Scheinwissenschaftlicher Verlage unterwandern die Wissenschaftslandschaft (Foto: NDR, Screenshot "Fake Science")

Dubiose Verlage unterwandern Uni-Betrieb

Caroline Uhl / Niklas Resch   19.07.2018 | 06:30 Uhr

Ein Netz von zwielichtigen Unternehmen unterwandert die Wissenschaft weltweit. Getarnt als Zeitschriftenverlage für Forscher veröffentlichen sie Texte in Online-Journalen und halten dabei grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht ein. Recherchen von ARD und Süddeutscher Zeitung ergaben: Deutschlandweit sind über 5000 Wissenschaftler verwickelt. Auch die Saar-Uni ist betroffen.

Der Druck auf die Forscher ist groß – an der Saarbrücker Uni wie an den Unis weltweit. Wer etwas werden will in der Wissenschaft, der muss publizieren. Fachartikel in Wissenschaftsjournalen und Beiträge auf Fachkongressen sind das Maß, mit dem wissenschaftliches Renommee gemessen wird. All die Jahre publizierten Wissenschaftler für gedruckte Zeitschriften – die Journale finanzierten sich über ihre Abonnenten. Doch das Geschäftsmodell hat sich gedreht: Zeitschriften wandern ins Internet und Autoren zahlen oft Geld dafür, dass ihre Texte nach einer positiven Begutachtung veröffentlicht werden.

Probleme mit Fake Science auch an der Saar-Uni (19.07.2018)
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 19.07.2018, Länge: 05:02 Min.]
Probleme mit Fake Science auch an der Saar-Uni (19.07.2018)

Leere Versprechungen und keine Kontrolle

Dieses Modell machen sich windige Unternehmen zunutze: Sie gaukeln wissenschaftliche Standards nur vor. Eine Kontrolle von Artikeln durch Experten: meist Fehlanzeige! Die Listung der Zeitschriften in wichtigen Datenbanken: zwar versprochen, aber nicht vorhanden. Für die Wissenschaft macht das die Artikel wertlos. Und noch schlimmer: Weil die Verlage die Texte meist nicht kontrollieren, lassen sich auch pure Lügen als Wissenschaft ausgeben.

Studiogespräch: "Der Laie kann nicht erkennen, ob die Studie seriös ist"
Audio [SR 3, Studiogespräch: Renate Wanninger/Niklas Resch, 19.07.2018, Länge: 03:10 Min.]
Studiogespräch: "Der Laie kann nicht erkennen, ob die Studie seriös ist"

Recherchen von ARD, Süddeutscher Zeitung und SZ-Magazin zeigen: Mehr als 5000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutscher Hochschulen, Institute und Bundesbehörden haben schon in derartigen scheinwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, oft finanziert mit öffentlichen Geldern. Weltweit sind 400.000 Forscherinnen und Forscher betroffen. Nach SR-Recherchen tauchen auch 80 Namen von Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes auf. Dahinter stecken rund 30 Artikel in scheinwissenschaftlichen Journals – ein Artikel hat häufig mehrere Ko-Autoren. Hinzu kommt eine Hand voll Konferenzbesucher aus dem Saarland. Sie waren zu Pseudo-Kongressen nach Toronto, New York oder Porto gereist.

Die Lebensversicherung beschädigt

Ein betroffener Wissenschaftler ist Volkhard Helms, Professor für Bioinformatik an der Saarbrücker Uni. Zwei Artikel veröffentlichte er mit seiner Arbeitsgruppe in einer Online-Zeitschrift eines scheinwissenschaftlichen Verlegers, zuletzt im März dieses Jahres. Gesamtkosten: über 3500 Euro.

Unsere Lebensversicherung ist, dass unsere Forschung unantastbar ist.
Forscher verwickelt in Machenschaften windiger Verlage
Audio [SR.de, (c) SR, 17.07.2018, Länge: 02:50 Min.]
Forscher verwickelt in Machenschaften windiger Verlage

Ihm sei nicht klar gewesen, dass er einem pseudowissenschaftlichen Anbieter aufgesessen sei, beteuert Helms. "Unsere Lebensversicherung ist, dass unsere Forschung unantastbar ist, dass unsere Methoden, die Genauigkeit, mit der wir vorgehen, dass da kein Schatten drauffällt", beschreibt er. Daher sein es "natürlich betrüblich, dass wir zwei Artikel bei einem Verlag veröffentlicht haben, der anscheinend in Misskredit gerät".

