Brunners Welt (Foto: SR)

"Raus aus der Krise"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.01.2021 16.40 Uhr

Nr. 815

Nicht dass Sie denken, ich hätte den Lockdown-Koller. Aber irgendwann muss doch mal Schluss sein. Frommer Wunsch, ich weiß. Aber wenigstens eine Aussicht auf ein Ende wär schon schön. Öffnungs-Szenarien, so das schöne Bürokratenwort, sollten und müssen diskutiert werden. Das heißt, wann und wie wir aus dem ganzen Mist wieder rauskommen.

Das berühmte Licht am Ende des Tunnels ist ja schön und gut, wenn man aber so gar nicht weiß, wie lang der Tunnel noch ist, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob der diffuse Schein, den man vielleicht irgendwo da vorne wahrnimmt, überhaupt das Tageslicht am Tunnelende ist. Oder doch nur wieder der Spahn, der hinter einem Pfeiler mit irgendeiner Lampe rumfunzelt. Okay, vielleicht hab ich ihn doch ein bisschen, den Koller.

Aber es ist halt so: Je weniger Plan und Perspektive uns geboten werden, umso schwerer fällt es uns, die Maßnahmen wirklich konsequent umzusetzen. Zumal wenn der ganze bisherige Lockdown die Zahlen einfach nicht runterbringen will. Und niemand weiß so recht, wo sich all die Menschen denn nun eigentlich anstecken, wo doch fast alles zu und reglementiert ist. Arbeitsplatz oder Privatleben? Gearbeitet werden muss natürlich auch in der Pandemie, irgendwer muss ja Klopapier und Nudeln weiter herstellen, und verkauft werden muss das Zeug auch. Also sitzt wieder mal unser privates Verhalten auf der Anklagebank.

Klar: Menschen, die es für eine gute Idee halten, in einer Polonäse über den Alexanderplatz zu ziehen und dabei zu grölen „Ein bisschen Sars muss sein“ sind schlicht rücksichtslose und zynische Ignoranten. Zu deren Verhalten mir nichts mehr einfällt – außer einem gleichfalls zynischen Limerick:

Ein Coronaleugner aus Bingen / fands lustig gemeinsam zu singen. / Das Virus fands auch. / Jetzt hängt er am Schlauch, / wo ihm dann Singen und Springen vergingen.

Entschuldigung – der Koller.

Aber auch die ganz normalen Bürger*innen tun sich schwer. In der neuesten Erhebung gaben 15 bis 20 Prozent der Befragten zu, dass sie die Regeln zur Kontaktbeschränkung zwar kennen, aber sich nur "manchmal, selten oder nie" daran halten. Dagegen hilft nur Information und Transparenz. Die Wissenschaft jedenfalls fördert zum Thema Anfassen und Bussis auch nicht wirklich Neues zu Tage: "Es zeigt sich auch das, was wir schon in früheren Studien gesehen haben: Je verbundener ich mich mit jemandem fühle, desto weniger ekele ich mich vor ihm", sagte ein Psychologe in der Zeitung. Ach nee. Klar macht Ekel das Abstandhalten einfacher, aber als Lösung taugt das auch nicht.

Meine Nachbarin Barscheck fand auf der Suche nach Trost und Perspektive eine dpa-Meldung, die uns nach Überwindung der Krise neue "Goldene Zwanziger" in Aussicht stellt. Unter Bezug auf das letzte Jahrhundert, als nach Weltkrieg und Spanischer Grippe Kultur, Nachtleben und Wirtschaft zum wilden Tanz auf dem Vulkan ansetzten. "Es wird ein Frühling sein, künstlerisch, wirtschaftlich, technologisch und auch politisch", stellt ein weiterer Psychopoet in Aussicht. Denn: Werde ein Verhalten unterdrückt, komme es anschließend umso stärker zurück.

Auch nicht so ganz brandneu, diese Erkenntnis, aber immerhin: Schön, wenn von da, wo das Licht scheint, auch noch ein bisschen Musik durch den Tunnel klingt. Hauptsache, es ist irgendwann Schluss. Barscheck jedenfalls sucht schon mal ihr Charleston-Kleid aus dem Schrank – und hofft, dass sie noch reinpasst nach dem Lockdown.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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