Der Corpus einer Violine  (Foto: SR)

Hans Werner Henze: "Floß der Medusa"

Meilensteine der Neuen Musik (8)

  02.02.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 05.02.2015 20.04 - 22.30 Uhr

Archiv

(05.02.2015) Kaum ein Werk der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts ist so eng mit der politischen Zeitgeschichte verbunden wie Hans Werner Henzes Oratorium "Das Floß der Medusa". Bei der geplanten Premiere in Hamburg war die Stimmung derart aufgeheizt, dass die Uraufführung im lautstarken Tumult regelrecht unterging und der NDR den Mitschnitt der Generalprobe senden musste. Schon im Vorfeld hatte die Presse, allen voran der "Spiegel", Front gegen Henze gemacht, er, der "gepflegte Epigone" und Salonlinke reproduziere nur das bürgerliche Musikideal, der Umsturz fände bei ihm nur in der Widmung – für Che Guevara – statt.

Das "Floss der Medusa" war im Vorfeld der Aufführung längst zu einer Aktion im sogenannten "Klassenkampf" geworden. Das war durchaus gewollt, vom Komponisten Henze und von seinem Librettisten Ernst Schnabel.


In der SR-Mediathek können Sie den Beitrag auch online hören:

SR-Mediathek: Meilensteine der Neuen Musik: Hans Werner Henze [Friedrich Spangemacher für SR 2 KulturRadio, Mouvement, 5. Februar 2015, Länge ca. 9:32 Min.]


Ein historisches Horrorszenario …

Worum ging es in diesem Stück? Die Geschichte beruht auf einem historischen Vorfall: 1816 war die französische Fregatte "Medusa" vor der Westküste Afrikas auf ein Riff aufgelaufen und drohte, auseinanderzubrechen. Das Schiff wurde aufgegeben, und die Menschen an Bord wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: die Besatzung ging in die Rettungsboote, 150 weitere Passgiere, viele Farbige darunter, viele Frauen und Kinder wurden auf ein schnell zusammengezimmertes Floss verfrachtet, das man an Land ziehen wollte, doch nach kurzer Zeit wurden die Taue gekappt und das Floss wurde zum Spielball der Wellen und der Stürme.

Es war der Horror: Nach zehn Tagen, als das Floß von einem anderen Schiff entdeckt wurde, waren von den 150 Passagieren noch 15 Überlebende übrig, der Rest war an Durst, Hunger, Vergewaltigung, Totschlag, Kannibalismus und Ertrinken gestorben, viele hatten den Selbstmord gesucht. Von den 15 Geretteten starb die Hälfte noch in den nächsten Wochen. Der Maler Théodore Géricault hat diese Geschichte wenige Jahre später auf eine riesige Leinwand gemalt: "La Radeau de la Méduse", ein Gemälde, das heute im Louvre in Paris hängt. Zentralfigur in diesem Gemälde ist der Mulatte Jean-Charles, der eine rote Fahne hisst, um ein Schiff in der Ferne auf das Floss aufmerksam zu machen.

… und seine Neuinterpretation als modernes Oratorium

Das Libretto Ernst Schnabels erzählt die Geschichte mit Sprecher, Rezitativen, Dialogen und Chören. Vorbild für den Komponisten Henze war die Johannespassion von Bach mit den Volkschören, den Deklamationsrufen, den fugierten Chören und der Abfolge von Arien, Rezitativen und Chören.

Die Lebenden wechseln im Laufe des Oratorium nach und nach auf die Seite der Toten - „eine eindringliche musikalisch-vokale Ausdünnung von durchaus heroischer Qualität, die ins absolute Verstummen mündet“ (Jens Roseck). In der Ballade vom "Mann auf dem Floss" spricht ein Überlebender, der Mulatte Jean-Charles. Er fühlt sich verantwortlich für jeden Einzelnen, auch für diejenigen, die er nicht retten konnte. Der Chor der Toten singt lediglich Vokale, und der Chor der Lebenden betont, man habe nichts gesehen, man habe von nichts gewusst – ein sehr eindringliche, bedeutungsvolle Schlüsselszene des Oratoriums.

Friedrich Spangemacher


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

Mouvement - die aktuelle Sendung
Zweieinhalb Stunden lang bietet "Mouvement“ jeden Donnerstagabend Porträts, Interviews und Berichte rund um die Neue Musik.

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