Ein Mikrofon in der Nahaufnahme (Foto: pixabay)

Stimmen und Stimmungen

  24.01.2023 | 12:47 Uhr

Wolfgang Brenner hört bekannte, fast vergessene Stimmen aus seiner Vergangenheit plötzlich wieder in der Gegenwart und erinnert sich an persönliche Radiomomente. Seine „Radio-Sternstunden“ gibt es hier zum Anhören und Nachlesen.

Die Stimme


Zum Hören

Sternstunden des Radios - Wolfgang Brenner - Die Stimme
Audio [SR 2, (c) Wolfgang Brenner, 20.01.2023, Länge: 17:50 Min.]
Sternstunden des Radios - Wolfgang Brenner - Die Stimme

Zum Lesen


Der Lehrer

Kürzlich ist etwas Eigenartiges passiert.

Ich habe jemanden wiedergetroffen. Einen Menschen, den ich mal verehrt, dann aber aus den Augen verloren habe. Einen Sportler. Genau, daher kannten wir uns: vom Freizeitsport. Ab und zu hatte ich noch an ihn gedacht. So wie man an einen Menschen denkt, der einen beeindruckt hat. Ein Vorbild: einen Lehrer etwa.

Irgendwann hatte ich gehört, dass es ihm nicht gutging. Er war wohl krank, eine chronische Rheumaerkrankung, die es ihm immer schwerer machte, sich zu bewegen.

Auf einem Straßenfest fiel mir ein grauer, etwas aufgeschwemmter Mann auf: gebeugt und unscheinbar. Er war für mich ein Fremder, ein Fremder, dem es nicht gutging und mit dem ich nichts zu tun haben wollte. So sind wir Menschen eben.

Da hörte ich, wie er mit jemandem sprach.

Ich blieb augenblicklich stehen. Die Stimme.

Alles war sofort wieder da. Die geduldigen Lektionen, die er uns Jüngeren als Trainer erteilt hatte. Seine freundliche, optimistische Art.

Es war seine Stimme, die das alles wieder in mir wachrief - obwohl derjenige, den ich nun zaghaft nach seinem Namen fragte, ein ganz anderer war, ein gebrechlicher, alter Mann, der nichts, aber auch gar nichts mit dem erfolgreichen, beliebten Sportler von früher zu tun hatte. Doch diese Diskrepanz überwand seine Stimme mühelos.

"Ja, ich bin es", sagte er und versuchte zu lächeln.

Wir unterhielten uns lange miteinander. Er berichtete mir von seinem Leidensweg, von dem Cortison, das er jahrelang hatte nehmen müssen und das ihn nicht nur aufschwemmte, sondern ihm auch Folgeerkrankungen bescherte.

Ich war gelöst an diesem Tag. Aber auch traurig - weil die Zeit spürbar vergeht und so viel Ungemach bringt. Und weil nichts bleibt von den leichten, glücklichen, erfolgreichen Jahren. Außer vielleicht: der Stimme.

Die Stimme wird zwar mit uns älter, aber sie bleibt ein unveränderliches Kennzeichen. Sie ist mehr als das - sie ist Ausdruck unserer Seele, unseres Charakters, unserer Stimmungen, unseres ganzen Wesens. Das Sichtbare an einem Menschen ist der Veränderung unterworfen. Sogar seine Psyche und seine Haltungen verändern sich. Nicht aber seine Stimme.

Das ist ein Grund - ein sehr wichtiger Grund dafür, dass ich an das Radio glaube. Weil das Radio das Medium der menschlichen Stimme ist - und weil es das intimste Medium ist.

Erinnerungen

Unsere Gegenwart ist integriert. Durch und durch. Wir leben in einer Zeit, in der die modernen Medien so ineinander verschränkt sind, dass sie keine Erinnerungslücke lassen.

Dennoch muss ich zugeben, dass mich auch heute noch eine tiefgehende Unruhe packt, wenn ich das Zeitzeichen höre. Die Töne, die manche Radiosender kurz vor den Nachrichten der vollen Stunde aussenden. Das Zeitzeichen erweckt ein Erwartung: Dass jetzt gleich etwas mitgeteilt werden wird, was alles ändern könnte. Eine Nachricht, die diese geschwätzige Gegenwart für einen Moment sprachlos macht. Sprachlos und machtlos.

Dieser Reflex ist in mir. Er wurde geprägt in jener fernen Zeit, als die Stimme eines Radiosprechers den Herzschlag der Menschen noch stillstehen lassen konnte. Als die Geschichte noch mit aller Macht und wenigen, klaren Worten wie eine Verkündigung in die Stube eindrang. Oder in das Auto, das nachts im Nichts unterwegs ist und dessen Fahrer sich durch ein paar aufmunternde Worte des Moderators wach hält.

Viele Menschen kennen dieses Innehalten des Weltgeistes, das durch den Äther in die Häuser und dann direkt in die Köpfe und Seelen der Hörer dringt.

Der Hörer wohlgemerkt. Hier gilt nur das gesprochene Wort. Die Bilder sind abgegriffen und gelogen und ohne Geheimnis. Nicht einmal eine Botschaft haben die Bilder. Die message, von der ständig die Rede ist, leihen ihnen erst die Kommentatoren und Kaffeesatzleser. Obwohl die Kameras doch wie Drohnen in die privatesten Räume eindringen und alles abbilden, ohne Rücksicht darauf, ob das überhaupt jemand sehen will.

Diese innere Unruhe, die mich beim ersten Ton des Zeitzeichens erfasst, hat ihre Wurzeln in zeitgeschichtlich sensiblen Momenten. Doch die Zeitgeschichte wurde erst später dazu geliefert. Zuerst war dieses erschrockene Anhalten des Atems.

Im November 1963, als die Eltern meinen Bruder und mich abends aus dem Bett holten und vor den Empfänger zogen. Wir hörten ein Knistern, das sich bei transatlantischen Schaltungen damals noch einstellte, dann eine belegte und beinahe ohnmächtige Stimme, die Englisch sprach. Eine Frau weinte im Hintergrund. Und dann verkündete uns der deutsche Radiomann, was in Dallas, Texas, geschehen war. Etwas Ungeheuerliches, womit niemand gerechnet hatte und dessen Konsequenzen auf unser Leben keiner absehen konnte.

Der amerikanische Präsident, der strahlende, junge John F. Kennedy, war in seinem offenen Wagen erschossen worden.

Als die Übertragung zu Ende war, stellte der Vater das Radio ab und wir gingen still ins Bett zurück. Die Worte aus dem Radio waren wie eingebrannt in unser Hirn. Es wurde an diesem Abend nicht mehr darüber gesprochen. Die Bilder, die uns am nächsten Tag dazu geliefert wurden, waren wie nachgestellt: verwaschen, unklar, mehrdeutig.

Der Mauerfall

Oder 1989. Auf der Autofahrt von Westberlin in die BRD. Ich war mit meinem alten Lada fast allein auf der Transitstrecke. Alle hatten an diesem 9. November Wichtigeres zu tun. In Ost und in West. Nur ich wollte noch in der Nacht mein fernes Ziel erreichen.

Es hatte mich in Westberlin nicht gehalten, obwohl alle Welt auf die geteilte Stadt schaute und in die Stadt wollte. Ein bisschen war ich auf der Flucht. Vielleicht davor, von dem spürbar kurz bevorstehenden geschichtlichen Moment und dem Rummel, der damit zwangsläufig einherging, überrollt zu werden. Die Dinge, die in diesen Tagen an der Mauer, in der Botschaft in Prag und im ungarischen Grenzgebiet vorgingen, waren so unverständlich und zugleich überwältigend, dass sich kaum jemand einen Reim darauf machen konnte. Insofern war es nur konsequent, dem Umbruch der Zeiten zu entfliehen. Und dabei Radio zu hören.

Erstens um sich abzulenken. Durch Musik. Durch Geschichten. Durch Gespräche. Und zweitens um nicht ganz abzudriften - denn wissen, wie es weiterging, wollte ich natürlich auch. Kein Medium eignet sich besser zu diesem ambivalenten Umgang mit der Wirklichkeit und der Gleichzeitigkeit. Das Radio kann überall hin mit - im Gegensatz zum Fernsehen und auch zum Internet, das es damals noch nicht gab. Radiohören kann man überall. Oder fast überall.

Das Radio ist die unsichtbare Nabelschnur, die den Menschen, sei er auch noch so einsam oder verzweifelt, mit der Welt, mit der Menschheit, mit der Kultur, mit der Geschichte verbindet. Niemand sollte diese Verbindung des Einzelnen zum Ganzen leichtfertig aufgeben. Sie wird uns vielleicht einmal vor dem kulturellen Untergang bewahren.  

So fuhr ich also an diesem Novemberabend durch die stockdunkle Magdeburger Börde, hörte Swing der 40er Jahre und ab und zu die etwas desorientierten Nachrichten eines Ostsenders. Etwa 30 Kilometer von der Zonengrenze entfernt bekam ich NDR rein. Aus Swing wurde Klassik, aus den aufgeräumten Zeitgenossen wurden gesetzte Sprecher, die so taten, als geschähen die wichtigen Dinge auf einem anderen Kontinent. Bis dann plötzlich eine Aufzeichnung aus Berlin gesendet wurde. Dort hatte es am Abend eine Pressekonferenz des SED-Bezirksvorsitzenden und neuen Parteisprechers gegeben.

