Brunners Welt: „Der lange Abschied“

"Doch man sieht nur..."

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.04.2024 16:45 Uhr

Nr. 983

Nicht dass Sie denken, ich ließe mich in jede mediale Jahrmarktsbude locken. Madame Elvira mag die Zukunft aus ihrer Glaskugel lesen, der Lukas soll sich selber hauen und der stärkste Mann der Welt seine hohlen Hanteln recken – ohne mich.

Ja, ich weiß, das sind längst verschwundene Kirmes-Attraktionen, an die sich kaum noch jemand erinnert. Aber wenn ganz aktuell ein Fernsehsender verkündet, er wolle einen „Boxring der Demokratie“ aufstellen zum „umstrittensten Schlagabtausch Deutschlands“, dann klingt das schon ein bisschen nach den abgetakelten Männern, die uns damals in ihre Zelte locken wollten. Kommen Sie rein, nur hier, nur bei uns… Jedenfalls weiß man, dass sich da nicht die erste Garde prügeln wird, nicht mal die Stefan-Raab-Liga, der sich ja auch nochmal von Frau Halmich das Gesicht richten lassen will – alles für die Quote.

Welt TV jedenfalls hat am Donnerstag Abend Björn Höcke gegen Mario Voigt die Handschuhe anziehen lassen. Falls Sie die beiden nicht so auf dem Schirm haben: Mario Voigt ist CDU-Fraktionschef in Thüringen und möchte dort im September gerne Ministerpräsident werden. Und Björn Höcke ist Björn Höcke. Und will das auch. So, wie es zur Zeit aussieht, wird es wohl keiner der beiden – und den Umfragen nach auch sonst niemand. Egal, das was mich und immerhin etwas über eine Million Zuschauer:innen anlockte, war ja doch wohl der Gruselfaktor Höcke. Und die scheinheilige Frage: Darf man das denn überhaupt, so einen auf die Bühne stellen? Ja, man darf. Muss aber nicht.

Auch wenn die Redaktion des Springer-Senders verkündete, sie wolle dem rechten Recken „keine Bühne bieten“ sondern eben den „Boxring der Demokratie“. Wo es dann aber doch für keinen der beiden Kontrahenten so richtig eins auf die Mappe gegeben hat. Nettes Geplänkel zu Beginn: Sagt der wahre Thüringer nun Mettbrötchen oder Gehacktes? Und ist das wahlentscheidend? Im weiteren dann erwartbare Finten und Angriffe. Wie sollte es auch anders sein? Mario Voigt, der ja vor allem immer wieder klar machen musste, wer er ist – CDU, Demokrat, Ministerpräsident in spe und vor allem Thüringer – und Höcke, der das noch schwerere Kunststück vollbringen musste, den braven Zuschauern daheim auf den Sofas klarzumachen: Seht her, ich bin’s, der biedere Mitte-der-Gesellschaft-Björn, der Anwalt der kleinen Leute, Freund der Demokratie, ehemaliger Vertrauenslehrer, kann ich noch ein Stückchen Kreide haben, bitte? Und gleichzeitig seinen robusten Gesinnungskomplizen zu versichern: Nee, nee, keine Angst, ich bin’s immer noch, euer alter Fascho-Björn, alles für Deutschland!

Was er ja nicht mehr sagt, seit er deswegen eine Anzeige am Hals hat. Weil das nun mal ein SA-Slogan war. Was er wiederum nicht wusste, sagt er, weil Geschichtslehrer eben auch nicht alles wissen. Gedächtnis-Lücken hat er auch: Warum genau er in seinem Buch geschrieben hat, Bundestags-Vizepräsidentin Aydan Özoğuz habe „in Deutschland nichts verloren“, da ist ihm der Kontext nicht mehr so im Kopf. Kann er ja mal beim ollen Gauland nachfragen, der wollte Frau Özoğuz auch schon mal „in Anatolien entsorgen“.

Wie auch immer, Sieger nach Punkten: WELT-TV, dem der Polit-Klopper bislang ungeahnte Quoten bescherte. Und so fürchte ich ein bisschen doch auch der Höcke, der sich da fast wie ein normaler Politiker präsentieren durfte. Und man sieht nur die im Lichte. Meine Nachbarin Barscheck hat sich das nicht angeschaut. Seit den Gebrüdern Grimm, sagt sie, weiß man doch, dass der Wolf die Kreide immer nur zum amuse gueule nimmt. Und dann lecker Geißlein. Alle sieben.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 12.04.2024 und in "Der Morgen" am 13.04.2024 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja