Der Corpus einer Violine  (Foto: SR)

Karlheinz Stockhausen: "Gesang der Jünglinge"

Meilensteine der Neuen Musik (2)

  11.06.2014 | 06:15 Uhr

Sendung: Donnerstag 05.06.2014 20:04 - 22:30 Uhr

Archiv

Es sollte eine elektronische Messe für den Kölner Dom werden, die der junge Karlheinz Stockhausen Mitte der 50er Jahre plante – doch die katholische Kirche erteilte für Lautsprechermusik im Dom keine Genehmigung. So entwarf Stockhausen eine profane Komposition mit geistlichem Hintergrund, den „Gesang der Jünglinge“.

"Der Lobgesang der drei Jünglinge“, als Komposition kurz „Gesang der Jünglinge“ genannt, ist eine Folge von Anrufungen aus der Apokryphe zum Buch Daniel, also weitgehend Allgemeingut. Die Komposition beruft sich auf die deutsche Fassung, die nach der Messe gebetet wird.“

In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören.

Der "Gesang der Jünglinge" war das erste Werk, das elektronische Klänge, Sinustöne und die menschliche Stimme miteinander verwob und eine Synthese erarbeitete - und es war das erste Meisterwerk der elektronischen Musik. Es hatte weitreichende Folgen: nicht nur für die Entwicklung der Neuen Musik, sondern auch und vor allem für die Popmusik. Der "Gesang der Jünglinge" war Paul McCartneys Lieblingswerk von Stockhausen. Und er fand Widerhall in "Revolution No. 9" aus dem Weißen Album der Beatles.

Bei dem Informationstheoretiker und Phonetiker Werner Meyer-Eppler hatte Stockhausen in Bonn studiert. Die Grundlagen der phonetischen Untersuchung der Sprache und der elektronischen Klangerzeugung waren für ihn und für seine Komposition "Gesang der Jünglinge" ein wichtiger Ausgangspunkt. Im Programmheft schrieb Stockhausen:

„Die Arbeit an der elektronischen Komposition Gesang der Jünglinge ging von der Vorstellung aus, gesungene Töne mit elektronisch erzeugten in Einklang zu bringen; sie sollten so schnell, so lang, so laut, so leise, so dicht und verwoben, in so kleinen und grossen Tonhöhenintervallen und in so differenzierten Klangfarbenunterschieden hörbar sein, wie die Phantasie es wollte, befreit von den physischen Grenzen irgendeines Sängers“

Das war die Absage an die Textverständlichkeit, und sein Mitstreiter um die Neue Musik, Luigi Nono, geißelte ihn dafür. Es war die Litaneiform des Textes, die Stockhausen inspiriert hatte. Diesen Text hielt er für geeignet, ihn in eine "permutierende Reihenkomposition" zu verwandeln, ohne Rücksicht dann auf die zugrundeliegende literarische Form und auf die Mitteilung. ….und doch verzichtet er nicht ganz auf die Bedeutung.

"Es wird mit den Jünglingen“ an ein kollektives Gedankengut erinnert; taucht irgendwann aus der Musik das Wort „preist“ oder  ein anderes Mal das Wort „Herrn“ auf, oder in umgekehrter Folge, so erinnert man sich eines schon von Kind auf gekannten sprachlichen Zusammenhangs. Diese Worte stoßen die Erinnerung an.“

Und wo aus den Klangzeichen der Musik für einen Augenblick Sprache werde, lobe sie Gott, so Stockhausen im Programmheft.

Entstanden war die Komposition im Jahre 1955 im elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Die Vokalpartien wurden nur von einer Knabenstimme eingesungen und zwar von dem damals 12jährigen Josef Protschka. Stockhausen wollte die gesungenen Laute „durch ein künstliches Verfahren objektivieren und in  die Natur der elektonischen Klangwelt“ einschmelzen. Diese Klänge wurden in Reihen und nach Phänomenen geordnet ,ebenso wie Tonhöhen. Akribisch wurde auch die zeitliche Organisation typisiert, ebenso wie die Lautstärke und schließlich die Verteilung der Klänge im Raum, eine ganz neue Idee, die den Surround-Sound vorwegnahm.

Der „Gesang der Jünglinge“ war in allen Klangaspekten seriell gedacht, seriell vorgeordnet und seriell komponiert, und dennoch wurde er ein Stück „Programm-Musik“, dessen Botschaft auch beim nicht-geschulten Publikum ankam, auch wenn bei der Uraufführung begeisterte Stimmen und Buh-Rufe sich die Waage hielten.

Heute - fast 60 Jahre nach der Uraufführung  - zählt das Stück längst zu den Meisterwerken der Musikgeschichte.

Friedrich Spangemacher


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