Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Auftritt und Abgang“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 01.07.2022 16:45 Uhr

Nr. 890

Nicht dass Sie denken, ich sei kein Freund des Theaters! Ganz im Gegenteil! Umso empfindlicher reagiere ich darauf, wenn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, Journalist und Journalistin in die Metaphernkiste greifen und – besonders im politischen Geschehen – das Agieren der Beteiligten verächtlich als Theater disqualifizieren. Gerade wieder zu studieren in der Berichterstattung unseres saarländischen Zentralorgans über das zugegeben seltsame Gebaren der Grünen im Saarbrücker Stadtrat.

Dagegen muss man die Betroffenen in Schutz nehmen – die Schauspieler:Innen nämlich und die anderen am Theater Tätigen! Die wissen nämlich in der Regel, was sie tun und warum. Haben wochenlang daran geprobt, Texte gelernt, eine Regie hat Konzept und Gesamtwirkung im Auge behalten. Entschuldigung – hatten Sie den Eindruck, dass die grüne Stadtratsfraktion... eher nicht, oder?

Aber unverdrossen ging’s am Mittwoch los unter der Überschrift „Nächster prominenter Abgang bei den Saar-Grünen“. Als hätte Yvonne Brück gemäß irgendeines Stücktextes  die Bühne verlassen. Sie kennen diese Regieanweisungen in Theatertexten – Yvonne: „ Macht doch Euren Scheiß alleine!“ (ab nach rechts). Gut, da hat der Journalist wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, dass er sich metaphrös ins Theater begeben hat. Sagt man halt so: Abgang. Ab durch die Mitte. War auch nur wichtig genug für Seite B1 (Saarland) – mit kleinem Teaser-Kästchen auf der Titelseite.

Am nächsten Tag – gleiche Seite – schrieb sich dann eine Kollegin ihren Unmut von der Leber: „Grüne Seifenoper ohne Happy End“ hieß der Kommentar. Und natürlich ging's nicht ohne einen Schlenker zur „Lindenstraße“ und deren mehr als 1750 Folgen. Beim besten Willen – so lange halten die grünen Rest-Stadträt:innen mit Sicherheit nicht durch. Und wenn, wäre das alles andere als ein Happy End.

Sei's drum, tags drauf lasen wir dann auf der Saarland-Seite die Meldung: „ Jamaika Koalition geplatzt“. Ganz ohne Theater – aber durchaus dramatisch. Dann aber, am nächsten Tag: „Schmierentheater in Saarbrücken“. Über das Genre kann sich der Schreiber dabei nicht recht klar werden. Erst  eine „Lachnummer“ bei der Kulturdezernentenwahl, dann Splatter pur - „brutale Selbstzerfleischung“ -  jetzt „eine gewisse Komik“ in der Aufkündigung der Koalition und das alles in die Forderung mündend „kein weiteres Schmierentheater“ mehr aufzuführen. Schade eigentlich, klang doch ganz spannend.

Aber „Schmierenthater“? Direktor Striese im berühmten „Raub der Sabinerinnen“ verteidigt sich gegen diesen Vorwurf unter anderem mit den Worten: „Es ist wahr, dass ich meinen Schauspielern fast gar keine Gage bezahlen kann, aber dafür leisten sie desto mehr.“ Das kann man nun beides über die Grünen im Stadtrat wirklich nicht sagen. Ist aber auch alles nicht so wichtig.

Schon eine Woche nach dem vermeldeten Abgang der Stadtverordneten Brück aus Partei und Fraktion haben die verbliebenen Grünen wieder zur eigentlichen politischen Arbeit zurückgefunden. Und es damit dann auch endlich auf die Seite 1 geschafft: „Saarbrücker Grüne fordern 'oben ohne' für alle in Bädern“. Ist natürlich Blödsinn, sie haben nur verlangt, dass jeder Mensch, egal welchen Geschlechtes, ohne Oberteil baden gehen darf, wenn er oder sie oder divers das möchte. Wurscht: So geht Politik in Saarbrücken!

Meine Nachbarin Barscheck findet das alles überhaupt nicht komisch. Bestenfalls ein Trauerspiel mit Laien-Darsteller:innen ohne sonderliche Begabung, meint sie. Und hofft auf ein baldiges Spielzeit-Ende.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 01.07.2022 und in "Der Morgen" am 02.07.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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