Vertikalgarten an Hochhäusern (Foto: picture alliance / Zoonar | Antonello Marangi)

So müssen sich Städte an die Folgen des Klimawandels anpassen

Tabea Prünte   10.11.2021 | 11:21 Uhr

Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer deutlicher. Gerade in Städten ist es im Durchschnitt schon jetzt wärmer als in der ländlichen Umgebung, sagen Experten und raten Kommunen einerseits zu Maßnahmen zum Klimaschutz sowie gleichzeitig zur Klimaanpassung. Dazu gibt es verschiedene Herangehensweisen.

Die CO2-Bilanz verbessern, möglichst auf erneuerbare Energien umsteigen, den öffentlichen Nahverkehr ausbauen oder öffentliche Einrichtungen energetisch sanieren – all dies sind wichtige Beiträge für den Klimaschutz.

Doch manche Folgen des Klimawandels lassen sich schon jetzt nicht mehr durch solche Maßnahmen vermeiden, erklärt Anna-Kristin Jolk vom Zentrum für Klimaanpassung, das im Auftrag des Bundesumweltministeriums Kommunen bei der Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen unterstützt.

Vor diesen Folgen müssen sich Städte schützen, um sich zum Beispiel für Extremwetterereignisse zu wappnen.

Schutz bei Extremwetterereignissen

Für ein Extremwetterereignis ist spätestens die Flutkatastrophe im Juli in verschiedenen Teilen Deutschlands ein deutliches Beispiel. Neben Starkregen können auch extreme Hitze, Stürme oder extreme Trockenheit als Extremwetterereignis vorkommen.

Städte müssen auf diese Risikofaktoren reagieren: „Sie müssen sich informieren, wo sie besonders betroffen sind, wo sie besonders verletzbar sind“, erläutert Jolk, die Kommunen zu diesen Themen berät. "Und dann müssen sie konkrete Maßnahmen umsetzen."

Die Stadt der Zukunft - Anna-Kristin Jolk vom Zentrum für Klimaanpassung im SR-Interview
Audio [SR.de, (c) SR, 09.11.2021, Länge: 04:50 Min.]
Die Stadt der Zukunft - Anna-Kristin Jolk vom Zentrum für Klimaanpassung im SR-Interview
Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer deutlicher. Was besonders Städte tun sollten, um sich dem Klima anzupassen, erklärt Anna-Kristin Jolk vom Zentrum für Klimaanpassung im SR-Interview.

Städte entsiegeln

Wichtig sei vor allem die Maßnahme, Städte zu entsiegeln. Das bedeutet zum Beispiel, dass betonierte Flächen aufgerissen werden, um dort Wiesen oder Bäume zu pflanzen.

Denn versiegelte Flächen können kein Regenwasser aufnehmen, sodass es bei Starkregen im schlimmsten Fall zu Sturzfluten inmitten der Stadt kommt.

Schutz vor Regenmassen

Weitere Maßnahmen können sein, Regenrückhaltebecken oder Rückstauflächen in Parks oder auf Plätzen anzulegen, zählt Jolk auf. So wären Städte von plötzlichen Regenmassen weniger bedroht.

Dächer und Fassaden zu begrünen würde gleich mehrere Vorteile mit sich bringen: „Sowohl der Rückhalt von Wasser aber auch die Minderung von Hitze, Biodiversität wird gefördert und es sieht schöner aus.“

Stadtklima anders als im Umland

Maßnahmen zur Anpassung an das Klima sind besonders für Städte wichtig, da dort ohnehin bereits ein wärmeres Klima als in der ländlichen Umgebung herrscht, betont der Meteorologe Dr. David Grawe. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Hamburg forscht zum Thema Stadtklima.

Dass es in Städten wärmer ist, liegt an der dichteren Bebauung. Beton, Asphalt oder Backstein - all diese Materialien speichern im Sommer die Hitze des Tages, sodass es auch nachts weniger abkühlt. Außerdem weht weniger Wind in der Stadt und "die hohen Temperaturen werden weniger abtransportiert", erklärt Grawe.

