Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Ohne Corone"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.03.2020 15:40 Uhr

Nr. 774

Nicht dass Sie denken, ich scheute mich vor Herausforderungen. Gerade in diesen Zeiten von … ja, also: zur Zeit muss man sich ja allen Herausforderungen stellen. Deshalb heute mal ganz ohne das C-Wort. Muss ja möglich sein. Und positiv. Also  nicht "positiv" im Sinne von irgendwelchen Testergebnissen, sondern einfach positiv, also auf der Suche nach dem Guten in all dem Schlechten. Könnte ja auch sein, wir lernen was aus der... Situation. Für nachher.

Zum Beispiel, wer und was eigentlich wirklich systemrelevant ist. Ärztinnen, Pflegerinnen, Kassiererinnen, Lagerarbeiterinnen, Regaleinräumerinnen, Paketbotinnen, Bäckerinnen und die jeweiligen männlichen Kollegen. Aber auch Künstlerinnen, deren fehlende Präsenz im stillgelegten Leben nun doch langsam schmerzlich auffällt. Alles Berufsgruppen, die sich bislang weder einer besonderen gesellschaftlichen Wertschätzung noch einer anständigen Bezahlung erfreuen konnten.

Vielleicht haben Sie sich bei einem kleinen Ausgang (aus wichtigem Grund) ja auch schon mal gedacht: Ist eigentlich ganz schön, der wenige Autoverkehr auf den Straßen... Wenn jetzt noch die ganzen nutzlos herumstehenden Autos am Straßenrand weg wären, dann kriegt man doch mal eine Vorstellung, wie sich das anfühlen würde: so eine autofreie Innenstadt. Radfahrerinnen und Radfahrer erleben gerade das neue Gefühl, ohne Gefahr für Leib und Leben durch die Stadt rollen zu können.

Und so mancher Couchpotatoe darf endlich mit dem guten Gefühl die Füße vor der Glotze hochlegen, sich damit gesellschaftlich konstruktiv zu verhalten. Und die Regale mit gesunden Snacks sind noch überall proppenvoll. Müssen ja nicht immer fettige Chips sein.

Gut, das mit der Glotze ist im Moment nicht einfach. Nicht so leicht, zwischen all den Nachrichten, Extras, Brennpunkten, Talkshows und Reportagen, die sich fast ausschließlich mit dem... Thema der Stunde befassen, etwas Virenfreies zu finden. Gibt’s aber – und wir können ja momentan ruhig etwas länger aufbleiben, wer muss schon früh raus? Außer den oben genannten Heldinnen natürlich.

Meine Nachbarin Barscheck findet auch Trost und Ermutigung in den ganzen solidarischen Aktionen: private Kinderbetreuungen, Einkaufshilfen für Risikopersonen, Fensterkonzerte und kostenloser Lesestoff für die eingesperrten Kinder. Kürzlich erreichte sie sogar eine Aufforderung, sich an einem bestimmten Tag morgens um 4 Uhr an einer weltweiten Meditation zur Besänftigung des … bekannten Erregers zu beteiligen. Auch wenn man nicht unbedingt glauben mag, dass sich das fiese Stachelkügelchen davon beeindrucken lässt – immerhin: da tut sich was gemeinsam über alle Grenzen hinweg.

Wobei - deutlicher konnte man wohl noch nie sehen, wie uns die Globalisierung samt der damit verbundenen just-in-time-Lieferketten und dem "Hauptsache billig!" vor die Füße fällt. Genauso wie die Folgen des jahrelangen Spardiktats mit den auf Effizienz gebürsteten und Gewinn-privatisierten Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Die schwarze Null kullert längst unbeachtet im Staub der leergefegten Plätze herum. Könnte einem ja mal zu denken geben.

Wie auch der Aufruf des UN-Generalsekretärs Guterrez zu einem weltweiten Waffenstillstand: "Es ist an der Zeit, bewaffnete Konflikte zu beenden und sich gemeinsam auf den wahren Kampf unseres Lebens zu konzentrieren", schreibt er. Schade, dass für all das erst so ein Corona-Virus kommen muss!

Ups – jetzt doch noch gescheitert. Nicht so schlimm. Wenn wir die wirklich wichtigen Herausforderungen bewältigen. 

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 27.03.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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