Aleksandra Kurzak: "Desire"

Aleksandra Kurzak: "Desire"

Die CD der Woche

Von Karsten Neuschwender  

Zusammen mit dem Wiener Morphing Chamber Orchestra unter der Leitung von Frédéric Chaslin hat die polinische Sopranistin Aleksandra Kurzak ihre neue CD "Desire" produziert. Karsten Neuschwender hat sich das Album schon angehört. Unsere CD der Woche.

Sendung: Sonntag 31.05.2020 15.20 Uhr

Ein Bauernmädchen, naiv unschuldig und ehrenvoll, auf der Suche nach ihrem Verlobten. Der ist mit einem Rasseweib durchgebrannt und erlebt mit dessen zwielichtigen Bekannten die Höhen und Abgründe von Sex and Crime. Michaela sucht in Bizets Oper "Carmen" Don José – um ihn in ihr kleines und anständiges Leben zurück zuholen. Auf der Opernbühne hat man Michaela häufiger mit blonden Zöpfen und kariertem Kleidchen gesehen. Diese Bilder kommen einem nicht in den Sinn, wenn sie von Akeksandra Kurzak gesungen wird.

"Elle est dangereuse, elle est belle, mais je ne veux pas avoir peur" – "Sie ist gefährlich, sie ist schön, aber ich will keine Angst haben", singt Michaela, und das klingt weder naiv oder unschuldig. Es klingt eher so, als wisse sie genau, dass sie mit der unkonventionellen Leidenschaft einer Carmen nicht mithalten kann, dass sie genau weiß, dass sie aus ihrer braven und anständigen Rolle nicht rauskommt. Das verbindet die Frauen der Opern, denen Aleksandra Kurzak auf ihrer CD "Desire" ihre Stimme gibt. Ob es die Butterfly bei Puccini ist, die mit Kind sitzen gelassen wird, die von Männern bedrängte Elvira aus Verdis „Ernani“ oder das von einem Adeligen geschwängerte Mädchen Halka aus Stanislaw Moniuzkos leider viel zu selten gespielten gleichnamigen polnischen Nationaloper ist.

In Halka geht es um den Aufstand der Bauern gegen die Obrigkeit, um Freiheit und Selbstbestimmung. Halka allerdings ist als Frau eher in die passive Rolle gedrängt, muss aushalten – und geht am Ende der Oper in den Tod. Vielleicht liegt es daran, dass Akeksandra Kurzak selbst Polin ist, dass dieses Stück einer der stärksten auf der gesamten – im Übrigen hervorragend produzierten -  CD ist. Zusammen mit dem Morphing Chamber Orchestra aus Wien unter seinem Dirigenten Frédéric Chaslin ergibt sich ein stimmiges und ausgewogenes Klangbild, einerseits schlank und durchhörbar, andererseits ohne auf ein geschmackvolles Pathos zu verzichten, dass die romantischen Opernarien brauchen – räumlich und nahbar zugleich. Dazu die vielschichtig gefärbte Stimme von Aleksandra Kurzak, mal mit melancholischem Flor, mal zart changierend, mal beschwingt und mitreißend.

Damit macht die Sängerin, die an den großen Häusern wie New York, London, Wien, Rom, München oder auch Salzburg unterwegs ist, neue Facetten hörbar bei den teilweise sehr oft zu hörenden Arien aus Verdis Trovatore, Puccinis Tosca und Turandot oder Tschaikowskis "Eugen Onegin". Man entdeckt scheinbar Wohlbekanntes neu.

Aleksandra Kurzak gibt den Frauenfiguren psychologische Tiefe. Man spürt deren Verzweiflung und das Bewusstsein, dass sie nichts haben, außer ihrer Liebe zu Männern in einer Welt, in der sie selbst wenig Raum haben, ihr Leben selbst zu gestalten. Das klingt diskret, unaufdringlich, aber hörbar an. Natürlich ist das Album "Desire" kein feministisches Album. Es ist in erster Linie eine Sammlung von Musik, die tiefe menschliche Befindlichkeiten hörbar macht. Nicht depressiv, aber voller Mitgefühl, Tiefe und zeitlos bewegend. Das ist – wagen wir uns, es zu sagen – betörend schön.


Infos zur CD:

Aleksandra Kurzak: “Desire“

Label: Sony Classical
LC: 06868
Bestellnummer: 19075883262


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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