Es ging um das angekündigte Reisegesetz. Schabowski räusperte sich, knisterte mit dem Papier – und ich dachte für einen Moment, ich sei einem modernen Orson Welles aufgesessen, der mit den Mitteln des Radios die Illusion einer historischen Konfusion erzeugen wollte. Doch dann fing sich der SED-Bezirksvorsitzende, der eindeutig noch vom alten Schlag war. Er hob die Stimme und las vor, was auf seinem Zettel stand. Das war so verblüffend, dass selbst er es nicht zu verstehen schien. Ab sofort sollte die Grenze offen sein. Für jedermann und ohne weitere Bedingungen.

Keiner glaubte es ihm. Keiner – außer einem. Mir.

Ich saß nämlich in meinem Lada und war gerade auf dem Weg zur Grenze, auf einer menschenleeren Autobahn. Natürlich wäre ich mit meinem westdeutschen Pass auch ohne die zerstreute Ankündigung des Ostberliner SED-Chefs nach Westen gelangt. Aber ich war weit genug weg und allein genug mit meinem Autoradio, dass ich mir die einzige Frage stellen konnte, die sich aufdrängte, während die anderen noch rätselten, ob Schabowski sich einfach vertan hatte oder ob sie alle den Überblick verloren hatten.

Die praktische Frage des Autofahrers vor dem Autoradio war nämlich: Würde ich es noch bis Marienborn schaffen, bevor ein 17-Millionen-Volk sich aufmachen würde, den bis dahin Eisernen Vorhang zu durchbrechen?

Zu diesem Pragmatismus ist nur ein Individuum in der Lage, das weit genug weg ist und gleichzeitig so nahe, dass es alle historischen Sinngebungen außer Acht lassen kann. Der Radiohörer eben, der nicht erschlagen wird von der Optik und von der Vielfalt, der angewiesen ist auf das einzige, was für einen Menschen Sinn macht: auf das Wort.

Ich fühlte mich damals - zwischen Magdeburg und Helmstedt – wie in einer Kapsel, im Sputnik. Verbunden mit der Welt und der Geschichte nur durch den dünnen, aber sehr stabilen Draht. Durch das Radio. Das Medium der Intimität und der Ferne. Zu mir sprach nicht der mächtige Schabowski, das ungelenke Sprachrohr der innerlich bereits abdankenden DDR-Macht. Zu mir sprach die Stimme eines alten, müden, leicht verwirrten Mannes. Deshalb verstand ich auch sofort, worum es ging.

Für die, die es wissen wollen: Ich schaffte es. Ich kam nicht nur zügig durch die Grenzanlagen und an den verunsicherten Grenztruppen vorbei, ich erreichte auch Braunschweig, bevor sich alle in ihren Autos auf den Weg machten, um den Ostdeutschen zuzuwinken.

Erika

Im Radio liefen Spätnachrichten. Die Konjunktur. Die Euro-Krise. Die Gewerkschaften. Die Umwelt. Irgendwo endeten Filmfestspiele. Das Wetter.

Nichts Ungewöhnliches. Dennoch hörte ich gebannt zu. Die Stimme der Sprecherin - ich kannte sie. Es war eine Stimme aus meiner Vergangenheit. 

Erika war mir aufgefallen, weil sie, als alle Welt in Palästinensertüchern und Batiksachen ging, in einer Trachtenjacke im Hegel-Seminar erschien. Dabei kam sie nicht mal aus Bayern. Sie war klug und schön - und uneitel. Das war damals was. Es dauerte, bis wir uns näherkamen. Dann aber ging alles ganz schnell. Wir machten schon Pläne für die Zukunft. Bis sie eines Morgens in meine Studentenbude stürzte und alles kurz und klein schlug. Den Kaffee auf der weißen Tapete bekam ich damals nicht wieder raus. Ich hatte mich nach einer Reise nicht gleich bei ihr zurückgemeldet. Erika war in diesen Dingen sehr empfindlich.

Das war eine Ewigkeit her – aber ich dachte manchmal noch an sie. Wie an eine vertane Chance.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schrieb eine Mail an den Sender. Ich gab mich als begeisterter Radiohörer zu erkennen und schwärmte für die eindrucksvolle Stimme der Nachrichtensprecherin. Sicher haben sie sich dort schiefgelacht.

