Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Gesichter"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 21.09.2018 16:20 Uhr

Nr. 694

Nicht dass Sie denken, ich hätte kein Verständnis für die Nöte von Politikern. Was hatte die SPD für eine klare, harte Linie in der Causa Maaßen! Noch klingeln einem die Ohren von Nahles‘ markigem Satz: „Maaßen muss gehen, und er wird gehen!“ Nun lässt sich ein Rückgrat etwa ebenso schwer vortäuschen wie der männliche Orgasmus, folgerichtig knickte Frau Nahles beim entscheidenden Gespräch mit Seehofer und der Kanzlerin dann doch weg.

Von da an ging es nur noch um eines: Gesichtswahrung. Für die SPD-Frau ebenso wie für den CSU-Horst. Nun wissen wir ja alle, dass kosmetische Gesichtseingriffe nicht für ein paar Euro fünfzig beim Hausarzt um die Ecke zu haben sind. Im vorliegenden Fall kosten die beiden Gesichter rund 32.000 Euro pro Jahr, soviel verdient der den Gesetzen der Gravitation zum Trotz nach oben gefallene Verfassungsschutzchef künftig mehr – als Staatssekretär. Eine Stange Geld, sicher. Aber für welche Gesichter, wenn nicht für die von Nahles und Seehofer, würden wir bereitwilligst in die Tasche greifen?

Ja, wir. Denn anders als bei Horst oder Andrea Normalverbraucher, dem oder der Nase, Schlupflider oder Hängebacken nicht mehr zusagen, zahlen die Kosten für politische Gesichtswahrung die Betroffenen nicht selbst, die übernehmen wir. Die Steuerzahlerinnen und -zahler. Und also treten sie frisch geliftet vor die Mikrofone.

Nahles verkündet stolz, Herr Maaßen sei gegangen – wohin er gehen solle habe sie ja nie gesagt. Die Koalition sei gerettet. Zu Risiken und Nebenwirkungen möge man doch den Seehofer fragen. Der wiederum, wie gewohnt maliziös lächelnd, verkündet, er habe die Debatte ja nicht angezettelt. Im Übrigen habe er immer zu Herrn Maaßen gestanden, und das tue er eben auch weiterhin. Alle anderen Fragen bitte an die SPD.

Alles prima, nur uns fällt angesichts dieses Deals dann doch das Gesicht herunter. Koalition gerettet? Ja, aber nur von einer wurmzerfressenen Planke im aufgewühlten Meer des Koalitions-Unfriedens auf einen morschen Rettungsring gehievt. Und der Sturm bläst mächtiger denn je aus dem SPD-Parteivolk und von deren Länderchefs. Denn der Preis für die Gesichtschirurgie war weitaus höher als die 32.000 Euro. Hätte man dem Aufrücken des gestrauchelten Verfassungschutzchefs in Horsts Ministerium des Innern für Bau, Heimat und Kanzlerinnen-Bashing noch zähneknirschend zustimmen können, das Opfer des einzigen SPD-Staatssekretärs hätte man niemals hinnehmen dürfen.

Aber: Hätte, hätte – da war doch mal was mit einer Fahrradkette. Meine Nachbarin Barscheck, ohnehin skeptisch gegenüber jedweder Schönheitschirurgie, findet das deutlich überbezahlt. Zumal der zwangsweise frühverrentete SPD-Staatssekretär auch noch Fachmann für Wohnungsbau war. Der einzige in Horsts Super-Ministerium, müsste man noch anfügen. Und das zwei Tage vor dem großen Wohnungs-Gipfel der Bundesregierung.

Der SPD geht’s aber immer um die Sache. Und das ist die Regierungsbeteiligung – koste es, was es wolle. Denn solange diese Koalition hält, kann sie den Blick auf die hässlichen Zahlen der Wählerstimmen noch ein wenig aufschieben. Und bekommt sogar noch Zustimmung von der Linken. “Auch wenn das Ergebnis am Ende etwas halbherzig ist, zeigt die Ablösung Maaßens..., dass es sich lohnt, wenn die SPD mal entschieden auftritt”, sagte die LINKEN-Vorsitzende Kipping. Entschieden halbherzig? Da droht wohl schon wieder ein Gesicht zu entgleisen. Haben halt auch so ihre Nöte, die Linken.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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