Jeder hat sie schon gespürt: Angst. (Foto: Pixabay/kellepics)

Interview: Der Weg aus der Angst

Felicitas Fehrer   21.02.2018 | 15:42 Uhr

Keiner mag sie und jeder hat sie schon mal gespürt: Angst. Ob vor Spinnen, Höhe oder Dunkelheit – Angst hat viele Facetten. Therapeut Thomas Wilhelm aus Püttlingen erklärt, wie Angst entsteht, warum jeder verschiedene Ängste hat und wie man sie loswird.

SR.de: "Herr Wilhelm, was ist eigentlich Angst?"

Thomas Wilhelm aus Püttlingen betreut unter anderem Angstpatienten. (Foto: SR)
Thomas Wilhelm aus Püttlingen betreut unter anderem Angstpatienten.

Thomas Wilhelm: "Angst ist eine Art Stresserleben, das von Situationen ausgelöst wird, die wir nicht glauben, bewältigen zu können. Physiologisch gesehen ist Angst nichts Weiteres als die Ausschüttung von Adrenalin. Die körperlichen Auswirkungen können sich in Form von Blutdruckerhöhung, Zittern, Schwitzen und Kribbeln äußern.

Grundsätzlich ist Angst etwas Gesundes. Hätten wir nicht die Veranlagung zur Angst in uns, dann gäbe es uns – und alle anderen Säugetiere – nicht. Denn biologisch angelegte Urängste, wie die Angst vor Höhen, vor manchen Tieren, vor Trennung oder Dunkelheit haben damals Sinn gemacht. Der Hahn hätte schlechte Chancen, wenn er erstmal lernen müsste, dass der Fuchs gefährlich ist."

SR.de: "Und wie entstehen Ängste, wenn sie nicht biologisch angelegt sind?"

Wilhelm: "Es gibt viele Faktoren, die die Entstehung von Ängsten und Angstkrankheiten begünstigen.

Entscheidend ist vor allem die genetische Veranlagung. Es gibt bestimmte Kombinationen von Genen, die jemanden anfälliger für Angstempfinden machen.

Auch kann die Ursache eine traumatische Erfahrung oder ein belastendes Erlebnis aus der Kindheit sein, an das wir uns nicht mal mehr erinnern müssen.

Die virtuelle Spinnen-Therapie an der Uni des Saarlandes
Audio [SR 1, Marc Weyrich, Stefan Eising, 07.08.2017, Länge: 02:12 Min.]
Die virtuelle Spinnen-Therapie an der Uni des Saarlandes
Psychologen der Universität Saarbrücken forschen nun daran, Spinnenangst in den Griff zu kriegen - mit einer virtuellen Therapie. Wie das funktioneren soll, hat sich SR1-Reporter Stefan Eising zeigen lassen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das soziale Umfeld. Hat jemand zum Beispiel Angst vor Spinnen, kann es sein, dass enge Verwandte oder Freunde das so vorgelebt haben."

SR.de: "Ab wann ist eine Angst krankhaft?"

Wilhelm: "Man kann unterscheiden zwischen gewöhnlicher Furcht und pathologischer Angst. Bei gewöhnlicher Furcht gibt es einen reellen Auslöser. Zum Beispiel ein wildes Tier, das einem gegenübersteht. Logisch, dass man da Angst hat.

Problematisch wird es dann, wenn die Angst das Leben des Menschen beeinträchtigt.

Bei pathologischen Ängsten, beziehungsweise Angststörungen, gibt es keinen erkennbaren Auslöser. Es handelt sich um eine situations- oder objektbezogene Angst. In der Regel geht keine reale Gefahr von dem auslösenden Objekt aus.

Problematisch wird es dann, wenn die Angst das Leben des Menschen beeinträchtigt. Ich hatte zum Beispiel mal eine Klientin, die nicht mehr in südliche Länder in Urlaub fahren konnte, weil sie Angst vor Eidechsen hatte. Die daraus entstehende Einschränkung kann bis zur Berufsunfähigkeit gehen.

Angst sollte man nicht einfach so abtun. Für die, die mit solchen Ängsten nichts zu tun haben, ist das  kaum nachvollziehbar. Aber die Betroffenen leiden richtig. Und was viele nicht wissen: Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben an einer Angststörung zu erkranken, liegt bei 15 bis 25 Prozent."

SR.de: "Wie kriegt man seine Ängste in den Griff?"

Wilhelm: "Oft neigt man dazu, das angstauslösende Objekt zu vermeiden. Aber auch wenn es schwer ist: Der Weg aus der Angst ist die Konfrontation damit. Man sollte zuerst versuchen, in einer Angstsituation nicht zu fliehen, sondern zu bleiben. So wird das Adrenalin nach und nach abgebaut und der Angstlevel sinkt. Da sollte man sich langsam ran tasten.

Außerdem hilft es, regelmäßig Sport zu treiben. Denn das baut Adrenalin ab.

Der Weg aus der Angst ist die Konfrontation damit.

Bei richtigen Panikattacken hilft es, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Einfach wahrzunehmen, was genau jetzt gerade los ist.

Wenn man hyperventiliert, hilft es, in die Hand oder eine Tüte zu atmen. Wobei irgendwelche Atem- und Entspannungstechniken niemanden interessieren, der gerade eine Panikattacke hat. Deswegen sollte man es regelmäßig üben, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten, wenn man zu Panik neigt."

SR.de: "Wie haben sich die Ängste der Menschen in den letzten Jahren entwickelt?"

Wilhelm: "Mehr oder weniger Ängste als früher gibt es heute nicht, würde ich sagen. Höchstens die Anzahl der diagnostizierten Angststörungen ist gestiegen. Das hat aber auch etwas damit zu tun, dass der Gang zum Therapeuten heute nicht mehr so verhöhnt ist, wie noch vor einigen Jahren.

Was man aber definitiv sagen kann, ist: Die Ängste haben sich verändert. Hauptsächlich sind neue Ängste dazugekommen. Zum Beispiel Belastung und Stress. Für viele Menschen sind der berufliche Druck oder unsichere Arbeitsverträge extrem belastend. Das führt zu einem erhöhten Angstlevel.

Auch die erlebte schnelle Veränderung der Welt trägt heutzutage zu einer Verbreitung von Ängsten bei. Das hat nicht zuletzt etwas mit der Entwicklung der Medien zu tun.

Diese massenhafte Verbreitung von Informationen aus der ganzen Welt, aus Krisengebieten, von Naturkatastrophen. Dinge, von denen man früher gar nichts mitbekommen hat. Das schürt neue Ängste.

Ängste gehen mit der Zeit, sowie fast alles im Leben. Vor hundert Jahren hatten Menschen zum Beispiel noch panische Angst davor, halbnackt gesehen zu werden. Heute haben Menschen panische Angst davor, nicht mehr dem Schönheitsideal zu entsprechen, wenn sie halbnackt gesehen werden."

Artikel mit anderen teilen