Schon nach wenigen Tagen hatte ich eine Antwort. Von der Sprecherin. Es war wirklich jene Erika aus meinen fernen Studententagen. Sie schien das alte Zerwürfnis vergessen zu haben.

Erika verlas nicht nur die Nachrichten, sie moderierte auch eine Sonntagmorgenmatinee. So kam es, dass wir uns zwar nicht verabredeten - aber am Sonntagmorgen, beim Frühstück, hörte ich fortan ihre Sendung. Sie redete über Musik, über Kunst, Kino und Literatur – über Sonntagmorgen-Themen.

Ich saß mit meiner Frau und den Kindern beim Frühstück und während die Kinder plapperten, lauschte ich Erika.

Zu dem Programmablauf gehörte ein kleines Rätsel. Es war beileibe nicht einfach.

Ich rief beim Sender an. Der Gewinner wurde immer zu ihr ins Studio durchgestellt.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Der Gewinn war läppisch. Eine CD. Oder ein Buch. Aber darum ging es ja nicht. Mir ging es um etwas anderes: Ich wollte mit Erika zusammen im Radio sein. Live. Auf Sendung. On Air.

Man verband mich weiter. Es dauerte. Dann knackte es in der Leitung.

Hallo, wer ist da?, fragte eine Stimme. Und was war die Lösung unseres heutigen Rätsels?

Ich sagte es.

Erika schwieg. Sie war … überrascht. Aber Erika ist eben eine gute Moderatorin. Sie fing sich wieder. Wie sind Sie denn draufgekommen?, fragte sie. Ganz routiniert.

Ich habe mich eingefühlt, antwortete ich. Was ja auch stimmte.

Erika sagte, sie beglückwünsche mich zu meinem Preis und ich solle der Sendung treu bleiben.

Dann wollte ich ihr gestehen, dass ich nur der alten Zeiten wegen anrief. Und wie schön es war, dass wir uns nach so vielen Jahren und so vielen Missverständnissen über das Radio wiedergefunden hatten.

Aber Erika ließ mich nicht zu Wort kommen. Ich sollte der Senderegie meine Adresse geben - und dann war die Verbindung unterbrochen.

Ich fand Erika ziemlich kühl am Mikrofon. Viel kühler als ich sie aus unseren gemeinsamen Zeiten in Erinnerung hatte. Aber wir waren immerhin auf Sendung gewesen. Erika und ich. Nur kurz zwar. Dennoch hatten Millionen uns gehört. Gut – Millionen ist jetzt etwas übertrieben.

In den Tagen danach schrieb ich mehrere Mails an Erika. Doch sie antwortete nicht mehr. Dennoch saß ich am nächsten Sonntagmorgen wieder vorm Radio. Das Rätsel war viel schwieriger als sonst. Aber ich kam dennoch dahinter. Ich kannte schließlich meine Erika.

Haben Sie nicht letzte Woche schon mal angerufen?, fragte die Redaktionsassistentin.

Ja, aber ich weiß die Antwort, entgegnete ich. Sie stellte mich durch.

Diesmal war Erika vorgewarnt.

Wir haben eine Regel bei unserem Rätselspiel. Jeder darf nur ein Mal gewinnen. Sonst wäre es unfair den anderen Hörern gegenüber, sagte sie – sehr amtlich.

Ich wollte erklären, dass ich auf den Preis gerne verzichtete und nur ihretwegen teilnahm. Ihretwegen und weil ich es schön fand, dass das Radio uns über die Zeit und den Raum hinweg miteinander verband.

Aber sie würgte mich ab – und im Nu war ich nicht mehr auf Sendung.

Fortan weigerte sich die Assistentin jedes Mal, meinen Anruf ins Studio zu legen.

Ich mache dennoch weiter und höre ihre Sendung. Wir sind uns dann ganz nah. Trotz allem. Nah und fern zugleich. Am Radio. Es ist, als wäre ich an diesen Sonntagmorgen wieder im ummauerten Westberlin. In der Zeit meiner Jugend.

Mein Vater hört jede Nacht stundenlang Radio, weil er nicht schlafen kann. Er sagt, nachts gibt es sehr interessante Sendungen. Aber es rufen immer dieselben Leute an. Und er meint, das seien Menschen, in deren Leben sich sonst nicht allzu viel abspiele.

Mein Vater - ein alter Mann, weit über 80 - findet das bedenklich.

Nun überlege ich, ob ich meine Radio-Liaison mit Erika beenden soll. Ich weiß nur nicht, wie sie das aufnimmt – wenn ich sonntags morgens nicht mehr anrufe. Nicht, dass sie wieder ausrastet und eine Kaffeekanne gegen die Tapete schmettert ...   

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