Prof. Paul Nolte: "Das kritische Element der Zivilgesellschaft darf nicht zu kurz kommen"

"Das kritische Element der Zivilgesellschaft darf nicht zu kurz kommen"

Im Interview der Woche: Prof. Dr. Paul Nolte, Historiker an der Freien Universität Berlin, zu den Herausforderungen der Corona-Krise

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler  

Der Berliner Historiker Prof. Dr. Paul Nolte sieht in der Corona-Krise Chancen, aber auch Gefahren für Deutschland: Damit die Gesellschaft sich nicht zu sehr um die Regierung schare, sei nun jeder auch zu "einer kritischen Diskussion der staatlichen Maßnahmen" aufgefordert, so Nolte im Interview der Woche.

Sendung: Samstag 28.03.2020 12.45 bis 13.00

Der Berliner Historiker Prof. Dr. Paul Nolte hält die Corona-Krise in Deutschland für ein einschneidenderes Ereignis als etwa den Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung 1989/90 oder die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Damit bedeute die Krise automatisch den "tiefsten Einschnitt in der eigenen Lebenserfahrung" für all jene, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden seien, so Nolte im Interview der Woche des Saarländischen Rundfunks. Denn aktuell müssten die Menschen wegen der politisch verordneten "Social-Distancing"-Auflagen ein "Einschrumpfen von Kommunikationshorizonten" hinnehmen.

Rückzugstrends absehbar

Er gehe davon aus, dass es bestimmte Rückzugstrends geben werde - privat in Richtung Kernfamilie, politisch in Richtung Nationalstaat. Insgesamt halte er es für "nicht unwahrscheinlich", dass ein "Gegentrend zur Globalisierung" langfristig bleiben werde.

Kritische Diskussion nötig

Dass die Zivilgesellschaft sich jetzt kollektiv "um die Bundesregierung" schare, sei zwar verständlich, berge allerdings auch eine "große Gefahr" - nämlich die einer künftigen Gesellschaft, die "im Konformismus zur Regierungspolitik" erstarren und somit nicht mehr konfliktfähig sein könnte. Gerade in der augenblicklichen Situation sei deshalb jeder zu "einer kritischen Diskussion der staatlichen Maßnahmen" aufgefordert. Denn "das kritische Element der Zivilgesellschaft" dürfe auch in so einer Krise "nicht zu kurz kommen".

Zur Person

Paul Nolte, 56, Historiker, Publizist und Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Studium der Geschichtswissenschaft und Soziologie in Düsseldorf, Bielefeld sowie an der Johns Hopkins University in Baltimore/USA, promovierte 1993, war Assistent von Hans-Ulrich Wehler und habilitierte sich 1999 für Neuere Geschichte in Bielefeld. Sein Augenmerk gilt insbesondere der deutschen, amerikanischen und vergleichenden Politik- und Sozialgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts.


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Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 28.03.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Porträtfoto ganz oben zeigt Prof. Dr. Paul Nolte (Foto: FU Berlin / Bernd Wannenmacher).


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz-mittag@sr.de

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