Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Intelligent fühlen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.06.2018 16:20 Uhr

Nr. 681

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen künstliche Intelligenz. Angesichts des intellektuellen Niveaus, mit dem man heutzutage mühelos die Karriereleiter bis beispielsweise ins Weiße Haus, einen post-seldschukischen Protzpalast oder ein Berliner Heimatministerium hinaufkrabbelt, ist es naheliegend, sich nach anderen Quellen für den Rohstoff Intelligenz umzusehen. Wäre ja auch eine Lösung, wenn Menschen, die sich mit dieser Tätigkeit überfordert sehen, zumindest denken lassen könnten.

Nützt natürlich nur dann, wenn sie die Ergebnisse der schlauen Maschinen dann auch annähmen und umsetzten. Und nicht doch wieder selbst unter Vermeidung von Gehirnaktivitäten irgendwelche Tweets in die Welt bliesen. Oder im Alleingang irgendwelche Grenzen schließen wollten.

Andererseits tut man sich ja nach wie vor schwer damit, festzulegen, was überhaupt Intelligenz ist. Lernfähigkeit ist zumindest mal eine Grundlage. Das schaffen die künstlichen Denkmaschinen inzwischen ganz gut. Schon im letzten Jahr brachte sich so ein Rechenknecht in nur drei Tagen das komplizierte Go-Spiel selbst bei und erreichte ein Niveau, mit dem es menschliche Großmeister vom Spielfeld putzte. Ist ja schon mal was.

Nun ist aber auch schon seit etlicher Zeit bekannt, dass es nicht nur eine, sondern eine Vielzahl von Intelligenzen gibt. Soziale Intelligenz beispielsweise, oder die vielzitierte "Emotionale Intelligenz". Auch dafür haben die Jünger der Silizium-Chips Lösungen parat. Ein deutsches Start-up arbeitet daran, ihre Maschinen menschliche Gefühle verstehen zu lassen. Der Chef des Unternehmens kann heute schon auf seinem Handy nachschauen, wie es ihm geht. Ob er sich aufgeregt oder ruhig fühlt, ob er eher positiv oder negativ eingestellt ist.

Gut, bislang haben wir eigentlich auch ohne zusätzlichen Stromverbrauch gemerkt, wenn wir scheisse drauf waren. Aber natürlich geht es bei der Sache ja auch nicht um Selbsterkenntnis, sondern darum, dass andere wissen wollen, wie es um unser Innenleben steht. Getestet wird das gefühlsduselige System gerade bei einem Call-Center. Da soll dann der erboste Kunde an den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin durchgestellt werden, die gerade am besten drauf ist.  Super Sache. Bleibt nur die Frage, was mit den Angestellten passiert, denen die Software zu häufig schlechte Laune attestiert? Und das dem Arbeitgeber auch gleich als buntes Kurvendiagramm auf den Schreibtisch liefert.

Aber der Start-upper ist gerade so schön im Flow, er träumt schon von Autos, die dem Fahrzeuglenker das Heft aus der Hand nehmen, wenn dessen Aggressionswerte in den roten Bereich geraten. Nach dem dritten Mal bucht das System dann vermutlich selbsttätig einen Meditationskurs in der örtlichen VHS und nach dem fünften Aggressionsschub geht eine Meldung an den Versicherer. Wollt ihr die totale Überwachung?

Darüber, so der Firmenchef, "entscheiden Menschen". Ach so. Da kann man nur hoffen, dass die dann intellektuell auf der Höhe, seelisch ausgeglichen und emotional gut eingestellt sind. Oder eben eine Maschine haben, die ihnen diese Entscheidung abnimmt.

Bei allen Bedenken, schön wär's schon, wenn so ein Elektronikkästchen im entscheidenden Moment einem Trump den Twitter-Account sperren oder den Druck auf das rote Knöpfchen verwehren würde. Oder ich schon vor dem persönlichen Erstkontakt des Tages auf meinem Handy nachschauen könnte, in welcher Verfassung meine Nachbarin Barscheck gerade ist. Das wär mal ne sinnvolle und intelligente Lösung für das Treppenabschnitts-Management, find ich.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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