Musikinstrumente des Orchesters (Foto: drp)

Giacinto Scelsi: Hurqualia

Meilensteine der Neuen Musik (14)

  03.11.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 05.11.2015 zwischen 20.04 und 22.30 Uhr

Von Friedrich Spangemacher


(05.11.2015) Es war ein denkwürdiger Moment im Oktober 1987, als der amerikanische Komponist John Cage und der italienische Komponist Giacinto Scelsi zum ersten Mal zusammentrafen – bei einem Konzert der Weltmusiktage der IGNM in Köln. Beide Altmeister der Musik des 20. Jahrhunderts, 75-jährig der eine, 82-jährig der andere, begegneten sich mit großem Respekt und Hochachtung voreinander. Jahrelang hatte Scelsi auf die Aufführung seiner großbesetzten Werke warten müssen, nun setzte sich Hans Zender in diesem Porträtkonzert für Scelsis Orchestermusik ein, für das das großbesetzte „Uaxuctum“ und das erst ein Jahr zuvor beim Holland Festival uraufgeführte „Hurqualia“ für vier Schlagzeuger, Pauken und Orchester.


In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören:

SR-Mediathek: Meilensteine der Neuen Musik: Giacinto Scelsi - Hurqualia [Friedrich Spangemacher für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 5. November 2015, Länge ca. 5:42 Min.]


Giacinto Scelsi wurde mit diesem Konzert  erstmals richtig für die Musikwelt entdeckt, und in den kommenden Jahrzehnten hat seine Musik einen enormen, und bis heute noch kaum einschätzbaren Einfluss auf die Komponisten der Gegenwart gehabt – ähnlich wie der von John Cage drei Jahrzehnte zuvor.

Das statische Klangbild, die Konzentration auf den Einzelton, die Verweigerung entwickelnder Arbeit, die Idee eines "sphärischen" Klangs, all das hat unzählige junge Komponisten fasziniert, die nach Auswegen aus der angeblich festgefahrenen Situation der Neuen Musik suchten. Die Lust am Klang und die Eroberung der Langsamkeit, all das hat Scelsi, dessen Biographie bis heute weitgehend im Dunklen liegt, praktiziert und als Vision seinen Zeitgenossen vorgeführt.

Der Komponist

Scelsi war ein Graf aus süditalienischem Adel. Er lernte früh Klavierspielen und studierte in Rom Musik bei Giacinto Sallustio und in den 1930er Jahren auch beim dem Schönberg-Schüler Walter Klein. Vor allem aber seine Reisen nach Afrika und Fernost änderten sein künstlerisches Selbstverständnis und sein Credo radikal.  Er konzentrierte sich auf den Einzelton, auf die Improvisation. In seinen späteren Jahren nahm er die Improvisationen auf Tonband auf und ließ seine Schüler diese Bänder transkribierten.

Musik als Mantra

"Hurqualia“ war schon 1960, ein Vierteljahrhundert vor der Uraufführung, entstanden. Es war ein Werk des Übergangs zu seinem neuen Stil, bei dem er sich auf den einzelnen Ton konzentrierte. Die Musik schien stillzustehen, melodische Bewegungen  fehlten. Vorherrschend  ist statischer Klang, die Konzentration auf den Ton, den in sich ruhenden Klang. Hurqualia hat etwas von einem Mantra,  von kontemplativer Musik, die so typisch für Scelsi ist.

Im Orchester fehlen die Geigen. Drei Instrumentengruppen werden verstärkt, in der ersten drei Holzbläser, in der zweiten Horn, Saxophon, singende Säge, Viola und Kontrabass sowie in der dritten Gruppe drei Blechbläser.

Das Stück hat wie eine klassische Sinfonie vier Sätze, doch mit dem sinfonischen Prinzip hat Hurqualia nichts gemein. Es fehlt natürlich die entwickelnde Arbeit. Der erste Satz fungiert als eine Art von Ouvertüre, die allerdings wirkt wie ein kontemplatives Sich-Einstimmen auf die Musik, die folgen soll. Dann wird die Musik zudringlicher, gewinnt an Kraft und Lautstärke und das Kontemplative weicht einer viel größeren und für Scselsi ungewöhnlichen Direktheit. Im dritten Satz kommen dann auch melodische Momente auf. Im vierten Satz spielt das Schlagzeug eine immer stärkere Rolle. Die dynamischen Verläufe sind  umfassender und – wenn man so will – auch organischer.

Der Ursprung des Wortes „Hurqualia“ soll aus dem Sanskrit stammen, gesichert ist die Herkunft allerdings nicht. Scelsi-Forscher haben das Wort als Ausdruck für einen episch-dramatischen Charakter interpretiert. Hurqualia ist ein Hauptwerk Scelsis und ein Meilenstein für die Musik des späten 20. Jahrhunderts.


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

Mouvement - die aktuelle Sendung
Zweieinhalb Stunden lang bietet "Mouvement“ jeden Donnerstagabend Porträts, Interviews und Berichte rund um die Neue Musik.

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