Pauken der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (Foto: Astrid Klein/SR)

Steve Reich: "Different Trains"

Meilensteine der Neuen Musik (7)

  06.01.2015 | 06:00 Uhr

Sendung: Donnerstag 08.01.2015 20:04 - 22:30 Uhr

Archiv

(08.01.2015) Als Steve Reich Mitte der 80er Jahre vom renommierten Kronos Quartett den Auftrag für ein neues Werk bekam, war seine erste Idee, ein Stück für Streichquartett mit Stimme zu schreiben, z. B. mit der Stimme Béla Bartóks oder Ludwig Wittgensteins. Dann kam ihm seine eigene Geschichte in den Sinn.

Als Kind war Reich häufig zwischen New York und Los Angeles im Zug unterwegs gewesen, um seine Eltern, die sich getrennt hatten, zu sehen: "Ich begann mich zu fragen", so Steve Reich, "wann habe ich das gemacht? Und: Was war los in dieser Zeit? Nun, das war 1939, 1940, 1941, und ich fragte mich, was mit den kleinen jüdischen Jungen los war zu der Zeit, die so alt waren wie ich und in Zügen aus Rotterdam oder Brüssel oder Budapest saßen und nach Polen gebracht wurden und nie zurückkamen." Er selbst hätte als jüdischer Junge in diesem Waggons sitzen können, hätte er in Europa gelebt.



In der Musik von "Different Trains" (1988) greift Reich einerseits auf die Geräusche und die Rhythmen der Züge zurück, andererseits auf die Sprache und den Sprachrhythmus interviewter Personen. Auf dem Tonband sind Aufnahmen von Steve Reichs Kindermädchen Viriginia, von einem ehemaligen Pullmann-Schaffner, der die Strecke Los Angeles - New York unzählige Male befahren hatte, und die Stimmen von drei Kindern, die den Holocaust überlebten und nach Amerika gekommen waren. Schließlich verwendete Reich Eisenbahngeräusche aus den 30er und 40er Jahren.

So entstand ein Werk, das wie kaum ein anderes Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in Musik einbindet, ja wandelt, eine Komposition, die musikalische Strukturen aus Geräuschen und gesprochenem Wort gewinnt. Steve Reich sieht das Dokumentarische ganz eng mit dem Musikalischen verknüpft, und er ist überzeugt, dass das Stück vor allem deshalb funktioniert. Eine Interpretation des Holocaust wolle er nicht geben.

Friedrich Spangemacher


Meilensteine der Neuen Musik

Reportage-Reihe auf SR 2 KulturRadio

Seit Mai 2014 stellen wir in jeder ersten „Mouvement“-Ausgabe des Monats ein Schlüsselwerk der Moderne vor – Meilensteine der Musikgeschichte wie Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25, György Ligetis „Atmosphères“ oder Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“. Die Beiträge können im Archiv nachgehört werden.

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