Teilnehmer der Demonstation (Foto: Yvonne Schleinhege/SR)

„Der Fall Whitesell" am Samstag im SR Fernsehen

  05.02.2016 | 12:08 Uhr

Die Insolvenz einer saarländischen Schraubenfabrik liest sich wie ein Lehrstück zum Thema "Heuschrecken-Kapitalismus". Mirko Tomic hat in einem spannenden Feature die Ereignisse zusammengefasst. „Der Fall Whitesell – Wie Heuschrecken Arbeitsplätze vernichten“ - zu sehen am Samstag, 13. Februar, 18.45 Uhr, im SR Fernsehen.

Alle Welt redet von Starbucks, Amazon, IKEA, etc., weil diese Mega-Konzerne sich steuersparende Modelle in Luxemburg eingerichtet hatten. Weniger spektakulär, aber genauso effizient, ist die Art und Weise, wie ein US-Mittelständler namens Whitesell eine in Insolvenz befindliche Schraubenfabrik mit vier deutschen Standorten und 1.300 Beschäftigten übernimmt und sie dann mit voller Absicht gegen die Wand fährt. Zuerst dachten viele, dass man sich damit nur lästige Konkurrenz vom Leib schaffen wollte. Auch das wäre schon schlimm genug. Die ganze perfide Planung wurde den Beteiligten aber erst nach einem Jahr Geschäftspolitik so richtig klar. Das Hauptwerk liegt in Neuss – daher ist der Insolvenzverwalter Bähr aus Düsseldorf benannt worden. Ein wichtiges Werk des Unternehmens liegt aber im saarländischen Beckingen.

Zur Geschichte: Der US-Amerikaner Whitesell hatte zum 1.1.14 die Firma Ruia übernommen und sofort mit massiven Preiserhöhungen mehrere große Automobilhersteller als Kunden verprellt. Über Nacht sollten die Schrauben aus dem Saarland bis zu 50 Prozent teurer werden. Die Folge: keine neuen Aufträge.

Nach außen erklärte die Geschäftsleitung aber immer wieder, es werde alles gut gehen. Besonders übel hat man zum Beispiel BMW mitgespielt. Das Unternehmen (so die Aussage eines Pressesprechers gegenüber dem Autor) wurde zu einem langjährigen Vertrag zu überhöhten Preisen genötigt. In der Not unterschrieb der Münchner PKW-Hersteller, weil sonst kurzfristig die Produktion hätte stillgelegt werden müssen. Gleichzeitig wurde aber schnellstens ein alternativer Schraubenlieferant gesucht, um dann – trotz drohender Vertragsstrafe – bei den Amerikanern wieder auszusteigen. Selbst wenn man am Ende juristisch unterliegen sollte: So lassen Kunden – zu Recht – nicht mit sich umspringen. Ganz sicher wird man mit einem solchen Lieferanten nie wieder einen Vertrag abschließen.

Alle Bemühungen der IG Metall und verschiedener Landespolitiker fruchteten bei dem über Monate andauernden Drama nichts. Treffen mit Staatssekretären, IG-Metallern und Betriebsräten verliefen ergebnislos. Letzten Januar meldete der US-Amerikaner Whitesell für die vier deutschen Standorte Insolvenz an – ein knappes Jahr nach der Übernahme.

Aber nun beginnt die Geschichte hinter der Geschichte: Die Hoffnung der Beschäftigten, den ungeliebten US-Amerikaner jetzt endlich los zu sein, um im boomenden Automobilmarkt wieder zuliefern zu können, wurde schnell zunichte gemacht. Es stellte sich heraus, dass die Amerikaner alle Werte (Gebäude, Maschinen, Patente) in eine Luxemburger Holding verschoben hatten, die nicht in Insolvenz ging.

Bei einer Landtagsdebatte über den Fall wurde bekannt, dass die Auslagerung der Werte durch eine vertragliche Regelung des Gläubigerausschusses bei der Übergabe an Whitesell seinerzeit nicht registriert wurde. Eine Falle, allerdings eine legale. Und ein ganz starkes Indiz dafür, dass Whitesell von Anfang an den Laden gegen die Wand fahren wollte, um Reibach zu machen.

Mitten in Europa ist demnach ein Geschäftsmodell gesetzlich geschützt, das es Übernehmern wie Whitesell mit kaltem Kalkül erlaubt, ein sehr gutes Geschäft zu machen – auf Kosten der Belegschaft und der öffentlichen Hand. Die Dummen sind am Ende 1300 Beschäftigte und ihre Familien, denn nur drei der vier Standorte konnten durch Verkauf gerettet werden, und auch dort gingen die meisten Jobs verloren. Die wenigen Mitarbeiter, die ihre Arbeitsplätze behalten haben, müssen für drei Jahre auf tarifliche Lohnerhöhungen samt Sonderzahlungen verzichten.

„Der Fall Whitesell – Wie Heuschrecken Arbeitsplätze vernichten“ am Samstag, 13. Februar, 18.45 Uhr, im SR Fernsehen, ein Stück Wirtschaftspolitik aus dem Tollhaus, über viele Monate im aktuellen Programm dokumentiert und nun von SR-Autor Mirko Tomic als spannender Wirtschaftskrimi zusammengefasst und aktuell ergänzt.

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