Tour de Kultur 2018: Die Mix-Kirche in Oppenheim (Foto: Stadtkirche Oppenheim)

Gotisch-Romanisch mit Anbau

Die Mix-Kirche in Oppenheim

Julia Marlene Becker   05.07.2018 | 12:50 Uhr

Walter Lang ist Gästeführer in Oppenheim und kennt jedes Detail über seine Stadt und über die Katharinenkirche: „Wir haben etwas, was Notre Dame in Paris nicht hat. Wir haben noch Original-Fenster aus der Erbauerzeit. Die Fenster im Hauptschiff und im Ostchor sind ganz alt, die ältesten von etwa um 1275. In der Oppenheimer Rose sind noch circa 90 Prozent des Glases original. Das ist das Besondere an unserer Kirche, und deshalb kann man sie gar nicht vergleichen mit Köln, Mainz oder Worms, weil wir diese alten Fenster haben.“



Spannende Geschichten bereits draußen

Tour de Kultur 2018: Die Mix-Kirche in Oppenheim (Foto: Stadtkirche Oppenheim)
Imposanter Anblick: Die Mix-Kirche in Oppenheim

Die Kirche ist nicht nur wegen der Fenster etwas Besonderes, erfahre ich gleich zu Beginn unseres Spaziergangs: In der Oppenheimer Katharinenkirche vereinen sich zwei Baustile. Im 13. Jahrhundert wurde die damals romanische Kirche abgerissen und im gotischen Stil neu erbaut. Aber heute sind immer noch romanische Merkmale zu erkennen, wie die runden Fenster in der unteren Etage. Die obere Etage der Kirche hat spitze, also gotische Fenster.

Wie auch die Figuren am Hauptschiff: Zu sehen sind ein Kind, ein Erwachsener und ein alter Mann, umrandet von Knospen, halb aufgeblüht, erblüht und verblüht, als Symbole für Geburt, Leben und Tod. Was man kaum herausfinden kann, wenn man nicht darauf hingewiesen wird: Die mittlere Figur zeigt das Konterfei des ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss. „Er war zu Besuch in Oppenheim und wurde gefragt, ob man die im Krieg zerstörte Figur durch sein Abbild ersetzen dürfe. Erst wollte er nicht, dann stimmte er aber doch zu“, erzählt Lang. Noch sind wir gar nicht in der Kirche. Es gibt schon außen genug zu sehen: Natürlich auch das berühmteste Fenster, die Oppenheimer Rose.

Jahre, bis ein Kirchenfenster fertig war

Von innen sieht man das bunte Glas besser. Viele Details sind in dem kunstvoll gearbeiteten Fenster zu erkennen. Als Grundriss der Oppenheimer Rose diente eine Heckenrose, das Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen. Die Mitte des Fensters zeigt das Oppenheimer Stadtwappen, und im Kreis um das Stadtwappen sind die Wappen der Oppenheimer Ratsherren aus dem Jahre 1332 und 1333 angeordnet.

Auch dazu hat Walter Lang die passende Geschichte auf Lager: „Die Bauzeit für so ein kunstvolles Fenster dauerte ungefähr sieben Jahre, damals im Mittelalter sind die Männer aber in der Regel schon mit 30 bis 35 Jahren gestorben. Deswegen hat der damalige Bauherr seine Arbeit an der Oppenheimer Rose an seinen Lehrling übertragen. Er hat am heutigen Lilienfenster weiter gearbeitet.“

Tour de Kultur 2018: Das gotische Glasfenster (Foto: Stadtkirche Oppenheim)
Die Rose, das gotische Glasfenster

Die Rose wurde aber das viel schönere Fenster, und der Meister war so eifersüchtig, dass er seinen Lehrling von der Leiter gestoßen haben soll. Der Junge starb. Doch dann kam die späte Rache der Umwelt … Walter Lang schmunzelt: „Erstens hatte der Lehrling ja schon das viel schönere Fenster für die Zukunft hinterlassen. Und heute ist das Glas des Fensters des Meisters, also des Lilienfensters, aus dem 20. Jahrhundert. Der Sandstein drum herum war komplett zerfressen. Die Rose von Oppenheim ist aber noch super erhalten. Das Glas zu 90 Prozent, der Sandstein fast komplett.“ Wir gehen zum Westchor der Kirche: Dieser Teil wurde erst Anfang des 15. Jahrhunderts gebaut, sozusagen an die Kirche „angeklebt“, nachträglich.

