Der Corpus einer Violine  (Foto: SR)

György Ligeti: Atmosphères

Meilensteine der Neuen Musik (16)

  04.02.2016 | 06:15 Uhr

Sendung: Donnerstag 03.07.2014 20:04 - 22:30 Uhr

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Meilensteine der Neuen Musik (16)

György Ligeti: Atmosphères

Von Niklas Rudolph

"Ein Magma des sich entwickelnden Klanges" nannte der Musikwissenschaftler Harald Kaufmann György Ligetis' bahnbrechendes Orchesterwerk "Atmosphères". 1961 uraufgeführt, hat es Komponisten gezeigt, wie im Zeitalter der elektronischen Musik das Orchester neue Wege gehen kann. Ligeti selbst beschreibt im Programmheft der Uraufführung seine Vision:

„In dieser (…) Form gibt es keine Ereignisse, (…) nur Zustände; keine Konturen, keine Gestalten, sondern nur den unbevölkerten (…) musikalischen Raum. Die Klangfarben, die eigentlichen Träger der Form, werden – von den musikalischen Gestalten gelöst – zu Eigenwerten.“

Wie eine Wolke breiten sie sich im Raum aus.

Die Klänge schillern wie Öltropfen im Wasser oder flimmernde Luft über glühendem Asphalt. Die einzelnen Stimmen sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Sie geben sich auf zu Gunsten des Größeren, des Ganzen. In "Atmosphères" spielt das Orchester 87 unterschiedliche Stimmen, jede einzeln notiert und von einem unhörbaren Viervierteltakt zusammengehalten. Die Stimmen ändern ihre Lautstärke, treten zurück oder in den Vordergrund und verändern damit den Klang des Ganzen.

Es ist der Sommer 1961. Während die Sowjets den ersten Menschen ins All schießen und John F. Kennedy die Rassentrennung überwindet, wird Europa endgültig geteilt. Am 22. Oktober wird "Atmosphères" bei den Donaueschinger Musiktagen zum ersten Mal gespielt. Das Publikum kann sich nicht halten und fordert sofort, dass es wiederholt wird – mit seinem Einsatz des vollen Orchesters ist Ligeti ein Meilenstein gelungen.

Ligetis "Atmosphères" fällt in eine Zeit des technologischen Fortschritts und der Angst vor einem dritten Weltkrieg. In diesem Spannungsfeld entfernen Komponisten wie Olivier Messiaen, Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen das Pathos aus der Musik. In dem sie auch den leisesten Ton einem logischen System unterwerfen – wie die Parameter einer Programmiersprache. Und genau damit bricht "Atmosphères". Ligeti versucht darin, „das strukturelle kompositorische Denken, das das motivisch-thematisch ablöste, zu überwinden und dadurch eine neue Formvorstellung zu verwirklichen“.

Anfangs will Ligeti ein elektronisches Stück schreiben. Doch die frühen Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung reichen ihm nicht aus. Also erweitert er das klassische Sinfonieorchester nach seinen Vorstellungen.

„Kosmisch“ findet der Film-Regisseur Stan Kubrick diese neue Formvorstellung und nutzt die Musik in seinem Weltraum-Epos „2001 - Odysee im Weltraum“. Als Ligeti den Film sieht, ist er, so erzählt er rückblickend der Tageszeitung „Die Welt“, einigermaßen verblüfft: „Die Art, wie meine Musik verwendet wurde, fand ich wunderbar. Weniger wunderbar war, dass ich weder gefragt noch bezahlt wurde. Es sollte damals zum Prozess kommen, der Streitwert betrug 30 000 Dollar. Der Filmverleih hat geantwortet: ‚Sie werden ihren Prozess in Frankfurt, Wien und London gewinnen. In Los Angeles aber können wir ihn zwanzig Jahre dauern lassen. Wollen Sie lieber jetzt 1000 Dollar?‘ – Schließlich haben sie 3000 Dollar bezahlt.“

3000 Dollar für einen Meilenstein der Musik – geschenkt.


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

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