Einmal um die halbe Welt

Zur Fake-Konferenz bis nach Kanada
Audio [SR.de, (c) SR, 17.07.2018, Länge: 01:30 Min.]
Zur Fake-Konferenz bis nach Kanada

Getroffen hatte es auch den Leiter der Kinderonkologie am Universitätsklinikum Homburg, Norbert Graf. Er arbeitete an einem mit zehn Millionen Euro geförderten Forschungsprojekt der EU mit. Die Forscher sollten das Projekt auf einer internationalen Konferenz vorstellen – und fanden 2016 eine passende Veranstaltung in Toronto, wie sie glaubten. Mit dem Segen und auf Kosten der EU reisten die Wissenschaftler nach Kanada. Geschätzte Gesamtkosten: rund 17.000 Euro.

"Dann kamen wir dorthin zur Konferenz, und da war überhaupt nichts organisiert. Das war letztendlich eine riesengroße Katastrophe", erinnert sich der Krebsforscher. In dem Workshop, den Graf und seine Kollegen halten wollten, war außer den Referenten niemand da. Schnell stellten die Wissenschaftler fest: Sie wurden reingelegt. Die angebliche Fachkonferenz hatte ihren Namen nicht verdient. Heute prüfe er viel kritischer als früher, in welchen Zeitschriften er publiziere oder zu welchen Kongressen er fahre, sagt Graf.

Einzelfälle in Reihe

Diesen kritischen Blick haben offenbar nicht alle Mediziner. Über die Hälfte der betroffenen Wissenschaftler aus dem Saarland kommt vom Uniklinikum Homburg. Am auffälligsten: eine Professorin, in deren Namen fünf Texte bei scheinwissenschaftlichen Verlegern erschienen sind. Sie taucht außerdem als Mitglied zweier Editorial-Boards auf, einer Art Redaktionsbeirat. Die Zeitschriften schmücken sich damit weiter mit ihrem Renommee. SR-Anfragen an die Wissenschaftlerin bleiben unbeantwortet, auch die, warum seit 2014 nichts dergleichen mehr veröffentlicht wurde.

Der Präsident der Saarbrücker Uni, Manfred Schmitt, bewertet die Funde an seiner Hochschule als Einzelfälle, angesichts von 260 Publikationen in öffentlichen Online-Journalen allein 2017. Er will in Zukunft aber stärker auf die Problematik hinweisen. Eigentlich gebe es die notwendigen Informationen online für jeden Mitarbeiter abrufbar. "Aber das mag sein, und dafür müssen wir arbeiten, dass das mehr transparent ist und dass es auch bekannt ist innerhalb der Universität", räumt Schmitt ein. Überrascht ist Schmitt nach eigenem Bekunden aber doch, dass selbst gestandene Professoren auf die pseudowissenschaftlichen Anbieter reinfallen.

Wissentlich und willentlich

Chemiker Rolf Hempelmann wusste genau, was er tat. Der Professor, dessen Spezialgebiet die nachhaltige Elektrochemie ist, veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Text bei einem pseudowissenschaftlichen Verlag. Es ging um eine Handreichung für Chemielehrer, unzureichend für Fachzeitschriften. Das wusste Hempelmann. Doch sein Text sollte frei im Internet verfügbar und noch dazu billig sein. "Das kostete in dem Fall 150 Euro", sagt er. Dass er mit der Publikation, die "Fake-Wissenschaft" unterstützte, "das ist eigentlich nicht mein Problem", findet Hempelmann. Für eine richtige Forschungsarbeit hingegen komme so eine Zeitschrift für ihn nicht infrage.

Das ist eigentlich nicht mein Problem.

Doch: Diese Publikationen sind ein Problem für die Allgemeinheit. Gesetze werden auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse erlassen, technischer und medizinischer Fortschritt begründen sich auf Wissenschaft. Wenn durch die Machenschaften windiger Unternehmer die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ins Wanken gerät und sich gute Forschung von schlechter oder vorgegaukelter Forschung nicht mehr unterscheiden lässt, rüttelt das am gesamten System – und betrifft am Ende jeden Einzelnen. So wie der Fall eines zweifelhaften Krebsmedikaments: Es wurde europaweit mit Pseudostudien beworben – und an Schwerkranke verkauft.

ndr.de
Dossier: Fake Science - Die Lügenmacher
Es ist ein Problem in der Welt der Wissenschaft, das uns alle betrifft: In den vergangenen Jahren sind pseudowissenschaftliche Verlage stark gewachsen, in denen Studien vor der Veröffentlichung nicht auf ihre Qualität geprüft werden. Zunehmend wird so schlechte oder sogar gefälschte Forschung mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit versehen.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 19.07.2018 berichtet.

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