Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"High-Speed"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.11.2018 16:40 Uhr

Nr. 702

Nicht dass Sie denken, ich sei eine Spaßbremse. Dächte bei jeder spaßverdächtigen Unternehmung mit verbiestertem Gesichtsausdruck nur an etwaige politische, ökologische oder ethische Bedenken und – schlimmer noch – verkündete die dann auch noch umgehend meinen spaßwilligen Mitmenschen mit erhobenem Zeigefinger. Allerdings nervt mich doch zusehends der Anspruch, aus jeder alltäglichen Verrichtung ein spaßiges Event zu kreieren. Jeder Einkauf, jedes Telefonat, jeder Aufenthalt in der Badeanstalt, im Kino, jede Wanderung wird mir als Erlebnis mit immensem Spaßfaktor verkauft.

Und jetzt, so das Kanzleramt, soll also auch noch jeder Verwaltungsakt bei Bundes-, Landes- und kommunalen Behörden uns Bürgern Spaß machen. Dank Digitalisierung nämlich können wir zukünftig Autos oder uns selbst ummelden, Ausweise beantragen oder den Kirchenaustritt erklären, ohne uns vom heimischen Bildschirm erheben zu müssen. 24 Stunden am Tag. Und so richtig Spaß dabei haben. Der Hit dieser ganz neuen deutschen Welle heißt dann: "Ich will Spaß, gib mal Gas, ich brauch 'n Pass!"

Um die digitale Bespaßung nun so richtig auf den Weg zu bringen, hat sich die Bundesregierung diese Woche auf der Digitalkonferenz in Potsdam versammelt. Und will, wie man vorab schon einem Eckpunktepapier entnehmen konnte, jetzt aber so richtig Gas geben. Schnelles Internet für alle! Haben wir schon öfter mal gehört, soll jetzt aber wirklich kommen. Bis 2025. Und wer es dann doch noch nicht hat, kann es einklagen. Super, klappt ja schon bei den Kita-Plätzen großartig. Die Plätze für die Kleinen fehlen zwar weiterhin, aber mit etwas Glück und Ausdauer kann man wenigstens eine Entschädigung rausholen.

Aber ich will ja nicht die Spaßbremse spielen. Schließlich steht schon auf Seite 1 des besagten Eckpunktepapiers, dass unser Land nun endlich zum „Digitalgewinner“ werden soll. Ein Land, in dem noch in der letzten Bauernkate die Daten mit 1000 Mbit pro Sekunde durch die Glasfaserkabel rauschen. Die es zur Zeit noch nicht gibt. Deutschland liegt in Sachen Netzausbau derzeit auf Platz 30, im Schnitt dümpeln wir Deutschen mit 15 Megabit noch eher gemütlich durch die Weiten des Webs. Von Funklöchern gar nicht zu reden, die wir aber jetzt schon per App melden können – sobald wir wieder Empfang haben. Und dann, so der Sprecher des Kanzleramts, werde man mit den Betreibern reden. Großartig.

Vor allem aber sollen die Digital-Klausner in Potsdam den Siegeszug der künstlichen Intelligenz einläuten. Da müsse Deutschland die Nummer 1 werden. Denn, so die überraschende Erkenntnis, mit Daten könne man „bares Geld verdienen“. Und zu deren effizienter Auswertung sei die KI halt unabdingbar. Ebenso wie natürlich eine ausreichende Menge Daten. "Die Menge an nutzbaren, qualitativ hochwertigen Daten muss deutlich erhöht werden, ohne dabei Persönlichkeitsrechte, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder andere Grundrechte zu verletzen."

Zur Zeit wird das erhoffte „bare Geld“ hauptsächlich von anderen verdient, in USA oder China beispielsweise. Wahrscheinlich deswegen, vermutet meine Nachbarin Barscheck, weil man es da mit dem Datenschutz und den Persönlichkeitsrechten eben nicht so genau nimmt. Aber das ist ja alles nicht so schlimm. Wie es ein Zürcher Professor formuliert: „Wir sind quasi schon längst versklavt. Es ist einfach so. Denn unser Benefit ist subjektiv gesehen höher als der Schaden, den wir hätten.“  Klar. Wir wollen halt Spaß.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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