Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Datenfreiheit"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 25.05.2018 16:20 Uhr

Nr. 677

Nicht dass Sie denken, ich interessierte mich für alles, was die globale Nachrichtenflut so an die Gestade meines heimatlichen Schreibtisches spült. Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt, ist auch mir wurscht, selbst wenn das Ereignis als Blitz-, Eil- oder Top-Meldung auf dem Handy um meine Aufmerksamkeit bimmelt.

Diesmal aber ist es ein gewaltiger Sack voller Daten, der im Reich der Mitte so laut rumpelte, dass es sogar die Tante Tagesschau aufschreckte. Das schon seit einiger Zeit in China aufgebaute "Sozialkreditsystem", eine gigantische Datensammlung der Regierung über ihre Bürgerinnen und Bürger, geht jetzt an den Start, zumindest in einigen Städten und Provinzen. Jeder Chinese hat dort ein Punktekonto, von dem dann bei Fehlverhalten von säumigen Zahlungen bis Verkehrsdelikten oder politischer Aufmüpfigkeit entsprechende Werte abgezogen werden. Sinkt der Punktestand unter ein Limit, gibt es Schwierigkeiten mit Krediten, Hotelbuchungen, Zug- oder Flugzeugtickets oder auch mit der beruflichen Karriere. Totale Überwachung. "1984" auf chinesisch. Empörend!

Nur gut, dass es sowas bei uns nicht gibt. Wir sind schließlich eine Demokratie, unser Staat macht sich da die Hände nicht schmutzig. Braucht er auch nicht, denn bei uns erledigt das Big-Data-Geschäft zuverlässig die Privatwirtschaft. Die Schufa kümmert sich um unsere Bonität und alles andere wissen Facebook, Google und Instagram. Die behalten dieses Wissen ja auch nicht für sich. Und unsere demokratischen Instanzen passen auf wie die Schießhunde, dass da alles mit rechten Dingen zugeht.

Nicht nur, dass wir ab 25. Mai eine funkelnagelneue Datenschutzgrundverordnung haben. Die EU schreckt nicht einmal davor zurück, den Gottvater der Datensammelei, Marc Zuckerberg, vor die Schranken des Parlamentes zu laden und zu befragen. Gut, es war nicht wirklich das Parlament sondern nur die Fraktionsvorsitzenden der EU-Parteien. Und gefragt haben die Damen und Herren! Ganze 62 Minuten lang. Nur mit den Antworten war es dann nicht so weit her. "Grillen" wolle man den jugendlichen Facebook-Chef, hieß es im Vorfeld.

Aber irgendwie kam die Glut nicht so recht in Gang. Lag wohl am etwas ungünstigen Format der Veranstaltung. Nach der guten Stunde Fragen blieben nur noch 18 Minuten von der ausgemachten Zeit für die Beantwortung übrig. Weswegen sich Mister Facebook natürlich auf die ihm genehmen Fragen konzentrieren musste. Er brauchte ja schließlich auch noch Zeit, um die eigenen Anstrengungen um Datenschutz und Zusammenarbeit mit den staatlichen Institutionen zu loben. Dann beendete er mit dem Hinweis, man habe jetzt schon eine Viertelstunde überzogen, die Anhörung selbst. Nachfragen waren nicht gestattet, wie der Parlamentspräsident selbst mahnend einwarf: Es müssten schließlich einige noch den Flieger kriegen.

Für all die, die dann doch den Eindruck hatten, man habe allenfalls die Spitze des Zuckerbergs zu sehen bekommen, versprach der eilige Milliardär dann noch, offengebliebene Fragen schriftlich zu beantworten. Irgendwann. Wahrscheinlich per hauseigenem WhatsApp-Dienst. Oder halt bei Facebook. Daumen hoch und ab.

Das ist halt der Unterschied zu China: Wir dürfen unsere Daten freiwillig abgeben. 282 Millionen Menschen tun das in Europa per Facebook. Jeden Tag. Meine Nachbarin Barscheck fühlt sich von diesem Kasperltheater nochmal so richtig in ihrer Facebook-Abmeldung bestätigt. Ist sie dann aber auch selber schuld, wenn sie die Antworten von Zuckerberg nicht mitkriegt.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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