Der Komponist György Kurtág (Foto: dpa/Picture Alliance)

György Kurtág: "Quasi una fantasia"

Meilensteine der Neuen Musik (11)

  10.05.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 14.05.2015 zwischen 20.04 und 22.30 Uhr

Archiv


(14.05.2015) Mit György Ligeti hatte György Kurtág 1945 an der Budapester Musikakademie mit seinem Studium angefangen. Zuerst folgte er der verordneten ästhetischen Line des Sozialismus, doch mit dieser Beschränkung konnte er kaum leben, und sie brachte ihm eine tiefe Krise. Ein Aufenthalt in Paris Ende der 50er Jahre verhalf zu einem Neuanfang – nicht ein Unterricht bei Messiaen oder Boulez, wie man vermuten könnte, sondern eine Therapie bei der Psychologin Marianne Stein. Die gab ihm einfachste Aufgaben, etwa Stücke mit zwei bis drei Tönen zu schreiben, mit seiner Musik noch einmal ganz von vorn anzufangen. Als er drei Jahrzehnte später „Quasi una fantasia“ komponierte, war diese Lektion noch präsent. Denn Kurtag beginnt dieses Stück mit einer C-Dur-Tonleiter abwärts.


In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören:

SR-Mediathek: Meilensteine der Neuen Musik: György Kurtágs "Quasi una fantasia" [Friedrich Spangemacher für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 14. Mai 2015, Länge ca. 7:16 Min.]


Elementares im Brennglas

Es sind immer wieder quasi "gefundene" musikalische Strukturen, die bei György Kurtág mit Bedeutung aufgeladen werden. Das können einfache Intervalle sein, das können Gesten sein, oder wie zufällig entstandene Klänge, etwa dadurch, wenn man mit einer Faust auf das Klavier schlägt, oder der Tonleiter auf den weißen Tasten des Klaviers folgt, wie hier in "Quasi una Fantasia": Ton für Ton, Schritt für Schritt. Das aber darf nicht selbstvergessen oder beiläufig gespielt werden, sondern das Stück verlangt vom ersten Moment an absolute  Anspannung, die Sammlung auf die Musik, die mit dieser Tonleiter in Gang gesetzt wird. Spiele immer so, als ob Dein Leben davon abhinge, hat Kurtág den Interpreten seiner Musik immer wieder ins Stammbuch geschrieben, und das gilt insbesondere auch für diese Eingangs-Tonleiter, die so gespielt werden muss, dass jedes Etüdenhafte abgelegt ist und sie wie ein Brennglas in die dann folgende Musik führt.

Verantwortung gegenüber der Vergangenheit

"Quasi una fantasia" geht auf Ludwig van Beethoven zurück, speziell auf dessen Klaviersonaten Opus 27, die diese Bezeichnung tragen. Kurtág wählt sogar dieselbe Opuszahl wie Beethoven. Es war vor allem das Presto aus op. 27 Nr. 2, der Mondscheinsonate, das Kurtág inspirierte. Wie Beethoven folgt er hier nicht so sehr der Logik des Materials, sondern entfaltet seine Form ganz frei.  Den zweiten Satz überschrieb Kurtág mit dem von Robert Schumann entlehnten Motto „Wie ein Traumeswirren“.

Der Pianist Pierre-Laurent Aimard nennt diesen Satz einen Alptraum, man sei gejagt von Monstern a là Hieronymos Bosch. Der dritte Satz sei eine Art von Tragödie und im Zentrum des vierten Satzes stehe eine Melodie, die als Erinnerung an die Kindheit Kurtags aufgefasst werden kann, eine Melodie, mit der sich Bauern in Ungarn über die Berge hinweg verständigen konnten, wie Aimard erzählte.

“Quasi una fantasia“ wurde 1988 beim Musikfest Berlin uraufgeführt. Die Musiker saßen um das Publikum herum; Kurtág wollte auch ein Raumstück schreiben und eine Atmosphäre schaffen, in der die Zuschauer mitten im Geschehen sitzen. Der Rückgriff auf Beethoven oder überhaupt auf Werke oder Ideen anderer Komponisten ist wichtig für ihn. „Die ganze Kraft, Ausstrahlung und Haltung der Kurtágschen Kunst“ so schrieb István Balazs „dürfte wohl dem Umstand zu verdanken sein, dass er den neuen Klang, die neuen Werte durch die größte Verantwortlichkeit gegenüber der Vergangenheit erkämpft“.

Friedrich Spangemacher


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

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