Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Lohnende Pflege"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.08.2018 16:40 Uhr

Nr. 689

Nicht dass Sie denken, ich hätte das Staunen verlernt, aber: Jens Spahn denkt nach! Nein, natürlich ist nicht allein die Tatsache, dass unser Gesundheitsminister sein Denkorgan benutzt, Anlass, sich die Augen zu reiben. Aber worüber sich der Mann da öffentlich Gedanken macht, lässt einen dann doch mit dümmlich aufgeklapptem Mund vor den Frühstückscerealien sitzen: Ob die Marktwirtschaft wirklich das geeignete Steuerungsinstrument für den Pflegesektor sein kann, überlegt der Mann im Handelsblatt.

"Ein kapitalmarktgetriebenes Fokussieren auf zweistellige Renditeerwartungen" sei nicht angemessen, formuliert er und ruft nach Regulierung durch den Gesetzgeber. Zumal eine Steigerung der Gewinne in diesem Bereich nur durch Senkung der Personalkosten und / oder der Qualität der Leistungen zu erreichen sei. Wow! Nun wäre wahrlich Zeit genug gewesen seit der Öffnung des Pflegewesens für Private im Jahre 1995, diese Probleme zu erkennen. Schon im Jahre 2000 hat die OECD festgestellt, dass ein privat finanziertes Gesundheitswesen teurer ist als ein vom Staat getragenes. Aber bitte: Besser spät als nie.

Prompt wird der nachdenkliche Minister beschuldigt, den "Sozialismus" einführen zu wollen, werden ihm "Enteignungsfantasien" unterstellt. Nun ist zweifellos Jens Spahn ebenso weit von sozialistischem Gedankengut entfernt wie ein Tiger vom Vegetarismus, aber es gilt wohl das alte Verdikt: Ein kluges Wort, schon bist du Kommunist. Entsprechend melden sich in der Causa auch sofort Figuren zu Wort, von deren Verbleib wir mit einer gewissen Erleichterung schon länger nichts mehr gehört haben. Rainer Brüderle beispielsweise – ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten - , von dem wir dachten, er habe sich längst zu Riesling und Dirndl-Fotosammlung zurückgezogen. "Wo kommen wir denn da hin, wenn wir nun verbandsmäßig oder auch staatlich festgesetzte Gewinne verordnen?", nuschelt der empörte FDP-Restbestand ins Interviewer-Diktaphon. Muss er auch, denn der Mann ist inzwischen Arbeitgeber-Präsident im Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste.

Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn die Gewinnmöglichkeiten im Pflegemarkt begrenzt und "nicht gewinnorientierte Anbieter" bevorzugt würden, wie in den Niederlanden seit drei Jahren? Vielleicht zu besserer Versorgung der Pflegebedürftigen und besserer Bezahlung der Pflegekräfte, weil nicht ständig Geld als Rendite an die Anleger abfließen würde? Und das ist kein Pappenstiel: Korian, führender europäischer Player im Pflegegeschäft, hat allein in Deutschland im letzten Jahr einen operativen Gewinn von 25 Prozent eingefahren. Ein privates Heim kommt im Schnitt immerhin auf 14 Prozent. Längst ist aus deutschen Pflegeheimen ein lohnendes Anlageziel geworden.

Entsprechend tummeln sich auf dem Markt Hedgefonds, die nach bewährter Heuschreckenmanier solche Einrichtungen kaufen, innerhalb weniger Jahre betriebswirtschaftlich auf Vordermann bringen, sprich die Kosten runter und die Gewinne hochfahren, und dann gewinnbringend weiter verkaufen. Big Business auf einem Markt, der kein gewöhnlicher ist: Der steigende Nachschub an Pflegebedürftigen ist dank steigender Lebenserwartung langfristig gesichert, ebenso wie die dafür zu entrichtenden Zahlungen, dank Pflegeversicherung und staatlicher Sozialleistungen. Das hält das Risiko klein.

Meiner Nachbarin Barscheck flatterte gerade wieder ein Anlageangebot für einen Pflegeheim-Fond ins Haus. Garantierte 6,5 Prozent Rendite. Da kann sie nur staunen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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