"Im Mittel ist die Stadt dadurch mehrere Grad wärmer als das Umland." Der Temperaturunterschied befindet sich im kleineren einstelligen Bereich, kann aber bereits gravierende Auswirkungen haben.

Risiko für Gesundheit

Zum Beispiel, wenn es im Sommer dadurch immer mehr sogenannte Tropennächte gibt, also Nächte, in denen es nicht unter 20 Grad abkühlt. Dies wirke sich nicht nur auf das Wohlbefinden, sondern auch auf die Gesundheit der Menschen aus - besonders für die jüngeren und älteren Einwohnerinnen und Einwohner einer Stadt sowie für Erkrankte, die als vulnerable Gruppe gelten.

Ein Risiko für die Gesundheit sind dem Meteorologen zufolge zudem die Schadstoffe in der Luft, zum Beispiel durch mehr Verkehr in der Stadt.

Stadt der Zukunft

Um zu verhindern, dass sich diese Risiken verstärken, müssen Städte Maßnahmen ergreifen. Anna-Kristin Jolk hat eine klare Vision von der Stadt der Zukunft: „Es wäre schön, wenn wir dahinkämen, dass Gebäudedächer begrünt sind und Wasser speichern können, auch für heiße Tage. Dass mehr Freiraum besteht, um sich dort aufzuhalten. Gebäudefassaden sollten am besten grün sein und vielleicht sogar Energie erzeugen. Gebäude müssen vor Sonne geschützt werden, beispielsweise durch Sonnensegel oder Markisen. Es soll auch für Radfahrer und Fußgänger attraktiver sein, sich umweltfreundlich in der Stadt vorzubewegen.“

In die Zukunft investieren

Natürlich kostet all dies Geld. Doch für diese Investitionen lasse sich einfach argumentieren: „Wenn wir dafür Schäden verhindern und sonst etwas teuer wieder aufgebaut oder ausgebessert werden müsste, verhindern wir damit Kosten“, erklärt Jolk.

„Zum anderen werden Städte attraktiver und damit zukunftsfähiger, wenn sie grüner werden und mehr Aufenthaltsqualität bieten.“

Das kann jeder Einzelne tun

Beiträge zur Klimaanpassung können auch schon im Kleinen beginnen. „Sie können Ihren Garten, den Hinterhof oder das Dach klimagerecht gestalten, also entsiegeln und begrünen. Es können Mulden und Rigolen angelegt werden auf dem Grundstück." Weiter sagt Jolk, dass in Trockenzeiten das Leitungswasser gespart und bei extremer Trockenheit auch der Baum vor der eigenen Haustür gegossen werden sollte.

In Zukunft müssen die Bürgerinnen und Bürger auch wissen, wie sie sich bei Extremwettern zu verhalten haben. Jolk erklärt die wichtigsten Regeln: „Bei Starkregen nicht in den Keller gehen, bei Hitze genug trinken und die Mittagszeit meiden.“

Klimaanpassung im Saarland

Dies gilt auch für die Saarländerinnen und Saarländer. Denn das Saarland wird in Zukunft häufiger von längeren Hitzeperioden betroffen sein, zeigt die Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland vom Umweltbundesamt.

Die Waldbrandgefahr wird im Saarland steigen, genauso die Starkregenwahrscheinlichkeit sowie die durchschnittliche Temperatur und die Sommer werden trockener, geht aus dem Klimakompass Saar hervor, der Kommunen Tipps für Maßnahmen zur Klimaanpassung geben soll. Herausgegeben wurde der Klimakompass vom Forschungsinstitut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme in Saarbrücken, gefördert durch das Bundesumweltministerium.

Das Thema Klimaanpassung dürfte am Saarland also kaum vorbeigehen. Denn: „Trockenheit, Hitze oder Starkregen können überall passieren“, warnt auch die Klimaforscherin Anna-Kristin Jolk. „Da ist keine Kommune vor gefeit."

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