Ein Schild erinnert an den verschwundenen Pascal.  (Foto: Imago/BeckerBredel)

Vor 20 Jahren: Der rätselhafte Fall des jungen Pascal

Thomas Gerber   30.09.2021 | 06:27 Uhr

Vor 20 Jahren ist der fünfjährige Pascal Zimmer aus Saarbrücken Burbach verschwunden. Die Ursache seines Verschwindens und sein weiteres Schicksal sind nach wie vor ungeklärt. Obwohl es in der Folge einen der größten und spektakulärsten Gerichtsprozesse im Land gab, bleiben bis heute viele Fragen offen.

30. September 2001 - Kirmessonntag in Burbach. Pascal ist mit seinem blau-gelben Kinderfahrrad unterwegs. Kurz vor 17.00 Uhr wird er zum letzten Mal von Zeugen gesehen, nahe des Festplatzes - die letzte Sichtmeldung, so nennt das die Polizei. Pascals Eltern sind überfordert, seine Tante kommt nach Burbach, sucht verzweifelt mit Fotos nach dem Jungen, befragt Passanten, ob sie den schmächtigen fünf Jahre alten Jungen gesehen haben.

Große Suchaktion

Die Polizei wird alarmiert. Es beginnt eine großangelegte Suchaktion. Hunderte Beamte durchkämmen den Bereich rund ums Kirmesgelände, suchen am Saarufer, am und im Burbacher Weiher - erfolglos. Seit jenem 30. September ist Pascal verschwunden, auch von seinem Fahrrad gibt es keine Spur.

Die Eltern gehen verzweifelt an die Öffentlichkeit, setzen 10.000 Euro Belohnung aus. Dann plötzlich scheint der Fall gelöst. Pascals Stiefschwestern sollen den Jungen getötet haben. Sie sollen ihn mit einer Schaufel erschlagen und in die Saar geworfen haben. Ein Vorwurf, der sich aber nicht bestätigte. Schon da gerieten die Ermittlungsmethoden der Polizei in die Kritik. Die jungen Frauen waren offenbar unter Druck gesetzt worden, hatten falsche Aussagen gemacht.

Vor 20 Jahren: Der rätselhafte Fall des jungen Pascal
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 30.09.2021, Länge: 03:33 Min.]
Vor 20 Jahren: Der rätselhafte Fall des jungen Pascal

Neue Spur nach einem Jahr

Gut ein Jahr nach dem Verschwinden ergibt sich dann überraschend eine neue, mutmaßlich erfolgsversprechende Spur. Die Pflegemutter von Kevin, einem Spielkameraden von Pascal, schildert den Beamten Ungeheuerliches.

Kevin, so nennen wir ihn damals in den Medien, um ihn zu schützen, sei vielfach Opfer sexueller Übergriffe und missbraucht worden. Mutmaßlicher Tatort soll eine heruntergekommene Kneipe sein. Sie liegt an der Hauptstraße, an der Pascal am Nachmittag des 30. September auf dem Weg zur Kirmes vorbeigekommen sein könnte.

Tatort "Tosa-Klause"

Ein Zusammenhang scheint auf der Hand zu liegen - ein Tatort, der Rechtsgeschichte schreiben wird, ist gefunden. Die "Tosa-Klause" nebst den Tätern: die Wirtin Christa W. und ihre Gäste. Es hagelt Verhaftungen - Kripochef Peter Steffes lädt mit der Staatsanwaltschaft zur Pressekonferenz.

Die Ermittlungen münden in eine Anklage und einen bundesweiten Aufschrei: Für 20 D-Mark, notiert auf dem Bierdeckel, seien Kinder in der Abstellkammer der Tosa vergewaltigt worden. Pascal wurde an jenem Kirmessonntag gleich mehrfach vergewaltigt. Weil er schrie, wurde er schließlich mit einem Kissen erstickt.

Mammutprozess vor dem Landgericht

Den 13 Angeklagten wird ab September 2004 der Prozess vor dem Saarbrücker Landgericht gemacht. Mord und sexueller Missbrauch - die Vorwürfe könnten nicht schlimmer sein. Die Vorverurteilung nahm ihren Lauf.

Die 13 Angeklagten wurden in der Öffentlichkeit zu Monstern, die ohne jede Empathie, ihr Leben mit Sex und Alkohol gestalteten. Verteidiger wie der von Christa W., die laut Staatsanwaltschaft die intelligente Spinne im Netz war, sahen sich Anfeindungen ausgesetzt.

Am Ende: Freispruch

Das Gericht aber machte seine Arbeit: 147 Prozesstage und 294 Zeugen. Nach drei Jahren erfolgte im September 2007 das Urteil: Freispruch. Es war ein "in dubio pro reo", im Zweifel für die Angeklagten. Für die Verteidigung zwar ein Sieg des Rechtsstaats, der damalige SPD-Fraktionschef und spätere Justizminister Heiko Maas (SPD) aber beurteilte den Richterspruch anders - fand ihn, "einfach nur zum Kotzen", wie er öffentlich sagte.

Die Freisprüche waren aber juristisch alternativlos. Es gab keinerlei objektive Beweise, keine Leiche, keine DNA oder Faserspuren - nichts. Anfänglich gab es zwar Geständnisse. Die aber, fanden Aussagepsychologen heraus, waren in die Geständigen hineingefragt worden.

Was Pascal vor 20 Jahren tatsächlich widerfahren ist, wird wohl nie geklärt werden. Der Fall des Jungen aus Burbach - er beibt einer von vielen Hundert ungeklärten Vermisstenfällen.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Sendung "Region am Mittag" am 30.09.2021 berichtet.

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