Warum manche Gläser weiß blieben

Tour de Kultur 2018: Die Apsis der Kirche von Oppenheim (Foto: Stadtkirche Oppenheim)
Die Apsis der Kirche von Oppenheim

Man kann heute noch deutlich erkennen, dass sich dieser Teil vom Rest der Kirche absetzt. Hier gibt es einen Bereich nur für Pfarrer. „Man muss dazu wissen: Damals hatte Oppenheim etwa 4.000 Einwohner – zehn Prozent davon waren Pfarrer. Ständig musste man, wenn man in der Stadt unterwegs war ‚Grüß Gott, Herr Pfarrer! Grüß Gott, Herr Pfarrer‘ sagen. Heute muss man 14 Tage durch Oppenheim laufen, bis man einmal ‚Grüß Gott, Herr Pfarrer‘ sagen kann“, erzählt der Gästeführer.

In der Kirche weist Walter Lang auf ein paar weniger bunte Fenster hin, viele Gläser sind einfach nur weiß. Während des Krieges wurden einige der besonderen, bunten Gläser herausgenommen und zum Schutz versteckt. Einige sind bis heute nicht wieder eingesetzt worden. Deshalb sieht man „nur“ das Ersatzglas. Viele Fensterteile sind den Stiftern der Kirche gewidmet, man kann zum Beispiel ihre Familienwappen in den Gläsern erkennen.

Außerdem findet sich in der Katharinenkirche eine riesige Orgel. Sie hat über 4.000 Pfeifen. Walter Lang erzählt: „Ich war mal hier drin, als alle Register gezogen wurden. Das war ganz schön laut!“ In der Katharinenkirche finden auch regelmäßig sehr beliebte Orgelkonzerte statt. Und natürlich kommt die Orgel auch zum Einsatz, wenn in der evangelischen Kirchengemeinde Gottesdienste gefeiert werden.

Audio

Tour de Kultur: Die Katharinenkirche in Oppenheim
Audio [SR 3, Julia Becker, 05.07.2018, Länge: 03:10 Min.]
Tour de Kultur: Die Katharinenkirche in Oppenheim

"Kuppel des Berliner Reichstags"

Weiter geht es mit den Besonderheiten: Das Taufbecken stammt von Architekt Paul Wallot. Er hat den Berliner Reichstag gebaut. Bei der Neueinweihung der Kirche 1888 zog dann auch das Taufbecken von Wallot ein. Der Deckel des Beckens sieht aus wie die alte Kuppel des Reichstages. Wieder sieht man den Stolz in Walter Langs Augen: „In Berlin ist jetzt eine Glaskuppel, wir haben noch das Original!“.

Heute ist die Katharinenkirche das Zuhause einer evangelischen Kirchengemeinde. À propos evangelisch: „Martin Luther war zweimal in Oppenheim, quasi auf der Durchreise. Kaspar Sturm, ein Reichsherold aus Oppenheim, hat ihn begleitet. Sozusagen als Bodyguard auf seiner Reise zum Reichstag von Oppenheim nach Worms.“

Kontakt

Oppenheim Tourismus GmbH
Merianstraße 2a
55276 Oppenheim
Evangelische Kirchengemeinde
Oppenheim
Merianstraße 6
55276 Oppenheim
Tel.: (06133) 49 09-19 oder -14
E-Mail: stadtkirche.oppenheim@ekhn-net.de
oder pfarramt@katharinen-kirche.de
www.katharinen-kirche.de

Öffnungszeiten

Täglich geöffnet. Das Katharinen­lädchen ist jährlich ab Ostern bis gegen Ende Oktober dienstags bis sonntags geöffnet.

Eintritt
Es ist möglich Führungen zu buchen. Dazu finden Sie ein Buchungsformular auf der Internetseite. Regelmäßig werden ab Ostern bis 30. Oktober sonntags um 15.00 Uhr offene Führungen angeboten. Die Karten kosten 3 Euro pro Person und sind im Katharinenlädchen erhältlich, wo die Führungen auch starten.

Anfahrt

Von Saarbrücken aus über A 6 und A 63, Ausfahrt Wörrstadt, Richtung Oppenheim, Nierstein (B 420), Beschilderung folgen. Um Oppenheim herum gibt es genug Parkplätze, zum Beispiel am Friedhof. Dann einfach Richtung Marktplatz, zur Touristeninformation, dann sieht man die Kirche direkt.

Tipps

Oppenheim ist nicht nur wegen der Katharinenkirche eine Reise wert. Hier können Sie auch spannende Führungen durch ein Kellerlabyrinth unter der Stadt machen (siehe Tour de Kultur 2017).

Sie können sich für Ihr Smartphone übrigens die „Kirchen-App“ runterladen, mit der können Sie sich „virtuell“ durch die Kirche führen lassen – die App gibt es auch für Kinder.



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