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Helmut Lachenmann: Mouvement (-vor der Erstarrung)

Meilensteine der Neuen Musik (12)

  03.06.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 04.06.2015 zwischen 20.04 und 22.30 Uhr

Von Friedrich Spangemacher


(04.06.2015) „Die Phantasie, die vor empfundener Bedrohung alle expressiven Utopien aufgibt und wie ein Käfer, auf dem Rücken zappelnd, erworbene Mechanismen im Leerlauf weiter betätigt, deren Anatomie und zugleich deren Vergeblichkeit erkennend und in solchem Erkennen Neuanfänge suchend …“. So beschreibt Helmut Lachenmann sein 1983 entstandenes Stück „Mouvement (-vor der Erstarrung)“, eines der Meisterwerke der Kammermusik der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.


In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören:

SR-Mediathek: Meilensteine der Neuen Musik: Helmut Lachenmann – Mouvement [Friedrich Spangemacher für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 4. Juni 2015, Länge ca. 7:20 Min.]


Das Werk ist wie alle Stücke Lachenmanns bis in das kleinste Atom konstruiert nach einem komplizierten kompositorischen Entwurf und einem alles umfassenden Architekturplan. Musikologen können das Stück bis ins Detail analysieren, die Funktion der zwei zugrundeliegenden Zwölftonreihen beschreiben, Reihen, die letztlich alle Elemente der Konstruktion steuern. Man kann aber auch die klangliche Gestalt, den Eindruck des Hörens nachvollziehen, einen inneren Sinn und einen dramaturgischen Plan herauslesen.

Wenn das Stück beginnt, scheint kurz zuvor irgendwo eine große Explosion, eine Entladung, eine Zertrümmerung stattgefunden zu haben. Aus den Ausläufern, dem Schatten der Winde bilden sich vibrationsartige kurze Repetitivstrukturen, die den verpassten großen Knall ahnen lassen, ihn aber in keiner Weise abbilden. Dann beginnt ein Spiel mit Einzelaktionen, die sich allmählich wieder zu einem Ganzen zusammenfinden. Der Anfang ist wie eine Genesis, bei der aus Einzelaktionen Sinn gesucht wird.

Ein kafkaeskes Szenario?

Man kann die Situation aber auch mit der von Gregor Samsa vergleichen, der Kafka-Gestalt, die als Käfer aufwacht. Der Einführungstext von Helmut Lachenmann gibt dazu ja einen versteckten Hinweis. Man kann den Anfang aber auch als Versuch begreifen, Tabula rasa zu machen und von Anfang an einen musikalischen Organismus zu entwickeln, ohne die bekannten Formungs- und Entwicklungsstrukturen traditioneller Musik zu nutzen – wobei letztlich die Textur den Hörer dann wieder einholt, weil neue Sinnzusammenhänge entstehen, weil Spielweisen, Artikulationen, Farbgebungen, Klangfolgen hörend aufeinander bezogen werden und ein neues Ganzes entsteht. Und das ist auch beabsichtigt. Kurz: „Mouvement“ ist ein Stück, das die Traditionen der Musik in Frage stellt und sogleich eine neue begründet, die aber nicht als Aufbruch aus dem Trümmerfeld zu betrachten ist, sondern als Baustein einer anderen Ästhetik.

"O du lieber Augustin" – alles ist hin?

„Mouvement (-vor der Erstarrung)“ war ein Auftragswerk des Ensemble Intercontemporain, das es unter Peter Eötvös am 12. November 1984 in Paris uraufführte. Das Stück hat drei große Teile. Der erste greift die Trümmer aus kurzen entleerten Figuren, aus motorisch-impulsartigen Rhythmen auf. Im zweiten Teil erinnert Lachenmann an das Lied „O du lieber Augustin“. Arnold Schönberg hatte es schon in sein 2. Streichquartett eingebaut – bei beiden geschieht es mit Hintersinn, denn wie heißt es im Lied:  „Hut ist weg, Stock ist weg, Augustin liegt im Dreck …“. Das Alte ist – so beschreibt es das Bild – damit verschwunden. Lachenmann übernimmt aber nur den Rhythmus des Liedes, der auf den Instrumenten geklopft wird. Der letzte Teil ist am Schluss energiegeladen mit durchgehenden Rhythmen und einer unerbittlichen Folge von Repetitionstönen.

Lachenmann selbst beschrieb das Stück einmal so: „Die inszenierten Stadien des Werks, von der ‚Arco-Maschine‘ über ‚flatternde Orgelpunkte‘, ‚Zitterfelder‘ und ‚gestoppte Rasereien‘ bis zum geklopften ‚Lieben Augustin‘ und anderen daraus sich verselbständigenden Situations-Varianten: Sie orientieren sich durchweg an den daran gebundenen äußeren mechanischen Vorgängen und machen die leere Stofflichkeit der beschworenen Mittel (auch der abstrakten, zum Beispiel intervallischen) bewusst als Kontrapunkt zu deren gewohnter, inhaltslos gewordener Expressivität.“

Das Stück hat versteckt wohl auch eine politische Botschaft; es ist der Versuch, aus der Leere heraus zu neuem Sinn zu kommen, was bei Lachenmann manchmal auch wie ein Akt der Vergeblichkeit klingt.

Ein Beitrag von Friedrich Spangemacher


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

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