Tour de Kultur 2018: Das Centre d!Art - Großer Garten in Schorbach (Foto: Kerstin Gallmeyer)

Ein Deal mit dem lieben Gott

Das Centre d’Art – Großer Garten in Schorbach

Kerstin Gallmeyer   18.07.2018 | 12:50 Uhr

Das Leben besteht für Jacqueline Reslinger immer schon aus Begegnungen. Und diese sind nicht zufällig, ist die 79-jährige Französin überzeugt. Nach dieser Theorie kann es auch kein Zufall sein, dass genau hier im 500-Seelendorf Schorbach, kurz hinter der pfälzischen Grenze, das Centre d’Art entstanden ist. Zugegeben: Centre d’Art, Kunstzentrum, das klingt eher nüchtern und kaum nach der Magie, die besonderen Begegnungen und ihren Folgen normalerweise innewohnt. Wer sich aber von Jacqueline Reslinger durch das Gebäude führen lässt, wird schnell eines Besseren belehrt.



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Tour de Kultur: Das Centre d’Art – Großer Garten in Schorbach
Audio [SR 3, Kerstin Gallmeyer, 18.07.2018, Länge: 03:13 Min.]
Tour de Kultur: Das Centre d’Art – Großer Garten in Schorbach

Vor Jahren hatten Jacqueline und Claude Reslinger Joseph Pyrz kennengelernt. Der Bildhauer, der aus Polen stammt, war vor dem Kommunismus nach Frankreich geflohen. Seit 1979 lebte Pyrz in Paris, hatte dort sein Atelier. Jedes Jahr aber reiste er zurück in die Heimat, nach Krakau. Und machte auf dem Weg dorthin regelmäßig Halt bei den Reslingers im Bitcher Land. Da wohnten sie noch nicht in Schorbach, sondern in einem Ort 15 Kilometer weiter. Jacqueline und Claude, beide große Kunstfans, freundeten sich mehr und mehr mit Pyrz an.

„Als wir nach Schorbach zogen“, erzählt Jacqueline Reslinger, „wollten wir gern eine Skulptur von Joseph Pyrz für unseren eigenen Garten.“ Die bekamen sie. Doch dabei blieb es nicht. Joseph Pyrz begann damit, die christlichen zehn Gebote in rotbräunlichen Sandstein zu hauen. Einmal in Frankreich angekommen, hatte sich der Künstler taufen lassen – seine Werke waren durchdrungen von seinem Glauben.

Schorbach war perfekt

Tour de Kultur 2018: Das Centre d!Art - Großer Garten in Schorbach (Foto: Kerstin Gallmeyer)
Holzskulpturen und Wechselausstellungen

Doch Pyrz’ Kunst hatte mehr verdient – mehr Raum und mehr Publikum, fand das Ehepaar Reslinger und so fassten sie den Plan, ein Museum zu bauen. Leisten konnten sie sich das. Es war quasi ein Deal mit Gott. Jacqueline Reslinger lacht, wenn sie das erzählt: „Als ich klein war, habe ich mit Gott diskutiert und gesagt: Hör mal, du machst, dass es mir gut geht im Leben und ich verspreche Dir, dass Du was davon abhaben wirst. Die finanziellen Möglichkeiten waren da – nur der geeignete Ort noch nicht gefunden. Zweimal hatten sie es in Bitche versucht. Doch hier ließ sich ihr Museums-Plan nicht verwirklichen.

Das kleine Schorbach allerdings erwies sich als perfekt für sie, um Joseph Pyrz’ Kunst auf angemessene Art in Szene zu setzen. Nicht zuletzt wegen seiner christlich-spirituellen Vorgeschichte: „In Schorbach stand die erste Kirche hier in der Gegend“, erzählt Jaqueline Reslinger. „Die Menschen kamen hierher, um sich begraben zu lassen. Davon zeugt auch noch das Gebeinhaus.“

Noch nicht einmal einen Kilometer davon entfernt steht heute das Centre d’Art mit dem Großen Garten. Ganz selbstverständlich war es nicht. Denn: Zu dem Zeitpunkt, als Pyrz mit der Arbeit an seinen Zehn-Gebots-Skulpturen anfing, bestand der Landstrich noch aus vielen kleinen Gartenparzellen, erklärt Jaqueline. Als diese waren sie auch noch auf dem deutschen Kataster eingezeichnet. Jacqueline und ihr Mann kauften eine nach der anderen auf und verwandelten das Terrain in den heutigen Großen Garten, ein 300 Meter langen Grünstreifen mit Skulpturen von Joseph Pyrz und anderen Künstlern.

Die zehn Gebote in drei Sprachen

Tour de Kultur 2018: Das Centre d!Art - Großer Garten in Schorbach (Foto: Kerstin Gallmeyer)
Die zehn Gebote

Über ein Kiesbett gelangt man zur ersten der Zehn-Gebote-Darstellungen. „Ich bin dein Gott, du bist mein Volk“, liest Jacqueline die in Stein gemeißelte Textstelle vor. Sie steht hier auf Französisch, Deutsch und Englisch. „Ich habe Dich befreit von all dem, was die Menschheit unterjocht. Mein fester Wille ist folgender: dass keine Religion, keine Ideologie die Gewissen einschläfert und ausbeutet.“ „Es ist schon mutig von dem Bürgermeister und der Gemeinde, das hier akzeptiert zu haben“, lacht Reslinger. „Wir befinden uns ja immerhin in einem laizistischen Land. Aber es sind ja universelle Gedanken.“

Beim Garten allein sollte es aber nicht bleiben. Für ihre große Sammlung der rund 30 teils mehr als mannshohe Holzskulpturen, die sie außerdem von Joseph Pyrz besaßen, ließen die Reslingers ein Haus bauen. Ein Haus, das so wirkt als würde es schweben. Der langgestreckte Bau des Centre d’Art besteht aus Holz und Glas und steht auf Stelzen. Auf jeder Seite befinden sich mehrere größere runde Ausbuchtungen – es sind die Ausstellungsräume. Keiner von ihnen ist rechteckig.

Claudia Hary stellt auch aus

Tour de Kultur 2018: Das Centre d!Art - Großer Garten in Schorbach (Foto: Kerstin Gallmeyer)
Die Kölner Künstlerin Claudia Hary, ursprünglich aus Neunkirchen

2013 wurde das Kunstzentrum eröffnet. Seitdem hängen im lichtdurchfluteten Inneren Dauer- und Wechselausstellungen. Hier sollen sich Kulturen vermischen – abermals geleitet von Begegnungen: So hängen rings um Holzskulpturen von Joseph Pyrz in diesem Jahr die farben- und detailreichen Muster der deutschen Künstlerin Claudia Hary.

Sie ist die Schwester ihrer Nachbarin und ursprünglich aus Neunkirchen, seit 40 Jahren aber in Köln zu Hause. In einem anderen Raum werden Pyrz’ Werke von den knalligen grafischen Bildern eines japanischen Künstlers umrahmt, der Pyrz’ Atelier-Nachbar in Paris war. In diesem Raum ganz hinten, aber doch unübersehbar, liegt Pyrz’ L’Homme Moderne, der Moderne Mensch. Ein nackter Mann, zusammengequetscht von fünf unerbittlichen Holzwalzen. Eine Holzarbeit inspiriert von Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten.

Mindestens 12 verschiedene Holzsorten

Tour de Kultur 2018: Das Centre d!Art - Großer Garten in Schorbach (Foto: Kerstin Gallmeyer)
Joseph Pyrz lässt das Holz ihn führen

Doch die Lieblingsfigur der 79-jährigen Jacqueline Reslinger ist eine andere: Pyrz’ Darstellung der Pieta von 2006. Gefertigt aus Akazienholz. „Ich liebe ihre Geschmeidigkeit“, schwärmt die Lothringerin, während sie über die Skulptur streicht. Im Reich der Reslingers sollen Werke nicht nur mit den Augen erlebbar sein, sondern auch durch die Hände. Die Besucher können zum Beispiel an Kunstworkshops im Centre d’Art teilnehmen. Aber vor allem dürfen sie die ausgestellten Skulpturen auch anfassen. „Die Hölzer sind ganz verschieden. Joseph Pyrz hat mindestens zwölf verschiedene Sorten benutzt. Die Eiche zum Beispiel ist rau, sie ist niemals glatt wie eine Akazie.“

Das Centre d’Art haben die Reslingers inzwischen der Gemeinde übertragen. Im vergangenen Jahr hat es aber noch einen Anbau bekommen. Er beherbergt den monumentalen Heiligenkalender des lothringischen Künstlers Joseph Kriegel. 366 in Sandstein gehauene Porträts von Heiligen sowie Frauen und Männern, die ein Stück Frieden in die Welt gebracht haben.

Nicht nur deshalb möchte Jacqueline Reslinger das Centre d’Art nicht nur als ein Museum, sondern buchstäblich als Kunsttempel verstanden wissen: „Es ist ein Ort des Bestaunens und der Mediation. Und einer, um sich ein bisschen wiederzufinden mit seinen Gefühlen, Empfindungen und Ruhe. Es gibt viele Menschen, die hierher kommen und sagen, dass sie viel gelassener wieder weggehen.“ Das besänftigende Grün des Naturparks Nordvogesen tut dazu sein Übriges. Und das ist nun ebenfalls kein Zufall.

Kontakt

Centre d’Art de Schorbach
rue du stade
F-57230 Schorbach
Tel.: (00333) 72 29 31 02
www.musee-arts-grossergarten.com

Öffnungszeiten

Mi. - So.: 14.00 - 17.00 Uhr
Andere Öffnungszeiten sind nach vorheriger Vereinbarung möglich.

Eintritt

Der Eintritt ist frei.

Anfahrt

Anfahrt entweder über Zweibrücken. Ab dort die B 424, in Frankreich die D 35A. Oder über Saargemünd, hier zunächst die D 662, später die D 620.

Tipp

Auf den 550 Quadratmetern des Centre d’Art in Schorbach ist eine Dauerausstellung sowie ein bis zweimal jährlich wechselnde temporäre Ausstellungen zu sehen. Die Texte zu vielen der Kunstwerke sind auf Deutsch und Französisch.



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