Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Braucht man das?"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 03.04.2020 15:40 Uhr

Nr. 775

Nicht dass Sie denken, ich hätte schon alles, was ich brauche. Ich brauche auch längst nicht alles, was ich habe. Wann hat man schon mal die Zeit, sich über so etwas Gedanken zu machen? Natürlich jetzt, da uns das garstige Virus dazu zwingt, unsere Tage zu Hause zu verbringen und die Stunden auch mit Tätigkeiten zu füllen, die uns ungewohnt sind. Neue Nudelrezepte finden, Telefonsex mit dem oder der fernen Angebeteten, Brettspiele aus längst vergangenen Kindertagen oder eben, ja, sich Gedanken machen.

Was braucht man wirklich? Den Besuch in der Stammkneipe? Den freien Zugang zu den Tempeln des Konsums – je nach Interessenlage Elektronikdiscounter, Baumarkt oder Klamottenladen? Die freundschaftliche Umarmung oder das Begrüßungsbussi beim Zusammentreffen mit flüchtigen Bekannten, an deren Namen man sich häufig nicht einmal erinnert? Den Stadionbesuch beim Lokalderby?

Je nun, manches von dieser Liste mag einem schon fehlen. Aber brauchen? Klopapier, ja. Theater, Kino, Konzerte, entspanntes Stöbern im Buchladen, Abtanzen in Clubs? Ja, doch schon, auch, irgendwie.

Fest steht jedenfalls, wen wir brauchen. Vor allem natürlich die Ärztinnen, Pflegerinnen, Krankenschwestern, Apothekerinnen, Paketboten, Polizistinnen und Polizisten, und aber auch die Verkäuferinnen und Kassiererinnen im Supermarkt. Für die alle wir jeden Abend aus unseren Fenstern und von unseren Balkonen aufbauenden Applaus spenden. Heldinnen und Helden, die per Fernsehansprache unserer Kanzlerin sogar zum Höchsten geadelt wurden, was man in diesem Land werden kann: Zu SRPs, zu systemrelevanten Personen. Denen Anerkennung und Dank gebühren, vom bereits erwähnten öffentlichen Klatschen bis zum selbstgemalten Pappschild am Supermarkteingang. Sogar über eine gerechtere Entlohnung der ja häufig mies bezahlten Berufsgruppen wurde schon öffentlich nachgedacht – wir leben wahrhaftig in außergewöhnlichen Zeiten!

Damit uns die Flausen aber nicht all zu sehr in den Köpfen herumwirbeln, brachte der Einzelhandelsverband HDE uns jetzt mit einem Statement wieder auf den Boden der wirtschaftlichen Machtverhältnisse zurück. Von wegen Lohnerhöhungen, die Angestellten müssten im Gegenteil ihren Beitrag zum Überleben der Branche leisten! Und zwar durch Lohnverzicht!

Konkret: Die für April/Mai bereits ausgehandelten Tariferhöhungen sollten ausgesetzt werden bis Ende des Jahres! Einen "Arbeitsplatz-Rettungs- und Unternehmens-Nothilfe Tarifvertrag" fordert der Unternehmensverband. Und stellt damit klar, was und wer hierzulande wirklich systemrelevant ist. Jedenfalls nicht die "Angestellten mit einfachen kaufmännischen Tätigkeiten", wie die Kassiererinnen offiziell heißen. Die sollen gefälligst mit ihrem Verzicht auf branchenzerstörende 35 Euro mehr Einstiegsgehalt dafür sorgen, dass sie nach der Krise überhaupt noch etwas verdienen dürfen. Ein Gehalt, über das ein Wirtschaftweiser einmal gesagt hat, es sei zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben.

Meine Nachbarin Barscheck meint, dass man nach dem abendlichen Fenster-Applaus durchaus noch ein paar Minuten Buhrufe für den HDE anschließen könnte. Frei nach Bertolt Brecht: Es macht sie ein Applaus nicht satt, der schafft kein Essen her! Und vielleicht brauchen die eben noch zu systemrelevanten Heldinnen an der Lebensmittelfront Geadelten auch keine ganzseitigen Dankesanzeigen in den Tageszeitungen – das Geld dafür wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen. Was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man zu viel Zeit hat...


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja