Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Beeinflusser"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 07.12.2018 16:40 Uhr

Nr. 705

Nicht dass Sie denken, ich hätte nie Feuerwehrmann werden wollen. Auch Polizist, Indianerhäuptling, Astronaut und Millionär standen auf meinem Programm. Lange her, schon bei der ersten Berufsberatung waren diese hehren Ziele längst vergessen. Außer vielleicht dem Millionär, aber das hatte die freundliche Dame vom Arbeitsamt nicht im Angebot. Die Tochter einer Freundin teilte meiner Nachbarin Barscheck kürzlich mit, sie wolle Influencer werden. Barscheck, die im Stillen rätselte, wie man aus einer Grippeerkrankung einen Beruf machen kann, zog sich mit einem freundlichen "Aha" aus der Affäre.

Aber natürlich hat das Berufsziel der karrierebewussten Pubertierenden nichts mit "Influenza" zu tun. Nein, "Influencer sind die neuen Supertargets im Marketing", wie man einschlägigen Webseiten von Medienagenturen entnehmen kann. Aha. Irgendwas mit Medien also. Soziale Medien, genauer gesagt. Es geht schlicht darum, in netten You-Tube-Filmchen, auf facebook, twitter oder instagram den Zuschauern oder Lesern, kurz den usern, irgendwelche Produkte zum Kauf ans Herz zu legen.

Der, die oder das Influencer dreht aber nicht einfach Werbefilmchen, sondern versteckt das banale Anliegen hinter und unter munterem Geplauder über irgendetwas, was ihm gerade so durch die Birne rauscht und von dem er annimmt, dass das die gleichaltrigen Mitmenschen interessiert. Denn der Influencer braucht Follower, sonst ist er keiner. Klar, nur wenn eine ausreichende Anzahl von beeinflussbaren Menschen sich das abgesonderte Zeug ansieht, hat der Beeinflusser überhaupt Einfluss. Das heißt dann Follower-Power und steht in Klick-Zahlen unter dem jeweiligen Video. Um die möglichst hochzutreiben, braucht der Influencer credibility. Also Glaubwürdigkeit.

Man muss ihm oder ihr also glauben, dass es tatsächlich so lustig, quietschbunt und aufregend in seinem Leben zugeht, wie er oder sie uns das  in den Video-Clips zeigt. So dass die junge Fangemeinde regelmäßig nachgucken kommt, ob der blaue Fleck vom letzten Mal inzwischen verheilt, der Liebeskummer ausgestanden und das neuerworbene süße Kätzchen inzwischen stubenrein ist. Denn wie schreibt eine Influencer-Agentur: "Je näher uns die Menschen sind, die uns eine Empfehlung geben, desto glaubwürdiger schätzen wir deren Ratschläge ein".

Natürlich fließt bei der Sache nur Geld, wenn der Liebeskummer durch den Ankauf schicker Schuhe bekämpft wird und das Kätzchen das neue hochsaugfähige Bio-Katzenstreu einer bestimmten Marke im mit Glitzereinhörnern beklebten Katzenklo vorfindet. Und tatsächlich fließt die Kohle nicht zu knapp, wenn man den einschlägigen Veröffentlichungen glauben darf. Schon als Micro-Influencer, sprich mit weniger als 5000 Followern, kann es da ein paar Hundert Euronen pro Veröffentlichung geben, bei den Top-Leuten sollen es auch schon mal über 10.000 Kröten sein. Oder noch mehr. Denn die Industrie lässt es sich was kosten, dass ihre Werbung nicht mehr aussieht wie Werbung.

Und nicht nur die. Da lädt auch schon mal die Berliner Polizei einen hippen Influencer zum Schnupper-Tag bei der Truppe ein und freut sich dann über Tausende von jungen Menschen, die das cool finden. Oder Frau Merkel lässt sich von einer Schönheitsbloggerin zur Wahl befragen.

So richtig neu ist das natürlich nicht. Auch wenn zu unserer Jugendzeit Frau Rökk gegen Rheuma Togal empfahl, war sie eine Influencerin. Nur wusste jeder, dass das Werbung war und Frau Rökk dafür Geld kassierte. Lief ja im Werbefernsehen. Und das war auch gut so, meint Frau Barscheck. Alles andere sei schlicht Schleichwerbung. Aber hallo – wie klingt das denn? Berufswunsch Schleichwerber? Oder Werbeschleicher?


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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