Familie Linsler zusammen mit den aufgenommenen Flüchtlingen (Foto: Kai Forst / SR)

14 Köpfe unter einem Dach

Kai Forst   21.04.2016 | 10:25 Uhr

Eine komplette Fußballmannschaft in einem Haus - plus Ersatzspieler. Bei den Linslers aus Saarbrücken ist das Alltag. Denn neben acht Kindern wohnen auch mehrere junge Syrer im Haushalt der Familie. Die Linslers leben Integration - und finden das ganz selbstverständlich. Besuch bei einer besonderen Familie.

“Being a part of this family means, you will love and be loved for the rest of your life.” Das große Holzschild springt gleich ins Auge, wenn man das Haus der Linslers betritt. In dieser Familie liebst du und wirst geliebt – für immer. „Das drückt unser Zusammenleben ziemlich schön aus“, sagt Eva Linsler. Acht Kinder hat die 42-Jährige mit ihrem Mann Ralf. Nicht alle sind an diesem Tag zu Hause. Und dennoch wird es eng als Tristan (4), Phineas (6), Merlin (8), Emmie (14) und Sophie (20) mit ihren Eltern auf dem Sofa zusammenrücken.

Eva Linsler mit Yaman (l.) und Faris (Foto: Kai Forst / SR)
Yaman (l.) und Faris haben bei Eva Linsler und ihrer Familie Unterschlupf gefunden.

Denn neben ihren Kindern leben derzeit auch noch drei junge Syrer bei den Linslers. Anas, Faris und Yaman sind vor Bomben und Krieg aus ihrem Heimatland geflohen und haben bei der Großfamilie Unterschlupf gefunden. Durch die ehrenamtliche Arbeit der Mutter und der zweitältesten Tochter Sophie kam der Kontakt zustande. Man wollte helfen - nicht nur mehrmals die Woche für ein paar Stunden, sondern richtig. „Integration kann nicht sein, wenn die Leute auf Dauer in Lebach oder irgendwelchen Massenunterkünften leben. Integration muss man als Gesellschaft selbst in die Hand nehmen“, erzählt Ralf Linsler. Man wollte den Menschen, auch den direkten Nachbarn, zeigen, dass Flüchtlinge keine Verbrecher oder Terroristen sind. Auch die separate Einliegerwohnung wurde daher an eine syrische Familie mit zwei Kindern vermietet. Natürlich könne man nicht die gleiche Miete verlangen wie auf dem freien Markt. „Aber wenn man so etwas macht, steht das Geld nicht an erster Stelle.“

Wir kennen das eigentlich nicht anders.

Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen, wenn eine ganze Fußballmannschaft unter einem Dach friedlich zusammenleben möchte. Das Haus der Linslers ist groß, doch längst nicht groß genug. Daher wurde das Refugium nach und nach ausgebaut. Inzwischen sind drei nebeneinanderstehende Häuser mit Durchbrüchen verbunden. Genug Platz, dass neben den eigenen Kindern und Anas, Faris und Yaman auch noch zwei amerikanische Gäste Platz finden: Austauschschülerin Elisabeth und Caleb, der Freund von Sophie. Insgesamt 14 Köpfe unter einem Dach - nur Leander, der älteste Sohn, studiert außerhalb.

Eva Linsler (Foto: Kai Forst / SR)
Eva Linsler: "Als unsere ältesten Kinder noch klein waren, war es anstrengender als jetzt."

Wächst einem der ganze Trubel nicht manchmal über den Kopf? „Wir kennen das eigentlich nicht anders“, lächelt Eva Linsler. „Als unsere ältesten Kinder noch klein waren, war es eigentlich anstrengender als jetzt. Wenn dann andere Kinder hinzukommen, ist das eigentlich entlastend. Die kümmern sich und spielen miteinander.“ Auch Anas, Faris und Yaman packen mit an. In nur kurzer Zeit haben sie ihre Rolle als Brüder gefunden. „Wir haben viel Spaß zusammen. Es ist wunderbar“, erzählt Faris mit strahlenden Augen.

Niemand kann dir helfen außer deine Gruppe.

Nach seiner anstrengenden Flucht genießt der 20-Jährige das behütete Umfeld seiner neuen Familie. Aus der syrischen Hauptstadt Damaskus reiste er in die Türkei. Ab Istanbul wurde es dann brenzlig. Rund 1200 Euro zahlte er Menschenhändlern für die Überfahrt nach Griechenland. „Wir waren ungefähr 50 Leute in diesem Boot. Aber Platz war da eigentlich nur für 15. Und die Wellen waren wirklich hoch. Es war sehr gefährlich.“

Faris (Foto: Kai Forst / SR)
Faris reiste von der Türkei übers Mittelmeer nach Griechenland - und kam über die jetzt geschlossene Balkanroute nach Deutschland.

Über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich gelang es ihm schließlich, in 15 Tagen nach Deutschland zu kommen. Ohne eine Gruppe hätte er die gefährliche Odyssee nicht geschafft. „Wir haben versprochen, uns gegenseitig zu helfen.“ Vor allem für die Alten und Schwangeren eine lebenswichtige Versicherung. Faris erinnert sich an heikle Situationen. „Es waren auch Frauen im neunten Monat auf der Flucht. Manchmal konnten sie nicht weitergehen, weil sie zu schwach waren. Dann haben wir gewartet. In diesen Momenten sind wir wie eine Familie. Niemand kann dir helfen außer deine Gruppe.“

Du tötest oder wirst getötet.

Dass ein junger Mann wie Faris eine solche Reise überhaupt in Angriff nimmt, verstehen viele Menschen in Deutschland nicht. Sie wollen nicht wahrhaben, dass es dabei ums Überleben geht. „Ich musste die Flucht riskieren, denn die russische Armee bombardierte die Gebiete." Eine andere Gefahr ist die syrische Armee. Jeder junge Mann wird eingezogen. "Dort tötest du oder wirst getötet.“

Nun ist er glücklich, endlich angekommen zu sein - und auch, dass er Lebach endlich verlassen konnte. Seinen Mitbewohnern dort traute er nicht. Sie waren älter und auch gewalttätig. Dieses Unbehagen hat er eingetauscht gegen etwas, was für ihn die perfekte Familie darstellt. Abends sitzen alle an dem großen Tisch beim Essen zusammen. „Dann tauschen wir uns aus, lösen Probleme und reden einfach miteinander“, erzählt Eva Linsler.

Be loved for the rest of your life

“Being a part of this family means, you will love and be loved for the rest of your life" - der Spruch auf dem Holzschild ist bei den Linslers nicht nur eine Phrase. Die Worte werden gelebt - und das bringt schöne Geschichten mit sich. „Unser letztes Au-Pair kam aus Madrid und ist dann schließlich hiergeblieben. Sie wohnt gegenüber", freut sich Eva Linsler. Auch ein Au-Pair aus Georgien blieb nach ihrer Zeit bei den Linslers in Saarbrücken und hat hier inzwischen eine Familie gegründet. "Im Saarland ist eigentlich immer jeder gerne", lacht die 42-Jährige. Doch vermutlich sollte es heißen: Bei den Linslers bleibt eigentlich immer jeder gerne.

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