provisorisches Untersuchungszimmer im Baucontainer

In einem Baucontainer hat sie ein Untersuchungszimmer eingerichtet. Darin stehen eine Liege, ein Regal mit Medikamenten, Windeln, jede Menge Kisten mit Babykleidung und etwas Spielzeug. So könne sie den Müttern nach der langen Flucht unbürokratisch etwas Sauberes für ihre Kinder zum Anziehen geben, ohne dass sie lange an der Kleiderkammer anstehen müssen. Alles sei noch etwas notdürftig, sagt die 35-Jährige, aber zum Einrichten blieb keine Zeit. Sie wurde von den schwangeren Frauen im Lager direkt in Anspruch genommen. Und Hilfe gehe in ihrem Hebammenherz eben vor.

Hilfe direkt vor Ort

Astrid Kany war schon für die saarländische Hilfsorganisation „Surgical Mission Saarland“ auf den Philippinen ehrenamtlich im Einsatz. Da gab es keinen Strom, den gibt es in dem kleinen Baucontainer. Daher seien die Arbeitsbedingungen in der Landesaufnahmestelle Lebach für sie schon fast purer Luxus.

Eine Hebamme im Einsatz für Flüchtlinge [Audio, SR 3 Saarlandwelle, 29.08.2015, Länge: 3:01 Minuten]

Im Alltag arbeitet die Hebamme unter anderem im Caritiasklinikum St. Theresia in Saarbrücken. Als sie und ihre Mitstreiter von „Surgical Mission Saarland“ im Fernsehen die Bilder von den vielen Flüchtlingen in der saarländischen Landesaufnahmestelle gesehen haben, entschieden sie sich spontan zu helfen. „Wir haben gesagt, wir müssen nicht immer in der ganzen Welt rumreisen und Menschen in Not helfen, sondern können auch direkt vor Ort helfen.“ So betreuen sie jetzt regelmäßig die rund 40 schwangeren Frauen. Ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Frauen häufig traumatisiert

Ursprünglich wollte Astrid Kany ein bis zwei Mal die Woche neben ihrer Arbeit im Krankenhaus in dem Lager vorbeischauen, inzwischen ist sie vier Mal die Woche im Einsatz. Teilweise bis zu acht Stunden. Denn die Schlangen vor dem Baucontainer sind lang. Auch an diesem Tag sitzen zwei Dutzend Frauen auf Bierbänken und warten, bis sie die Hebamme untersucht. Viele sind erst vor wenigen Stunden angekommen.

Kleinkinder weinen. Aufgrund der Kriege in ihrer Heimat wurden viele der Frauen seit sie schwanger sind von keinem Arzt untersucht. Andere wollen wissen, ob sie schwanger sind. Nicht selten wurden sie vergewaltigt. Viele sind traumatisiert. Die Hebamme braucht daher viel Feingefühl und Zeit bei den Untersuchungen. „Teilweise erzählen die Frauen von Massakern oder wie Familienangehörige vor ihren Augen ermordet wurden“, sagt sie. „Wir hatten eben gerade ein Kind, das durch eine Granate im Irak schwer verletzt  worden ist. Ich denke, wenn ihrem Kind so etwas zustößt, ist das für eine Mutter sehr dramatisch.“

Viele Mehrlingsschwangerschaften

Außerdem seien viele der Schwangerschaften Mehrlingsschwangerschaften. Die bräuchten eigentlich eine besondere Vorsorge. Doch oft wüssten die Frauen nicht, dass unter ihrem Herz zwei Kinder wachsen. „In Deutschland weiß man im Prinzip schon fast  ab der 15. Schwangerschaftswoche, welches Geschlecht es wird und ist über alles informiert. Die Frauen hier kommen kurz vor der Entbindung an und wissen eigentlich gar nichts“, sagt Astrid Kany. Außerdem sei eine Flucht, auch wenn man nicht schwanger ist, schon immens anstrengend. Sie habe daher großen Respekt vor den Strapazen, die die Frauen auf sich nehmen, um mit ihren Familien in Frieden leben zu können. Wie die 25-jährige Syrerin, die sie gerade behandelt, seien alle Frauen ausgezehrt, klagten über Übelkeit und Schwächegefühle. Viele seien in einem schlechten Ernährungszustand, die Kinder in ihrem Bauch seien dagegen oft noch verhältnismäßig gut beisammen. Auch seien die Neugeborenen oft relativ gut ernährt, was daran liege, das die Mütter das wenige Essen auf der Flucht ihren Kindern geben, bevor sie davon essen.

Große Dankbarkeit

Astrid Kany tastet den Bauch der Frauen ab, hört nach den Herztönen der Babys, fragt nach Beschwerden und stellt bei Bedarf Kontakt zu Kliniken her, in denen die Frauen später entbinden werden. Unterstützt wird sie dabei an diesem Samstagvormittag von Nesrin, einer jungen Ärztin aus dem Sudan. Sie lebt seit 15 Jahren im Saarland. Sie dolmetscht für die Hebamme und bringt den Dank der schwangeren Flüchtlingsfrauen zum Ausdruck. Auch die junge Syrerin bedankt sich bei der Hebamme. „Sie habe das Gefühl, hier kümmere sich jeder um sie und sie fühle sich in guten Händen“, übersetzt Nesrin als Astrid Kany mit der Untersuchung fertig ist.

"Ich mache es einfach gerne"

 (Foto: SR)
Kleine Schilder - große Hilfe (Foto: Uwe Jäger)

Ihr trauriges und verunsichertes Gesicht, mit dem sie in den Baucontainer kam, ist einem Lächeln gewichen. Sie wirkt erleichtert. Mit dem Baby in ihrem Bauch ist alles in Ordnung. Nächste Woche soll sie zu einer erneuten Untersuchung wieder kommen, bittet Astrid Kany Nesrin auf arabisch zu übersetzen. Und dann bringe sie ihr auch eine Schwangerschaftshose mit, denn die Hose, die sie trage, sei für ihren Bauch inzwischen zu eng, sagt die Hebamme lächelnd. Als Nesrin übersetzt hat, strahlen die Augen der jungen Frau noch etwas heller. „Es ist einfach ein gutes Gefühl hier zu sein, die Dankbarkeit und die tollen offenen Menschen“, sagt Astrid Kany. Und da stört es auch nicht, dass die Schlange draußen vor dem Baucontainer inzwischen noch länger ist. Sie wird auch an diesem Tag länger bleiben als geplant. Aber das sei ok, sagt sie voller Energie: „Ich mache es einfach gerne“. Denn die Frauen sollen sich nach den Strapazen ihrer Flucht in Deutschland willkommen und in Sicherheit fühlen.

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