Pierre Boulez (Foto: dpa)

Pierre Boulez: "Le Marteau sans Maître"

Meilensteine der Neuen Musik (10)

  30.03.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 02.04.2015 zwischen 20.04 und 22.30 Uhr

Archiv


(30.03.2015) "Le Marteau sans Maître" ist eines der Schlüsselwerke der Neuen Musik aus den Fünfziger Jahren, das weit in die folgenden Jahrzehnte hineinwirkte. Boulez zeigte damit einen Weg aus der totalen Determination auf und öffnete neue Türen für die zeitgenössische Musik. Das 1955 in Baden-Baden uraufgeführte Meisterwerk des jungen Boulez fasziniert in seiner Klanglichkeit, Architektur und Fasslichkeit bis heute; nicht zuletzt mit seinem leichten französischen Einschlag, der sich unter anderem in den Passagen von Flöte und Gesang bemerkbar macht.


In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören:

SR-Mediathek: Meilensteine der Neuen Musik: Pierre Boulez' "Le Marteau sans Maître" [Friedrich Spangemacher für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 2. April 2015, Länge ca. 7:31 Min.]


"Le Marteau sans Maître" ist ein neunteiliger Zyklus für eine Altstimme und sechs Instrumentalisten auf Texte des surrealistischen Dichters René Char. Jeder dieser neun Teile ist anders instrumentiert, vier für Gesang und wechselndes Instrumentarium, fünf sind rein instrumental. Auffällig ist, dass kantable Stimmführungen des Alts mit Flöte, Bratsche und Gitarre zusammengehen, während der Sprechgesang eher vom Schlagzeug begleitet wird.

Das Werk hat eine vielfach ineinander quasi gedrehte und verschachtelte Form. In ihm gibt es, so Boulez, "drei Zyklen, die auf drei verschiedenen Gedichten beruhen. Aus diesen drei Zyklen entwickeln sich jeweils mehrere Stücke: der eine Zyklus enthält drei, ein zweiter zwei, der letzte vier Stücke. Ich habe die Zyklen getrennt voneinander komponiert, aber ich lasse sie nicht einfach aufeinander folgen, ich habe sie vielmehr ineinander verschachtelt."

Das ist eine der Grundideen von Boulez: unterschiedliche Schichten von Musik, die teilweise sehr einfach sein können, zu stauchen, ineinanderzuschieben, dadurch zu verdichten, den logischen Fortgang des Kompositionsprozesses zu verbiegen und die Form dadurch zu erneuern. Es ist der bewusste Bruch mit der musikhistorischen Kontinuität und der Versuch den Werkbegriff neu zu definieren.  Die Eindimensionalität der Musik habe ihn immer gestört, so hat Boulez im Interview einmal gesagt: "Bis in die fünfziger Jahre hinein hatte das musikalische Werk einen Anfang und ein Ende; man ging auf einer Art Einbahnstraße von einem Punkt zum anderen, ohne die Möglichkeit des Abweichens".

Die sprachlich verdichtete Poesie René Chars zeigte Boulez ästhetische Wege, die er nach der seriellen Phase suchte. Denn er hatte gemerkt, dass, je mehr das Material vorgeordnet ist, je stärker alle Parameter eingebunden werden, desto mehr macht sich das Zufällige breit, desto weniger lässt sich am Ende das Klangprodukt vorhersagen. Das aber wollte er unter Kontrolle haben. Nicht zuletzt deshalb war seine streng serielle Phase nur sehr kurz, und mit "Le Marteau sans Maître" hat er sie definitiv verlassen.

Friedrich Spangemacher


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

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