Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Win-win"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.05.2018 16:40 Uhr

Nr. 676

Nicht dass Sie denken, ich gewönne nicht gerne. Gewinnen ist super. Auf jeden Fall besser als Verlieren. Blöd ist halt, dass in der Regel einer verlieren muss, damit es einen Gewinner gibt. Oder, um es in Bezug auf unser treppenabschnittliches Scrabblespiel korrekt zu formulieren: Einer muss verlieren, damit eine Gewinnerin ist. Auch wenn meine Nachbarin Barscheck nach jeder meiner krachenden Niederlagen darauf hinweist, ich hätte ja auch gewonnen: einen schönen Spieleabend in angenehmer Gesellschaft zum Beispiel. Ehrlich – das mindert mein quälendes Verlangen kaum, Frau Barscheck die Buchstabenplättchen für ihren monströsen VEGETARIERGRILL unters Bio-Müsli zu mischen. 150 Punkte!

Aus ähnlichem Frust heraus wurde wohl an der Harvard-Universität die berühmte Win-win -Strategie entwickelt, die Konfliktlösung ohne Verlierer. Tolle Sache, wenn's klappt. Umso überraschter war ich, als ich kürzlich in der F.A.Z. von "Win-win-Verteidigungsausgaben" lesen durfte. Wo doch das Militär traditionell für "win-lose" angelegt ist. Oder "lose-lose" in Zeiten der Nuklearwaffen.

Worum geht’s also den FAZ-Autoren? Immerhin der ehemalige Befehlshaber der US-Armee in Europa und eine Frau Braw, die bei einer Denkfabrik namens "Atlantic Council" als "Nonresident Senior Fellow" tätig ist. Was auch immer das sein möge. Ganz einfach: Für die kräftig zu erhöhenden Verteidigungsaufgaben schafft Deutschland nicht z. B. 1000 neue Panzer an, denn die, so schreiben die beiden, "würden eine mögliche Kampfzone im Osten Europas wahrscheinlich nicht erreichen". Wegen schrottiger Autobahnen und Brücken. Die befreundeten Truppen aber, die im V-Fall durch Deutschland gen Osten ziehen würden,  brauchen "panzerfitte Straßen". Also lautet der Beschluss, dass man Autobahnen bauen musss. Auf denen ja, bis es soweit ist, auch zivile deutsche Autofahrer fahren dürfen. Win-win at it's best.

Das Gleiche gilt natürlich auch für neue mobile Brücken für die Armee – die können ja wunderbar beim nächsten Hochwasser ganz zivil genutzt werden. Und die Deutsche Bahn braucht dringend neue Gleise und Waggons – wie sollen sonst Soldaten und Nachschub an die Ostfront kommen? Aber auch da freut sich vorher der zivile Reisende und der Logistikunternehmer. Dann noch den Bremerhavener Hafen ausgebaut, der schließlich der "zentrale Anlandehafen für Verstärkungskräfte aus den Vereinigten Staaten und Kanada" ist und schon gewinnt auch die zivile Frachtschifffahrt. Und so jubeln die beiden Kriegsplaner: "Alle anderen Deutschen würden sich auch freuen".

Da ist es auch nicht schlimm, wenn Deutschland wohl absehbar "kaum die wichtigste Militärmacht Europas werden" wird. Dafür wären wir dann "Geschwindigkeits-Champion des Kontinents". Also doch irgendwie auf dem Siegertreppchen. Die verlangten 2 Prozent vom BIP für die Verteidigung sind da auch schnell zusammen, und alle freuen sich drüber. Bis dann die Panzer für den Russlandfeldzug rollen und die Soldaten die Züge entern. Aber dann is es eh wurscht.

Vielleicht könnte man ja vom neuen Verteidigungsetat auch neue Kasernen bauen und die bis zum Ernstfall als Schulen und Kitas nutzen? Brauchen wir auch dringend. Meine Nachbarin Barscheck meint ja, das alles könnte man doch auch gleich aus den dafür vorgesehenen Etats finanzieren. Das Geld scheine ja da zu sein. Ist was dran.

Andererseits: Stellen Sie sich vor, es ist Krieg und die Panzer stecken bei Unna im Stau  – wär auch ein Gewinn.  


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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