Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Tanz die Performanz"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.06.2019 16:40 Uhr

Nr. 732

Nicht dass Sie denken, ich machte mir viel Gedanken um meine Leistungsfähigkeit. Man hat ja so ein Alter erreicht, in dem man im Großen und Ganzen weiß, was man kann und schafft, und was eben nicht. Oder nicht mehr. Kein Grund zur Sorge. Im übrigen spricht kaum noch jemand über Leistungsfähigkeit – aber zunehmend über "performance". Die muss stimmen, immer und überall. Das Wort meint natürlich in etwa dasselbe wie "Leistungsfähigkeit", klingt aber längst nicht so verschwitzt und angestrengt.

Vielleicht, weil da doch immer auch ein bisschen Glamour und zumindest scheinbare Leichtigkeit aus dem Kunst-Gewerbe mitschwingt: Jede Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin, jede Band und jeder Zirkus führt längst keine Leistung mehr vor, sondern eine Performance. Oder noch zeitgeistiger: Er, sie oder es performt. Unglaublich, wie Helene Fischer (der Name ist je nach persönlichem Geschmack zu ersetzen) gestern wieder performt hat! Der Konsument auf der Höhe der Zeit weiß dann: Das Zusammenspiel von Gesangsleistung, Lasershow, Choreografie und monumentalen Bühnenbildelementen war großes Kino. Geile Show. Super Event. Tolle Performance.

So weit so gerade noch erträglich. Machten sich nicht längst Otto Normalsterblicher und Erika Mustermann stete Sorgen um ihre Performance in allen Bereichen. Im Beruf, im Fitnesstudio, beim Skifahren und nicht zuletzt im Bett. Und brauchten deshalb ständige Performance-Checks. Gerne durch Tracking-Armbänder, die Körpertemperatur, Pulsrate, Herzfrequenz, zurückgelegte Schrittzahl messen. Seit kurzem ist auch ein Armband für die Dame auf dem Markt zum "Fruchtbarkeitstracking". Unverzichtbar zur Kontrolle der Fortpflanzungs-Performance.

Und, ganz neu aus Britannien, das smart condom, das mit seinen Sensoren nicht nur die Bewegungen beim Sex misst, sondern zum Beispiel auch die beim Akt verbrauchten Kalorien aufzeichnet und natürlich auch dessen Häufigkeit statistisch erfasst. Klar, dass es dazu auch eine App gibt, mit der Mann sich mit anderen Männern weltweit performancemäßig vergleichen kann. Toll, wenn man gleich danach checken kann, wo man aktuell im Ranking steht.

Meine Nachbarin Barscheck meint, dass das immer noch besser sei, als gefragt zu werden: "Wie war meine performance?" Wozu es aber sowieso nicht käme, sagt sie, weil alleine die Vorstellung, wie sich der Partner das elektronische Messdingens anlegt, zuverlässig jede Erotik unterbinde. Vermutlich meldet das Gerät nach der Aktivierung seine Funktionsfähigkeit auch noch mit einem Piepsen oder dem Blinken einer Leuchtdiode.

In jedem Fall kann man selbstverständlich bei einem Performance-Down – egal in welchem Bereich – einen Performance-Coach zu Rate ziehen. Um nach Befolgen der Performance-Tipps wieder besser zu performen. Denn wie sagt der Coach: "Wer aufhört besser zu werden, hört auf, gut zu sein." Ist alles nicht so einfach. Wenn Sie glauben, sich zum Beispiel durch ständige Erreichbarkeit per mail, sms, whatsapp und Konsorten einen sicheren Platz in der Performance-Toplist ihres Arbeitgebers sichern zu können – nee! Eine Studie hat nachgewiesen, dass das den IQ im Schnitt um 10 Prozent senkt. Um doppelt so viele Prozentpunkte wie der Konsum von Marihuana. Der Performer mit Weitblick schaltet also lieber mal seine Kommunikationskanäle ab und raucht ein Tütchen. Und lässt die anderen an sich vorbei performen. Check!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen