Brunners Welt (Foto: SR)

"Captain's Dinner"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 04.12.2020 16.20 Uhr

Nr. 810

Nicht dass Sie denken, ich wollte hier von den wirklich großen Problemen ablenken. Aber es ist doch gewissermaßen auch ein Zeichen der Hoffnung, dass inmitten von Lockdown, Inzidenz-, R- und Neuinfektionszahlen und dem Kampf um Weihnachten, Silvester, korrektes Stoßlüften und verkaufsoffene Sonntage noch Zeit für anderes bleibt.

Beispielsweise für die juristische Klärung, was den Seemann eigentlich zum Seemann macht und wer mit wem wofür werben darf. Da gibt es ja nun zwei große Firmen, die uns seit vielen Jahrzehnten mit haltbar gemachtem Fisch versorgen. Die eine zersägt die Flossentiere in exakt rechteckige Platten und kühlt sie tief, während die andere die Meeresbewohner in Dosen steckt und mit Tomaten-,Senf- oder Piri-Mango-Soße übergießt. Fein, somit ist für Abwechslung bei der freitäglichen Familienernährung gesorgt.

Für die eine Firma steht schon seit 1967 ein Kapitän auf der Werbe-Brücke, inzwischen vom achten Darsteller verkörpert, stets gut gelaunt, weißbärtig und mit Kapitänsmütze auf dem Charakterkopf. Und alle Kinder wissen, das ist der Mann, der für den Nachschub an den kleinen, panierten Quadern sorgt, die so erfreulich wenig nach Fisch schmecken. Nun ist aber mit einem Mal eine weitere Gestalt aufgetaucht, ebenfalls mit weißer Gesichtsbehaarung und maritimer Kopfbedeckung, die für Firma B den Genuss von Fischkonserven propagiert.

So geht’s ja nun nicht, sagte sich Firma A, und zog mit dem Schlachtruf „Es kann nur einen geben!“ in München vor Gericht. München? Ist ausgerechnet die bayrische Metropole besonders qualifiziert für Fragen der Seefahrt? Aber tatsächlich zeigte die Münchner Justiz erstaunliche Fachkompetenz und kam alsbald zu dem Ergebnis: Der Neue ist gar kein Seemann, geschweige denn ein Kapitän. Er trägt nämlich keine Kapitäns- sondern eine Elblotsenmütze, zudem – ich zitiere - "eine karierte Weste mit Krawatte sowie einen Seidenschal", ist also ein "gut situierter Herr in einem eleganten Dreiteiler". Keine Verwechslungsgefahr somit - Fall geklärt.

Für mich allerdings bleiben da doch noch ein paar Fragen offen: Wieso eigentlich soll sich ein Kapitän nicht, in seiner Freizeit beispielsweise, in feinen Zwirn hüllen und den Seidenschal im Seewind flattern lassen? Und sich als gut situierter Herr zeigen? Warum der dann allerdings, wie auf dem Werbefoto zu sehen, beim Strandspaziergang Heringsfilets aus der Dose löffeln sollte, statt sich im eleganten Fischereihafenrestaurant eine Seezunge munden zu lassen, bleibt unklar. Liegt hier nicht gar ein Fall von Seemannsfeindlichkeit vor, der die Antidiskriminisierungsbehörden auf den Plan rufen müsste?

Völlig rätselhaft ist mir grundsätzlich, weshalb überhaupt Seeleute so begehrt sind als Werbebotschafter für kulinarische Erlebnisse. Die diesbezüglichen Hervorbringungen der christlichen Seefahrt beschränken sich doch eher auf angegammeltes Pökelfleisch mit Schiffszwieback, fauliges Wasser und Labskaus. Wir lagen vor Madagaskar – und uns war schlecht. Meine Nachbarin Barscheck, die selbstverständlich schon lange die beworbenen, industriell gefertigten Fischzubereitungen meidet, hält trotzdem in Erinnerung an längst vergangene Kindertage unverbrüchlich zum alten Fischstäbchen-Seebären. 

Wie auch immer, der Kapitäns-Streit wird die Gerichte wohl noch einige Zeit beschäftigen. Und das trotz aller anstehenden Corona-Prozesse und der Tatsache, dass deutsche Richter schon lange in Bergen unerledigter und von Verjährung bedrohter Aktenstapel untergehen. Und das sind wirklich Probleme. Ahoi!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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