Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Kreuz und quer"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.01.2020 16:20 Uhr

Nr. 765

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Kreuze. Im Gegenteil, wenn sich nichts kreuzte, wäre das Leben deutlich ärmer. Was wäre aus unserem Treppenabsatz geworden, wenn sich nicht die Wege meiner Nachbarin Barscheck mit den meinen irgendwann gekreuzt hätten? Wie viele Stunden unseres Lebens wären leer geblieben wie 17 waagerecht, hätten wir keine Kreuzworträtsel auszufüllen gehabt; wir wären kreuzunglücklich, dürften wir nicht unsere Kreuze auf die Wahlzettel kritzeln; was wäre der Tatort ohne Kreuzverhör und Dagobert Duck ohne seinen ersten selbstverdienten Kreuzer? Die Bergleut sein kreuzbrave Leut - und kreuzfidel noch dazu.

Das Symbol zieht sich kreuz und quer durch die Menschheitsgeschichte, nicht erst seit die Römer Jesus dran genagelt haben. Vermutlich hat schon den ersten Höhlenmenschen angesichts einer Linie im Sand das unwiderstehliche Verlangen gepackt, eine zweite Linie darüber zu malen. Und ohne sich kreuzende Geraden hätten Pythagoras und Kollegen nicht ihre Sätze über Winkel, Dreiecke und Hypotenusenquadrate zu Papyrus gebracht.

Kein Wunder also, dass die Kreuzfahrt zum Boombereich der Urlaubsindustrie schlechthin geworden ist. Trotz aller schlechten Publicity durch Fridays for future und die Umweltverbände – wer in die beliebte Suchmaschine mit den bunten Buchstaben das Wort "Kreuzfahrt" eingibt, erhält innerhalb von 0,37 Sekunden 1,7 Millionen Treffer. Das Hin- und Herfahren auf Meeren und Flüssen in den schwimmenden All-you-can-eat-Dosen erfreut sich immer noch wachsender Beliebtheit. Zumal all-you-can-drink ja auch im Angebot ist.

Natürlich wissen wir alle, was wir damit anrichten: Nicht nur, dass die gewaltigen Dieselmotoren Luft und Klima zerstören, ganze Städte und Landstriche ächzen unter dem Andrang besichtigungswütiger Touristen, und sie haben nicht einmal wirtschaftlich etwas von den Besucherströmen. Die gehen anschließend doch lieber zu ihrem Inklusiv-Buffet aufs Schiff zurück, statt die Kneipen und Restaurants der Anlegehäfen aufzusuchen. Wissen wir alles, schließlich hält uns die Presse ja mit kritischer Berichterstattung über das Kreuzfahrer-Unwesen auf dem Laufenden.

Erstaunlicherweise aber bieten nicht wenige unserer großen Qualitäts-Presseerzeugnisse munter eben diese im redaktionellen Teil noch verdammten Kreuzfahrten ein paar Seiten weiter als "Leserreise" exklusiv und in Farbe an. Gerne auch betreut von Chef- und anderen Redakteuren, die dann an Bord Vorträge halten, mit den Lesern diskutieren oder sonstwie zur bildungsbürgerlichen Unterhaltung beitragen. Eine große deutsche Zeitung bewirbt das Ganze sogar mit dem Slogan "Journalismus live!". Was auch immer man sich darunter vorstellen mag – das ist es wahrscheinlich nicht.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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