Der Komponist Krzysztof Penderecki  (Foto: Marek Beblo)

Krzysztof Penderecki: Anáklasis

Meilensteine der Neuen Musik (17)

 

Sendung: Donnerstag 03.03.2016 20:04 - 22:30 Uhr

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Meilensteine der Neuen Musik (17)

Von Johannes Kloth

Der 17. Meilenstein der Neuen Musik: Pendereckis ''Anáklasis''
SR-Mediathek: Reportage
Der 17. Meilenstein der Neuen Musik: Pendereckis ''Anáklasis''
[Johannes Kloth für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 3. März 2016, Länge ca. 6:45 Min.]


Donaueschinger Musiktage, Sonntag, 16. Oktober 1960. Das Festival für zeitgenössische Musik neigt sich dem Ende entgegen. Nur noch zwei Werke stehen auf dem Programm. Nun ist die Stunde eines 26-jährigen polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki gekommen. In Westeuropa kennt ihn bislang kaum jemand. Doch neun Minuten später ist alles anders.

Was ist das? Staunen macht sich auf den Gesichtern im Publikum breit, dann tosender Beifall – so lange, bis Dirigent Hans Rosbaud und die 42 Musiker des Südwestfunk-Orchesters das Stück wiederholen.

"Anaklasis" hatte Penderecki sein Werk übertitelt. Es macht ihn über Nacht berühmt.

Ein Grundstein der "Klangflächenmusik"

Der Serialismus, diese Weiterentwicklung der schönbergschen Zwölftonmusik; die Aleatorik, der Einbezug des Zufalls als Kompositionsprinzip; das Experimentieren mit elektronisch erzeugten Klängen: alle neuen Strömungen der musikalischen Avantgarde der Nachkriegszeit hat Donaueschingen bereits erlebt. Das hier jedoch ist etwas ganz Neues: Ein erfrischender, ja geradezu befreiender Gegenpol zu all der seriellen Tüftelei, die – so empfanden es viele seinerzeit - an ein Ende gekommen schien. „Anaklasis“ war ein Grundstein der sogenannten „Klangflächenmusik“.

„Pendereckis Musik wischte die traditionelle Zweiteilung von Akkord und Linie, von Harmonik und Melodie einfach weg, vor allem die Zweiteilung des akustischen Materials in Klang und Geräusch. Bei ihm schien Musik die Ketten, die ihr die Kultur angelegt hatte, mit aller Gewalt zu sprengen. ‚Anaklasis‘ war weniger Komposition denn schieres Naturereignis.“

... schreibt der Musikpublizist Eckhard Jaschinski.

„Anaklasis“ bedeutet im Griechischen „Brechung des Lichts“. Penderecki überträgt den optischen Begriff auf die Musik. Ihm geht es um eine Auffächerung von Klangfarben, eine Bündelung feinster Geräusch-Schattierungen.

Aus drei Teilen besteht das Werk. Nacheinander lotet Penderecki die Klangerzeugungsmöglichkeiten der denkbar gegensätzlichsten Instrumentengruppen aus: Zunächst die Streicher, dann das Schlagwerk, schließlich kommt es im dritten Teil zu einer Art Synthese, in der sich Streicher- und Schlagwerkschicht überlappen.

Neue Spieltechniken für Orchestermusiker

Als revolutionär empfunden wurde vor allem, was Penderecki den Orchestermusikern an Spieltechniken und Effekten abverlangt: „flautando sul ponticello col legno“ lautet eine Spielanweisung („mit dem Bogenholz am Griffbrett nahe dem Steg zu spielen“). Penderecki lässt die Streicher arhythmische Tremoli und unterschiedliche Vibrato-Geschwindigkeiten spielen, er arbeitet mit Clustern und Mikrointervallen. Das Ergebnis: Ein Klangbild, wie mit breitem Pinsel gemalt, Klangflächen am Übergang zum Geräusch, die sich ganz allmählich verändern. „Sonorität“ nannte Mauricio Kagel dieses Prinzip.

„Ich glaube, ich habe mit Anaklasis etwas Neues gefunden. Vielleicht ist der Grund die Isolation, in der ich so lange leben musste“, sagte Penderecki einmal.

Geboren 1933 in der süd-polnischen Kleinstadt Debica, wächst er auf in der Zeit des stalinistischen Terrors, der auch Polen im Griff hat. Wer sich als Künstler nicht regimekonform verhält, dem drohen Repressalien. Erst nach Stalins Tod 1953 brechen die Dämme der gefesselten Kreativität vieler Künstler. Penderecki studiert am Krakauer Konservatorium Komposition. 1956 stellt er sich das erste Mal der Öffentlichkeit vor – auf einem neuen Musikfestival: dem „Warschauer Herbst“. Bereits Jahr später, mit seinem Auftritt in Donaueschingen, ist er aus der internationalen Avantgarde nicht mehr wegzudenken.

Die Wende danach - vom Saulus zum Paulus?

„Anaklasis“ ist der Auftakt einer ganzen Reihe an Kompositionen Pendereckis, die der neuen Klangästhetik verpflichtet sind – „Threnos“ und „Polymorphia“ (1961), „Fluorescences“ (1962) und „De natura sonoris“ (1966). Ende der 70er-Jahre vollzieht Penderecki den Bruch mit der experimentellen Avantgarde. Fortan wendet er sich einem Klangideal zu, das eher an Spätromantik und Expressionismus orientiert ist:

„Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, neue Klänge zu suchen und zu finden. Gleichzeitig habe ich mich aber auch mit Formen, Stilen und Harmonien der Vergangenheit auseinandergesetzt. Beiden Prinzipien bin ich treu geblieben: Ich probiere immer noch Neues aus, vor allem mit den Streichinstrumenten und der menschlichen Stimme, und ich greife immer häufiger auf Traditionelles zurück. Mein derzeitiges Schaffen ist eine Synthese.“

Kritiker überzeugt das nicht: Der radikale Saulus – in ihren Augen ist der zum säuselnden Paulus geworden, ein „Rückwärts-Avantgardist“.
Heute ist Penderecki 82 Jahre alt. Und immer noch ungeheuer produktiv. An die Kritik hat er sich gewöhnt, sie ficht ihn kein bisschen an. „Die Avantgarde ist am Ende“, sagte er mal. Klangerkundungen wie die von „Anaklasis“ – für ihn sind schlicht und ergreifend „Schnee von gestern“:

„Das erkundete Material ist erschöpft. Neues im eigentlichen Sinne ist heute nicht mehr vorstellbar. Wir können aber beginnen, anstelle neuer Entdeckungen von Klan-Gags wieder Musik zu machen.“

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