Apotheke (Foto: pixabay/Hayleybarcar)

„Notdienst“

Friemeleien

  18.06.2018 | 10:15 Uhr

Aber dann, just am Wochenende, passiert es. Entweder bekommen die Kinder Fieber, in der Regel ca. fünf Minuten nachdem alle Apotheken die Rollgitter runter gelassen haben, oder man selbst wird von irgendeinem akuten Leiden geplagt und benötigt dringend lindernde Medizin.

So ist es mir ergangen. Eingeschnerrt. Hexenschuss. An einem Samstagmittag, kurz nach eins. Alle Apotheken dicht. Aber ein Schmerzmittel muss her.

Also mache ich mich auf in den Keller. Nein, nicht zum Weinen, sondern um aus dem Altpapier die Zeitung mit den Notdiensten wieder hervorzukramen.

Und tatsächlich: Da gibt es eine offene Apotheke ganz in meiner Nähe, nur 12 Kilometer entfernt. Vor Ort angekommen stehe ich guter Dinge vor der automatischen Schiebetür. Aber – Pustekuchen, die geht einfach nicht auf. Dabei ist in den hinteren Räumen ganz deutlich Licht zu erkennen. Die restliche Apotheke aber ist dunkel. Ich sehe mich ein wenig um und finde endlich eine Tafel, auf der ich bestätigt finde: Notdienst. Und direkt darunter an einer ansonsten modernen Fassade ein Klingelknopf wie aus den 20gern mit dem ebenfalls aus dieser Zeit anmutenden Schriftzug: Nachtglocke! Es ist zwar erst Samstagmittag, aber trotzdem betätige ich beherzt die Nachtglocke. Und siehe da, es regt sich was. Aus dem mysteriösen Räumchen im Hintergrund kommt eine Apothekerin auf mich zu. Mustert mich durch die Scheibe, ob ich ja kein Schwerverbrecher bin, und entscheidet dann offenbar, dass ich durchaus einer sein könnte. Denn sie macht mir nicht etwa die Schiebetür auf, sondern bückt sich auf Hüfthöhe und öffnet ein Kläppchen von der Größe eines Kartenspiels. Ich komme mir vor, als würde ich im Mittelalter an einer Klosterpforte um Einlass bitten, versuche mich zu bücken, aber das geht mit dem Hexenschuss so schlecht. Die holde Apothekersmaid scheint das aber so gar nicht zu verstehen, ebenso wenig wie mich, und brüllt einfach lauter : „Bitteschön ???“

Von oben rufe ich laut auf die nahezu vor mir Kniehende herab, was denn mein Begehr ist.

Woraufhin sie nicht antwortet, aber die Klappe zumacht und verschwindet. Ich denke schon, die lässt mich hängen, als ich im Innenraum beruhigt feststelle, dass sie nur eine ihrer 5 Meter langen Schubladen aufzieht, um mir mein Schmerzmittel herauszusuchen.

Dann geht das Kläppchen wieder auf, eine Hand kommt mit einer Tablettenpackung zum Vorschein, allerdings nicht, ohne vorher kassiert zu haben, und streckt mir die Schmerzmittel um die Kurve nach oben entgegen.

Ich stelle mir vor, doch der Schwerverbrecher zu sein, und ihre Hand jetzt ganz einfach festzuhalten. Aber dann obsiegt der Drang, doch möglichst schnell nach Hause zu kommen.

Ich rufe noch Danke und Auf Wiedersehen, aber da ist die Klappe auch schon wieder zu, und das unheimliche Wesen ist verschwunden.

Michael Friemel


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Michael Friemels "Friemeleien"
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Die Friemeleien: Immer montags in der Sendung "Bunte Funkminuten" auf SR 3 Saarlandwelle.

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