Vent des Fôrets - Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald (Foto: Stephanie Prochnow)

Vent des Fôrets

Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald

Stephanie Prochnow   02.08.2018 | 12:50 Uhr

Nebelschwaden ziehen über den Boden des Waldes. Die Stimmung ist mystisch. Doch dies ist kein Naturschauspiel, sondern das Kunstwerk Moss Garden der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya. Ausgestellt in einem Skulpturen-Museum unter freiem Himmel: dem Vent des Fôrets – Wind der Wälder. Es liegt in Lothringen, rund 40 Minuten südlich von Verdun.



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Tour de Kultur: Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald
Audio [SR 3, Stephanie Prochnow, 02.08.2018, Länge: 03:08 Min.]
Tour de Kultur: Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald

Jeden Frühling und Sommer kommen circa acht Künstler hierher – für Wochen oder sogar Monate – um an Werken zu arbeiten, die dann vor Ort verbleiben. So ist im Laufe von 20 Jahren eine richtige Sammlung entstanden: Über hundert Kunstwerke stehen verstreut in dem circa 5.000 Hektar großen Waldstück, auf Lichtungen und Wiesen. Es ist ein Kunstzentrum, das man sich erwandern muss, das zu jeder Jahreszeit und Tageszeit geöffnet hat und kostenlos zugänglich ist.

Im Wald gibt es sieben Wanderwege von insgesamt 45 Kilometern Länge – wahlweise kann man von ein bis zu vier Stunden unterwegs sein. An jedem Weg gibt es zwischen 15 und 40 Kunstwerke zu entdecken. Der Blickfänger, den man schon bei der Anfahrt von der Straße aus entdecken kann, ist eine gigantische Müllkugel, zusammengeschweißt aus Sperrmüll der Anwohner: Globe von Maarten Vanden Eynde.

Kunstwerke sprechen mit dem Wald

Tour de Kultur 2018: Vent des Fôrets - Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald (Foto: Stephanie Prochnow)
Zwischen den Bäumen tauchen überraschende Objekte auf

So sind die Kunstwerke mal gesellschaftskritisch, mal verstörend, dann wieder ironisch-humoristisch. So taucht mitten auf einem Waldweg hinter dem Verkehrszeichen Schleudergefahr plötzlich ein Autokorso auf – versunken im Straßengraben. An anderer Stelle wächst ein riesiger Kaktus aus Beton. Ganz poetisch hingegen: Menschliche Silhouetten aus verbranntem Eichenholz, die verteilt zwischen Mirabellenbäumen auf eine Anhöhe stehen – wie stumme Wächter.

Fast allen Kunstwerken gemein ist, dass sie mit ihrer Umgebung kommunizieren. Denn bevor sich die Künstler ein Konzept überlegen und umsetzen, kommen sie zuerst zu einer Ortsbesichtigung. Hier empfängt sie der künstlerische Leiter Pascal Yonet. Seit zehn Jahren ist er sozusagen Herz und Hirn des Projektes. Er lädt die Künstler ein, zeigt ihnen mögliche Standorte für ihr Werk und sorgt für optimale Arbeitsbedingungen. So sucht er etwa in Scheunen oder Werkstätten passende Arbeitsplätze für das jeweilige Projekt.

Künstler leben bei Handwerkern vor Ort

Tour de Kultur 2018: Vent des Fôrets - Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald (Foto: Stephanie Prochnow)
Alles lässt sich erklären und verstehen.

Auch lokale Handwerker sind eingebunden. Oft führen sie den Entwurf aus – gemeinsam mit den Künstlern. Die leben während ihres Aufenthalts kostenlos bei Anwohnern. Die Bewohner der umliegenden sechs Dörfer sind also direkt am Kunstprojekt beteiligt. Manche engagieren sich bei der Instandhaltung oder Restaurierung der Skulpturen. Im Gegenzug kommen die Künstler in die umliegenden Schulen und gestalten Workshops für die Schüler.

Ab und an gibt es auch eine Performance. So lebt das Kunstprojekt von der Initiative der Anwohner und zieht seine Kraft aus dem Zusammentreffen der Einheimischen mit den oftmals internationalen Künstlern, die nicht immer französisch sprechen und sich hier auf eine ganz andere, dörfliche Umgebung einlassen. Finanziert wird der Vent des Fôrets gemeinsam von den Gemeinden, dem Département, der Region und dem Staat.

Übernachten ist auch möglich

Tour de Kultur 2018: Vent des Fôrets - Ein Kunstprojekt im lothringischen Wald (Foto: Stephanie Prochnow)
Einfach, aber wohnlich: Übernachten inmitten des Kunstprojektes

Wer ganz tief in diesen Kunst-Kosmos eintauchen möchte, kann sogar im Wald übernachten. Natürlich in einem Kunstwerk: Für 85 Euro die Nacht lässt sich die Holzhütte Le Nichoir – Das Vogelhäuschen mieten. Sie ist eins von vier geplanten „Waldhäusern“, entworfen von der Pariser Designerin Matali Crasset. Die Hütte ist circa 20 Quadratmeter groß, rautenförmig und steht schief auf der Seite. Vor dem Eingang hängt ein schräges Netz, das als eine Art Hängematte genutzt werden kann. Die Einrichtung ist schlicht und funktionell: Im Erdgeschoss gibt es einen fest installierten, aufklappbaren Tisch vor einem Ofen. Im Wandschrank findet sich Geschirr und Besteck. Dazu gibt es einen Picknickkorb mit regionalen Produkten. In der oberen Etage können vier Personen schlafen – in Schlafsäcken auf dünnen Matratzen. Es ist ein kleines Abenteuer auf künstlerischen Wegen – dafür gedacht, den Wald einmal anders zu entdecken und ganz intensiv zu erleben.

Kontakt

Büro „Vent des Fôrets“
21, rue des Tassons
F-55260 Fresnes-au-Mont
Tel.: (00333) 29 71 01 95
E-Mail: contact@ventdesforets.org
Wanderkarten gibt es vor Ort im Büro oder im Internet zum Ausdrucken oder als App: http://ventdesforets.com/infos-pratiques/carte/

Öffnungszeiten

Ganzjährig geöffnet (Vorsicht: von Oktober bis Februar wird im Wald gejagt).
Aktuelles unter:
http://ventdesforets.com/observ/actualites/
oder:
https://www.facebook.com/ventdesforets/
Festes Schuhwerk wird empfohlen.

Eintritt

Eine Übernachtung im Nichoir kostet 85,- €. Buchbar direkt im Büro des „Vent des Fôrets“ oder über Airbnb: https://www.airbnb.fr/rooms/3734956
mehr Infos auch unter:
http://ventdesforets.com/maisons-sylvestres/

Anfahrt

Von Saarbrücken fast zwei Stunden. Über die A 4 Richtung Metz. Dann weiter auf der N 431 Richtung Nancy und der D 901 über Saint-Mihiel.



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