Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Ja aber"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.01.2019 15:15 Uhr

Nr. 711

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Großbritannien. Hat mir doch das Inselreich meine erste längere Abwesenheit vom Elternhaus beschert. Ich war 16 – ist also schon ein bisschen her – und durfte zum Zwecke des Spracherwerbs dort 14 Tage verbringen. Ein unvergessenes Erlebnis, das mir neben tiefen Einblicken in die englische Diskotheken-Szene, der Verkostung der dort "Bier" genannten schaumlosen Plörre und mehrerer Nahtod-Erlebnisse aufgrund des Linksverkehrs auch die Erkenntnis verschaffte: Die spinnen, die Briten! Und das Jahre bevor der einschlägige Asterix-Band auf Deutsch erschienen war.

Ratlos starrten wir auf das Geld: Das Pfund zu 20 Schilling, der wiederum 12 Pence wert war – unsere Kopfrechnen-Fähigkeiten waren mindestens ebenso gefordert wie unsere Sprachkenntnisse. Zum Frühstück gab es bei unserer Gastfamilie warmen, geräucherten Hering, Kipper genannt – die Hauskatze musste nach unserer Abreise vermutlich wegen akuter Verfettung eingeschläfert werden. Das Ganze beherrscht von einer leibhaftigen Königin mit ausgefallenem Hut-Geschmack – wir taten uns schwer damit, das alles zu verstehen.

Das zumindest hat sich bis heute nicht geändert – die Königin ist noch immer dieselbe, und auch meine Schwierigkeiten, die Briten zu verstehen. Was da abgeht, seit vor zwei Jahren der Brexit verkündet wurde – what? I mean – hello? Wer soll da noch durchblicken? Theresa May – nach eigenem Bekunden "a bloody difficult woman" -, zunächst eine erklärte Gegnerin des Brexit, verhandelt jahrelang den EU-Austritt, um sich am Ende den mühsam ausgehandelten Vertrag vom Parlament um die Ohren hauen zu lassen. Gewinnt aber am nächsten Tag ein Misstrauensvotum und soll jetzt in nur drei Tagen einen Plan B auf den Tisch legen, der dann alle zufrieden stellt. Die Quadratur des Kreises dürfte dann höchstens noch weitere zwei Tage in Anspruch nehmen.

Der Brexit ist das klassische "Ja, aber – Thema". Was heißt: Egal, was man dazu sagt, es folgt ein "Ja, aber...". Das Volk hat in einem Referendum für den EU-Austritt votiert. Ja, aber nur mit 51,9 Prozent. Ist ein bisschen knapp für so eine Entscheidung. Ja, aber AKK hatte auch nicht mehr beim CDU-Parteitag. Die will aber auch nicht die EU verlassen – es sei denn, Friedrich Merz wird doch noch Kanzler. Ja, aber es bleibt dabei: Das Volk hat entschieden. Ja, aber dem hat man auch vorher jede Menge Unsinn erzählt: 350 Millionen Pfund würde Großbritannien durch den Austritt jede Woche sparen – da hat sich wohl jemand mächtig verrechnet. Die EU plane ein Verbot von Teekesseln – stimmte zwar auch nicht, ließ die Volksseele aber mächtig kochen. My tea is my castle!

Die schwierige Theresa sollte nun endlich zurücktreten! Ja, aber was kommt dann? Etwa der englische Trump-Klon Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Allein der Name ist ja schon wahnsinnig! Wie auch seine Vermutung, Obama sei damals gegen den Brexit gewesen, weil er aufgrund seiner "teilweise kenianischen" Abstammung das British Empire ablehne. Also doch "hard Brexit" ohne Deal? Ja, aber... Schluss damit.

Meine Nachbarin Barscheck hat schlicht jeden Versuch aufgegeben, das alles zu verstehen. Und befindet sich damit in bester Gesellschaft. Immerhin hat selbst Stephen Hawking, der keine Scheu hatte, sich mit Schwarzen Löchern, der Zeit oder dem Beginn des Universums zu befassen, erklärt, der Brexit sei ihm zu komplex. Ein Wissenschaftler der Universität Cambridge diagnostiziert gar "eine englische Psychose" aufgrund des unverarbeiteten Zusammenbruchs des britischen Weltreichs. Oder kürzer: Die spinnen, die Briten. Ja, aber... das ist dann doch ein bisschen zu kurz.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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